Etappe 3: Kap. V-VI

1. Rückblick

»Heimat ist da, wo man gut behandelt wird.« (Claassen, 115)

Sanna sucht nach dem Abend im Henninger Bräu eine weitere Kneipe auf. Es ist inzwischen “Nach Mitternacht” (vgl. Beginn Kap. III). Die Frau ihres Stiefbruders Algin, Liska, hat Sanna gebeten, den Journalisten Heini dort aufzusuchen; sie erhofft sich dessen Besuch auf ihrer Feier am darauffolgenden Abend. Heini ist ein Trinker und gnadenloser Satiriker, der keine Rücksichten kennt.

Eingebettet in Heinis zynische Reden ist die Beziehungsgeschichte zwischen Algin, Liska, Heini und Betty Raff, eine alte Freundin Liskas. Algin ist ganz vom inneren Konflikt eines Schriftstellers im NS-Regime beansprucht: Anpassung oder Haltung? Liska will von Politik nichts wissen, die Ehe bröckelt, Betty Raff wirkt als “giftiger Keil”, bestärkt Liska in der Verliebtheit zu Heini und nähert sich Algin.
Heinis Monologe drehen sich um die Frage der Kompromisse mit dem System. Dem jüdischen Arzt Breslauer empfiehlt er die Flucht, dem Schriftsteller Algin wirft er dessen “lächerliche Konzessionen” vor, inszeniert eine makabre Verbrüderung des glühend antisemitischen “Stürmermanns” mit Breslauer.

Sanna ist in diesen Kapiteln stille Beobachterin. Was sie sieht und hört, ist verwirrend und schwer zu ertragen:

»Und nun möchte ich weinen, denn ich verstehe wirklich nichts, und ich glaube auch nicht, daß ich was verstehe, wenn ich alt werde. (…) Ich will geliebt werden, alle wollen geliebt werden, auf tausend Menschen, die geliebt werden wollen, kommt vielleicht einer, der lieben will. Vater unser … mein Herz ist ein Klumpen Trauer.« (Claassen, 139)

Übrigens: Während der Abfassung von »Nach Mitternacht« hatte Irmgard Keun zwei wichtige Männerbeziehungen: Eine zu Arnold Strauss, einem jüdischen Arzt, der in die USA emigrierte. Die andere zum großen Schriftsteller Joseph Roth, den sie einmal als »unendlich klug, unheimlich genial, zuweilen bösartig, boshaft« beschrieb. Beide verband das Schreiben, der Alkohol und – die Geldknappheit.

2. Anregungen zum Gespräch

Zur Strukturierung unseres Gesprächs biete ich wieder einige Gesprächsfäden an, die du unten in den Kommentaren wiederfindest:

  1. Die Figur Heini: Er ist Dreh- und Angelpunkt dieser beiden Kapitel. Welchen Eindruck hat er auf dich gemacht, welchen Typ zeichnet Keun hier?
  2. Die Beziehungsgeschichte: Status “es ist kompliziert”. Welche Bedeutung hat die Schilderung der Beziehungen rund um Betty Raff, Liska und Heini für dich?
  3. Stimmung: Wie würdest du die Stimmung in diesen Kapiteln beschreiben?
  4. NS-Zeit: Die Nazis spielen eine weniger deutliche Rolle als in unseren Etappen 1 und 2. Wo und wie spielt das Regime eine Rolle?
  5. Zitat der Woche: Ein Zitat für dein Notizbuch.

3. Keuns Kunst: Die Personen-Miniatur

Irmgard Keun ist eine großartige Beobachterin. Das kommt bei uns Lesern nur deshalb an, weil sie auch großartig im Schildern ist. Mir ist das besonders bei ihren prägnanten Personenbeschreibungen aufgefallen. Mit nur wenigen Sätzen lässt sie lebendige Figuren vor unserem inneren Auge entstehen.

»Frau Winter weiß viel. (…) Obwohl sie schwerhörig ist, hört sie immer noch genug von dem, worauf es ankommt. Sie ist klein und flink, mit roten Haaren und breiten blassen Lippen. Eilig sind ihre Blicke und Schritte.« (Claassen, 123)

Auffällig ist die Rolle des Körpers in ihren Beschreibungen: Das Innere kommt übers Äußere. Gesicht und Gestalt, Gestik und Mimik verraten etwas über eine Person; auch das, was sie vielleicht lieber verbergen würde:

»Sie [Betty Raff] ist lang und dünn mit einem ganz kleinen Kopf. Sie hat eine grünlich-braune Hautfarbe, unerhört neugierige braune Quellaugen in einem spitzmäusigen Gesicht, aalglatt zurückgekämmtes braunes Haar und glibberig kalte magere kleine Froschhände.« (104)

Dass von dieser Person wenig Gutes zu erwarten ist, muss nicht eigens gesagt werden. Schon die dominante Farbe Braun lässt vermuten, wo sie politisch steht.


Die für mich vielleicht schönste Personenbeschreibung ist Sannas erster Eindruck ihrer Jugendliebe Franz:

»Lang war er und dünn, mit geduldigen Schultern. Er hatte ein blasses ernstes Gesicht, seine Stirn schien mir sanft und nachdenklich, ohne mir aufzufallen. Augen, Stirn, Mund, Schultern – verschwommen, zerronnen, zerrinnend sah ich alles. Klar und fest sah ich nur den hellen, heftig roten Seidenschal, den er trug. Lächerlich schien er mir, welcher Mann trägt denn sowas? Dann sah ich die Arme des Mannes. Lang und traurig hingen sie an ihm herab wie die Arme gefangener Affen (…). (62)

Franz lebt mit der von seiner Mutter ständig erneuerten Schuld am Tod des kleinen Bruders. Aber einst hat er einem Menschen auch das Leben gerettet, als er seinen angefahrenen Freund Paul gerade noch rechtzeitig von der Straße zog. Dieser schenkte ihm aus Dankbarkeit: seinen roten Schal. (75f.)

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Saru

Ein Satiriker, der scheinbar vor nichts Angst hat. Als ob er, bzw. alle, nichts mehr zu verlieren hätten. Vielleicht kommt er aus einer kommunistischen Haltung heraus? Die Figur zeigt einem auch verschiedene Perspektiven auf – zum Beispiel als er Dr. Breslauer “zurechtweist” er solle nicht jammern, er würde ja einfach nach Amerika auswandern und hätte schon eine Arbeit. Er würde die Armen bedauern, die ohne Geld keine Chancen hätten und nicht flüchten könnten…

Natalie

Heini ist (unerträglich) zynisch. Beobachtet das Regime und dessen Machenschaften genau. Die Gefühlswelten seiner direkten Mitmenschen nimmt er hingegen gar nicht wahr. Warum fährt Liska so auf den ab?

Saru

Das könnte gut sein. Er ist ein scharfer Beobachter und scheint desillusioniert zu sein. Irgendwie auch verzweifelt, da nirgendwo ein Funke Hoffnung durchscheint.

Elke

Er ist mir nicht direkt unsympathisch. Aber wie Andere schon schrieben, er ist ein großer Zyniker. Seine Unterhaltung mit Dr. Breslauer traf es für mich schon auf den Kopf. Die Armen ziehen so oft den kürzeren.
Hart auch die Aussage zu Bertchen Silas – er hätte in ein paar Jahren Breslauer der Vergewaltigung beschuldigt ist schon harter Tobak (Ullstein, S. 97).

Natalie

Ich habe keine Idee welche größere Bedeutung diese Beziehungskrise spielt. Möchte nur erwähnen wie herrlich verrückt ich Liska finde mit ihrem ausgiebigen Kranksein und den Bädern in gemütlicher Runde.

Elke

Mir ging diese Beziehungskiste etwas auf die Nerven. So recht weiß ich nicht, wo das hinführen soll(te). Hätte darauf komplett verzichten können, um ehrlich zu sein.

Martina

Spontan fällt mir zu Betty Raff eigentlich nur ein: “das Gegenteil von gut, ist gut gemeint”. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob diese Einmischung wirklich gut gemeint ist, oder sie es etwa auf Algin abgesehen hat, oder doch nur ihrem verletzten Ego frönt, seit ihr schweizer, vegetarischer Verehrer mit ihrer fleischessenden Schwester “entlaufen” ist.

Saru

Es ist als ob wir uns nun in einer Schattengesellschaft befänden. Die Tische ohne Tischtuch, nur Bänke und buntgemischtes Publikum – jedoch keine überzeugten Nazis. Sondern einfach Menschen (präzise gezeichnet), die sich irgendwie durchwursteln: Ein egozentrischer Schriftsteller, der sich selbst gerne reden hört – und vor nichts Halt macht, mit seinen Verrissen – Hauptsache Publikum. Ein schwuler Gitarrist, ein jüdischer Arzt. Der ängstliche Mannenscheid, ein verzagter Algin, und die romantische Liska, die mit der Härte der Welt nicht zurecht kommt – und auch nicht mit dem Desinteresse ihres Angebeteten. Es ist eine tragische Sinfonie von Menschen, die ihr Leben in einer zerstörerischen Gesellschaft leben. Der Wirt verabschiedet sich mit grüss Gott, heil Hitler… wenig Überzeugung, mehr Anpassung…

Natalie

Die Stimmung wird drückender. Der Wirt, der nach und nach die Lichter löschte, lies es auch immer düsterer werden.

Martina

Mir drängte sich eine traurige, pessimistische Stimmung auf, in der alles bereit verloren erscheint. Wie Saru unten schon treffend formulierte, als Handlungsalternativen boten sich nur “Anpassen, Flüchten oder Rebellieren” an.

Saru

Das neue Rassengesetz ist seit einiger Zeit in Kraft, verbreitet eine Atmosphäre von Angst, Misstrauen. Die Menschen entwickeln Strategien, mit den sich ausbreitetenden Regeln zurecht zu kommen. Der jüdische Arzt wandert aus, Algin versucht sich an nazikonformen Gedichten. Anpassen, Flüchten oder Rebellieren?

Martina

Sehr treffend formuliert!

Elke

Es wird deutlich, wie die Nazis in die Lebensläufe eingreifen: Dr. Breslauer und Emigartion, Algin und seine verbotene Literatur. “Vielleicht würde es ihn retten, wenn er jetzt ein längeres Gedicht auf den Führer macht, was ihm bisher immer noch widerstrebte.” (Ullstein, S. 113)

Saru

Das wäre mein Zitat gewesen für diese Woche, aber ich habe noch eines: “Eine leimige Müdigkeit hat uns zusammengeklebt, nur mit Anstrengung können wir uns voneinander lösen.”

Natalie

Als der große Zyniker dieser Kapitel verdient Heini wohl das Zitat der Woche: “Schade, dass alle diese rührenden Menschen einander umbringen wollen.”

Elke

“Es wird Frühling. Alles Tote fängt an zu leben. Wozu? Nur um wieder zu sterben?” Ullstein, S. 122

Antje

Für mich ist es Heini, der Zyniker: “Ein vollkommenes Land braucht keine Schriftsteller. Im Paradies gibt es keine Literatur. Ohne Unvollkommenheiten gibt es keine Schriftsteller und keine Dichter. Der reinste Lyriker bedarf der Sehnsucht nach Vollkommenheit. Wo Vollkommenheit ist, hört die Dichtung auf. Wo keine Kritik mehr möglich ist, hast du zu schweigen.”

Martina

“Sie wissen, dass Sie sofort jüdischer aussehen, wenn mein arischer Abglanz nicht mehr auf Sie fällt.” Heini zu Breslauer. (Ullstein, S. 100)

Martina

und noch eins fand ich sehr erstaunlich, weil ich mich gefragt habe für wen die neue Situation der Frauen wirklich verwirrender und herausfordernder war. Für die Frauen selbst und/oder die Männer, sofern sie noch am Leben waren…

“Aber wie kann eine Frau so leben in heutiger Zeit. Sie muss Zeitungen lesen und über Politik nachdenken. Sie muss wählen und Reden im Radio hören. Sie muss zu Gasschutzübungen gehen und sich auf den Krieg vorbereiten. Sie muss etwas lernen, um arbeiten und Geld verdienen zu können.” (Ullstein, S.109)

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