Woche 16: Brot und Wein

Woche 16

Brot und Wein


Woche 16: Eine lange ersehnte Rückkehr entpuppt sich für Hans als Enttäuschung. Stabil bleibt hingegen die Erfahrung, dass Kurdienst und Lebenslust sich im Berghof nicht gegenseitig ausschließen.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Charismatische Herrschaft
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Ich bin fast ein wenig erleichtert: Auch der Erzähler gesteht den Verlust der zeitlichen Orientierung inzwischen ein. Nach dem Tod Joachims geht Zeit ins Land. Wie viel? Wir wissen es nicht genau. Am Ende des Romans werden es sieben Jahre sein, auch wenn der Erzähler das im »Vorsatz« nicht glauben wollte.

Das nächste, im Strom der Zeit objektiv greifbare Ereignis nach Joachims Ableben ist die Rückkehr Clawdia Chauchats. Alle Pläne des Protagonisten, wie er diese Heimkehr zu inszenieren gedenkt, sind mit einem Mal Makulatur, als er ihren Begleiter kennenlernt: Mynheer Peeperkorn.

Brot und Wein – in der Variante „Peeperkorn“

Hans Castorp ist beeindruckt. Ein Lebemann, finanziell durch den Kolonialhandel zur Großzügigkeit befähigt, der im Berghof sofort eine Art Regiment in Sachen Zecherei übernimmt. Bevor es dazu kommt, bringt Hans jedoch noch seine heimliche Liebe auf den Stand der Dinge. Madame Chauchat ignoriert Hans zunächst mehrere Tage, bis sie ihn schließlich doch noch anspricht, im distanzierten „Sie“, was Hand wiederum geflissentlich ignoriert.

Clawdia sieht – diese Freiheit kennen wir von ihr – kein Hindernis, den »philosophischen Taugenichts« in Peeperkorns Geselligkeit einzubeziehen. So kommt es zu einem denkwürdigen Abend, in dessen Verlauf die versammelte Belegschaft (Stöhr, Kleefeld, das Ehepaar Magnus, der weinende Wehsal und der galante Albin) unter der Anleitung des Holländers ganze Fuhren unterschiedlichster Alkoholika vernichtet.

Verblüfft muss der Genussdirigent am Ende des Abends allerdings feststellen, dass Hans in einer Sache zum Gehorsam nicht bereit ist: Den großzügig erlaubten Kuss will er Madame Chauchat nicht geben.


2. Vertiefung: Charismatische Herrschaft

Mynheer Peeperkorn ist eine Herrscherfigur. Er schart mit gebietender Entschlossenheit eine Gruppe Gefolgsamer um sich. Teils Dionysos als Vorsteher eines bacchantischen Gelages, teils Christus in Gethsemane, verlassen von den schlafenden Jüngern, ist er das unumstrittene Zentralgestirn, sobald er den Raum betritt – oder: am Tisch Platz nimmt.

Die Kraft seiner Herrschaft liegt in seiner Persönlichkeit: Einer Mischung aus Physiognomie (Stirnfalten, Mund, weißes Haar), Gestik (»Kulturgebärden«) und Lebensart. Mehrfach wird bemerkt, dass die Konturen dieser Herrschaft undeutlich und unbestimmt sind. Niemand weiß so recht, weshalb genau man diesem Mann untertan ist. Klar ist nur: Er ist eine Persönlichkeit mit einem natürlichen Herrschaftsrecht, ein »Dirigent«, eine »Majestät«. Damit greift Thomas Mann ein Phänomen auf, von dem er kaum absehen konnte, dass es Europa und die Welt auf den Kopf stellen würde.

Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann (1932) – nach Thomas Manns eigener Auskunft das optische und habituelle Vorbild der Peeperkorn-Figur

Zur Zeit der Entstehung des Zauberberg veröffentlichte der Soziologe Max Weber gerade seine Analysen politischer Macht. Neben das traditionelle Patriarchat (bzw. Matriarchat), das auf der Versorgungsfunktion eines Familienoberhaupts beruht, stellte er die moderne, rationalisierte Herrschaftsform der Bürokratie in ihrer typischen Unpersönlichkeit und reinen Regelhaftigkeit. Außerhalb dieser beiden Formen steht das Modell des Systemsprengers: Die charismatische Herrscherpersönlichkeit. Sie lebt weder von althergebrachter Tradition (wie der Patriarch) noch von gesetzmäßiger Amtsautorität (wie der Bürokrat), sondern von der außerordentlichen, beeindruckenden Wirkung eines Individuums – egal ob Kriegshäuptling, Schamane oder Sektengründer.

Der Soziologe Max Weber, den Thomas Mann 1919 in München kennenlernte

Im Mynheer Peeperkorn hat Thomas Mann eine solche charismatische Persönlichkeit porträtiert – und parodiert. Fast zauberhaft ist die Wirkung, die dieser schwerfällige Mann auf die Gäste des Berghofs auszuüben weiß. Auch die Tatsache, dass er fast nur Unverständliches von sich gibt, tut dieser Wirkung keinen Abbruch – ja, meinem Eindruck nach erhöht sie diese Wirkung vielleicht noch, denn das Wesen des Charismas besteht auch nach Max Weber nicht in der rationalen Rede. (Wie wir wissen, kann man mit unzusammenhängenden Ergüssen sogar US-Präsident werden.)

Max Weber hat darauf hingewiesen, dass der natürliche Moment des Aufstiegs einer charismatischen Herrscherpersönlichkeit die Krise ist. In der Not sucht sich die Menge einen Führer, der jenseits des Establishments steht und durch besondere Gaben die Wende herbeizuführen verspricht: Das Aufstiegsversprechen aller Autokraten.

10 Jahre nach Erscheinen des »Zauberbergs« wird Deutschland sich einen solchen Führer suchen und finden, mit deutlich ernsteren Folgen als denen eines Trinkgelages. Thomas Mann hat auch über diese drohende Katastrophe erzählerisch nachgedacht. In »Mario und der Zauberer« porträtiert er vor dem Hintergrund des italienischen Faschismus einen charismatischen Hypnotiseur. Dieses Mal bezirzt der Herrscher seine Jünger nicht mehr durch Kulturgebärden und Lebenslust, sondern durch die Gabe der fanatisierenden Rhetorik. Die Wirkung wird tödlich sein.

3. Anregungen zum Austausch

  1. Mynheer Peeperkorn: Wie hat dir diese neue Figur im Ensemble des Zauberbergs gefallen?
  2. Falls du »Mario und der Zauberer« bereits kennst: Sind dir Parallelen zwischen Peeperkorn und Cipolla aufgefallen?
  3. Hans und Clawdia: Welchen Eindruck hat die Rückkehr auf dich gemacht?
  4. Dein Zitat der Woche.

Klassikerclub unterstützen

Der Klassikerclub ist ein Herzensprojekt. Kostenlos, werbefrei und offen für alle. Niemand muss etwas geben. Wenn du das Projekt unterstützen möchtest, freue ich mich über einen freiwilligen Beitrag für Technik, Webdienste und die Arbeit hinter Leserunden, Podcast und Newsletter.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
20 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Julia

Mir gefällt er sehr, endlich Stimmung in der Bude! Seine Rede aus halben Sätzen amüsieren mich. Dass er aus der Truppe Partypeople macht, war unterhaltsam zu lesen nach dem Jammertal mit Hans und den Ausflügen ans thematische Hochreck mit Naphta & Co.

Silke

Bei diesen Halbsätzen habe ich immer eine reale Person aus meinem Umkreis im Blick. Eigentlich ist das schlau – so kann man immer in jede gewünschte Richtung „abbiegen“.

Rebecca

Ich muss gestehen, dass ich Mynheer Peeperkorn unsympathisch finde. Zwar bringt er Leben in die Bude, jedoch setzt er auch immer seinen Willen durch. Dies wird besonders deutlich, wenn jemand ihm widerspricht (siehe Hans Castorp oder die Reaktionen auf die Fleischplatten). Auch wenn Hans naiv wirkt, entzieht er sich ihm am Ende, indem er Clawdia Chauchat nicht küsst. Auch sein Alkoholkonsum und der Umgang mit den Frauen am Ende des Gelages finde ich schwierig.

Kerstin

Es fällt mir auch schwer zu verstehen, worin die erotische Anziehungskraft von Peeperkorn bestehen soll … Charisma hin, Charisma her. Warum sucht Clawdia sich diesen „Reisegefährten“? Allein die Beschreibung seiner Fingernägel ekelt mich leicht.

Liz

Ich muss gestehen, dass ich Peeperkorn unausstehlich finde, nicht nur sein Äußeres (Fingernägel!), auch sein Alkoholkonsum und seine unvollendeten Sätze stören mich erheblich. 🙁
Woran besteht nur sein Charisma, seine Persönlichkeit, wieso bewundern ihn so viele und lassen sich von ihm negativ beeinflussen? Das ist mir ein Rätsel ( genau wie bei dem besagten Präsidenten, oder A.Hitler 😞 ) Die Abschnitte mit ihm sind für mich sehr ärgerlich. Und das ist der Reisebegleiter von Clawdia, was findet sie nur an ihm?Da tut mir Hans Castorp wirklich leid. (Wobei ich ihm nicht ganz abnehme dass sein langer Rückzug auf dem Berghof nur ein Warten auf Clauwdia ist, meines Erachtens ist es eine Art “ Weltflucht“)

Daniela Kauf

Mit hat Peeperkorn überhaupt nicht gefallen. Er trinkt, pflegt seine Fingernägel nicht und redet und redet, und sagt nichts aus. Wieso er so anerkannt ist und Hans ihn als Majestät bezeichnet, kann ich nicht nachvollziehen. Ich mag den „stillen Zauberberg“ viel lieber. Dieses Besäufnis hat mich ganz nervös gemacht. Ich hatte Herzklopfen!

Zuletzt bearbeitet am 17 Tage vor von Daniela Kauf
Rebecca

Die Ähnlichkeit zu Cipolla ist mir auch aufgefallen. Jedoch ist dieser noch negativer gestaltet. Beide faszinieren die anderen Figuren, sodass diese sich nicht deren Einfluss entziehen können. Cipolla dient als Zeichen seiner Macht die Peitsche, solche Attribute werden auch Peeperkorn zuteil: z.B. die Handbewegung. Beide demütigen andere : Im „Zauberberg“ ist es Hans, der Clawdia küssen soll, jedoch gelingt es diesem – genauso wie dem Erzähler in „Mario und dem Zauberer“ -, sich Peeperkorn zu entziehen.

Rebecca

Ich bin leider auch etwas enttäuscht darüber, dass Clawdia zusammen mit Peeperkorn anreist. Sie scheint von seiner Persönlichkeit angezogen und darüber hinaus wirkt es so, als könne sie seine unvollständigen Sätze verstehen. Obwohl Clawdia Hans lange ignoriert, sucht sie ihn doch auch, um mit ihm zu reden. Dies macht sie jedoch heimlich, vielleicht um in Hans einen Freund zu haben? Für Hans empfinde ich indessen Mitleid – auch weil sich doch verschiedene Figuren lustig darüber machen, dass Hans umsonst so lange auf Clawdia gewartet hat.

Kerstin

Mir ist auch zusätzlich aufgefallen, dass Clawdia zuerst nach Joachim fragt, sich nicht nach Hans selbst erkundigt. Als ob Sie ihm auch dadurch zeigen möchte, dass er für sie nicht wichtig ist.

Rebecca

Ja, das hat mich auch irritiert. Vielleicht war es auch ein Versuch, ihn zu anzusprechen, Peeperkorn etwas zu entkommen.

Daniela Kauf

Ich finde das Verhalten von Clawdia auch eigenartig, aber vielleicht dieser Zeit angepasst. Ich glaube sie war schon angetan, Hans immer noch vorzufinden.

Rebecca

Ich finde das Kapitel über die Zeit wunderbar. Wie schön, dass der Erzähler aus der Geschichte springt und diese kurze Abhandlung darlegt: „Die Zeit ist das Element der Erzählung, wie sie das Element des Lebens ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum.“ (S. 741) Er spricht nicht nur über die Zeit, sondern gestaltet dieses Kapitel auch zeitdehnend – wie einen Doppeldecker. Hier wird auch Manns Leidenschaft für’s Meer deutlich, wenn wir Hans auf den Strandspaziergang begleiten.

Liz

Settembrini zu Hans Castorp, der ebenfalls der „Herrschernatur“ Peeperkorns zum Opfer fällt:
„Aber, in Gottes Namen, Ingenieur, das ist ja ein dummer alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? Mir steht der Verstand still! Alles wäre klar- ohne eben lobenswert zu sein-, wenn Sie ihn in Kauf nähmen, wenn Sie in seiner Gesellschaft nur die seiner gegenwärtigen Geliebten suchten. Aber es ist unmöglich, nicht zu sehen, daß Sie sich beinahe mehr um ihn kümmern, als um sie. Ich beschwöre Sie, kommen Sie meinem Verständnis zu Hilfe…“

Daniela Kauf

Ich mag das komplette Kapitel „Strandspaziergang“. Als kleines Beispiel möchte ich folgenden Satz aufführen: „Die Erzählung gleicht der Musik darin, dass sie die Zeit erfüllt , sie anständig ausfüllt , sie einteilt und macht, dass etwas daran und etwas los damit ist.

Rebecca

Die Ähnlichkeit zu Cipolla ist mir auch aufgefallen. Jedoch ist dieser noch negativer gestaltet. Beide faszinieren die anderen Figuren, sodass diese sich nicht deren Einfluss entziehen können. Cipolla dient als Zeichen seiner Macht die Peitsche, solche Attribute werden auch Peeperkorn zuteil: z.B. die Handbewegung. Beide demütigen andere : Im „Zauberberg“ ist es Hans, der Clawdia küssen soll, jedoch gelingt es diesem – genauso wie dem Erzähler in „Mario und dem Zauberer“ -, sich Peeperkorn zu entziehen.

20
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x