»Eigentlich geht es darum, dass eine einzige Drehung des Rades alles verändern kann…« (Kap. XVII, Fischer 205)
1. Rückblick auf den Abschnitt
Alexej kehrt mit seinem Riesengewinn zurück zu Polina. Die beiden verbringen eine Nacht in seinem Zimmer, doch Polina bleibt ein Rätsel, das Geld verachtet sie. Ihr Verhalten ist erratisch. Am Morgen flüchtet sie zu Mr Astley. Alexej geht mit Mlle Blanche nach Paris. Gelangweilt vom dekadenten Leben, taub gegenüber dem eigenen Reichtum, sieht er Blanche beim Verprassen seines Vermögens zu. Blanche heiratet den inzwischen zu einem Erbteil gekommenen, geistig zerrütteten General.
Gut 1,5 Jahre später begegnen wir Alexej in Baden Baden. Er ist dem Spiel verfallen, hat eine Gefängnisstrafe wegen Überschuldung und eine Stellung als Lakai hinter sich. In einer letzten Begegnung mit Mr Astley wird er der Liebe Polinas versichert und erhält ein kleines Kapital, um sofort aus dem Spielort abzureisen. Alexej ist überzeugt: Noch dieses eine Mal…

2. Angebote zum Gespräch
Wir sind durch! Einige schon länger, einige ganz frisch (so wie ich ;)). Zum Abschluss einige Fragen, die auch auf das Buch als Ganzes zurückblicken.
- Das Spiel: Alexej kann nicht anders. Er muss immer wieder alles auf eine Karte setzen. Inwiefern ist dieser Hang Ausdruck seiner Persönlichkeit?
- Die Religion: Dostojewski wurde in den letzten Lebensjahren zunehmend tief religiös. Das hinterließ deutliche Spuren in seinem Werk. Gegen Ende scheint diese Dimension mit den Begriffen “Tod – Auferstehung – neues Leben” auch im Spieler durch. Hat das Spiel eine religiöse Funktion? Ist Religion eigentlich auch ein Spiel?
- Das Geld: Heiß begehrt. Ständig prekär. Im Überfluss plötzlich reizlos. Das Geld hat eine Schlüsselstelle im Roman, scheint aber stets nur stellvertretend für anderes zu stehen, das eigentlich begehrt wird. Wofür steht das Geld?
- Die Liebe: Im Zentrum steht die amour fou zwischen Alexej und Polina. In der scheinbaren Erfüllung der gemeinsamen Nacht entpuppt sie sich als: eine Unmöglichkeit? ein Missverständnis? ein Versprechen, das erst später eingelöst werden kann? Wovon lebt, woran scheitert diese Liebe?
- Das Russische: Ein letztes Mal hören wir Alexej mit seiner Theorie von Franzosentum vs. Russentum (Kap. XVII). Wie blickt ihr auf die Opposition zurück, die bis heute politisch brisant ist?
- Der Roman: Der Spieler ist ein Roman über den Rausch und Dostojewski hat ihn wie im Rausch geschrieben. In nur 26 Tagen war das Buch fertig. Wie ging es dir mit dem Erzählton, dem Rhythmus, der Sprache, dem Stil?
- Das Zitat: Wenn du ein Zitat aus dem Buch mitnimmst, welches wäre es?
3. So geht es weiter: Zoom-Plausch und Runde 2

Der Klassikerclub hat seine erste Runde hinter sich – mir hat es große Freude gemacht! Es gab den Wunsch, sich doch zum Abschluss des Spielers einmal per Video zusammenzuschalten. Gerne! Wer mag: Wir treffen uns für einen Plausch über unser Dostojewski-Erlebnis am Sonntag, 11. Januar um 19:30 Uhr auf Zoom. Dauer: 40 Minuten (mit Option auf Verlängerung). Mit einem Klick auf diesen Einladungslink bist du dabei.
Es wird im Anschluss eine Runde 2 des Klassikerclubs geben. Dafür mache ich wieder Vorschläge für mögliche Titel und wir bestimmen den Sieger in einer Abstimmung auf dieser Seite. Eine Einladung zum Abstimmen gibt es dann auch auf Instagram (@klassikerclub)und auf TikTok.

Das Spiel: Alexej kann nicht anders. Er muss immer wieder alles auf eine Karte setzen. Inwiefern ist dieser Hang Ausdruck seiner Persönlichkeit?
Man liest ja Bücher immer mit der eigenen Brille, die man so trägt. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Menschen, die eine Suchterkrankung haben und beobachte an Alexej denselben Weg, den ich bei einigen anderen Betroffenen gesehen habe; Verlust sozialer Beziehungen, monotgematische Beschäftigung mit der Sucht (dem Spiel), Schulden, Konflikt mit dem Gesetz. Ein zerstörerischer Sog, der den Menschen immer tiefer zieht. Das ist großartig geschrieben, aber auch traurig.
Alexej war zu Beginn für mich hauptsächlich ein wenig arrogant und zynisch, aber auch ein sehr guter Beobachter. Das ist er nun kaum noch, da er introspektiv mit sich und seiner Sucht beschäftigt ist.
Er war aber auch immer eine Persönlichkeit, die Nervenkitzel und Extreme geliebt hat. Das merkt man an seiner Liebe zu Polina ( in der er ja auch immer mal wieder davon spricht, sie oder sich zu verletzen), aber auch im Umgang mit der Gruppe, wo er gerne provoziert und Streiche spielt. Spannend, aber auch selbstzerstörerisch. Wie das Roulette eben.
P.S.: Die “Beziehung” mit Mdme Blanche ist ein weiterer Akt der gleichzeitigen Lust und Selbstzerstörung
Ich finde deine Beobachtungen sehr gut beschrieben, ja dieser (selbst-)zerstörische Sog ist extrem gut beschrieben. Ich finde Alexej scheitert an seiner Sichtweise, dass der gesellschaftliche Status das Wichtigste ist und dass nur das Geld ihn ermöglichen kann. Polina zeigt im sehr deutlich, dass das Geld nicht die Lösung ist, sondern das Problem ist (das ja auch fast sie zerstört in der Abhängigkeit zu DeGrieux)
Danke, dass du auf die Sucht hingewiesen hast. Die finde ich hier auch beängstigend gut beschrieben. Was ich mich frage: kann jeder diesem Rausch verfallen? Oder ist es Veranlagung? Mir war klar, dass das Buch nicht gut enden kann. Es würde mich interessieren, ob so etwas damals neu war oder gab es das öfter, dass Bücher solch ein deprimierendes Ende hatten?
Literarisch neu ist ein Ende am Tiefpunkt zwar nicht – die Tragödie endet eigentlich prinzipiell negativ; bei Shakespeare sind am Schluss gerne mal alle tot.
Eine Besonderheit ist es trotzdem. Denn Der Spieler steht ja grundsätzlich in der Tradition des Romans im 19. Jahrhundert. Und der ist seiner Natur nach eigentlich ein “Bildungsroman”, an dessen Ende der pädagogische Erfolg steht. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel (Werther!).
Super, danke, dass du das so toll beschrieben hast. Ich fand das auch sehr erschreckend zu sehen, wie sehr Alexej immer weiter in die Sucht verfallen ist.
Die Religion: Dostojewski wurde in den letzten Lebensjahren zunehmend tief religiös. Das hinterließ deutliche Spuren in seinem Werk. Gegen Ende scheint diese Dimension mit den Begriffen “Tod – Auferstehung – neues Leben” auch im Spieler durch. Hat das Spiel eine religiöse Funktion? Ist Religion eigentlich auch ein Spiel?
Mir kam es auch so vor, dass das Spiel eine Art verdrehten Ersatz einer verlorenen religiösen Dimension bietet. Also in einer letztlich von Geld und “leerem” sozialen Prestige dominierten (westlich-liberalen) Welt tritt Geldgewinn oder -verlust an die Stelle der Heilsfrage. Und wenn man nicht mehr von einer göttlichen Vorsehung ausgehen kann, die nach grundsätzlich sinnvollen, aber im Einzelfall möglicherweise undurchschaubaren Maßstäben handelt und Menschen ins Unheil stürzt oder aus dem Unheil rettet, die also Seligkeit verheißt oder Umkehr einfordert, dann tritt der blinde Zufall des Spiels an die Stelle und wird sozusagen mit religiös-moralischem Wert (oder Sinn) aufgeladen.
Diese Ersatzfunktion des Spiels scheint Dostojewski durch den Einsatz der Reihe “Tod-Leben-Auferstehung” auch nahezulegen – ggf. auch zu kritisieren. Alexej erhofft sich vom Gewinn nichts anderes als Erlösung, vermittelt durch soziale Anerkennung. Dass er in Paris die Erfahrung macht, dass “Gewinnler” nicht wirklich das Ansehen der “Schaffer” oder “Wohlgeborenen” genießen, macht dieses Projekt nicht einfacher. Vielleicht ist es da besser, sich immer wieder neu in Spiel zu stürzen, als seine Untauglichkeit in Sachen Erlösung zu akzeptieren.
Ich finde den Gedanken spannend, dass man sowohl bei Religion als auch beim Glücksspiel auf eine gewisse Art glauben muss. Die Frage, ob alles einem vorgegebenem Muster folgt und das man darauf versucht zu vertrauen. Immer wieder zeigen sich Glaubenssätze, wie in der Nacht als Polina zu ihm kommt und er denkt, dass Glück sei jetzt auf seiner Seite. Es klingt als wäre es sein Schicksal, als würde alles nur einem höheren Zweck dienen.
Interessante Frage! Der Gedanke kam mir beim Lesen gar nicht. Vielleicht ist das Spiel eine Ersatzbefriedigung in der Sinnsuche. Ob das immer die Religion sein muss – da bin ich mir unschlüssig.
Das Geld: Heiß begehrt. Ständig prekär. Im Überfluss plötzlich reizlos. Das Geld hat eine Schlüsselstelle im Roman, scheint aber stets nur stellvertretend für anderes zu stehen, das eigentlich begehrt wird. Wofür steht das Geld?
Geld steht sicher für Macht und Anerkennung. Zumindest der Gewinn macht Alexej für kurze Zeit beliebt. Eigentlich bedeutet es ihm aber nichts; wie Mr Astley am Schluss zu ihm sagt, ist es egal, wieviel man ihm gibt. Er gibt es doch nur für Roulette aus.
Die Anerkennung vermisst Alexej allerdings schon. Die möchte er durch einen neuen Gewinn wieder erlangen
Eigentlich geht es doch für fast alle Beteiligten darum (außer vielleicht Mr Astley), seinen Status wenigstens nach außen hin zur Schau zu stellen. Dafür gibt der General sich quasi in Schuldhaft bei dem (verhassten) Franzosen DeGrieux und Madame Blanche und ist bereit, seine Stieftochter zu opfern. Alexej ist durch das Geld und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung blind für die wahren Werte, z.B. Polinas Liebe, die sich nicht erkaufen lässt. Bei Madame Blanche hat das Geld für ihn wahrhaft alle Bedeutung verloren und er ist nun quasi wirklich zum Sklaven geworden (oder der Hofnarr).
Geld ist Mittel zum Zweck. Ohne Geld kann man nicht spielen. Wirklich Spaß scheint es erst zu machen, wenn man nicht genug Taschen hat, um es nach Hause zu tragen. Man verteilt es großzügig oder verzockt, damit es niemand erben kann. Aber außerhalb des Casinos scheinen alle Figuren im Buch nichts mit Geld anfangen zu können. Dass Essen, Hotelzimmer, Fahrkarten usw davon bezahlt werden müssen, scheint eine Selbstverständlichkeit und daher egal zu sein. Ein Punkt, den ich absolut nicht nachvollziehen kann.
Das Geld ist in der Erzählwelt sozusagen die conditio sine qua non/Minimalbedingung einer irgendwie “würdigen”, dem Bürger-Aristokraten standesgemäßen Existenz. Man muss Geld ausgeben können, um “wer zu sein”. Aber gleichzeitig kann es die Akzeptanz als Gentleman von Welt nicht erzwingen (und muss aus der Liebe rausgehalten werden).
Das ist vielleicht die Tragik, an der Alexej scheitert und die Blanche verstanden hat.
Geld ist das Mittel zum Zweck. Ich hatte das Gefühl Geld wurde immer nur dann wichtig, wenn es um Dinge ging, welche den Personen wichtig war. Alexej war es erst wirklich wichtig zu gewinnen, als es um Polina ging. Der General wollte Geld wegen Frau Blanche. Frau Blanche wollte Geld um ihre Stellung zu verbessern, was ihr das Wichtigste war.
Als Alexej nicht länger eine Hoffnung auf Polina hatte, ließ er alles von Blanche ausgeben und verspielte es im Roulett, denn es hatte kein Wert mehr für ihn. Am Ende ist er allerdings so sehr der Sucht verfallen, dass alles an Wert verloren hatte. In dem Gespräch mit Mr. Astley wird deutlich, nicht scheint mehr einen Wert für Alexej zu haben, es geht sogar soweit, dass er erfährt, dass Polina ihn liebt und nicht mal diese Information genug Wert besitzt, damit er dem Roulett sofort den Rücken kehrt. Ich finde das zeigt auf eine sehr schöne Art die Trostlosigkeit des Spiels.
Die Liebe: Im Zentrum steht die amour fou zwischen Alexej und Polina. In der scheinbaren Erfüllung der gemeinsamen Nacht entpuppt sie sich als: eine Unmöglichkeit? ein Missverständnis? ein Versprechen, das erst später eingelöst werden kann? Wovon lebt, woran scheitert diese Liebe?
Diese Liebe ist tatsächlich nicht ganz leicht zu begreifen. Für mich sieht es so aus, als hätte Polina nun doch Gefühle für Alexej, der lässt sie aber sitzen,vorgeblich, um Geld für sie zu erspielen, als er wieder kommt, wird aber recht schnell klar, dass er ein Suchtproblem hat. Er selbst gibt ja zu, Polina zeitweilig “völlig vergessen ” zu haben. Sie weiß nicht, was sie tun soll, ist innerlich völlig zerrissen und flüchtet zu Mr Astley. Alexej ist dem Spiel dann ja auch völlig erlegen, verschwindet mit Madame Blanche. Als Alexej Jahre später Mr Astley wieder trifft, bietet der ihm ja mehr oder weniger an ihm Geld zu geben, um zu Polina zu fahren, er weiß allerdings, dass A. das nicht tun wird und stattdessen das Geld für Roulette ausgibt. A. widerspricht nicht, nimmt die kleinere Summe und spielt weiter. Die Liebe zu Polina hat er also fürs Spiel dran gegeben (obwohl er sich einreden, es für sie zu tun).
Woher Polinas Liebe allerdings so plötzlich gekommen ist, hab ich nicht verstanden.
Ist es Liebe? Ich bin mir da nicht sicher. Wissen die beiden überhaupt was Liebe ist?
Guter Punkt. Ich übernehme das Wort einfach, ob es in der Bedeutung unseren heutigen/ meinen persönlichen Vorstellungen entspricht, ist aber eine ganz andere Sache.
Die Frage, ob man Liebe für andere definieren kann, ist natürlich schwierig. Für Alexej würde ich sagen: Er weiß gar nicht so recht, was er von Polina eigentlich will. Eine Herrin, die ihm alle Entscheidungen abnimmt? Ein Opfer, dem er helfen kann? Ob er mit einem echten Gegenüber etwas anfangen könnte?
Ich habe es so gelesen, dass die beiden sich eigentlich lieben, aber keine Rollen finden, in denen sie sich diese Liebe als echtes Gegenüber erlauben und für sich konzeptualisieren können.
Nach traditionellem Standesdenken ist die “Tochter des Hauses” für den Hauslehrer absolut tabu (und das wird ja nicht einfacher, sondern eher noch spannungsgeladener, wenn sie adoptierte und damit erst aufgestiegene Dienstbotentochter ist, wie mE angedeutet wird). Und den Überschritt in die Welt von Blanche, de Grieux und co., wo man von den Standesunterschieden befreit wäre, weil jeder nur ist, was man nach außen darstellen und bezahlen kann, kann letztlich keiner von beiden wirklich vollziehen. Schon, weil nach traditioneller Moral-Logik in dieser ökonomisierten Society letztlich alle Beteiligten nur mehr oder weniger erfolgreiche Prostituierte, Freier:innen oder Zuhälter:innen sind…
Da ist was dran: Im Spielsaal und im Bordell sind alle gleich. Noch überlagern sich jedoch die Logik der Stände- und die Logik der reinen Kapitalgesellschaft. Am Roulette-Tisch werden die Polen und Juden schon noch erkannt und abgewertet; erst im Rausch der Babuschka verschwimmt die Wahrnehmung.
Ich habe mich gefragt, ob die gesellschaftlichen Bindungen Polina gehindert haben, zu ihrer Liebe zu Alexej zu stehen. Zum einen ist da ja der Standesunterschied, zm anderen war Polina durch ihren Stiefvater an DeGrieux gebunden (den sie eigentlich hasst). Ein Bekenntnis zu Alexej wäre wohl auch der gesellschaftliche Ruin der Familie gewesen.
Das Russische: Ein letztes Mal hören wir Alexej mit seiner Theorie von Franzosentum vs. Russentum (Kap. XVII). Wie blickt ihr auf die Opposition zurück, die bis heute politisch brisant ist?
Auf der Oberfläche ist diese letztlich reaktionäre Gegenüberstellung von “russischen Werten” und liberal-westlicher Dekadenz natürlich ziemlich problematisch. Wenn man das als völkerpsychologischen Zitatkasten liest (was leider auch geschieht), dann schreibt sich die Putin-Propagandarede quasi von selbst.
Aber ich meine, dass auf der Ebene der Erzählung diese Gegenüberstellung noch einmal unterlaufen wird. Einerseits ist da die Spannung, dass der Erzähler Polina und den “jungen russischen Damen” eine Faszination für die westliche Kultur der Oberflächlichkeit vorwirft, der er selbst dann bei erster Gelegenheit (!) und dem Anblick von ein bisschen Schultern und Füßen sofort voll erliegt. Und seiner nachträglichen Schilderung der Paris-Episode darf man natürlich keinen Meter trauen, ich denke das macht Dostojewskij auch relativ klar.
Und andererseits ist ja die Rückkehr nach Russland weder für Alexej, noch für Polina oder den General eine realistische, attraktive Möglichkeit. Warum sich nicht zum “wahren, schlichten, traditionellen” Leben in Russland zurückwenden? Warum nicht irgendein hölzernes Landgut in der Oblast Smolensk oder Kaluga beziehen, Pelze und Holz mit irgendwelchen Astleys handeln, eine orthodoxe Kirche renovieren? Diese Konsequenz zieht nur Babuschka mit ihrem “Meister Petz”, aber auch sie geht eben alleine und nachdem sie in Rekordzeit alles verspielt hat.
Letztlich wissen die Protagonisten ja alle: Ihr idealisiertes Russland mit seinen Werten und seinem Stolz ist eine Projektion, ein Märchen. Die Leute da in der Heimat sind geistig-moralisch genau so durch und korrumpiert wie sie, die sie es immerhin in schicke deutsche Kurorte oder nach Paris geschafft haben…
Gut auf den Punkt gebracht: Russland als Projektion. Ob Dostojewski das selbst so durchschaut? Oder die Projektion als Ideal seinen Volksgenossen vor-imaginieren möchte? Jetzt würde ich gerne einmal einen der großen Romane auf dieses Problem hin lesen… Oder abkürzen: Ich stelle diese Frage Frau Dr. Borisova, die sich u.a. genau damit beschäftigt hat.
Der Roman: Der Spieler ist ein Roman über den Rausch und Dostojewski hat ihn wie im Rausch geschrieben. In nur 26 Tagen war das Buch fertig. Wie ging es dir mit dem Erzählton, dem Rhythmus, der Sprache, dem Stil?
Ich weiß nicht, ob ich es durchgelesen hätte, wenn ich mich hier nicht beteiligt hätte. Dann hätte ich jemanden gebraucht, der mir gesagt hätte:” ja, der Anfang ist zäh, aber wenn gespielt wird, ist es brilliant”. Von diesem rauschhaften Zustand hätte ich gerne mehr gehabt und weniger Liebesgeschichte und weniger General.
Schön, dass du dabei geblieben bist und vielen Dank für deine Beiträge!
Ich danke dir für deine Mühe. Normalerweise “lass” ich lesen und Lesetagebuch schreiben usw. Schön, dass ich mal wieder Gelegenheit hatte zu sehen, wie das ist. Und dass es mir Spaß macht.
Der Beginn war wirklich zäh. Mit dem Auftritt der Tante hat es deutlich an Fahrt gewonnen und war sehr amüsant, gerade vor allem die Szenen und Wortspiele mit dem General.
Schön, dass es doch noch einen “schönen” Ausgang gab. Zwischendurch hätte man durchaus denken können, es gäbe vllt Tode.
Dass Alexej mit Madame Blanche mit geht und sie das ganze Geld verpasst fand ich weniger unterhaltsam. Ich denke, da ging es eher um den Subtitel (das Glücksspiel und die Moral).
Ich fand es sehr gut und packend zu lesen, aber finde: Ein bisschen mehr Beschreibung, ein bisschen weniger innerer Monolog hätte nicht geschadet. Die Schauplätze z.B. blieben für mich oft irgendwie nebulös. Was natürlich dem Ganzen auch diesen rauschhaften Eindruck verleiht. Viel länger hätte ich es nicht ausgehalten (ähnlich wie bei den “Aufzeichnungen aus dem Kellerloch”).
Was mir sehr gut gefallen hat, war der Einsatz der Meta-Erzählebene der Vorankündigungen oder Rückblicke – das habe ich selten so überzeugend eingesetzt erlebt, bei Grass z.B. hat es immer was von literarischer Selbstdarstellung. Auch die bewusste Brechung durch die (verzerrte) Perspektive von Alexej, der nicht noch einmal ein allwissender korrigierender Erzähler übergeordnet wird, fand ich gut. Das regt mich zur Suche nach verschiedenen Ebenen oder alternativen Interpretationen des Verhaltens der einzelnen Personen an.
Mir hat der Roman gut gefallen. Ich habe mich auf das Abenteuer Dostojewski eingelassen, so hat sich mir gar nicht die Frage gestellt, ob ich es mühsam fand oder auch gerne abgebrochen hätte. Besonders mochte ich die Gespräche und die Beschreibungen des Glücksspiels, da ich diese Beschreibungen auch berauschend fand.
Da diesmal der Reiter nicht da ist, möchte ich hier einmal mein liebstes Zitat der Woche, vielleicht sogar vom ganzen Buch nennen: “Aber dabei habe ich eine Empfindung, als ob ich eine Holzpuppe geworden wäre” S. 243 Penguin. Es beschreibt das Buch sehr gut. Die Frage wer ist der Spieler? Das machtlose Gefühl, dass alles an Wert verliert. Man sich selbst sogar verliert. Alexej fühlt so und gibt sich dem trotzdem hin.
Genau, der Reiter fehlte mir auch. Nach Durchsicht meiner Notizen entscheide ich mich für:
Nur Russen bringen es fertig, so viele Gegensätze zu gleicher Zeit in sich zu vereinigen.
Danke! Ich schlage vor, wir nutzen deinen Kommentar als offiziellen “Zitat-Reiter”! 🙂