Zur Einführung: Irmgard Keun

Wie immer im Klassikerclub gilt die Voraussetzung: Du musst nichts über Autor:in und Werk wissen. Das Buch steht im Mittelpunkt. Du kannst einfach mit Lesen anfangen. Für Neugierige im Folgenden einige Infos zur Orientierung.

1. Irmgard Wer? Eine fast Vergessene.

Irmgard Keun ist noch immer weitgehend unbekannt. Und das, obwohl sie nicht nur eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Zeit war, sondern auch die Wertschätzung großer Kollegen wie Kurt Tucholsky und Joseph Roth genoß. Immerhin: Im Ullstein Verlag gibt es viele ihrer Bücher in aktuellen Ausgaben. Das zeigt: Es gibt ein neues Interesse, und das zurecht. Denn Irmgard Keun ist die vielleicht “witzigste Autorin der Weimarer Republik” (Eva Pfister). Ihr großes Talent ist die Kombination aus genauer Beobachtung und satirischer Zuspitzung.

Als Irmgard Keun 1931 mit »Gilgi« einen Überraschungserfolg landet, ist sie 26 Jahre alt und hat gerade ihre Schauspielkarriere erfolglos beendet. Auf dem Schirm hatte sie also niemand im Literaturbetrieb, vielleicht nicht einmal sie selbst. Ihr Ton und ihr Thema treffen einen Nerv: Sie schreibt über eine einfache Angestellte, »eine von uns« wie der Untertitel sagt, und das in einem so frechen, selbstbewussten, schnoddrigen Stil, dass sie bei der Leserschaft großen Anklang findet.

Auf »Gilgi« folgt »Das Kunstseidene Mädchen«, ein noch größerer Erfolg. Irmgard Keun gelingt es, das Lebensgefühl der 1920er in ihren Frauenfiguren zu kristallisieren. Hier sind junge Damen nicht auf dem Sprung in die Ehe und an den Herd. Sie erproben dieselben Freiheiten, wie junge Männer sie schon lange haben. Dass das nicht einfach glücklich und harmonisch endet, gibt ihren Geschichten Tiefe.

Mit dem Nationalsozialismus enden die liberalen Weimarer Jahre. Frivole Großstadtromane gelten nun als “Asphaltliteratur”, weil ihnen die Verwurzelung im herbeigeraunten “deutschen Wesen” fehle. Keuns Bücher werden verboten, das Schreiben und Publizieren zunehmend schwer gemacht. 1936 geht sie ins Exil.

Nach dem Krieg kehrt Irmgard Keun nach Deutschland zurück. Doch der Faden zum Erfolg ist abgerissen. Die Welt der 1920er kehrt mit dem Ende der Diktatur nicht zurück. Im Biedermeier der Wirtschaftswunderjahre wird Keun vergessen. Ihren letzten Roman schreibt sie 1950.

Literaturwissenschaftlerinnen, die es sich zur Aufgabe machen, weiblichen Stimmen in der Literatur Gehör zu verschaffen, entdecken sie in den 1970ern wieder. Irmgard Keun darf die späte Anerkennung noch miterleben, bevor sie 1982 im Alter von 77 Jahren stirbt. Ihr »Kunstseidenes Mädchen« ist heute Schullektüre.

2. Der Antinazi-Roman

Als es mit der Machtübernahme der Nazis eng wird für Irmgard Keun, ist klar: Der nächste Roman kann kein kesses Mädchenschicksal mehr erzählen. Die Zeiten haben sich zu sehr verändert.

Im Mittelpunkt steht zwar wieder eine junge Frau. Doch der Schwerpunkt verschiebt sich auf das, was sie wahrnimmt: Den Faschismus im Alltag und den alltäglichen Faschismus.

Keun bleibt bei ihrem Thema, dem Milieu der Angestellten, der Arbeiter und ‘kleinen Leute’. Sie beschreibt die Haltungen, aus denen sich die Diktatur speist. Sie zeigt, wer profitiert, wer sich endlich breit machen kann und wer an den Rand gedrängt wird. Das Schreiben ist ihre persönliche Art des Widerstands:

Es mag dir pathetisch klingen, aber ich betrachte es als heilige Aufgabe mitzuhelfen in meiner Art im Kampf gegen das Nazitum.

Brief an Arnold Strauss, 5./6.5.1936

Als der Roman 1937 in Amsterdam erscheint, wird er im Ausland mit riesigem Interesse aufgenommen. Übersetzungen ins Englische, Dänische, Niederländische folgen. Keun bietet einen propagandafreien Einblick in das Leben des Nazi-Staats, der sonst nur schwer zu bekommen ist. Dafür wird sie auch von den Künstlerkolleg:innen im Exil mit Spannung gelesen.

Irmgard Keun war von Anfang an überzeugt von diesem Buch. In der Konzeptionsphase schreibt sie an ihren Geliebten, den jüdischen Arzt Arnold Strauss: »Na, und dann eben der Roman. Du wirst begeistert sein – und wenn du’s nicht bist, dann bist du furchtbar dumm und unrettbar sentimental.«

3. Leitfragen zur Lektüre

Zum Start in die ersten beiden Kapitel des Buches gebe ich gerne wieder einige Leitfragen mit auf den Weg. Sie helfen vielleicht, etwas in das Buch hineinzukommen und sich vorzuwärmen für die Diskussion.

  • Hauptfigur: Welchen Eindruck macht die Protagonistin Sanna? Was bedeutet es für uns, die Welt durch ihren Blickwinkel wahrzunehmen?
  • Nebenfiguren: Der Roman ist kurz, die Figuren müssen mit Bedacht gewählt werden. Welche Aufgaben erfüllen die Nebenfiguren? Was zeigen sie?
  • Erzählwelt: Wo spielt die Erzählung? Welche Welt baut sich vor unseren Augen auf?
  • Stil: Welche Sprache spricht das Buch?
  • Satire: Woran wird die Haltung der Autorin gegenüber den Herrschaftsverhältnissen deutlich?

4. Keuns Humor: Eine Kostprobe

Berühmt wurde Keun mit ihren unverblümten Frauenfiguren und ihrem humorvollem Blick auf das Verhältnis der Geschlechter. Dafür ist naturgemäß in »Nach Mitternacht« nicht ganz so viel Raum, weil die Atmosphäre vom Ernst der Zeit mitbestimmt wird.

Wer eine konzentrierte Kostprobe ihrer launigen Seite wünscht, dem empfehle ich ihr »System des Männerfangs«, in dem sie eine Anleitung zum gezielten Umgang mit dem anderen Geschlecht gibt:

»Allgemeine Regeln: der Eitelkeit des Mannes Futter geben. Sein Selbstgefühl stärken, ihn stolz sein lassen auf sich. Ihn verstehen, wenn er verstanden werden will, und im richtigen Moment stoppen – mit dem Verstehen. Ein Mann wünscht nicht bis in die letzten abgründigen Tiefen seines einmaligen Innenlebens begriffen zu werden von einer Frau – er könnte sonst merken, daß es nicht so unerhört einmalig ist, und das würde er sehr übel nehmen. (…) Unbedingt und immer über dasselbe mit ihm lachen – sonst ists Essig mit der erstrebten Gemeinsamkeit. Sich politisch aufklären lasen. Sehr dumm sein, aber sehr intelligent fragen.«

Aber Obacht: »Dieses Rezept ist unvollkommen und versagt vollständig, wenn die letzte individuelle Behandlung fehlt. Es gibt nur eine Regel, die unter allen Umständen zu befolgen ist: selbst nicht verliebt sein, denn dann macht man alles falsch.« (Keun, Das Werk, Bd. 1, 227.231)

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