Die Holländerinnen: Kapitel II

1. Rückblick

Der Kontrollverlust schreitet voran: Nach einer Verletzung wird die Schrift der Erzählerin zunehmend unkontrolliert, Zeichen einer »Zerrüttung«, einer »Erosion«.

Bevor die Expedition aufbricht, werden verschiedene Episoden eingeschaltet: Die drei Erlebnisse der Schriftstellerin Marilyn Trapenard (69–80). Das Gemetzel des Pazifik-Entdeckers Núñez de Balboa (82–84). Die Suche nach dem verschollenen Zahnarzt im »Gebiet [der] Kindheit« der Erzählerin (86–88).

Als letztes stößt ein »ahnungsloser« Mädchenchor zur Truppe. Der Schweizerin entgleitet ein Glas und zerbirst: Ein Omen (85)? Die Theatertruppe bricht auf. Sie begegnet dem Bananenbauern, der die Holländerinnen zuletzt gesehen hat. Mit abgewandtem Gesicht erzählt er die Geschichte vom »Griechen« und den beiden Schwestern Priscila und Filomena (94–98).

Das Kapitel endet mit einer Analyse der »Nachtbilder«. Hinweise auf ein kryptisches Ritual? (104–106). Zuletzt finden wir die Truppe bei herannahendem Gewitter vor unklaren Weggabelungen.

2. Anregungen zum Gespräch

Wie immer einige Vorschläge zum Gespräch über das Gelesene. Zusätzliche Themen gerne in den Kommentaren eröffnen!

  1. Das Unbehagen wächst. Streckenweise erinnert mich die Erzählung nun an Horrorfilme wie Blair Witch Project. Wie ging es dir mit Kapitel II?
  2. Die Erlebnisse der Marilyn Trapenard: Welcher rote Faden verbindet sie – untereinander und mit der Gesamterzählung?
  3. Der Theatermacher: Er dirigiert und deutet, bestimmt und beobachtet. Ein Mastermind? Ein Scharlatan? Wie nimmst du diese Figur bis jetzt wahr?
  4. Im »Hinstarren aufs Unheil« spürt die Erzählerin ein »heimliches Einverständnis«. Ich nicke. Und lese weiter… Gilt das Urteil auch für uns?

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Inge

Ich frage mich vor allem, ob und wie die verschiedenen erzählten Geschichten zusammenhängen. Zunächst dachte ich, die verschiedenen Projektteilnehmer sollen eingeführt werden. Was hat es dann aber mit den zwei Schwestern von Finca 8 auf sich? Ich sehe weder einen Zusammenhang mit der „Theatertruppe“ noch mit den beiden Holländerinnen. Und nach zwei Dritteln erwartet man als Leser, dass mit dem eingeführten Material gespielt wird. Die Teile kommen mir erratisch vor, ungeordnet wie die Papierstöße der Erzählerin bei ihrem Vortrag. Ok, das ist auch ein modernes Lebensgefühl, Chaos, Zersplitterung, das unheimliche Gefühl, dass doch alles auf mysteriöse Weise zusammenhängt.

Karo

“Erratisch” – das trifft es ganz gut. Ich bin mittlerweile komplett im “Konjunktiv-Untererzählungs-Flow” angekommen, fühle mich wie in der Unterströmung eines tiefen Gewässers und erwarte mittlerweile alles und gleichzeitig nichts. Wo ich im 1. Kapitel noch das Gefühl hatte, Zusammenhänge zu verstehen, bin ich mittlerweile nur noch am Zeichen entdecken, ohne größere Dechiffrierungsbemühungen…

Inge

Die Schriftstellerin erfindet eine andere Schriftstellerin, die ebenfalls eine Reise in den südamerikanischen Urwald unternimmt. Diese erkennt dort die „große Schuld“, die die Europäer auf sich geladen haben. Durchsetzen konnten sie sich, weil sie den der Aufklärung folgenden Fortschritt gekonnt zu ihrem Nutzen umsetzten, immer auf Kosten der anderen, „für nichts sei man selbst aufgekommen.“(S. 72). Diese Erkenntnis belächelt der junge Mann, vielleicht weil er weiß, dass es dabei bleiben wird. Es erfolgt weder Abbitte noch Wiedergutmachung. Eine Erfahrung, die die ehemaligen Kolonien und sogenannte Drittweltstaaten alle machen. Gerne vermeiden ehemalige Kolonialherren und Ausbeuter sogar die Schuldanerkennung.
Die drei folgenden Episoden zeigen jeweils beschämendes Verhalten, das sich im Nachhinein als persönliche Schuld manifestiert und die Autorin nicht mehr loslässt. Trapenard gibt nach La pitié das Schreiben auf. Die als Sekretärin engagierte Erzählerin befindet sich in einer ähnlichen Situation, einer Schreibkrise („froh, von der Bürde des eigenen Schaffens befreit zu sein“, S.23) und einer Lebenskrise, die sie in den unberechenbaren und unheimlichen Urwald geführt hat, wo sie dem überspannten, ein wenig verrückten(?) Theatermacher ausgeliefert scheint.

Karo

Die Einführung der fiktiven Autorin Trapenard, die Ähnliches wie unsere Erzählerin erlebt und sich auch ähnliche Gedanken macht, passt zum Thema der beständigen Doppelung, als welches das Theater am Anfang beschrieben wird (S. 12). – Ich habe auch das Zitat gefunden, auf das dort angespielt wird. Es ist von Wolfram Lortz aus dessen “Rede zum Unmöglichen Theater”: “Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist also der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision.” – 🙂

Ich habe die drei Trapenard-“Geständnisse”, die sie selbst als eine “Erinnerung an ihr Versagen” (S.72) beschreibt, eher als große Ablenkung denn als beschämend verstanden, nämlich als Ablenkung davon, dass sie als Schriftstellerin mit dem Thema westlicher Ausbeutung ihr Geld verdient und sich in Brasilien dafür ehren und als “Westlerin” begünstigen lässt. Der Student kauft ihr die Geständnisse nicht ab, und auch wenig später werden diese von der Tochter ins Lächerliche gebracht, da diese erzählt, die Mutter wäre zu Hause “kalt und teilnahmslos gewesen”. (S. 81)

Den roten Faden suche ich aber noch 😉

Inge

Ist der Theatermacher ein Möchtegern Werner Herzog? Noch immer wissen wir zu wenig über seine Intentionen. Man kann sich aber vorstellen, dass er wie Herzog über Leichen gehen könnte. Von der Erzählerin wissen wir schon, wie tief sie die Erlebnisse verunsichert haben.

Karo

Der Theatermacher wirkt für mich vergleichsweise blass, charakterlos, theoretisierend. Er tritt relativ häufig auf und bleibt doch irgendwie verborgen. Am eindrücklichsten für mich war bisher die Szene vor dem Kapokbaum, wo er im Lichtstrahl der Sonne an der Stelle verharrt, wo die Holländerinnen das letzte Mal von einem Menschen gesehen wurden. Das fand ich irgendwie schön, – auch wenn die Erzählerin es als “absurd” anmutend und “unbehaglich” beschreibt. (S. 102)

Inge

Einverständnis womit? Mit dem Unheil von Mitmenschen?

Mich hat an dieser Stelle (S.89) vor allem das Verständnis von Theater als Totenbeschwörung erstaunt. Charaktere in einem Stück waren für mich nie Tote, sondern fiktive, ja mögliche Personen, die durch Schauspieler verkörpert werden. Und verhandelt wird, was den Lebenden wichtig ist, nicht (jedenfalls nicht ausschließlich) was „unerledigt noch im Zwischenraum, im Keller stehe.“ Oder meint der Theatermacher hier mit Gruselwörtern wie Zombietheater die kathartische Wirkung von Theater nach Aristoteles? Auf den Zuschauer! Im Urwald sind keine Zuschauer. Merkwürdigerweise habe ich den Eindruck, dass es der Theatermacher nicht auf Zuschauer abgesehen hat.

Karo

Ja, so verstehe ich es: durch das gezielte und genaue Beobachten (=Hinstarren) ein heimliches Einverständnis mit dem Unheil anderer. Das scheint wahr für mich, wenn Unheil direkt vor meinen Augen geschieht und ist gleichzeitig ne krasse Behauptung in Zeiten von Bildern und Videos, die in Sekundenschnelle um die ganze Welt reisen…

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