Klassiker des Monats • Oktober 2026

JENNY

Fanny lewald

Woche 1

Kapitel 1–9

Was diese Woche geschah

Wir lernen unser Personal kennen. Die Hauptperson Jenny hat gleich zwei Probleme (die eigentlich gar keine Probleme sind). Ein Arzt bezirzt seine minderjährige Patientin, ein Lehrer seine Schülerin. Sonst aber alles cool & normal im Jahre 1832…

Königsberg um 1850

Der Roman eröffnet mit einer Art „Salongespräch“ nach einem Theaterbesuch im Jahre 1832. Wir lernen den Maler Erlau kennen, einen Freigeist. Sein Antipode im Gespräch ist Ferdinand Horn, Sohn eines reichen Kaufmanns und ein voller Vorurteile gegen die Juden. Das Gespräch kommt auf die Familie Meier, Bankiers, und deren Kinder Eduard und Jenny. Der anwesende Theologiestudent und Hauslehrer der Meiers, Reinhard, verteidigt die Familie.

Beim Schwenk ins Innere des Hause Meiers erfahren wir, dass Jenny neben dem „Nachteil“ ihrer Volks- bzw. Religionszugehörigkeit auch noch eine weitere „Problematik“ mitbringt: Sie ist nicht so fügsam, wie es die Männerwelt gerne sähe.

  • Dies ewige ich will und ich will nicht, dies Unfügsame in deinem Wesen, das ist es, was mich über dich besorgt macht.

    – Jennys Mutter (Kapitel 2)

Jenny und ihr älterer Bruder haben eins gemeinsam: Die Erfahrung des Ausgeschlossenseins. Eduard ist ein talentierter Arzt – als Jude jedoch bleibt ihm die Krankenhausleitung verwehrt. Jennys findet in der Schulzeit keine Freundinnen, weil deren Eltern den Umgang mit einem jüdischen Mädchen verbieten.

Zwei love stories bahnen sich an: Reinhard und Jenny verlieben sich beim Hausunterricht, Eduard und Clara Horn bei den Arztbesuchen anlässlich des verknicksten Knöchels der jungen Dame. Clara ist eine Art Gegenentwurf zu Jenny: Blond, protestantisch, äußerst demütig und bescheiden. Beide love stories stehen vor der Hürde der unterschiedlichen Religion, Reinhard ist zusätzlich noch gesellschaftlich auf niedrigerem Rang.

Hauslehrer mit zwei jungen Schülerinnen. Carl Wilhelm Hübner (1864)

Dennoch wird es bei Jenny und Reinhard ernst: Nachdem sie sich im Theater (ein gutes Omen?) ihre gegenseitige Liebe kraft ihrer Blicke gestanden haben, trifft der zweifelnde Reinhard den Entschluss: Er wird Jenny einen Antrag machen. Ihre Konversion ist ihm dabei offenbar eine Selbstverständlichkeit…

Was lesen wir hier eigentlich?

Fanny Lewald ist kein Name, den man nach einem Germanistikstudium zuverlässig kennt. Im Gegenteil. Mir ist die Autorin nie begegnet, bevor im letzten Jahr jemand den Roman »Jenny« bei Instagram vorstellte.

Dabei war Lewald zu ihrer Zeit enorm erfolgreich. Sie war eine der ersten Schriftstellerinnen, die ihr Geld mit dem Schreiben verdienten. Ihre Reisebeschreibungen waren beliebt und ihre Texte zu Frauenrechten gehören zu den wichtigsten Dokumenten des frühen deutschsprachigen Feminismus. An ihrem Beispiel kann man sehen, wie Klassiker entstehen oder eben nicht entstehen, wie sich Spuren verlieren und später wieder entdeckt werden.

Fanny Lewald (1848)

Wer war Fanny Lewald? Ähnlich ihrer Protagonistin Jenny wurde Fanny in ein jüdisches Elternhaus geboren. Ihr Vater war Kaufmann in Königsberg. Um seinen beiden Söhnen und seiner Töchter sozial bessere Chancen zu eröffnen, ließ er sie zum Christentum konvertieren. Fanny wurde von einem jungen Theologen umworben, auch das kommt uns bekannt vor. Zu einer Hochzeit kam es nicht, der Vater lehnte es ab, der junge Mann starb an einer schweren Krankheit.

Die Liebe ihres Lebens war zunächst eine »wilde«: Fanny Lewald lernte mit 34 Jahren bei einem Italienaufenthalt den Lehrer und Schriftsteller Adolf Stahr kennen. Stahr war verheiratet und hatte Kinder. Ein Jahrzehnt lang reisten die beiden als Paar, doch Stahr trennte sich lange nicht definitiv von seiner Familie. 1855 heirateten sie schließlich doch noch, Fanny war 44 Jahre alt.

Als Fanny 1845 Adolf Stahr in Rom kennenlernte, hatte sie sich bereits einen Namen gemacht. Ihre ersten beiden Romane – »Clementine« und unsere »Jenny« – erschienen zwar anonym. Mit »Jenny« erlebte sie jedoch den literarischen Durchbruch. Danach war sie eine gefragte Autorin und konnte sich das Reisen durch Europa leisten.

Fanny Lewald (1851)

Ihr Lebensmittelpunkt wurde Berlin. Dort führte sie auch einen literarischen Salon, in dem sich neben Henriette Herz und Rahel Varnhagen von Ense auch der junge Theodor Fontane bewegte. Nach »Jenny« hat sie noch 24 weitere Romane geschrieben. Wer also Lewald-Fan wird, hat noch viel zu entdecken.

Trotz ihres Publikumserfolgs wurde Fanny Lewald relativ bald vergessen. Das hat mit den strukturellen Schwierigkeiten zu tun, als Frau in den Kanon der Literaturgeschichte zu gelangen. Und mit ihrem jüdische Hintergrund – mit dem wachsenden Antisemitismus wurde ihr Interesse an der sozialen Emanzipation der Juden skeptisch gesehen.

Heute sind es nicht zuletzt diese beiden Erfahrungen, die Fanny Lewald wieder in den Fokus gerückt haben: Sie erzählt davon, was es heißt, als kluge Frau in einer Männerwelt den eigenen Weg zu gehen. Wie viel Durchsetzungskraft und Resilienz dazugehört. Außerdem weiß sie vom Dazugehören und doch nicht richtig Dazugehören jüdischer Menschen um 1840 aus erster Hand zu berichten. Beides tut sie nie selbstmitleidig, mit wachem Blick und einem Gespür für Ambivalenzen.

Ich bin gespannt, welchen Eindruck der Roman auf uns macht – fast 200 Jahre später. Eines ist sicher: Es steckt viel selbst Erlebtes darin

Anregungen zum Gespräch

Unbekanntes Land: Das gilt für jedes neue Buch, nicht immer allerdings für Klassiker, deren Ruf und manchmal auch Handlung ihnen bereits vorauseilt. Nicht so hier. Ich bin gespannt, wie du ins Buch hineingekommen bist.

Anstöße zum Gespräch findest du im Kommentarbereich am Ende der Seite. Dort kannst du entweder per Antwort reagieren oder ein neues Thema anfangen.

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21 Kommentare
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Irene

Ich bin Irene, das ist bereits meine vierte „kleine “ Leserunde. Zuletzt habe ich hier „Das Bildnis des Dorian Gray “ gelesen, ich lese aber parallel mindestens ein weiteres Buch der zeitgenössischen Literatur, zurzeit „Böse Herzen “ von Karen Rose und „Die geheimnisvollen Briefe der Margaret Small“ von Neil Alexander

Saru

Ich bin Saru und lese gerne wieder mit. In der Leserunde zu „Das Bildnis des Dorian Gray“ war ich auch schon dabei. Gleichzeitig lese ich gerade noch „Trophäe“ von Gaea Schoeters.

Ewa

Interessant! Nachdem ich ein wenig über ‚Trophäe‘ gelesen habe, bin ich zugleich neugierig geworden und ein bisschen skeptisch. Wie ist es denn eigentlich – lesenswert oder eher etwas, das man auch guten Gewissens auslassen kann?

Zuletzt bearbeitet am 4 Tage vor von Ewa
Ewa

Ich bin Ewa, habe hier schon eine Weile mitgelesen, nun wage ich mich doch einmal mit ein paar Zeilen hervor. Vor ‘Jenny’ habe ich den Briefwechsel zwischen Stefan Zweig und Hermann Hesse gelesen – überraschend leicht, herzlich und voller Freude.

Zuletzt bearbeitet am 4 Tage vor von Ewa
Julie

Hallo ich bin Julie, 20 Jahre alt und habe mein Abitur letztes Schuljahr gemacht und mache zurzeit ein Gap Year. Literatur interessiert mich schon lange und ich finde es super, hier weiterhin gemeinsam mit anderen Lesen zu können! Mein letztes Buch war Das Bildnis des Dorian Gray, zeitgleich habe ich aber auch I who have never known man gelesen

Susanne

Ich musste mich erst ein wenig in die Sprache einfinden, bin jedoch mittlerweile recht angetan von diesem Roman.

Irene

Ich musste mich ebenfalls erst in die Sprache einfinden. Ganz am Anfang fühlte ich mich ein bisschen an Jane Austen, „Stolz und Vorurteil „, erinnert, das veröor sich allerdings schnell.
Mir gefällt das Buch und ich bin gespannt, wie es weitergeht

Julia

Ich bin sehr gut in das Buch hinein gekommen. Ich war etwas überrascht vom Schreibstil, hat trotzdem für mich sofort sehr gut funktioniert. Es gefällt mir bisher sehr gut und einen neuen Autor oder Autorin zu entdecken hat immer etwas von einer Reise in ein neues exotisches Land; also vielen Dank für die Gelegenheit hierzu durch den Klassiker Club! Von alleine hätte ich das Buch nicht gelesen.

Saru

Obwohl mir der Einstieg sehr leichtgefallen ist, stolpere ich hin und wieder über die eine oder andere befremdliche Wortwahl, die auf ein Menschen- und Weltbild hindeutet, das sich inzwischen gewandelt hat.

Ewa

Rein sprachlich kann man überraschend leicht hineinkommen, auch wenn sich die Sprache (kein Wunder) mittlerweile geändert hat. Allerdings stolpere ich auch ab und zu über die Wortwahl, die z.B. auf eine bestimmte Denkweise über Geschlechterrollen hindeutet.

Julie

Im Vergleich zu Das Bildnis des Dorian Grays ist die Sprache hier doch deutlich komplexer. Trotzdem habe ich mich relativ gut eingefunden!

Irene

Inhaltlich eigentlich nichts so sehr, aber die Schreibweise hinsichtlich der Grammatik. Die Zeichensetzung ist für mich sehr ungewöhnlich und ich hatte am Anfang Schwierigkeiten damit

Julia

Mich hat sehr überrascht, wie stark der Antisemitismus damals von den Betroffenen empfunden wurde. Ich habe zwar Geschichte studiert und dabei einen Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert gehabt, daher ist mir das Thema selbstverständlich nicht fremd, es jetzt aber auf so eine persönliche Art durch einen Roman, einmal sozusagen direkt aus der Perspektive von Betroffenen zu lesen, vertieft das Thema noch mal sehr. Es erschreckt und betrübt mich dann doch sehr, wie sehr es sich im persönlichen Leben ausgewirkt hat. Und leider scheint es mir wieder aktuell zu werden, was mich dann noch mehr erschrickt. Für die Zeit ab 1933 kennt man ja viele Texte und Berichte von Betroffenen, was auch jedes Mal sehr erschütternd ist, aber das es eben doch auch schon 1832 so präsent war, diskriminiert zu sein, weil man Jude ist, hatte ich so stark nicht erwartet.

Saru

Es ist fantastisch, zu wissen, dass dieses Buch von einer Autorin geschrieben wurde, die damals gelebt hat. Eine Augenzeugin! Ihre Perspektive, ihre Haltung und ihr Humor scheinen durch die Zeilen. Ist es nicht etwas besonders, dass sie bei der direkten Rede auf die Zeichen verzichtet? Ich bin auf vielen Ebenen überrascht: die leichtfüßige Sprache, der manchmal amüsierte Plauderton, die detaillierte Beschreibung der Gesichter samt Urteil, ob attraktiv oder nicht, die manchmal gleich auch eine Zuordnung zu einer ethnischen Herkunft enthält und aus Kleidung und Gebaren Rückschlüsse auf den Charakter zieht. Ich bin auch überrascht, wie die Autorin den Lebensweg, die Kindheit und den familiären Umgang als Ursache für die unterschiedlichen Charaktere heranzieht. Vor allem bei der fügsamen Clara und der selbstbestimmten Jenny, aber auch bei Eduards innerer Opposition oder bei Claras verwöhntem Bruder. Und trotz des manchmal amüsierten Plaudertons – oder gerade deswegen – fiel es mir schwer, auszuhalten, wie offensichtlich der Antisemitismus in der Gesellschaft etabliert war und wie selbstverständlich Männer über das Wohl und das Leben der Frauen bestimmten. Schwer auszuhalten waren für mich auch die Diskussionen der Männer darüber, wie „Figaro“ den Charakter einer Frau verderbe, und zu sehen, wie sich die lebensbejahende Jenny verbiegen will, um Gustavs engstirnigen Werten gerecht zu werden.

Saru

„… hat sich das schöne Mädchen schwer beschädigt?“ – „Ich würde es sehr bedauern, wenn sie nicht völlig herzustellen wäre.“ Diese zwei Aussagen über Claras Verletzung haben mich zum Schmunzeln gebracht, weil sie eher an eine Maschine als an einen Menschen erinnern.

Zuletzt bearbeitet am 5 Tage vor von Saru
Ewa

‚…und der Mond dünkte ihm ein klares, lichtes, unerforschliches Auge zu sein, das auf das wilde Meer seines Lebens besänftigend herniederschaute.‘
An und für sich bin ich kein großer Fan emotionaler Umgebungsbeschreibungen, aber diese hier fügt sich so nahtlos in die Szene ein und spiegelt das Innere des Mannes wider..

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