»Ihr seid Schlafmützen, Schlafmützen, einer wie der andere, das sehe ich schon.« (Fischer 104; Kap. X)
1. Rückblick auf den Abschnitt
Die Babuschka betritt die Szene. Mit ihrer direkten und herrischen Art mischt sie die Geheimnistuerei der “Unsrigen” gehörig auf. Sie weiß, wie sehr alle Beteiligten auf ihr Ableben und die Erbschaft gehofft hatten und nimmt kein Blatt vor den Mund. Alexej steht bei ihr hoch im Kurs und gewinnt damit an Status in der Gruppe. Bei ihrem ersten Besuch in der Spielhalle packt die Babuschka sofort die Faszination des Roulettes. Assistiert durch Alexej spielt sie waghalsig und gewinnt hoch. Der General, des Grieux und Mlle Blanche versuchen Einfluss auf Alexej zu nehmen, um die Katastrophe ihres Ruins abzuwenden. Polina ist das letzte Fragezeichen – Alexej muss Mr. Astley einen Brief überbringen, ohne zu wissen, was hier gespielt wird.
2. Angebote zum Gespräch
Hier und im Kommentarbereich einige Fragen als Inspiration für unsere Diskussion. Weitere Themen gerne in den Kommentaren initiieren!
- Babuschka, Alexej und der Rest: Die alte Dame verändert die Dynamik der Gruppe. Alexej gewinnt an Bedeutung – warum? Wie geht er damit um? Warum stehen sich Babuschka und Alexej nahe?
- Russland und Westeuropa: Mit der Babuschka kommt eine weitere Russin in den Kurort. Inwiefern bestätigt sie die bei Tisch vorgebrachten Auffassungen Alexejs?
- Erzählform: Wie unterscheiden sich die Kapitel dieser Woche von den vorherigen?
- Zitat der Woche: Dein Zitat – begründet oder unbegründet.
- Offene Fragen: Was immer du dich beim Lesen gefragt hast…
3. Vorschau: Eine Expertin zu Besuch!

Ich freue mich, dass es gelungen ist, eine Expertin für einen “digitalen” Besuch im KlassikerClub zu gewinnen! Frau PD Dr. Natalia Borisova vom Slavistischen Seminar der Universität Tübingen hat zugesagt, uns zum Abschluss unserer Leserunde Fragen zum »Spieler« und Dostojewskis Werk zu beantworten. Ich führe im Januar ein Interview mit ihr. Die Aufzeichnung findet ihr auf KlassikerClub.de.
Deine Fragen an die Expertin: Gerne nehme ich deine Fragen mit ins Gespräch mit Frau Dr. Borisova! Dafür stelle ich in den nächsten Tagen einen eigenen Beitrag zur Fragerunde ein. Darunter kannst du kommentieren mit allem, was dich interessieren würde.

Babuschka, Alexej und der Rest: Die alte Dame verändert die Dynamik der Gruppe. Alexej gewinnt an Bedeutung – warum? Wie geht er damit um? Warum stehen sich Babuschka und Alexej nahe?
Zunächst: ich fand den Auftritt der Tante und ihre Personenbeschreibung ganz großartig. Während die anderen Figuren um sich und ihre Geheimnisse herum tanzen, erscheint sie laut und mit Fanfaren und nimmt kein Blatt vor den Mund. Ich musste auch bei der Vorstellung immer wieder schmunzeln, wie sie herum getragen wird und die anderen ihr in einem langen Aufzug hinter her latschen. Die Tante hat/ ist das Geld, die Macht und entscheidet für sich, wer ihre Gunst erhält (Alexej und Polina) und wer nicht (der General, De Grieux). Sie demütigt den General auch immer wieder, indem sie ihm auf den Kopf zu sagt, ihm kein Geld zu geben, allerdings Bettlern regelrecht welches aufdrängt. Alexej scheint sich in seiner neuen Rolle zu gefallen. Er spielt regelrecht damit, amüsiert sich über die anderen und ihre Verzweiflung. Er genießt sowohl die neue Aufmerksamkeit als auch, dass man ihn um seine Hilfe aufleht. Insgesamt hat es mir großen Spaß gemacht, das zu lesen und zu sehen, wie alles durcheinander gewirbelt wird. Hätte nicht erwartet, dass nochmal soviel Tempo in die Erzählung kommt
Liebe Kristina,
da bin ich ganz bei dir. Es war wirklich sehr amüsant zu sehen, wie die Baboulenka alles über den Haufen wirft und bis auf Alexej und Polina alle vor Ehrfurcht erstarrten. Die Verwirrung und Verstörung, dass es kein Geld geben wird hat die Machtverhältnisse schon durcheinander gebracht.
Alexej gewinnt an Bedeutung, da er durch die Wertschätzung der Baboulenka anscheinend auch an Wert in der „Familie“ gewinnt.
Ich denke Alexej und die Baboulenka verbindet die Faszination am Glücksspiel. Mir kam beim Spiel der Baoulenka allerdings vor, dass Sie vom ersten Moment an dem Spiel verfallen war und auch zumindest einen Hang zur Spielsucht in sich trägt. Rational denke ich würde man nicht so oft hintereinander auf Zero setzen. Aber diese Verlockung den 36-fachen Gewinn zu erzielen!
Der Besuch der alten Dame bringt ordentlich Schwung in die Geschichte. Sie nutzt Alexej als persönlichen Berater beim Roulette.
Ich muss zugeben, dass ich habe zu viel gelesen habe, dachte es wären wieder vier Kapitel und weiß jetzt schon, wie es weiter geht, aber ich spoiler nicht.
Das Kapitel mit ihrem ersten Auftritt im Casino finde ich sehr aufregend. Ihre Taktik, immer alles auf Zero zu setzen lässt einen zu dem Schluss kommen, dass sie trotz des Risikos weiß, was sie tut. Ihre Beobachtungen der anderen Spieler, ihre Warnungen, wann jeand aufhören soll usw, lässt vermuten, dass sie zum einen eine sehr gute Beobachtungsgabe hat und die Situation gut einschätzen kann. Ich fand den Schluss des 10. Kapitel großartig und hab mich sehr für ihren Sieg gefreut.
In Kapitel 11 beobachtet Alexej wie ich finde schadenfroh, wie sich alle Sorgen machen, dass Babuschka ihr Erbe verzockt, was soll nur aus ihnen werden? Die geheimnisvollen Blicke zwischen dem Franzosen und Madame Blanche verstehe ich noch nicht und ich wünschte, er würde Polina endlich zum Mond schießen.
Der Engländer gefällt mir immer noch, weil er sich völlig raus hält. Ich wünschte, er würde auch die Finger von Polina lassen. Bin gespannt!
Ich kann persönlich noch nicht ganz greifen, warum Alexej bei ihr diese Stellung hat. Die beiden kennen sich und ich habe vermutet, dass er vielleicht bereits zuvor seine direkte sehr echte Seite gezeigt hat und sie eine Person ist, die dies sehr zu schätzen weiß.
Ich habe den Eindruck, dass Babuschka und der Hauslehrer Alexej eine gewisse Überschneidung in ihren “russischen” Wertvorstellungen haben. Auch die gemeinsame Sperrigkeit gegenüber der “westlichen Dekadenz” des Kurorts, deren Faszination (beim Spiel) sie sich trotzdem nicht entziehen können. Könnte sein, dass sie auch die positive Beziehung zu Praskowja/Polina und Mr. Astley verbindet (und der Antagonismus zu des Grieux, Mselle. Blanche usw.). Ich finde, das Feld der Personen polarisiert sich in zwei relativ klar abgegrenzte Gruppen mit eigener Agenda.
Russland und Westeuropa: Mit der Babuschka kommt eine weitere Russin in den Kurort. Inwiefern bestätigt sie die bei Tisch vorgebrachten Auffassungen Alexejs?
Hier fällt mir wieder das Zitat aus Kapitel 4 ein, als Alexej bei Tisch sagt:” Der Russe aber ist nicht nur unfähig Kapital zu erwerben, sondern er verschwendet es sinnlos und chaotisch.”
Das stimmt bei der Babuschka nur bedingt, denn sie scheint ja ein sehr großes Vermögen zu haben. Ob sie es erworben oder geerbt oder erheiratet hat, das weiß ich nicht, aber auf jedenfall ist sie sehr,sehr reich.
Verschwenden tut sie es beim Roulette, aber nicht sinnlos, sie verfolgt schon eine Strategie und zieht am Ende mit sehr viel Geld und als Heldin aus dem Casino. Es macht den Eindruck, als wüsste sie genau was sie tut, wahrscheinlich hat sie so auch ihr vermögen erworben.
Das Verhalten der Tante beim Spielen habe ich witzigerweise ganz anders empfunden. Ich fand sie gar nicht strategisch, eher aufgeregt, sorglos und chaotisch wie ein Kleinkind. Sie kann es sich allerdings leisten, das stimnt, deswegen ist das wahrscheinlich in Ordnung.
Aufgefallen ist mir ihr Verhalten nach dem großen Gewinn: Anders als die früher charakterisierten sparsamen Deutschen gibt die Babuschka ihr Geld freimütig aus. Jeder bekommt einen Gulden zugesteckt, in ihrer Begeisterung hört das Rechnen auf.
Finde es stark, wie ambivalent das gestaltet ist: Einerseits bedenklich, wie sich die alte Dame hier ‘gehen lässt’; andererseits sympathisch, weil wohltätig.
Ich habe das Verhalten der Babuschka am Roulettetisch anders empfunden, gleichsam ebenso als Affront gegen ihre Familie, die sie ja nicht ausstehen kann (verständlich, wenn alle nur auf ihren Tod spekulieren). Dass sie gewonnen hat, war reines Glück, allerdings hat sie diesesmal (noch) rechtzeitig aufgehört. Noch hat sie genug Geld, das sie verspielen und verschenken kann, aber das gibt sie lieber Alexej, den Bediensteten oder Bedürftigen.
Babuschka verkörpert für mich eine starke Spannung zwischen Traditionalität und Willkür. Ich könnte mir vorstellen, dass sie damit für den Autor auch eine gewisse Allegorie auf Russland darstellt. “zu spät” gekommen auf die westliche Bühne, damit irgendwie “unbestechlich” in ihrer altertümlich-autokratischen Haltung: Ich spiele aus reiner Willkür und ohne Bindung an irgendwelche Regeln, ich nehme meine Bediensteten mit und verletze die Konventionen, ich beschenke Menschen aus freiem Großmut oder verweigere auch Geschenke (an den General) ohne Begründung, ich beschimpfe Menschen und achte dann wieder auf Höflichkeitsformen. Zwischen Katharina der Großen und Baba Yaga…
Ah ja, sehr gute Einsichten! Vielleicht auch gespiegelt in der Topographie: General u. Anhang aus Petersburg, Großmutter aus Moskau?
Erzählform: Wie unterscheiden sich die Kapitel dieser Woche von den vorherigen?
Vorher war sehr viel Gerede und es wurde wenig gespielt. Nun wird mit sehr viel Elan gespielt und ich frage mich gerade, warum das Buch “Der Spieler” und nicht “Die Spielerin” heißt.
Wie die Babuschka ja gesagt hat, sie hat bei Alexej am Roulettetisch schon seine Begeisterung gesehen (“Aber deine Augen haben förmlich geglüht, ich hab’s gesehen.”, Fischer S. 120).
Ich denke Alexej wird noch an den Roulettetisch zurückkehren.
Für mich waren es bisher entweder Gespräche zwischen Alexej und noch einer Person, oder es drehte sich in den Kapiteln um das Roulettespiel. Jetzt allerdings hat sich auch im Schreibstil ein wenig die Dynamik geändert, da jetzt nur die Ankunft und das Verhalten der Baboulenka / Baboushka beschrieben wird. Mir scheint als wäre neben ihrem impulsiven und dominanten Handeln kein Platz für weitere Ereignísse. 🙂
Ja, ich finde auch: Die alte Dame ist ein Ereignis und füllt die drei Kapitel vollständig aus. Ich fand diesen Teil richtig unterhaltsam! Er bringt Bewegung in die zuvor etwas erstarrte Geschichte.
Früher ging es um Alexej, seine Sorgen und Gedanken. Jetzt steht er fast schon am Rand. Das sich alles um die Großmutter bzw. das Erbe dreht, wurde zwar vorher schon angedeutet, aber jetzt wird es so schön sprachlich gezeigt. Sowohl inhaltlich, als auch vom Auftreten und Wirken, steht die Großmutter komplett im Zentrum. Ich bin sehr gespannt wie sich die Geschichte weiter entwickelt.
Welch ein stilistischer Umschwung. Die Ankunft der babuschka wirbelt alles durcheinander. Die Familie ist vor den Kopf geschlagen und völlig verzweifelt, ganz herrlich, wie sie alle versuchen, sich bei ihr einzuschmeicheln, aber von ihr durchschaut werden.
Die direkte , unverblümte Art der Babuschka bringt richtig Fahrt in die Geschichte, und genauso spielt sie auch am Roulettetisch, gerade heraus, ohne richtigen Plan, ohne Vorsicht.
Mir fallen die Charakterisierungen der Großmutter auf, die mit den langen Adjektiv- und Attributsreihen sehr schnell ein ganzes Charakterbild entwerfen. Haben die anderen Figuren lange etwas nebulöses, werden wir hier sozusagen sofort auf den Stand der Dinge gebracht. Passt natürlich hervorragend zu ihrer unverstellt-dreisten / aristokratisch-herrischen Selbstpräsentation. Auch passiert jetzt mehr Handlung, es spielt sich mehr als Bericht und weniger als innere “Suada” des Erzählers ab.
Ja, die Großmutter ist sofort ganz “da”. Wie du sagst, decken sich hier Erzählweise und Person – sie hat (als einzige?) nichts zu verbergen.
Zitat der Woche: Dein Zitat – begründet oder unbegründet.
Zum einen, wie schon von dir erwähnt: »Ihr seid Schlafmützen, Schlafmützen, einer wie der andere, das sehe ich schon.« (Fischer 104; Kap. X)
zum anderen die sehr scharfe Beobachtung der Baboulenka zu Mademoiselle Blanche:
“Aha. Sie schlägt die Augen nieder, es geht um Manieren, Zeremonien; man sieht sofort, was das für ein Vogel ist; eine Schauspielerin.“ (Fischer 94; Kapitel IX)
Für mich ist es diese Woche “All die Vorgänge erregten mein lebhaftes Interesse. Zwar hatte ich schon früher die wichtigsten, stärksten Fäden erraten können, durch die die Akteure des vor meinen Augen sich abspielenden Dramas miteinander verknüpft waren; aber alle Hilfsmittel und Geheimnisse dieses Spiels kannte ich trotzdem noch nicht.” S. 143 Penguin.
Ich finde dieses Zitat beschreibt einfach so schön die Stimmung im Buch, wie ich mich als Leser fühle.
“Aber was ist der Mensch doch für ein zerbrechliches Geschöpf!” Kapitel IX
“Die Männer sind allesamt Hähne; die sollen ruhig kämpfen.”
(In dem Moment habe ich die Stimme meiner Doktormutter gehört 😉 )
Offene Fragen: Was immer du dich beim Lesen gefragt hast…
Ich habe mich als Theologe gefragt, ob die Parallele der Doppelnamen Praskowja/Polina/Pauline und Saul/Paulus bewusst eingesetzt ist. Also diese Figur, sich mit der Hinwendung zu den “Fremdvölkern” einen bewusst “internationalen” Namen zu geben… oder ob es sie einfach nur als eine Art fashion victim charakterisieren soll, das seinen spießigen Namen ablegt.
Kannst du etwas zum Namen “Praskowja” sagen? Ist das eine Form von Polina? Hat es eine Bewandtnis, dass nur die Babuschka sie so anspricht?
Ja, nun kam Schwung in die Geschichte. Bisher war unklar, wer was wusste. Sie alle hatten eine Gemeinsamkeit,sie wussten mehr, aber nicht alles. Und sie wussten nicht dasselbe. Alexej merkte, er war ein Teil eines Spiels, dessen Regeln er nicht kannte. Er hatte die Rollen gesprengt. Nun kommt die Tante, wessen <Telegramm die anderen mit der Nachricht des Ablebens , sie erwartet hatten.
Babushka hat das Spiel Aller durchschaut und es biedert sie an.
Der Satz:“Aus was für Mitten leistest du dir denn das, Freundchen? Und was bist du schon alleine diesem Franzosen hier für eine Summe schuldig! Ja, ja, ich weiß alles!“ hat mich sehr imponiert und viel Klarheit geschaffen.