Klassiker des Monats • September 2026
Das bildnis des dorian gray
OSCAR WILDE
ZUR Einführung
Skandalroman und Meilenstein
Als »Das Bildnis des Dorian Gray« 1890 erscheint, sorgt es für einen Skandal. Rezensenten bemerken darin einen Umgang unter Männern, der nicht in die Moral der Zeit passt, obwohl er nicht zuletzt in elitären Kreisen keine Seltenheit ist. Doppelmoral nennt man das. Die Rechtslage war allerdings eindeutig: Sexuelle Handlungen zwischen Männern waren eine Straftat.

Oscar Wilde liebte es, die Doppelmoral herauszufordern. Die Erstfassung, die in einer amerikanischen Zeitschrift erschien, lässt so wenig Zweifel an der Darstellung gleichgeschlechtlicher Affären zu, dass der Herausgeber sie vorsorglich entschärft. Für die Buchfassung von 1891 mildert auch Oscar Wilde selber noch einmal ab und fügt Elemente hinzu, die vom Stein des Anstoßes etwas ablenken sollen.
Es bleibt dabei: Der Roman wird zu einem Meilenstein queerer Literatur – und für Oscar Wilde ein Stolperstein. Als er vor Gericht geoutet werden soll, zitiert man Passagen aus »Dorian Gray« um die Neigungen des Autors zu dokumentieren. Wilde wird zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Für ihn persönlich der Anfang vom Ende. Oscar Wilde, einst gefeierter Autor der Londoner high society, wird 10 Jahre nach Erscheinen der Erstfassung einsam und krank im Exil sterben.
Was erwartet uns?
Dieses Buch ist ein Roman. Allerdings kein gewöhnlicher. Oscar Wilde schreibt vorher und nachher nie mehr einen Roman. Das hat Gründe: Sein vielleicht größtes Talent ist die freie Rede. Er ist zunächst ein gefeierter Vortragsredner („Speaker“ nennt man das heute wohl) und spricht in Übersee vor vollen Auditorien. Er ist berühmt-berüchtigt für seinen Wortwitz. Es ist nicht schwer, diejenige Figur im Roman zu entdecken, in der er sich selbst porträtiert hat.

Sein zweites Talent ist das Schreiben von Komödien. »Der ideale Gatte«, »The Importance of Being Earnest«, »Lady Windermere‘s Fan« – hier kann Oscar Wilde witzige Dialoge schreiben und gleichzeitig die feine Gesellschaft aufs Korn nehmen.
»Dorian Gray« hat erkennbar von beidem etwas. Uns erwarten Dialoge, die auch auf eine Bühne passen würden. Und manche Szenen platzen schier vor lauter Schlagfertigkeit und witzigen One-Linern. Außerdem versucht Oscar Wilde seine ästhetische Theorie unterzubringen, die uns kondensiert bereits im Vorwort begegnet. Schließlich soll es auch philosophisch werden und eine packende Schauergeschichte Spannung bringen.
Das ist nicht wenig. Deshalb tut man gut daran, sich auf eine gewisse innere Vielfalt des Erzählens einzustellen, die wir heute von Romanen in der Form nicht mehr kennen. Vielleicht hilft es, das Ganze so zu sehen: Hier ist für jede:n potentiell etwas dabei. Man muss nur seins finden, und das andere zur Not etwas quer lesen.

Ich wäre froh, wenn wir auf „queer“ und Gendern verzichten könnten. Was mir an Klassikern u.a. gefällt, sind die Sprache und das Fehlen neumodischer Begriffe. Danke.
Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich habe in Sachen Sprachregelung keinen Missionsdrang. Niemand muss hier gendern. Verboten ist es auch nicht. Ich tue es meistens.
Der Begriff queer dürfte momentan die verbreitetste Bezeichnung sein oder welche schlägst du vor?
Zum Beispiel kann man homosexuell, homoerotisch oder gleichgeschlechtlich sagen.
Benutze ich auch. Für alle Begriffe gilt allerdings: Sie sind anachronistisch und insofern neumodisch, weil so etwas wie eine gleichgeschlechtliche Neigung als konstante sexuelle Identität erst seit dem 20. Jahrhundert überhaupt gedacht wird.
Ich freue mich sehr auf dieses Buch.💃 Nicht zuletzt, weil mir eine wunderschön illustrierte Ausgabe vorliegt.
Oh, cool, welche Ausgabe hast du?
Vom Verlag jacobystuart.de – die Bilder von Benjamin Lacombe
Neben der Textausgabe genieße ich das Hörbuch, gesprochen von Jan Josef Liefers. Dadurch kommt die geschliffene Sprache von Wilde sehr gut zur Wirkung! Und natürlich die Charaktere.
Ich freue mich auch sehr, „Das Bildnis des Dorian Gray“ wieder zu lesen. Ich habe ihn vor längerer Zeit schon einmal gelesen und möchte ihn jetzt gerne neu entdecken.
Sehr hilfreich finde ich dabei deine Einordnungen. Sie helfen einem, den eigenen Leseprozess erkennend voranzubringen. Das hilft mir sehr und dafür möchte ich mich hier einmal herzlich bedanken.
Ich habe das erste Kapitel jetzt das dritte Mal gelesen, weil es soviele tolle Passagen hat. Ich freu mich sehr auf die nächste und danke dir, dass du mich zu diesem Buch geführt hast.
–> „…allein die Treulosen wissen auch um die Tragödien der Liebe.“
Wow, gleich 3 Mal! Na, da hat eventuell jemand ein Lieblingsbuch gefunden. 🙂