Dorian Gray: Woche 4

Klassiker des Monats • September 2026

Das bildnis des dorian gray

OSCAR WILDE

Woche 4

Kapitel 15–20

Was diese Woche geschah

Das Spiel geht zu Ende. Dorian flüchtet sich in den Rausch. Doch das Leben verfolgt ihn. Bis zum bitteren Ende.

William Bazett Murray: Opium Smoking at the East End of London (1874)

Dorian nimmt an einer Abendgesellschaft bei Lady Narborough teil. Er ist überspannt und nervös. In die lockere Scherzhaftigkeit zwischen Lord Henry und der Gastgeberin kann er diesmal nicht einsteigen. Früh verlässt er das Abendessen – in Richtung der Opiumhöhlen in einem Außenbezirk Londons.

Dorian besucht die Opiumhöhle, um zu vergessen. Stattdessen begegnet ihm die Vergangenheit in Gestalt James Vanes. Vane verfolgt Dorian und bedroht ihn mit der Waffe. Seine unnatürliche Jugend kommt Dorian zu Gute, er kann sich mit einer Verwechslung herausreden. Doch James Vane erfährt von einer Bardame die Wahrheit und nimmt die Verfolgung auf.

Eine Woche später finden wir Dorian wieder in Gesellschaft. Auf einem Landsitz flirtet er mit der klugen Lady Mornmouth, der Cousine Lord Henrys, die jenem in Schlagfertigkeit in nichts nachsteht. Dorian aber ist nervlich am Rand und fällt in Ohnmacht.

Geplagt von Verfolgungsängsten nimmt Dorian an einer Jagdgesellschaft teil. Der Verfolger James Vane wird versehentlich von einem der Teilnehmer erschossen, die Kaltblütigkeit der verärgerten Adeligen spricht für sich. Dorian ist vorläufig beruhigt.

Wie schon zu Beginn der Erzählung fasst Dorian den Entschluss, sich zu ändern. Stolz berichtet er Lord Henry vom Verzicht auf die Verführung eines armen Landmädchens. Lord Henry durchschaut seinen Narzissmus und macht sich mit typischem Sarkasmus über die Moral lustig.

In der Hoffnung, durch seine moralischen Vorsätze doch ein Stück Unschuld zurückgewonnen zu haben, nähert sich Dorian seinem Bildnis. Zu seinem Entsetzen stellt er fest, dass Lord Henry Recht hatte: Auch sein scheinbar selbstloses Handeln zeichnet sich nur als egoistische Spur auf dem Porträt ab. In verzweifelter Wut sticht Dorian auf das Porträt ein. Als man das Dachzimmer öffnet, findet man Dorian tot auf dem Boden. Das Bild strahlt in frischer Jugendlichkeit, Dorians Gesicht ist verzerrt und verbraucht.

Die Moral von der Geschicht‘

Die klassische Rhetorik kennt drei Ziele einer guten öffentlichen Rede. Sie soll die Hörer:innen etwas lehren (docere), sie soll unterhaltsam sein (delectare) und sie soll die Gefühle ansprechen und zum guten Handeln bewegen (movere). Kurz: Für Intellekt, Ästhetik und Moral soll etwas dabei sein.

Wenn wir das testweise auf den »Dorian Gray« übertragen, kann ich an zwei der drei Anforderungen schnell einen Haken machen. Die witzigen Dialoge und Gesellschaftsanalysen sind „lehrsam„, insofern sie den Verstand ansprechen und mir etwas über die damalige Zeit erzählen. Die Schlagfertigkeit der Figuren ist vergnüglich und die Handlung hat gegen Ende einen gewissen kriminalistischen Drive – Unterhaltung ist auch gegeben.

  • Es gibt keine moralischen oder unmoralischen Bücher. Bücher sind entweder gut oder schlecht geschrieben.

    – Vorwort zum »Dorian Gray«

Aber was ist mit der Moral? Hier bleibe ich etwas ratlos zurück. Das berühmte Vorwort formuliert knackig: »Es gibt keine moralischen oder unmoralischen Bücher. Bücher sind entweder gut oder schlecht geschrieben. Das ist alles.«. Das klingt wie ein programmatischer Verzicht auf moralische Botschaften. Damit könnte ich gut leben. Ich brauche keine klare Moral, um ein Buch gerne zu lesen. Ein Großteil der klassischen Literatur nach 1900 verkündet keine Sittenlehren.

Allerdings scheint mir die Erzählung ein moralisches Rückgrat zu haben, das schwer zu leugnen ist. Wären Dorians Eitelkeit, sein Egoismus und seine Lustorientierung moralisch neutral – würde sein Bildnis sich dann überhaupt verändern? Die Degeneration des Angesichts im Gleichklang mit den ‚Missetaten‘ setzt ein Konzept von Richtig und Falsch, von Gut und Böse voraus.

Auch das wäre noch kein Problem. Denn wer wollte behaupten, dass alles gleichgültig und jede Handlung ohne Konsequenzen sei? Allerdings kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Korruption des Gemäldes ziemlich genau der traditionellen viktorianischen Moral folgt, die Oscar Wilde eigentlich problematisierte. Die enge und strenge bürgerliche Fassade war sein Ding nun wirklich nicht.

Wie aber ist dann zu verstehen, dass Basil Hallward mit seinen Moralpredigten am Ende Recht behält? Will uns die Erzählung die aufrechte Bürgerlichkeit durch die Hintertür der Handlung nun doch empfehlen? Lord Henry (und Oscar Wilde) zum Trotze?

Ich bin gespannt, wie die Leserunde dieses Dilemma erlebt. Lest ihr den Konflikt zwischen Hedonismus und Viktorianismus als Stärke oder Schwäche des Buches? Ist es Oscar Wilde gelungen, eine Ambivalenz zu inszenieren, die zum Nachdenken bringt? Oder stehen die Kritik viktorianischer Moral und die Kritik eines zügellosen Hedonismus etwas unvermittelt nebeneinander? Im Podcast haben Maria und ich ein vorläufiges Ergebnis formuliert. Aber jetzt seid ihr dran…

Anregungen zum Gespräch

Geschafft – du hast einen großen Klassiker der englischsprachigen Literatur gelesen. Ich bin gespannt auf deine Eindrücke!

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30 Kommentare
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Irene

Es scheint mir das einzig mögliche Ende zu sein und insofern bin ich zufrieden. Das Einzige, was mich daran stört, ist, dass seine Leiche anhand seiner Ringe identifiziert werden konnte. Das vermittelt natürlich durchaus, dass sie ihn an seinem Gesicht nicht erkennen konnten. Logischer hätte ich gefunden, wenn es zum Schluss geheißen hätte, man hätte vor dem Bildnis des Dorian Gray eine Leiche gefunden, die gekleidet war wie er und seinen Schmuck trug, aber Dorian Gray wäre spurlos verschwunden. Nichtsdestotrotz Ein gutes Ende.

Silke

Ich habe mir mit dem Buch wieder schwer getan – wie schon bei meinem ersten Lesen vor Jahren. Für mich bleibt es einfach zu fragmentarisch. Von daher würde ich sagen „ambivalent“

Saru

Auch ich habe das Buch zum zweiten Mal gelesen, und in mir hat sich trotz „docere“ und „delectare“ etwas Enttäuschung geregt. Das Vorwort („Es gibt keine moralischen oder unmoralischen Bücher. Bücher sind entweder gut oder schlecht geschrieben.“) impliziert zwar die Abwesenheit von Moral. Das Buch selbst jedoch ist von christlicher Moral durchtränkt, und die Doppelmoral reibt sich an ebendieser auf. Die dekadente, gelangweilte Gesellschaft ignoriert zwar lautstark und zynisch die christliche Moral – so wie ein trotziges Kind sich gegen seine Eltern auflehnt, nur um in schwierigen Zeiten wieder auf sie zurückzugreifen. Die Vorstellung einer Seele, die einem jeden innewohnt; das Vorhandensein eines Teufels, an den man sie verkaufen kann; sogar die sieben Todsünden werden erwähnt; Vergnügliches sei immer gotteslästerlich usw. Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß – und so aufgeklärt sich Oscar Wilde auch ausgedrückt haben mag, im Grunde sind die christlichen Werte und deren Moralvorstellungen in sein Buch eingeimpft. Aus diesem Gedankengut ist Oscar Wilde in diesem Roman nicht ausgebrochen. Er nutzte es als Grundlage, und deshalb musste es wohl so enden. Die Moral der Geschichte ist folglich die gerechte Strafe, die den Sünder ereilt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, war ich etwas enttäuscht.

Karo

Mich hat das Ende des Buches überrascht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Dorian auf diese Weise stirbt und war auch irritiert davon, dass Oscar Wilde seinen Roman mit einer augenscheinlich starken moralischen Botschaft beendet. Aber genau unter diesem Eindruck macht für mich dann die Vorrede Sinn: ich denke Oscar Wilde möchte sein Buch eben gerade nicht moralisch verstanden wissen, sondern er nutzt die Moral als Mittel der Dramatik, die zu einem Finale furioso führt – also quasi als ästhetisches Mittel.

Susanne

Der Schluss war erwartbar und irgendwie auch folgerichtig für mich. Trotzdem fand ich das Ende so abrupt, nach den langen Ausführungen und Beschreibungen vieler Situationen vorher in dem Buch, war das Ende zu kurz und bündig dagegen. So, also ob die Luft des Erzählens raus ist.

Also letztendlich bleibe ich ambivalent zurück

Annette

Mir ging es ganz genau so. Das Ende war wahrscheinlich die einzig „richtige“ Auflösung für die Figur des Dorian Gray, aber auch mir hat zum besseren Verständnis noch mehr Zusammenhang gefehlt. Vielleicht musste Oscar Wilde einen Abgabetermin einhalten und wollte das Buch schnell zu Ende bringen?
Ich bin nicht enttäuscht, nicht ganz zufrieden, aber es war ein passendes Ende für mich. In meiner Ausgabe (Fischer Taschenbibliothek) ist das „Vorwort zu Dorian Gray“ als Anhang am Ende des Buches, das finde ich sehr stimmig.

Irene

Für mich ist es das einzig mögliche Ende. Ob es gerecht ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass man mit den Konsequenzen seines Handelns leben und zurecht kommen muss. Dem wollte Dorian durch die Zerstörung seines Bildnisses entgehen. Das war ihm nun nicht gelungen bzw. nur durch den Tod

Silke

Da bin ich ganz bei Irene. Es war das, was erwartbar und vorhersehbar war.
„Gerecht“… das ist ein schwieriges Wort in diesem Zusammenhang.

Saru

Die Schlussszene fand ich ehrlich gesagt sehr gelungen und dramatisch inszeniert. Sie ist inszeniert wie ein Film, und das ist für diese Zeit schon sehr bemerkenswert. Dorian stirbt. So endet halt jedes Leben. War es Selbstmord, als er sein Bildnis tötete? Wusste er, dass er damit sterben würde? Aus christlicher Sicht ist seine Seele ohnehin verloren und landet auf ewig in der Hölle, und das Böse wird gesühnt – das ist somit gerecht. Aus anderer Sicht könnte es auch eine Erlösung oder Flucht sein, endlich von seinen Ängsten und Zwängen befreit zu werden. Oder es könnte sogar einen psychologisch-integrativen Ansatz aufzeigen. Oder die Hoffnung auf eine Wiedergeburt (nach so einem Leben vermutlich als Wurm – andere Moral).

Annette

Die Frage nach der Gerechtigkeit finde ich schwer zu beantworten.
Wäre es gerechter, wenn er für seine Missetaten verurteilt worden wäre?
Da er meistens keinerlei Verantwortung für seine Handlungen übernimmt und es ihm sehr leicht fällt, alle Schuld von sich zu weisen, fehlt komplett das Motiv der Einsicht und eventuellen Läuterung.
Zwar ist ihm von Zeit zu Zeit bewusst, dass er seinen Mitmenschen mit seiner Art zu Leben Schaden zufügt, aber da er auch Dank seines Vermögens immer damit durchkommt, besteht für ihn keine Notwendigkeit, sein Verhalten zu ändern.
Insofern konnte das Buch eigentlich nur mit dem Tod enden.

Irene

Wie schon in meiner Antwort zu Frage 2 erwähnt: in irgendeiner Form muss man immer die Konsequenzen seines Tuns tragen. Es mag lange gut gehen, aber irgendwann trifft es einen doch.
Die zweite „Botschaft “ ist meiner Meinung nach, dass der äußere Schein täuschen kann. Viel wichtiger ist, was sich hinter der Fassade verbirgt.

Saru

Als ich es zum ersten Mal las, war ich von der Geschichte überrascht und einfach nur begeistert. Die Sprache, die Idee und die Dialoge … Dieses Mal hatte ich mehr Kapazität, zwischen den Zeilen zu lesen und durch die Fragen und den Austausch kritischer hinzuschauen. Es lohnt sich, ein Buch wie dieses ein zweites Mal zu lesen – es hat mich auf andere Weise berührt. So gesehen mehr eine Botschaft an mich selbst über das Bücherlesen.

Karo

Jenseits der direkt angesprochenen Themenpole Gut-Böse, Schein-Sein und Jugend-Alter blieb für mich nach der Lektüre die Frage, ob ästhetisches Empfinden und die Suche nach glücklich machenden Sinneserfahrungen tatsächlich moralisch neutral, also außerhalb einer ethischen Bewertung stehend, möglich sind .Ich finde, die im Roman dargestellte Lebensentwicklung Dorians verneint diese Frage, und das stört mich irgendwie, – ganz gleich ob Wilde diese Botschaft tatsächlich so transportieren wollte oder nicht. Denn ich denke, moralische Kategorien sind immer im Umgang mit Menschen von Relevanz; Ästhetik und Hedonismus kann aber auch ganz außerhalb von zwischenmenschlichen Erfahrungen erlebt werden, oder eben im Einklang mit anderen Menschen. Also das ist eine Botschaft, die ich eben genau nicht aus dem Buch mitnehme 😉

Annette

Schönheit und Jugend sind nicht das oberste und wichtigste Ziel im Leben – auch wenn uns das, wenn wir jung sind, oftmals so erscheint.
Aber Dorian Gray wird praktisch nie richtig erwachsen und, obwohl er so viel Wissen ansammelt, wie ihm möglich ist, auch nicht vernünftig, weshalb ihm ein Verantwortungsbewusstsein fehlt. Er handelt impulsiv, aus seinen Launen heraus, und Lord Henry befeuert das auch noch durch seine Bewunderung.
Ein Leben kann nicht nur mit der Schönheit (und da fällt auch noch eine klare Definition schwer…) als Leitwert gelebt werden.

Irene

Ohne wenn und aber eine glatte Eins. Die Geschichte ist toll, die Erzählweise grandios, ich fühlte mich beim Lesen fast, als wäre ich dabei gewesen. Und die Sprache zum Verlieben.
Ein tolles Buch, dass ich sicher noch einmal lesen werde.
Vielen Dank, dass du mich mit der Leserunde dazu gebracht hast, es endlich zu lesen.

Saru

Ich bin vom Buch nicht nur enttäuscht. Neben der tollen Sprache und der guten Unterhaltung finde ich vor allem die Idee faszinierend: einen unerwünschten Anteil seines Seins abzuspalten, ihn extern auf einer Leinwand zu halten und zuzusehen, wie er sich unabhängig vom eigenen Körper entwickelt … Das ist schon eine sehr moderne psychologische Perspektive. Ebenso die Folgen: die existenziellen Ängste, denen sich Dorian deshalb nie stellen muss und mit denen er somit auch nicht umzugehen lernt – das Älterwerden, der Verfall des Leibes, der Tod. Unabhängig von Schuld und Sühne zeigt der Roman, dass Dorian in seiner Entwicklung stecken bleibt und sich mit seinen Gedanken und Obsessionen im Kreis dreht. Erst die Angst vor dem Verlust der Jugend, dann die Angst vor Tod und Verfall – er hat keine Chance, diese zu bewältigen, weil er sich ihrer nicht annimmt (so die Theorie). Und das war sicher sehr innovativ damals und gut erzählt. Das Gedankenexperiment ist aus meiner Sicht sehr gelungen.

Karo

Dem schließe ich mich an 🙂

Annette

Dem kann ich auch nur zustimmen!
Das Buch ist eine gelungene Versuchsanordnung, in der Oscar Wilde die Tendenzen seiner Zeit und wahrscheinlich auch seines Lebens ausformuliert hat.
Es war unterhaltsam zu lesen und ist in sich stimmig, darum würde ich eine 1-2 geben.

Karo

Ich mochte das Buch vor allem in den Zwischenkapiteln sehr. Am Anfang fand ich die sarkastischen Aussagen des Lord Henrys irgendwie „too much“ und „too cool“, am Ende wurde es mir zu moralisch-eng, auch wenn es an Spannung gewonnen hat (also Schulnote 2-3) .Trotzdem bleibe ich Oscar Wilde-Fan und finde sehr schade, dass er nur diesen einen Roman geschrieben hat. Ich würde gern noch viel mehr von ihm lesen und bedaure sein dramatisches frühes Lebensende sehr.

Julie

Für mich käme eine 2+ raus. Dass der Schreibstil erste Klasse ist, muss ich gar nicht erwähnen. Doch wie Dorian dann am Ende stirbt schlichtweg durch selbstmord steht für mich ein wenig im Zwiespalt zur Moral. Er hatte solange mit seinen Sünden gelebt, für mich würde es sich mehr erschließen, wenn ihn am Ende jemand anderes töten, wie etwa James Vane. Trotzdem ein sehr gelungenes Buch!

Saru

Danke dir, Alex, für deine Zusammenfassungen und Gedanken, die mich zu eigenen Denkprozessen angeregt haben. Das fand ich wunderbar.

Annette

Lieber Alex,
ein ganz herzliches Dankeschön für diese Leserunde!
Deine Zusammenfassungen und Einordnungen haben mir sehr geholfen, den Text intensiver zu lesen und der Gedankenaustausch mit den anderen Leserinnen und Lesern war unglaublich bereichernd!
Dies ist ein ganz tolles Format, und ich werde sicher bei anderen Runde wieder teilnehmen!

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