1. Rückblick
Die Truppe dringt ungeachtet des Gewitters weiter in den Urwald vor. Sie übernachten beim Haus eines Deutschen. Am Arm seiner Frau: Narben.
Der Theatermacher treibt die Gruppe trotz eines sintflutartigen Regens weiter an, erhält dabei immer mehr egomanische, diktatorische Züge. Zwei große Episoden sind auf den letzten Metern noch eingeschaltet: Die Zähmung der Wildpferde und der Brandfall im Apartmenthaus.
Die Schriftstellerin torkelt in einer letzten Nachtepisode alleine durch den Wald. Sie wird selbst »zur Holländerin« (140), vollzieht deren Ängste und Erlebnisse nach.
Das Conradsche »der Horror, der Horror« (ebd.) entpuppt sich als das »erratische, grundlose Wesen der Welt«, ein schwarzes Loch, die Bedeutungslosigkeit aller Zeichen.
Die Schriftstellerin rettet sich zur Lodge. Fluchtartig verlässt sie den Ort. Auch sie mit dem Gefühl, etwas sträflich versäumt zu haben.
Der Epilog schließt die Rahmenhandlung mit der Vision eines »flimmernden, instabilen Portals«.

2. Meine Leseeindruck
Ich bin so frei und teile meinen ganz subjektiven Lese-Eindruck mit. Widersprecht und ergänzt gerne in dem Kommentaren!
Für mich bleibt der Eindruck eines sehr starken literarischen Textes. Eine verdiente Buchpreis-Siegerin! Ich selbst habe ganz sicher bei der Rezeption davon profitiert, dass ich Conrads Herz der Finsternis direkt zuvor gelesen hatte. So hatte die Erzählung für mich den zusätzlichen Reiz des Vergleichs und der literarischen Überblendung.
Gelungen ist das geschickt ausgelegte Symbolnetz, die berückende und bedrückende Natur, die Gestaltung einer beklemmenden Atmosphäre, das treibende der Expedition. Selbst das Hin und Her zwischen Hörsaal und Handlung fand ich interessant und nicht störend.
Faszinierend: Die programmatische Blässe des eigentlichen Personals. Viel lebendiger, farbiger, eindrücklicher als irgendeine der Personen des Trupps sind ihre Geschichten: Die Ziegen, die Nacht in New York, der Grieche und die Schwestern…
Die Vielstimmigkeit drängt die Frage nach dem einheitlichen Thema bzw. verbindender Themen auf. Für mich (!) waren es vor allem: Die Grenzüberschreitung. Gewalt gegen Frauen. Ungehörte Hilferufe.
Weniger abgeholt haben mich die reichlich verteilten intertextuellen Bezüge: Herzog, Bachmann, Bernhard, Descola und was der intellektuellen Spurensuche mehr war. Ja, die etwas fiebrige Intellektualität des Textes ist seine große Stärke. Zugleich gerät die Überblendung persönlicher Schicksale (v.a. ja von Frauen) mit der Symbolik des Abgrunds in die Gefahr, Gewalterfahrungen zu einer Art Illustration metaphysischer Haltlosigkeit zu verformen. So wird menschliches Leid in meiner Wahrnehmung mitunter zum Material von Verweisspielen.
Elmigers Buch bleibt mir im Lesegedächtnis als kongeniale Relecture von Conrads Herz der Finsternis und als Fortschreibung des sozialen Kommentars über koloniale Gewalt in feministischer Perspektive.
3. Zur Diskussion
Ich bin gespannt, wie ihr dieses Buch abgeschlossen und für euch bewertet habt. Dazu vier mögliche Richtungen:
- Das Ende: Der große Paukenschlag bleibt aus. Keine Auflösung eines Kriminalfalles. Trotzdem ein überzeugender Schluss?
- Die Form: Das Buch ist ein Gewebe von Erinnerungen und Erzählungen. Wie sehr hat dich diese Form abgeholt?
- Das Thema: Welche Eindrücke und Inhalte klingen für dich am stärksten nach?
- Dein Fazit: Hat es sich gelohnt? Würdest du das Buch weiterempfehlen?

Das Ende: Der große Paukenschlag bleibt aus. Keine Auflösung eines Kriminalfalles. Trotzdem ein überzeugender Schluss?
Der Schlussabschnitt, in dem so viel passiert, und gleichzeitig “kriminalistisch gesehen” auch sehr wenig – die Erzählerin irrt allein und verwirrt nachts durch den Urwald – fand ich sehr passend, da auf diese Weise verstärkt durch die lange und vielschichtige zum Teil auch ausufernde voran gegangene Erzählung die menschliche Urangst vor dem Nichts, vor Verschwinden und Ausgelöscht sein, enorm gut rüber gekommen ist. Ich finde, die Autorin setzt mit dieser einsamen, sehr individuellen Episode grade vor dem Hintergrund der vorangehenden Geschichten, wo es immer irgendwie um Zwischen-Menschliches geht, ein echtes Ausrufezeichen.
Die Verlassenheit im Dschungel finde ich ganz stark. Da macht die Erzählerin eine negativ geprägte Urerfahrung, die in der Flucht mündet. Der letzte Satz des Epilogs hingegen deutet die gegenteilige Möglichkeit an, eine spirituelle, transzendente Erfahrung, ein möglicher Ausweg, ein Lichtblick – ein allerdings instabiles Portal. Wieviel Positives bleibt da?
Schließlich wissen wir, dass dieser Lichtblick die Verunsicherung nicht aufheben konnte, da die Erzählerin ihre Aufzeichnungen zu keinem Ganzen zusammenführen kann und beständig den Konjunktiv bemühen muss, bis sie zum Epilog kommt, der erstmals darauf verzichtet.
Übrigens muss die Theatertruppe auf dem Weg in den Wald ein Portal durchschreiten, um diesem Falle ein „unscheinbares. (S. 92)
Also ja, der Schluss gefällt mir. Dennoch kann ich keine große Begeisterung für den gesamten Text entwickeln.
Die Form: Das Buch ist ein Gewebe von Erinnerungen und Erzählungen. Wie sehr hat dich diese Form abgeholt?
Ich mochte den Konjunktiv der Erzählung (die darin für mich stehende Offenheit, dass etwas auch ganz anders sein hätte können) und auch einzelne Untererzählungen sehr. In der Summe, fand ich diese aber auch anstrengend und ermüdend, selbst wenn ich die ein oder andere Episode im Internet noch nachgelesen oder weiter verfolgt habe.
Mich haben die vielen eingeschobenen Erzählungen ermüdet. Manche davon lassen mich völlig kalt (der Pferdeflüsterer), andere haben mich durchaus berührt (die Ziegengeschichte). Beinahe erscheint der Band wie eine Sammlung von Kurz- und Kürzestgeschichten in losem Zusammenhang.
Sicher, man findet Bezüge, die interessantesten vielleicht nicht so sehr beim Lesen, sondern beim späteren Recherchieren, wenn man sich die Zeit nimmt. Hier ein Beispiel.
Zur Versuchung des heiligen Antonius:
„Bosch präsentiert insgesamt eine fromme „Halluzination“, eine schattenhafte, ganz und gar vom „Bösen“ besessene Traumwelt, in der es scheinbar kein Entrinnen vor den Zumutungen von Krieg, Gewalt und Ausschweifungen gibt.“ (Wikipedia)
Halluzinationen, das Böse, Traumwelt, kein Entrinnen, Zumutung:
Die Bezüge zum Gesamttext, mehr noch als zur eingeschobenen Ergänzung über den Maler aus Shippenburg, der bei der Arbeit mit diesen Bildern arbeitet (S. 142), sind offensichtlich. Es lohnt sich, das Triptychon anzusehen.
Das Thema: Welche Eindrücke und Inhalte klingen für dich am stärksten nach?
Dein Fazit: Hat es sich gelohnt? Würdest du das Buch weiterempfehlen?
Das Buch hat sich auf alle Fälle für mich gelohnt, auch wenn ich es nicht unbedingt weiterempfehlen würde. Ich finde es ist ein elaboriertes literarisches Kunstwerk, und ich verstehe, dass es die Jury für den Buchpreis ausgewählt hat. Aber gleichzeitig ist es durch die vielen und oft sehr grundsätzlichen Themengebiete, die es anreißt, auch anstrengend und die Dringlichkeit, die mit der ein oder anderen Binnenerzählung einher geht, zerfließt und verliert sich wieder im Lauf des Lesens. Das finde ich schade.
Da stimme ich weitgehend zu. (Die Auswahlgründe der Jury habe ich bisher nicht nachgelesen.)
Ich muss leider gestehen, ich würde das Buch nicht weiterempfehlen. Ich habe mich mit dem Erzählstil des Konjunktivs nicht gut arrangieren können. Ich kann das noch nicht einmal begründen, es lag mir einfach nicht.
Ich fand allerdings die “Flucht” aus dem Dschungel sehr eindrucksvoll und bereue nicht, das Buch beendet zu haben.
Faire Antwort! Ich kann es gut verstehen – und würde das Buch sicher nur wenigen, ausgewählten Leuten empfehlen.