
Woche 6
EWIGKEITSSUPPE
Woche 6: Gruß zuvor, ihr wackeren Wandersleut! Zwei Wochen bei über 30 Grad im Anstieg auf den Zauberberg: Das ist nicht ohne und geht auf den Kreislauf. Ich hoffe, die Schwindelgefühle halten sich in Grenzen. Ob nach der Hälfte des Weges eine Pause angezeigt wäre? Ich bin gespannt auf eure Präferenzen im Stimmungsbild.
1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp tritt die verordnete Bettruhe an. Selbst der Erzähler ist überrascht, wie schnell nun die Zeit vergeht. In einem Kapitel verfliegen die nächsten 3 Wochen. Die Zeit rinnt in der Wiederholung des immer gleichen Tagesablaufs zu einem stehenden Jetzt zusammen.
Abwechslung bietet immerhin das lichte Erscheinen unseres Literaten und Pädagogen Settembrini. Wenn er auch mit gesenktem Haupt seine eigene Krankheit eingestehen muss, mahnt er doch mit erhobenem Zeigefinger vor der verderblichen Faszination für die »höchst liederliche Macht« des Todes und seine lasterhafte Anziehungskraft.
Am Ende der drei Wochen Bettruhe kommandiert der Hofrat, dem dieser Zeitraum auch wie im Nu verflog (»Was Kuckuck, sind Sie schon fertig?«), die Rückkehr in die Berghof-Gesellschaft sowie einen Termin für die Röntgenaufnahme.
Hans Castorp nimmt seinen Platz im Speisesaal wieder ein, niemand scheint von seiner gerade einmal 21tägigen Absenz überhaupt Notiz genommen zu haben. Nur ein leises Lächeln am »Guten Russentisch« will er wahrgenommen haben.
Im Wartezimmer für die innere Durchleuchtung hat er sodann seine liebe Not mit der unvorhergesehenen räumlichen Nähe zu Madame Chauchat. Dank der souveränen Gesprächsführung seines unbefangenen Vetters rettet er sich in die Untersuchung, die ihm als eine Art okkulte Beschwörung erscheint: Er blickt »in sein eigenes Grab«.
2. Stimmungsbild: Pause gefällig?
Wir haben die Hälfte der ersten Etappe bereits überschritten. In 4 Wochen sind wir am Ende des vorläufigen Leseplans und stehen dann vor der Frage: Wie weiter?
Ursprünglich geplant war eine Pause von 6 Wochen und ein Wiedereinstieg Mitte September. Zeit zum Erholen, Nachholen oder einer Zwischenwanderung mit einem anderen Buch. In den Kommentaren gab es den Wunsch, lieber ohne Unterbrechung durchzulesen. Andere konnten sich eine verkürzte Pause von 2 Wochen vorstellen, um wieder auf der Höhe des Leseplans anzukommen.
Für die Planung hole ich gerne ein aktuelles Stimmungsbild aus der Wandergruppe ein. Wo siehst du dich gerade?
3. Anregungen zum Austausch
- Was macht die Hitze mit deinem Lesen? Ideal, um sich in ein Buch zu flüchten? Zu lähmend, um geistig voranzukommen?
- Ich bin ehrlich: Die aktuelle Lesestrecke empfinde ich als Länge. Das ereignisreiche Ankommen in der Welt des Berghofs liegt hinter uns, nun dümpelt es etwas vor sich hin. Wie empfindest du es?
- In welchen Ausgaben lesen wir eigentlich? Schreib doch mal rein, welches Buch du benutzt. (Fotos einstellen geht technisch auch.)
- Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
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Was macht die Hitze mit deinem Lesen? Ideal, um sich in ein Buch zu flüchten? Zu lähmend, um geistig voranzukommen?
Ich wohne in Köln und pendle jeden Tag nach Jülich und zurück. Der Zauberberg begleitet mich dabei. Ich höre das Hörbuch auf Spotify und lese gleichzeitig im Buch mit. Das ist eine wunderbare Möglichkeit, der DB-Realität zu entfliehen. Mittlerweile freue ich mich manchmal sogar über Verzögerungen im Betriebsablauf, weil ich dadurch länger weiterlesen kann
Ich lese sehr gerne. Die Hitze macht mir dabei nicht wirklich viel aus.
Ich hab kein Problem mit der Hitze beim Lesen. Die Temperaturen sind ja wie sie sind und eigentlich ist für mich lesen noch das am wenigsten anstrengende.
Ich komme mit der Hitze zurecht, sie zieht mir Energie, meine Konzentration ist schlechter, ich muss im Lesetext immer wieder zurück, bin ungeduldiger und werde lustlos, wenn eine Passage mal Längen hat. Das Kapitel Ewigkeitssuppe hat sich passend zur Überschrift ewig (stimmig zu Manns Ausführung zur Zeit) gezogen, abgesehen von kleinen Zwischenhochs. Beim Wandern würde ich diese Passage mit einem Ziehweg vergleichen.
Genau so 😃
Mir setzt die Hitze insgesamt ziemlich zu. Lesen geht von allen Beschäftigungen noch besten, aber ist auch anstrengender als sonst.
Ich bin gerade jetzt in einer intensiven Arbeitsphase und versuche, die Hitze zu ignorieren. Das Lesen hatte diese Woche so wenig Zeit wie noch nie in den Abschnitten zuvor. Aber nächste Woche gibt es zwei lange Bahnfahrten (Hamburg-München und zurück), auf die mich der Zauberberg begleiten wird.
Die Hitze setzt mir zwar ziemlich zu, aber lesen geht bei mir immer. Es ist die entspannteste und schönste Art, die heißen Zeiten zu verbringen!
Ich hatte bei der großen Hitze doch ein paar Konzentrationsprobleme und habe diesen Abschnitt langsamer lesen müssen, um alles zu verstehen. Ich bin froh, dass es sich endlich abgekühlt hat
Ich bin ehrlich: Die aktuelle Lesestrecke empfinde ich als Länge. Das ereignisreiche Ankommen in der Welt des Berghofs liegt hinter uns, nun dümpelt es etwas vor sich hin. Wie empfindest du es?
Ich habe das Gefühl, dass ich mitten im Geschehen bin, nur unsichtbar für Hans und die anderen. Ich sehe die Kirgisenaugen, ich höre Settembrini, ich bin von den Röntgenaufnahmen fasziniert. Irgendwie war der Einstieg und das Kennenlernen der Charaktere für mich viel mühsamer als jetzt
Sehe ich genauso. Es ist herrlich Hans Entwicklung zu betrachten und seinen Wandeln zu verstehen. Außerdem ist es auch herrlich mit an zu sehen, wie er sich gegenüber Settembrini verhält.
Ich empfinde das überhaupt nicht so. Ich hab mich über den Krankenbesuch von Settembrini gefreut und die Szenen um das Durchleuchtungslaboratorium fand ich allesamt herrlich.
Ich erfreue mich an den wiederkehrenden Motiven, nehme wahr, wie der Autor weiterhin Bemerkungen zu Zeit und Tod einfließen lässt. Ich bin einfach gut im Buch angekommen, obwohl ich zwischendurch auch einen anderen Roman lese.
Mir ging es mit diesem Abschnitt genauso. Ich kann Settembrini nicht wirklich greifen und versuche weiterhin, ihn anhand seiner ellenlangen Ausführungen nachzuvollziehen. Ich gebe aber zu, bei seinem Auftreten zu denken, „Och nee, jetzt der schon wieder …“
Es war zäh wie drei Wochen im Bett liegen.
Den Teil über die Röntgenuntersuchung habe ich als erfrischende Abwechslung empfunden.
Und ich denke immer juchhu, da isser endlich!
Auch mir ging es so, dass die Spannung etwas nachgelassen hat, passend und parallel zur „Ruhezeit“ von Castorp, ich dachte das sei Absicht…
Ja, ich habe die gleiche Empfindung gehabt und konnte die drei Wochen Bettruhe für Hans nachempfinden.
Aber wieder einmal sehe ich, dass Herr Setembrini viel Wahres sagt. Er kommt mir etwas wie ein Mahner vor, der Hans davor warnt, in einen Routineablauf zu verfallen, dem er blindlings vertraut
In welchen Ausgaben lesen wir eigentlich? Schreib doch mal rein, welches Buch du benutzt. (Fotos einstellen geht technisch auch.)
Ich lese Der Zauberberg in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe des Fischer Verlags
Ich auch
Ich auch
Ich lese in der Taschbuchausgabe vom Fischer-Verlag (Gegenstück zur gebundenen Leinenvariante)
Ich auch
Die gebundene Retro-Leinenausgabe vom S. Fischer Verlag (ich bin an der 2 MB-Hürde für den Upload gescheitert, deshalb kein Foto).
Genau die lese ich auch.
Ich lese in der Fassung der großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, 9.Auflage 2025
(Fischer Taschenbuch).
Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
„daß die frühe und wiederholte Berührung mit den Tode eine Grundstimmung des Gemüts zeitigte, die gegen die Härten und Kruditäten des unbedachten Weltlebens, sagen wir: gegen seinen Zynismus reizbar und empfindlich macht.“
Settembrini, S. 302
Mir gefiel das folgende Zitat: “Man war zugegen bei alldem; der Raum war vernichtet, die Zeit zurückgestellt, das Dort und Damals in ein huschendes gaukelndes, von Musik umspieltes Hier und Jetzt verwandelt”.
Wunderschöne Beschreibung von Zeit als physikalische Dimension gegenüber dem menschlichen Empfinden.
Mir hat eine Stelle auf Seite 329/30 gut gefallen:…..Hans, der hinter des Hofrats Schulter stand und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig war, ob man sie offen hielt, oder nicht, so schwarz war die Nacht. *Erst müssen wir uns mal die Augen mit Finsternis waschen, um so was zu sehen, das ist doch klar. ……. *
„Er begriff hinter seiner Stirn die abenteuerliche Freiheit, mit der Frau Chauchat durch ihr Umblicken und Lächeln die zwischen ihnen bestehende gesellschaftliche Unbekanntschaft außer acht ließ, so, als seien sie überhaupt keine gesellschaftlichen Wesen und als sei es nicht einmal nötig, daß sie miteinander sprächen …“
„Gestatten Sie mir, Ingenieur, Ihnen zu sagen und Ihnen ans Herz zu legen,dass die einzig gesunde und edle, übrigens auch- ich will das ausdrücklich hinzufügen- auch die einzig religiöse Art, den Tod zu betrachten, die ist, ihn als Bestandteil und Zubehör, als heilige Bedingung des Lebens zu begreifen und zu empfinden, nicht aber- was das Gegenteil von gesund, edel, vernünftig und religiös wäre- ihn geistig irgendwie davon zu scheiden, ihn im Gegensatz dazu zu bringen und ihn etwa gar widerwärtigerweise dagegen auszuspielen. (….)
Der Tod ist ehrwürdig als Wiege des Lebens, als Mutterschoß der Erneuerung. Vom Leben getrennt gesehen, wird er zum Gespenst, zur Fratze- und zu etwas noch Schlimmerem. Denn Tod als selbständige geistige Macht ist eine höchst liederliche Macht, deren lasterhafte Anziehungskraft zweifellos sehr stark ist, aber mit der zu sympathisieren ebenso unzweifelhaft die gräulichste Verirrung des Menschengeistes bedeutet.“
Settembrini zu Castorp, S.304/305
Settembrini sagt bei seinem Krankenbesuch zu Hans: „wollen Sie mir auch fernerhin“ sagte er, und es war eine leichte Bewegung in der Stimme, „erlauben, Ihnen bei Ihren Übungen und Experimenten ein wenig zur Hand zu gehen und berichtigen auf Sie einzuwirken, wenn die Gefahr verderblicher Fixierungen droht?“ S. 279 Ausgabe des Fischer Verlags