»Mario und der Zauberer« – Teil II

Die Erzählung steuert unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Ein wahrhaft fatales Ende, wie sich herausstellt.

1. Rückblick

Der Eindruck verdichtet sich, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht.
Beim Kartentrick pocht ein Teilnehmer auf seinen Eigenwillen. Cipolla belehrt ihn und das Publikum darüber, dass Willensfreiheit nicht existiere. Was sich abspielt scheint dem Erzähler nicht nur unter ständigem Einfluss des Kognak zu stehen, sondern auch an den »zweideutig-unsauberen« Bereich des Okkulten zu rühren.

Nach der Pause dauert es nicht lange, bis auch das erotische Element Einzug hält. Am Exempel der Signora Angiolieri führt der Zauberer das verführerische Potential seines Magnetismus vor. Sie folgt dem Buckligen wie gebannt, der gehörnte Ehemann darf sich immerhin mit der Einsicht trösten, dass die Mächte der Hypnose wenigstens in diesem Fall mit der »Hochherzigkeit der Entsagung gepaart sind«.

Vor der Kulisse einer zunehmend enthemmten und dem Tanz anheimgefallenen Zuschauerschaft ist nun Mario an der Reihe. Der melancholische und träumerische Kellner wird nach vorne gelockt, seine heimliche Liebe zu Silvestra durch einen Burschen frech vor allen enthüllt.
Der Zauberer, dem Mario offenbar gefällt wie einst der Ganymed dem Zeus, verstrickt den Unschuldigen in ein erotisches Verwirrspiel. Er spiegelt dem armen Jungen die Anwesenheit seiner Silvestra vor und lässt sich stellvertretend auf die Wange küssen. Aufs Erwachen folgt das Erschrecken und die Empörung über den infamen Missbrauch.

Nun geht alles schnell: Ein Knall, der Hypnotiseur sinkt nieder, Mario wird mit Pistole in der Hand abgeführt, der Erzähler flieht mit seiner Familie aus dem Saal. Erschüttert, und doch: erleichtert.

2. Vorschläge zum Gespräch

Nach dem langen buildup kommt das Ende überraschend und doch irgendwie konsequent. Fandest du es überzeugend? Im Kommentarbereich einige Inspirationen fürs Gespräch. Ich bin gespannt auf deine Eindrücke!

  1. Dein wievielter Thomas Mann war das? Bist du Skeptiker:in, Fan oder Neuling? Und wie ging es dir mit dieser Erzählung?
  2. Der politische Unterton ist kaum überhörbar. Siehst du Parallelen zu unserer Zeit?
  3. Die Kinder: Sie sind ein Leitmotiv, das sich durchzieht. Was verbindest du mit ihnen?
  4. Das Ende: Warum wird ausgerechnet Mario zum Mörder? Überzeugend?
  5. Zitat der Woche: Welchen Satz nimmst du mit?
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Ingrid

Mir hat die Podcast-Folge zu dieser Erzählung so gut gefallen! Wie schön wäre es, wenn es immer am Ende jeder Leserunde eine Podcastfolge gäbe!

Martina

Das war mein erster Thomas Mann. Ich fand es gut, dass der Einstieg mit einer kürzeren Erzählung kam und mochte die Sprache sehr gerne. Es hat mir gefallen anhand der Kommentare die Vielschichtigkeit der Erzählung zu entdecken. Ich bin gespannt, was da noch so im Mann´schen Universum auf mich zukommt.

Martina

Politisches…
Mir haben sich stark die Paralleln zur aktuellen politischen Lage aufgedrängt. Die vor der Vorstellung platzierten Gegenstände und Tricks die durch Verfolgung leicht aufzudecken waren – der Erzähler hat doch einiges durchschaut – erinnern mich stark an die aufgeblähte Rhetorik der rechts gerichteten Parteien im Moment. Das Publikum wird durch reisserische Phrasen und Parolen geblendet, die wiederum stark an die Zeit vor 1945 angelehnt erscheinen. Ich weiß leider nicht wie es in Deutschland ist, aber in Österreich waren zb die Wahlplakate in der Vergangenheit besonders widerlich.
Nicht politisch aber eine andere Parallele sehe ich in der Art und Weise wie Cippola Mario bloß stellt und dem Publikum vorführt. Es hat für mich etwas sehr Entwürdigendes, so ähnlich empfinde ich es auch manchmal in sozialen Medien, wenn Menschen zb aus Rache bloß gestellt werden.

Martina

Leitmotiv Kinder
Besonders aufgefallen ist mir die Begeisterung der Kinder für das Neue und Aufregende. Sie wollen um jeden Preis dabei sein, auch wenn Sie der Vorstellung aus Müdigkeit gar nicht wirklich folgen können.
Ich empfinde es als kleinen Wink, der Begeisterung auch immer eine Portion rationale Portion Kritik an die Seite zu stellen und zu hinterfragen.

Karo

Ich finde die Kinder sind diejenigen, die die oberflächlich heile und letztlich scheinheilige Welt der Erwachsenen demaskieren: ihr Wunsch nach den Veranda-Plätzen des Hotel-Speisesaals, die dann nur ausgewählten Einheimischen vorbehalten sind, offenbart eine gewisse Fremdenabneigung der Gastgeber, der Keuchhusten des Jungen deckt die „Liebdienerei“ (schönes Wort!) der Hotelleitung auf, die Badeszene des Mädchens zeigt die Lächerlichkeit des am Strand rundum zur Schau gestellten Patriotismus. Am Abend des Taschenspieler-Theaters dann lenken sie wie ein Brennglas den Fokus auf die vielen Menschen, die einfach so mitmachen, zuschauen, applaudieren und lachen; – die Kinder selbst bleiben unschuldig, auch wenn sie sich in gleicher Weise verhalten, denn sie verstehen die Verführungen, Bloßstellungen und Entwürdigungen durch Cipolla nicht, aber sie prangern durch ihr unbedarftes Verhalten das Mitläufertum der Erwachsenen deutlich an.

Sarah

Es war mein erster Thomas Mann. Ich bin irgendwie durchs Germanistik-Studium gekommen ohne jemals mit ihm in Berührung zu gelangen. Ich habe mich lange vor ihm und seinem Werk gedrückt weil ich so viel Negatives gehört hatte: „Zu kompliziert, zu konservativ, zu altbacken, zu überbewertet” aber ich muss wirklich sagen, dass ich mich in seine Sprache und seine Beobachtungsgabe verliebt habe. Hab danach direkt noch Tonio Kröger gelesen und es war auch so so gut! Jetzt liegt das gesamte Thomas-Mann-Universum ungelesen vor mir und ich kann es kaum erwarten richtig einzutauchen.

Parallelen zu heute? Ja, vor allem in den Mechanismen. Menschen lassen sich emotionalisieren statt überzeugen, Lautstärke wirkt oft stärker als die Wahrheit, Gruppen geben Sicherheit, auch wenn sie moralisch kippen, viele merken, dass etwas unangenehm ist, machen aber trotzdem mit. Dieses „Warum greift eigentlich niemand ein?” fühlt sich sehr modern an.
Was mich trifft ist, wie schleichend alles passiert. Nicht plötzlich und nicht mit einem großen Knall, sondern ein unangenehmer Moment und noch einer und noch einer und irgendwann ist die Grenze längst verschoben.

Die Kinder verstehen zum Großteil eigentlich gar nicht genau was dort auf der Bühne eigentlich vor sich geht aber sie verstehen die Stimmung und sie jubeln mit. Sie wollen mitmachen und Teil des Ganzen sein. Stehen sie für Mitläufer, die nichts hinterfragen? Scheinbar sind sie auch eine Art Spiegel der Gruppe insgesamt. Auch die Erwachsenen wissen nicht wirklich was passiert.

Mario ist kein Heldentyp. Er ist eher schlicht, freundlich, angepasst. Die Demütigung trifft ihn besonders hart, denn die Machtausübung wird plötzlich intim, sehr persönlich und entwürdigend. Ich finde das Ende ist emotional überzeugend, realistisch eher nicht so (muss es auch nicht sein). Es hat fast etwas kathartisches, wie eine plötzliche Entladung der aufgebauten Spannung. Irgendwie ist man auch erleichtert, obwohl man es nicht sein sollte. War das Befreiung? Oder einfach nur die nächste Gewalt?

Karo

Es ist mein zweiter Thomas Mann und die Geschichte hat meine Skepsis, die von einer enttäuschten Lektüre vom „Tod in Venedig“ vor etlichen Jahren herrührte, auf jeden Fall vermindert –
irgendwie mochte ich hier die verschachtelten Sätze und den manchmal ironischen Stil….

dass der einfache, stille, melancholische und sich niemals anbiedernde Mario am Ende den böswilligen Zauberer tötet: erleichternd! Und ja, konsequent, denn er begeht den „Tyrannenmord“ aus einer vielleicht sogar kindlich anmutenden Verteidigung seiner eigenen Würde heraus, während alle anderen Zuschauen, sich unbeteiligt geben oder irgendwie Mitmachen – trotz Unwohlsein – und sich auf der Bühne nicht nur den Willen, sondern auch die Würde nehmen lassen.

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