Etappe 1: Kapitel I-IV

1. Rückblick auf den Abschnitt

Der Protagonist (Alexej Iwanowitsch) kehrt von Paris in den deutschen Kurort Roulettenburg zurück. Als Hauslehrer eines verwitweten Generals a.D. ist er Teil einer kleinen Gruppe, deren Beziehungen zueinander sich erst langsam aufhellen. Im Zentrum des Geflechts steht seine komplizierte Liebe zu Polina Alexandrowna. Für sie spielt er am Roulettetisch. Einmal gewinnt er (Kap. II), dann verliert er alles (Kap. IV). Bei Tisch hält Alexej unaufgefordert längere Reden. Zum ‘Franzosen’ der Gruppe ist sein Verhältnis angespannt. Eingewoben in die Handlung sind Betrachtungen über russische und europäische Eigenarten und das Wesen des Spiels. Per Telegramm wird Kontakt in die russische Heimat (St. Petersburg) gehalten, das Ergehen der Babuschka (Großmutter) scheint bedeutsam zu sein.

2. Angebote zum Gespräch

Ich bin gespannt, welche Eindrücke du aus den ersten Kapiteln mitgenommen hast. Zur Strukturierung der Diskussion biete ich einige Gesprächsfäden an. Ich liste sie hier kompakt auf und lege sie als je eigenen Kommentar am Endes des Beitrags an. Per “Antworten” kannst du deine Beobachtungen, Fragen, Überlegungen eintragen und auf andere reagieren.

Selbstverständlich kannst du eigene Gesprächsfäden eröffnen. Meine Einstiege sind nur erste Angebote. Und die wären:

  • Dein Zitat der Woche. Kann man begründen, muss man nicht.
  • Leseerleben: Wie kamst du in das Buch hinein? Leicht, mühsam, gespannt, gelangweilt? Welche Eigenarten des Textes haben dazu beigetragen?
  • Offene Fragen: Was auch immer du dich gefragt hast…
  • Starke Passagen: Welcher Abschnitt ist dir im Kopf geblieben?
  • Literarische Form: Welche erzählerischen Gestaltungsmittel sind dir aufgefallen?
  • Themen: Welche sozialen, politischen, psychologischen Themen scheint Dostojewski im Roman zu verarbeiten?
  • Figuren: Beobachtungen zu den Persönlichkeiten und ihren Konstellationen
3. Drei Anmerkungen für den Gesprächsfluss
  1. Trau dich! Es gibt keinen Grund zu warten, bis… Wer gelesen hat, hat auch etwas zu sagen. Und wenn es nur eine Frage ist. Wenn du dich anwärmen möchtest, poste doch einfach dein Zitat der Woche.
  2. Zitieren: Wir lesen in unterschiedlichen, nicht seitengleichen Ausgaben. Für Bezugnahmen bietet sich daher die Kapitelzahl an. Wenn Seitenzahlen zitiert werden, empfehlen sich Verlagshinweise; z.B.: Fischer, 37; Reclam, 14; dtv, 28.
  3. Gesprächskultur: Siehe Konzept. Die Erfahrung zeigt: Fragen sind spannend, Belehrungen langweilig. Wenn wir alle, egal auf welcher Stufe, als Neugierige und Lernende an den Text gehen, gewinnen wir am meisten.

Viel Vergnügen bei der Diskussion, ich freue mich auf deine Fragen und Beobachtungen!

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Juni

Ich fand ja “Ich lachte und hatte die größte Lust, die beiden aufeinanderzuhetzen” ganz toll. Nicht nur, weil ich es sehr amüsant fand, sondern weil es einen Teil seines Charakters sehr gut widerspiegelt: selbstbewusst, meinungsstark und dabei ganz cool geblieben 😀

Carl Reiner

„In den Katechismus der Tugenden und Vorzüge, der im zivilisierten westlichen Europa gilt, hat infolge der historischen Entwicklung auch die Fähigkeit, Kapitalien zu erwerben, Aufnahme gefunden, ja sie bildet darin beinahe das wichtigste Hauptstück. Aber der Russe ist nicht nur unfähig, Kapitalien zu erwerben, sondern er vergeudet sie auch, wenn er sie besitzt, in ganz sinnloser und unverständiger Weise.“ (Kap. 4, Gutenberg Edition)

Immer noch relevant?

Ist die „Tugend des Kapitalerwerbs“ inzwischen in die USA ausgewandert und hat sich „die deutsche Art, Reichtümer zusammenzuscharren“ (Zitat ff.) nicht auch grundlegend gewandelt?

zestful44fed2c72a

Ich musste lachen, als ich das gelesen habe. Hab vor 11 Jahren ein halbes Jahr in Russland verbracht und in meinem Bekanntenkreis war es genau so: Lohn kommt, wird am ersten Wochenende großzügig ausgegeben und dann wurschtelt man sich so durch bis zum nächsten Lohn. Funktioniert hats immer irgendwie. Habe oft auch gehört, dass es eh nix bringt, sich Geld für später zu sparen, weil man sich auf nix verlassen kann…

Das mag ich so an Dostojewski, er ist so ein toller Beobachter und vieles ist heute noch so relevant und lässt einen vielleicht Land/Leute/Kultur besser verstehen

Alexander

»Ich bin aber der Meinung, daß das Roulett eigens für die Russen geschaffen ist«, sagte ich. (Kapitel 4 gegen Ende).

Dieser Satz leitet die Diskussion über Russen und Deutsche ein und die Frage, wie beide ihr Kapital vermehren bzw. mit ihrem Vermögen umgehen. Die gesamte Diskussion sagt viel über den Erzähler, aber auch über die Zeit, in der er lebt.

Carl Reiner hat eine ähnliche Stelle auch erwähnt, dem stimme ich völlig zu.

Anonym

Fischer, 11

“Es endete damit, daß ich, erbost, mich entschloß, dreist zu werden.”

Ich fühle mich unsagbar gut unterhalten und die Dreistigkeit Alexejs entfacht ja ständig.

Anonym

So geht es mir auch.

Anonym

“..,aber was Gewinn und Profit anlangt, so geht das Streben der Menschen nicht etwa nur beim Roulett, sondern auf allen Gebieten nur darauf, einander etwas wegzunehmen oder abzugewinnen.”

Claudia

Ich habe wegen dieser Unklarheit der Person des Erzählers zunächst auch Probleme gehabt in die Situation hineinzufinden. Wenn man sich aber darauf einlässt, geht es mit der Zeit besser. Manches erklärt sich nach und nach selbst.

kingdevotedly877093252a

Mein Lieblingszitat ist: ” Lade das Schwein an die Tafel, und schon legt es die Füße drauf.”

technicallydestinyf4186f6b55

Das habe ich mir auch raus geschrieben.Eine saftige Erweiterung zu”gibt man ihm den kleinen Finger, nimmt er gleich die ganze Hand.”

Tom

Das fand ich auch ein sehr schönes Zitat, was auch sehr schön die Gruppendynamik zwischen dem Franzosen und dem General (den Russen) beschreibt.

Sabine

„Ich will nicht fünf Generationen später Hoppe & Co sein.“ Fischer, 41.

zestful44fed2c72a

Ich fand das so treffend erklärt. Hat mich sehr an meine Familiengeschichte erinnert (Österreich)

Anonym

Kapitel I

“… denn er war schüchtern bis zum Schwachsinn, sich dessen aber wohl bewußt (denn er war kein Narr).”

Anonym

“Und das ist natürlich der Idealzustand, wenn das Opfer sich selbst darüber freut, dass man es zum Opferaltar führt”
(Dtv viertes Kapitel)

Max

Derartig finde ich es auch sehr vielfältig einsetzbar. In meiner Übersetzung liest sich das tatsächlich wie folgt:
“und das ist doch ein idealer Zustand, wenn das Opfer selbst sich darüber freut, daß es zum Schlachten geführt wird.”

Michael E.

Fischer, 24.

„Was jedoch meine innersten moralischen Überzeugungen angeht, so haben sie in meinen gegenwärtigen Überlegungen keinen Platz.“

Tobias

Ja, den fand ich auch sehr bemerkenswert

Josi

Ich liebe diese Stelle “Ich schwöre es: wenn ich ihr hätte ein spitzes Messer langsam in die Brust Poren können, so hätte ich, wie ich glaube, nach diesem Messer mit Wonne gegriffen. Und trotzdem schwöre ich bei allem was heilig ist: hätte sie auf dem Schlangenberg, auf jenem Aussichtspunkt, wirklich zu mir gesagt: “Stürzen Sie sich hinab!” so würde ich mich sogleich hinabgestützt haben, und sogar mit Sonne; dass weiß ich sicher.” Seite 19 Penguin

Es stellt einfach den Charakter des Protagonisten finde ich sehr schön dar. Dieser Widerspruch, Hingebung und diese direkte deutliche Sprache.

Anonym

Besonders gefallen hat mir der Satz: “Stimmt, es gewinnt von Hunderten ein einziger. Aber – was geht mich das an?” Wie der Erzähler seiner eigenen Stimme der Vernunft ins Wort fällt, lässt schon einiges erahnen…

Tom

Dazu passt auch gut das Zitat “Sollte es denn wahr sein, daß man nur an den Spieltisch treten braucht, um sofort vom Aberglauben angesteckt zu werden” – bei Glücksspiel hört jegliche menschliche Vernunft auf.

Kay

…aber was den Gewinn und den Profit anlangt, so geht das Streben der Menschen nicht etwa nur beim Roulett, sondern auf allen Gebieten nur darauf, einander etwas wegzunehmen oder abzugewinnen.

cban

In Kapitel II sagt er: „Ich sehe absolut nichts Schmutziges in dem Wunsch, möglichst schnell und möglichst viel Geld zu gewinnen […], so geht das Streben der Menschen […] nur darauf, einander etwas wegzunehmen oder abzugewinnen.“ Für mich ist das eine sehr zutreffende Erklärung des Kapitalismus, wie er von seinen Verteidigern ausgelebt werden möchte.

Anonym

Was mir in den ersten 4 Kapitel am deutlichsten aufgefallen ist, ist der folgende Ausspruch seiner Erzählung vom Roulette, als er versucht, für Polina zu gewinnen: Nun hätte ich weggehen sollen; aber es war in mir eine seltsame Empfindung rege geworden, der Wunsch, gewissermaßen das Schicksal herauszufordern, ein Verlangen, ihm sozusagen einen Nasenstüber zu geben und die Zunge herauszustrecken.

Pinguin Verlag, Seite 41

Hier deutet sich meiner Meinung nach schon die Richtung der Spielsucht an.
Außerdem auch die seines, wie es mir scheint, wirren Geistes, von dem man anfangs nichts bemerkt hat. Oder habe ich in den ersten zwei Kapiteln etwas davon überlesen?

Tom

Ich habe das genauso empfunden, hier deutet sich schon seine Spielsucht an. Der Verlust der Vernunft, und der Meinung, das Schicksal überwinden zu können.

Anonym

“Man darf sich auch unter das Gesindel mengen, ohne indes in der festen Überzeugung zu wanken, eigentlich Beobachter zu sein und nicht zu ihnen zu gehören.”

und

“Es war mir, als bringe ich das eigene Glück in Gefahr, sobald ich für Polina spiele.”

Tom

Ich fand den Gedanken bemerkenswert: “Sollte es denn wahr sein, daß man nur an den Spieltisch treten braucht, um sofort vom Aberglauben angesteckt zu werden?” (Fischer 25) – beschreibt sehr gut, wie beim Glücksspiel der Mensch den gesunden Menschenverstand verliert.

Martina

Ich bin zwar ein bisschen spät dran, weil erst heute wieder im Lande, aber ich hoffe das ist nicht schlimm.
In Bezug auf die, sich ankündigende, Spielsucht fand ich die Stelle sehr bezeichnend: “Den Gedanken, dass ich mit dem Spielen nicht für mich selbst anfing, empfand ich als störend”
Ich finde das zeigt schon die starke Emotionalisierung des Spielens.

Juni

Ich glaube, mir fiel es etwas schwerer, richtig reinzukommen. Das lag nicht mal am Schreibstil, obwohl ich eine sehr alte Übersetzung lese, sondern daran, dass mir so lange die Rolle des Protagonisten nicht klar war. Ich konnte es mir durch die beiläufige Erklärung, dass er mit den Kindern den Tag verbringt, herleiten, aber selbst sein Name ist bis jetzt noch nicht im Buch gefallen. Oder ich hab ihn überlesen. Aber ich liebe Dostojewski und wenn man sich die Zeit und Konzentration nimmt, kommt man gut hinein – trotz der vielen Namen, politischen Diskurse und französischen Floskeln

Juni

Nach und nach wird alles auch immer klarer! Ich bin schon sehr gespannt, wieso der Protagonist überhaupt in das Spiel gezwungen wird!

Claudia

Ich habe beschlossen, die ersten 4 Kapitel noch einmal zu lesen, bevor ich weiterlese, da ich glaube es wird einiges klarer mit dem Lesefortschritt. Das geht also in die gleiche Richtung…

kingdevotedly877093252a

Ich habe die ersten vier Kapitel auch zwei Mal gelesen. Ich musste für die Schreibweise von Dostojewski erst einmal ein Gefühl bekommen.
Sie gefällt mir, weil meiner Meinung nach sehr viel Ironie mitschwingt.

Anonym

Ich bin erstaunlich gut ins Lesen gekommen. Bei den ersten Sätzen habe ich noch gedacht, dass die Sprache doch etwas holprig ist, aber es hat nicht lange gedauert, dann war ich in der Geschichte. Ich habe mich gut amüsiert und freue mich auf das nächste Kapitel. Ich habe bisher noch nichts von russischen Autorinnen oder Autoren gelesen und hatte im Kopf, dass diese eher düster und schwer schreiben. Dieser Gedanke hat sich, bis jetzt, allerdings nicht bewahrheitet

Luka

Mir ging es genauso. Am Anfang waren es viele Namen (+Spitznamen) am Anfang, die durch die fremde Sprache zusätzlich schwer zu merken sind. Dazu kommt dann noch die Rollenverteilung die erst gegen Mitte der Leserunde ganz klar wird.
Kapitel 4 war leider zu langatmig, da die Handlung stagnierte und es nur um das russische und deutsche Volk und die Vorurteile,… ging.

Alexander

Mein Zugang zu dem Text ist das Spielcasino in Baden-Baden, welches ich erst kürzlich wieder mal besucht habe (ohne zu spielen 😂). Ich sehe quasi bei der ganzen Geschichte diese Atmosphäre vor mir, wodurch alles sehr lebendig wird.
Zugleich höre ich aber auch das Hörbuch, was mir viel Konzentration abverlangt, da der Text doch sehr gekürzt ist. Dennoch bleibe ich erstmal dabei, Buch und Hörbuch gleichzeitig.

Anonym

Ich fand es erstaunlich zugänglich. Und wirklich interessant. Das fand ich spannend, weil ich eher ein Klassiker- Newbie bin (hab noch nicht viele gelesen) und in der Schule davon eher gelangweilt war. Aber ich fand die Sichtweisen des Protagonisten spannend und gar nicht mal so unaktuell. Meine Ausgabe hat ein Personen- Verzeichnis, das war hilfreich

Anonym

Ganz platt formuliert: die Bedeutung von Geld für Ansehen. Aber auch, dass es am Roulettetisch “Pöbel” und “Gentlemen” gibt, im Grunde aber beide dasselbe sind. Der Reiz, den es ausübt, dem Schicksal einen “Nasenstüber” zu geben, also mit Gefahr zu spielen. Mir fällt noch viel mehr ein. Die Beobachtungen von Menschen und deren Psychologie sind richtig gut

Max

Das ist eine interessante und wertvolle Beobachtung

Anonym

Ganz ehrlich ist mir der Einstieg zu plötzlich. Man wird direkt in eine Szenerie “reingeworfen”. Wer sind die ganzen Herrschaften, was hat sie zusammengeführt, wo geht die Reise hin? Alles für mich noch im Nebel. Sprachlich wunderbar aber ein sehr abrupter Start.

Alexander

Das ging mir auch so. Ich habe allerdings bei vielen Klassikern (und anderen guten Büchern) die Erfahrung gemacht, dass die ersten Seiten oft schwer verständlich oder fast schon langweilig sind. Erst nach vielen Seiten, oft weit über 40 oder mehr, ergibt plötzlich alles Sinn und man ist mitten im Geschehen. Daher lese ich gute Bücher auch oft mehrmals, beim zweiten Lesen kommt man dann mit ganz anderem Vorwissen in die Geschichte und erlebt alles nochmals auf völlig andere Weise. Geduld spielt da eine grosse Rolle, was in unserer heutigen Zeit mit vielen kurzfristigen Anreizen oft sehr schwer fällt. Mir hat diese Art zu lesen aber schon viel gegeben.

Juni

Ja, so ging es mir auch schon ganz oft! Es gab sogar Klassiker, durch die ich mich gezwungen habe, bei denen das Ende so viel ausgemacht hat. Deswegen bin ich der Ansicht, man sollte immer mindestens die ersten 100 Seiten probieren. Wenn es dann immer noch nicht das kleinste Interesse geweckt hat, weglegen 😀

Michael

Ich stimme dir zu. Wie würde auch das Pendant aussehen… Nicht jeder kann eine Romanwelt konstruieren wie Thomas Mann 😉

versatileinquisitively5133371e59

Das erste Kapitel war zunächst unübersichtlich und erschwert den Einstieg. Zeigt aber auch die Hektik und Dynamik des Romans. Danach wurde es klarer: Gleich in den ersten Kapiteln wird die Hassliebe zu Polina deutlich. Er nennt sich “ihr Sklave”, sie “schätzt seine Gefühle gering und ist völlig gleichgültig”. Er liebt sie “bis zur Raserei” und würde “sofort für sie in den Tod springen”. Sie hat ihn in der Hand und könnte ihn wie auch die Spielsucht “zerstören”. Mega spannender Einstieg.

technicallydestinyf4186f6b55

Toxische Beziehung, wenn das mal nicht aktuell ist!

Anonym

Ich fand seine Liebesbezeugungen und dass er sofort von der Klippe gesprungen wäre sowie auch den Ausdruck, er sei ihr Sklave, nicht wirklich gesund

Sabine

Der Beginn war für mich holprig, ich tat mir mit der Sprache schwer (bin es offensichtlich nicht mehr gewohnt so zu lesen). Umso mehr freut es mich mit dem Stil, der Schreibweise vertrauter zu werden und immer mehr in die Geschichte zu kommen. Zeitgleich konnte ich für meinen eigenen Ausdruck etwas mitnehmen.

Sofia

Ich finde den Schreibstil überraschend einfach. Es ist das erste Mal,dass ich ein Buch von Dostojewski lese. Ich fand von Anfang an interessant,wie die anderen Personen mit unserem Alexej umgehen bzw. wie er es wahrnimmt. Unser Hauptcharakter hat eine sehr starke Eigenwahrnehmung, was ihn manchmal auch ein bisschen unsympathisch erscheinen lässt.

Josi

Ich kam ganz gut hinein, verstehe manche Zusammenhänge glaube ich noch nicht, weiß nicht ob dies gewollt ist und sich später aufklärt. Ich werde wohl die Kapitel nochmal lesen, einfach aus der Sorge, irgendwelche Details nicht bemerkt zu haben, weil es zu beginn so viele neuen Dinge waren, welche ich vielleicht zum jetzigen Zeitpunkt im Buch besser einordnen und verstehen kann. Die teilweise längeren Sätze haben teilweise dazu geführt, dass ich sehr auf Verständnis lesen musst, ich möchte daher nochmal mehr auf die Sprache achten.

Anonym

Mich hat es gleich gepackt, weil ich den Schreibstil sehr gewitzt und modern fand, aber dabei nicht “gewollt” als irgendwie artistische Selbstdarstellung. Dieses Gefühl, dass man sofort mittendrin ist, noch keinen echten Überblick hat und auch der immanente Erzähler selbst immer wieder Informationen nachtragen muss – zusammen mit der Ahnung, dass der Autor Dostojewski sozusagen die Welt “on the fly” baut – passt gut zu der Spannung und Gehetztheit, die inhaltlich geschildert wird.

Anonym

Anfangs tat ich mir mit der Schreibweise etwas schwer. Die Ausdrucksform ist doch nicht geläufig.
Aber bald rutscht man in die Geschichte.

cban

Leicht. Ich lese tatsächlich am liebsten Klassiker aus dem 19. Jahrhundert, dieses hatte ich allerdings noch nicht gelesen. Ich wollte auch unbedingt die alte Übersetzung von Hermann Röhl haben, weil mir die alte Sprache am meisten gefällt.

Tom

Ich finde die Sprache recht zugänglich, aber dennoch muss man konzentriert bleiben (ich höre parallel auch das Hörbuch). Ich fühle mich zuweilen wie ein Beobachter, der diese Gruppe von außen beobachtet, dem aber zuweilen wichtige Informationen fehlen, um alles zu verstehen. Aber es ergibt sich langsam ein interessantes Bild dieser Gesellschaft.

wildlyparadiseb69969c0e6

Es beginnt ja sehr distanziert und beschreibend. Ich hatte so eine Zauberberg Anwandlung. Da kommt einer in eine Gesellschaft und fühlt sich ein wenig überlegen und als ob ihn das nicht so richtig angeht, bevor er nach und nach immer weiter hinein gezogen wird.

Martina

Ich bin ganz gut reingekommen. Mich hat der Leseplan hier schon gut unterstützt insofern, dass ich die erste Etappe wieder nach Kapiteln aufgeteilt hatte und so jeden Tag nur eine kleine “Portion” zu lesen hatte. Mir hat auch gefallen, dass die Kapitle thematisch gegliedert waren. Im ersten Kapitel wurden die Personen beschrieben, dann das Glücksspiel, dann wieder Personen und dann kam wieder ein Gespräch über das Spiel. Ich finde, dass Dostojewskij so eine sanfte Einführung gelungen ist. Bin gespannt auf Etappe 2. 🙂

Anonym

Am Ende des dritten Kapitels gab es einen Dialog mit dem Engländer. Es wird erwähnt, dass dieses Gespräch auf schrecklichem französisch gehalten wurde. Da war meine Frage: Warum? Warum unterhalten sich die beiden auf französisch und wieso wird das hervorgehoben?

Torsten

Ich blieb an den französischen Passagen hängen. Warum werden diese angewendet, was soll das bedeuten oder ist einfach damals üblich gewesen, was Französisches einfließen zu lassen? Bei Thomas Mann – Buddenbrooks hatte ich auch immer darüber gewundert.

zestful44fed2c72a

Französisch war in der höheren Gesellschaft sowas wie die Lingua Franca. Mit der Art und Weise wie die Personen sich auf französich ausdrücken können, zeichnet Dostojewski seine Figuren. Es sagt viel über deren gesellschaftliche Stellung aus.

Das ist natürlich für heutige LeserInnen eine große Herausforderung. Auch für die ÜbersetzerInnen. In einigen Übersetzungen wird das weggelassen. Das ist für den Lesefluß natürlich angenehmer, nimmt aber viel von den Charakteren.

Juni

Das ist tatsächlich bei vielen russischen Klassikern der Fall. Allein bei Tolstoi gibt es zum Teil ganze Passagen auf Französisch, weil der russische Adel so gesprochen hat

technicallydestinyf4186f6b55

Ist der Engländer so naiv wie der Ich- Erzähler denkt?
Und
La table d’hote kenne ich aus zwei Zusammenhängen:
Aus dem Mittelalter, je näher man beim Herrscher saß, desto höheres Ansehen hatte man.
Und heute kenne ich es aus der französischen Gastronomie , wo in Hotels und Restaurants ein festes Menü angeboten wird.
Aber was ist es hier in diesem Zusammenhang?

Michael E.

Die table d’hôte war im 19. Jahrhundert ein öffentliches Gesellschaftsessen, bei dem Rang und Zugehörigkeit sichtbar wurden. Dass Alexej sich einfach selbst dazu einlädt, ist ein bewusster Regelbruch: Er weigert sich, in die Rolle des untergeordneten Hauslehrers gedrängt zu werden. Für einen Moment behauptet er seine Würde – gegen den General, gegen de Grieux und gegen die soziale Ordnung des Hotels. Genau dadurch wird er für die Franzosen plötzlich interessant.

Josi

Ich frage mich immer wieder, wie sehr beeinflusst mich die Ich-Perspektive. Was genau ist wirklich die Realität, was vielleicht nur Empfindung des Protagonisten? Ich hatte manchmal nämlich das Gefühl, dass sie eigene Wahrnehmung des Protagonisten und was andere Leute zu Dingen oder ihm sagen, fast schon gegensätzlich sind.

Michael

An dieser Stelle sei Schopenhauer erwähnt (Die Welt als Wille und Vorstellung 😉 )

Anonym

Ich frage mich, ob seine Liebe zu Polina nicht auch krankhaft ist. Es kommt mir durch seine Gedanken schon fast toxisch vor, wenn man es auf die heutige Zeit überträgt. Anfangs war mit der Hauptprotagonist sympathisch, aber sein Verhalten schreckt mich mehr und mehr ab.

Anonym

Ich fand die Passagen spannend, die auf die Ambivalenzen des Protagonisten bezüglich Polina (hasst sie und liebt sie zugleich) und das Glücksspiel (ist davon immer wieder abgestoßen und gleichzeitig fasziniert) hinweisen. Dieses Spannungsfeld macht den Text für mich interessant.

wildlyparadiseb69969c0e6

Mir auch nicht, aber ja, klar wie beide Ebenen gleich gesetzt werden

Sofia

Ja, vor allem, weil es in seinem Kopf stattfindet. Er zeigt die ganze Zeit auf, wie er in Endeffekt alles und jeden durchschaut und so zu denken, sich nicht zu hinterfragen als richtig empfindet. Ich denke diese starke Ambivalenz rührt daher,dass er das Spiel sowie auch Polina nicht wirklich versteht oder ich sag mal, beherrscht,so wie er sich das wünscht. Man liest raus,dass er jemand von mehr oder weniger niedriger Stellung,aber hoher Bildung ist. Er definiert sich darüber,da er sonst nichts hat,aber man liest,finde ich persönlich,er wünscht es sich anders…

Sabine

Immer dann, wenn der Protagonist für sich eingestanden ist (auch wenn er manchmal absichtlich provokativ war). Interessant finde ich auch die Ambivalenz der Beziehung zu Polina.

Tom

Ich fand es auch interessant, wie er immer wieder versucht, sich über seinen Stand zu erheben, auch über die anderen Personen wie der General. Sehr bezeichnend fand ich seine Rede bei Tisch, das er von seinem Erlebnis in Paris erzählt, dass er “auf den Kaffee des Monsignore spucke”. Das wirkte sehr prahlerisch und unangemessen.

Michael E.

Mich fasziniert die Szene, in der Alexej dem Monsignore am liebsten in den Kaffee spucken würde. In diesem Moment verlässt er seine Rolle als „untergeordneter Russe“ und zeigt eine freche, geistige Unabhängigkeit, die die Franzosen sofort respektieren. Er entlarvt die lächerliche Würde des Monsignore und wirkt plötzlich wie ein Mitspieler, nicht wie ein Diener. Interessant, wie ein kleiner Regelbruch seine gesamte Stellung in der Gruppe verschiebt.

Tom

Und genau dabei empfand ich seine Rolle eher als unsymphatisch, da er sich mit aller Macht über die anderen erheben wollte. Überhaupt geht es bei ihm vor allem um seine (niedere) Stellung, aus der er entkommen will (und dabei Polinas “Sklave” ist)

cban

Mir ist die Passage mit der Beschreibung wie ein Aristokrat sich beim Spielen verhalten soll, im Gedächtnis geblieben. Es geht in jeder Gesellschaftsschicht um Darstellung in irgendeiner Form. Der Schwerpunkt und die Art und Weise sind unterschiedlich, aber es ist wichtig, dass sich in irgendeiner Form dargestellt wird.

Carina

Für mich persönlich sind 2 Stellen besonders hervorgestochen:
1 Die Beschreibung von armen und reichen Spielern. Ich glaube einiges davon lässt sich auch heute noch erkennen, viele tun so, als ob sie Geld nicht interessieren würde, obwohl die meisten nicht so viel haben, dass das wahr sein könnte ..
2 Die Beschreibung der russischen und deutschen Eigenarten. Interessant wie damals (und heute?) die Wahrnehmung beider Lebensarten ist. Die Beschreibung der Russen als verschwenderisch war mir vorher nicht so bekannt.

Ella

Ich frage mich, ob Dostojewski den General manche Sätze nicht zu Ende bringen lässt, weil er einfach keine Lust hatte, dessen langweiligen Gedanken auszuführen. Die Vorstellung finde ich jedenfalls witzig.

Michael E.

Ich denke, der General beendet seine Sätze nicht, weil er innerlich unsicher ist und ständig fürchtet, sich zu blamieren. Seine abgebrochenen Formulierungen zeigen die Spannung zwischen dem Anspruch, „europäisch“ und vornehm zu wirken, und der tatsächlichen Abhängigkeit, in der er steckt: finanziell (Großmutter), gesellschaftlich (de Grieux), emotional (Blanche). Für mich wird seine Nervosität hörbar: Der General spricht so brüchig, wie seine soziale Position geworden ist.

Anonym

Diesen Eindruck habe ich bei dem General auch. Er möchte seine Begleitung so sehr heiraten. Nur darum geht es ihm, wie es mir scheint. Aber als Mann von hohem Rang sollte er etwas selbstsicherer sein. Er achtet nur darauf, dass nichts seinem Ansehen schadet

Josi

Spannende Idee! Ich war der Meinung, dass im Buch gesagt wurde, dass er die Sätze meistens bei wichtigen Themen abbrechen würde, was ich besonders interessant fand.

Tom

Ich glaube, dass der General einfach nichts wirklich Wichtiges zu sagen hat. Jedes mal wenn er den Ich-Erzähler ermahnt, nicht zu spielen, hat er keine wirklichen Argumente.

Anonym

Durch die Ich-Erzählung wirkt alles subjektiv gefärbt, impulsiv und emotional aufgeladen. Auffällig ist auch die Sprachrhythmik, die zwischen kontrollierter Beschreibung und plötzlichen Ausbrüchen schwankt – ein Spiegel von Alexejs Nervosität und Selbsttäuschung. Häufig nutzt er Blickkontakte und Schweigen als dramaturgische Mittel, die mehr Bedeutung tragen als explizite Handlung. Zudem setzt er Kontraste ein – etwa zwischen Polina und Blanche oder zwischen russischer Innerlichkeit und europäischer Oberfläche. Und schließlich erzeugt er Spannung durch subtile Demütigungs- und Machtspiele, die unterhalb der sichtbaren Handlung verlaufen.

Anonym

Ich arbeite u.a. mit Menschen, die an einer Suchterkrankung leiden und weiß, dass Dostojeweski spielsüchtig war. Ich erkenne das in dem Abgestoßensein und dem Sog, den das Roulette ( und Polina) zeitgleich auslösen, wieder. Bin gespannt, wie es weitergeht und ob wir dem Protagonisten beim Fallen in die Sucht zusehen werden

Fabian

„Das für mich zentrale Thema war in den ersten Kapitel: Scham vs. Ehre, …
Faktoren für Ehre: … Westliche Identität.
Faktoren für Scham: … Exilrussentum.“

Das verstehe ich nicht. Woran machst Du das fest?
Vorab: ich bin nicht sicher, ob Du das Wort „Exilrussentum“ hier richtig benutzt hast. Die Russen in der Geschichte sind doch nicht im Exil (?).
Die Episode mit dem Visum, und die Geschichte des Soldaten, der einen Russen erschießt, bloß um das Gewehr zu entladen, scheint mir jedenfalls nicht in die Kategorie „westliche Identität – Ehre“ zu passen. Auch nicht die Erzählungen über den typischen deutschen Familienvater.
„Die Fähigkeit, Kapitalien zu erwerben… ist [… das Hauptstück des Katechismus der Tugenden und Vorzüge im zivilisierten westlichen Europa”] „Aber der Russe ist nicht unfähig, Kapitalien zu erwerben, sondern er vergeudet sie auch, wenn er sie besitzt, in ganz sinnloser und unvollständiger Weise“. Auch das wird nicht als beschämend dargestellt, so wird lediglich die „russische Seele“ beschrieben, und es kommt sympathischer herüber als das Bestreben, Kapital zu akkumulieren. Scham sehe ich dagegen weniger.

technicallydestinyf4186f6b55

Der Hauptakteur scheint Westeuropa nicht zu mögen.

Anonym

Ja, Franzosen hält er für freundlich, wenn sie etwas erreichen wollen und hinterlistig, hochmürig und nicht vertrauensvoll, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen.
Den Engländer hält er für einen Konkurrenten. Er ist der Meinung, dass Mister Astley in Polina verliebt ist

Michael E.

Ich erkenne sehr stark den sozialen Zerfall der russischen Oberschicht im 19. Jh., die in Europa nur noch Rollen spielt, aber keine Stabilität mehr besitzt. Ich sehe ein Bild von Russlands Unsicherheit gegenüber dem Westen, dessen Eleganz und Rationalität die russischen Figuren zugleich faszinieren und demütigen. Psychologisch interessiert mich vor allem der Komplex um Selbsttäuschung, Macht und Abhängigkeit – sichtbar in jeder Beziehung und besonders im inneren Chaos Alexejs. Insgesamt zeigt mir der Roman eine Welt, in der äußere Fassade und innere Wahrheit immer weiter auseinanderdriften.

Tobias

Ja, ein spannender Einblick in die desillusionierten “Westler”, die sich von der Idee abwenden, Russland wirklich im westeuropäischen Sinn modernisieren und kulturell aufschließen zu können, und jetzt noch einen Schritt vor der Option stehen, das “asiatische” Stigma trotzig als ewiges russisches Wesen umzuwenden und vielleicht auch reaktionär in die Zeitlosigkeit der Orthodoxie zu flüchten.

Fabian

Im Hinblick auf die Psychologie des Spielers/des Spiels hatte ich mir, ehrlich gesagt, mehr erwartet. Dass man nach einem ersten Gewinn hofft, die Gewinnserie fortzuführen und daher den ganzen Gewinn erneut setzt, anstatt (was wohl vernünftiger wäre) einen Teil des Gewinns zu sichern und nur mit dem Rest weiterzuspielen, ist nachvollziehbar, aber auch keine neue Erkenntnis. Was in der Seele des Spielers vorgeht, ist jedenfalls bislang nicht so wirklich deutlich geworden.
Auch ist nicht verständlich, wieso offenbar die ganze Gesellschaft davon ausgeht, im Roulette das Geld vermehren zu können. Es dürfte doch allgemein bekannt sein, dass auf Dauer nur die Bank einen Gewinn machen kann; gerade auch ein Spieler weiß das. Auch ist dem Erzähler bekannt, dass eine Farbe (schwarz/rot), ein Bereich (erstes, zweites, drittes Drittel) oder „gerade/ungerade“ nicht deshalb wahrscheinlicher wird, weil es bereits öfter gekommen ist. Der Erzähler stellt auch fest, dass das Rechnen nichts bringt. Dennoch rechnen die anderen Spieler alle und der Erzähler selbst stellt auch solche Überlegungen an (zu den Dritteln). Warum die anderen Spieler rechnen, und auch der Erzähler selbst solche Überlegungen anstellt, wird nicht klar.

Anonym

Dass auf Dauer immer die Bank gewinnt, ist dem Erzähler nur erfahrungsgemäß und indirekt bekannt (im Text: „einer von hunderten gewinnt“) aber noch nicht mathematisch durchschaut. Bis heute gibt es Spieler die glauben, sie könnten ein Gewinn-System austüfteln.

Tobias

Diese auch psychologisch irgendwie belastende Ambivalenz zwischen Faszination und Unterlegenheitsgefühl eineseits, stolzer Verachtung andererseits gegenüber dem Westen finde ich sehr deutlich herausgearbeitet (Interessant auch, wie wenig Sympathie den Polen entgegengebracht wird – das hatte ich nicht so deutlich in Erinnerung aus anderen Romanen). Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass sich diese Struktur in der Beziehung zu Polina spiegeln wird… ansonsten wird die Frage aufgeworfen, inwiefern Habitus und Klassenzugehörigkeit dieselbe Handlung als “aristokratische Unterhaltung eines Gentlemans” oder “vulgäre und verzweifelte Zerstreuung des Pöbels” qualifizieren.

Tobias

Ja genau, aber interessant, dass das gebrochene Verhältnis zum Westen eben nicht (mehr?) in Richtung Panslawismus/slawophile Option kippt, wo die russische Nation dann Vorkämpferin für die Freiheit der Polen, Tschechen und Serben wäre, sondern man weiterhin verzweifelt versucht, als Zarenreich die Augenhöhe mit Preußen, Habsburgern und Frankreich zu bekommen.

Martina

Die Klasseneinteilung und soziale Schubladisierung, finde ich, war sehr deutlich zu spüren. Auch die Beschreibungen der nationalen Stereotype fand ich spannend. Das Ergründen der deutschen Seele (speziell für mich als Österreicherin spannend) und die Beschreibung der russischen, chaotischen Seele, dem schnellen Geld ausgeben und dem in den Tag leben, fand ich gut gelungen.

Lisa

Tatsächlich finde ich Polina bisweilen mit am spannendsten und vor allem die Dialoge zwischen ihr und Alexej sind grandiose Unterhaltung

Anonym

Sehe ich auch so

Josi

Ja für mich ist Polina auch am spannendsten, insbesondere durch die Ich-Perspektive. Man weiß noch garnicht so wirklich, wie sie wirklich ist, weil alles durch Alexej so “verformt” wird. Ist sie wirklich so gleichgültig oder er erwidert sie nur seine Liebe nicht so, wie er das gerne hätte? Betrachtet sie sich wirklich als erhaben und ihn als “Sklaven” oder sieht sie ihn als Freund? Schließlich bittet sie ihn um Hilfe, aus dem Text geht hervor, dass sie sich häufig sehen.

Michael

Der Ich-Erzähler nimmt eine ambivalente Position ein. Zum einen erkennt er die Mechanismen des Glücksspiels und beschreibt diese deskriptiv-nüchtern. Er erkennt die Irrationalität des Spiels an. Andererseits beginnt er aber mit dem Spielen, welches er aus Affekten für Polina unternimmt. Er selber nimmt nicht den von Polina unterbreiteten Vorschlag, den Gewinn 50/50 zu teilen. In anderen Worten könnte man sagen, dass die Liebe zu einer Frau, ihn in das irrationale Verhältnis der Spielbank getragen hat, es aber eine anderen Grund hat, warum er dieses Verhältnis weiterführt. Es ist sein Stolz und sein Verlangen zu gewinnen. Die Verlockung des schnellen Gewinnes beschreibt er selber und verbindet diese mit den russischen Charakter.

Ebenfalls erwähnenswert sind die nebensächlichen Figuren. Der General der durch sein „gieriges“ Geld verlangen, das Setting des Romans bietet. Sein materialistisches Liebesembargo mit Madame Blanche, stützt sich dabei, ähnlich wie bei Polina und ihrem Franzosen auf Rubel. Geld spiel eine übergeordnete Rolle wobei das Abhängigkeitsverhältnis bei Polina komplexer ist. Sie selber spricht bei ihrer Wahl zwischen den Franzosen und den Briten davon, das obwohl der Brite mehr Geld hat, der Franzose klüger ist. Ihre Stütze ist somit nicht nur materialistisch, sondern auch intellektuell.

Die bedienten Diskurse sind ebenfalls erwähnenswert. Frauen als Geld-, Machtgierige Wesen (s. Madame Blanche/(Polina)), Klischeehaftes Gerede über „Juden“ oder die „Eigenschaften der Nationalitäten“ , wobei hier der Unterschied zwischen Autor und Romanfigur erwähnt werden soll.

Josi

Ja auch spannend, die eine Stelle wo Alexej davon spricht wie gleichgültig das Geld allerdings gesehen werden “müsse”. Das die Leute sich beim Spiel nicht anmerken lassen dürfen, dass ein Verlust sie berührt, es als freudig erachten sollen.

Anonym

Ich bin sehr gespannt, was es mit dem Engländer auf sich hat. Der Erzähler bezeichnet ihn bei jeder Erklärung als schüchtern gibt ihm aber auch immer mehr und neue Attribute dazu.

Michael E.

Ich interessiere mich sehr für die Frauenfiguren. Mir fällt auf, wie stark Polina die jungen Männer anzieht, obwohl sie kaum etwas tut. Ihre Macht scheint gerade aus ihrer Zurückhaltung zu kommen. Wie wirkt das auf euch? Der Kontrast zwischen Blanche und Polina scheint schon in den ersten Kapiteln gesetzt: Oberfläche versus Tiefe. Interessant finde ich, wie eindeutig nur der General auf Blanche reagiert. Seht ihr das auch so?

Josi

Ich frage mich, ob das womöglich an der Perspektive liegt. Es ist schließlich Alexejs. Findet er die Frauen nur interessanter? geht er davon aus, dass alle Männer Polina so toll finden müssen, weil er es tut? Vielleicht entspricht es nicht umbedingt alles der Realität?

Max

Guter Punkt!

Kap. III: “Mademoiselle Blanche ist eine schöne Erscheinung. Aber ich weiß nicht, ob man mich versteht, wenn ich sage: sie hat eines von den Gesichtern, vor denen man erschrecken kann.”

Der erste Satz klingt für mich, wie die objektive Wahrheit, wobei der zweite Satz die subjektive Meinung offenbart. Und ich schließe mich Josi an, ich denke die Wahrnehmung und Beschreibung der Frauen ist verzerrt.

Michael E.

Blanche ist meines Erachtens nicht nur Alexejs Projektion, sondern eine realistische Darstellung eines 19.-Jahrhundert-Frauentyps: gesellschaftlich ambitioniert, finanziell prekär, äußerlich brillant und sozial strategisch. Ihre Inszenierung – Kleidung, Auftreten, Charme – entspricht den tatsächlichen Überlebensstrategien von Halbwelt-Frauen in Kurhotels und europäischen Badeorten. Alexejs subjektive Abneigung färbt die Darstellung, aber sie verfälscht sie nicht völlig. Blanche verkörpert die Schnittstelle zwischen weiblicher Anpassung und gesellschaftlicher Härte – eine Figur, die wie ich finde in jener Zeit keineswegs selten war.

Tobias

Der General ist spannend, gerade weil man nichts über ihn weiß (nicht einmal, ob er wirklich Russe und wirklich General ist, scheint bislang ausgemacht). In dem Dreieck Erzähler-Polina-Franzose ist viel Spannung drin – man erwartet als Leser, dass das in irgendeine Form von Duell eskaliert.
Auch durch die Erzählung, die meistens Gerüchte zweiter Ordnung wiedergibt (“Jemand sagt, dass er/sie …”), sind die Figuren von so einem Nimbus der angemaßten Stellung bzw. der möglichen Täuschung umgeben. Man wird bewusst im Unklaren gehalten: Wer ist hier tatsächlich, wer er/sie zu sein vorgibt, und wer spielt eine Rolle?

wildlyparadiseb69969c0e6

Er ist such viel jünger, als ich mir das vorgestellt habe. Und seine Positio nicht so gesichert.

Martina

Ich finde, neben der offensichtlichen Polina, Mr. Astley spannend. Ich bin gespannt, ob und wie er noch in der Geschichte wichtig werden wird.

Susanne Eisele

Ich musste auch mehrere Anläufe nehmen, bis ich in der Geschichte angekommen bin.
Aber es ist von Seite zu Seite leichter geworden, die Erzählung nimmt Fahrt auf und ich bin gespannt und freue mich auf die nächsten Kapitel.

Josi

Ich möchte einfach einmal meine Gedanken teilen und darauf eingehen, welche Eindrücke ich aus den ersten Kapiteln gewonnen habe. Insbesondere zwei Aspekte waren für mich besonders spannend: das Gefühl unerwünscht zu sein und die Widersprüche.

Bereits auf der ersten Seite baut Dostojewski eine Stimmung des Unerwünschtseins auf, ohne dies direkt zu benennen. Der General spreche von oben herab. Polina stellt ihm eine Frage und entfernt sich dann, ohne seine Antwort abzuwarten. Im Folgenden wird dies weitergeführt, der General, der ihn nicht am Tisch haben möchte und es dem General nicht in den Sinn kommen würde, den Protagonisten vorzustellen. Ebenso zeigt es sich in dem Verhalten von Polina. Immer wieder geht es darum, wie der Protagonist sich wie ein Sklave gegenüber Polina fühlt, sie ihn nicht wie ein Mensch sehen würde. Es wird von Geringschätzung, völliger Gleichgültigkeit und einer Art Hass ihm gegenüber gesprochen.

In diesen Eindruck der Unerwünschtheit, mischt sich der Widerspruch. Es beginnt damit, dass der Protagonist davon ausgeht, dass man ihn mit großer Ungeduld schon erwarten würde, was allerdings ein Irrtum war. Diese Widersprüche zwischen dem Empfinden des Protagonisten und der Realität ziehen sich weiter durch die folgenden Seiten. Durch die Ich Perspektive, weiß man manchmal nicht, was die Realität ist und was nur die eigene Empfindung. So spricht der Protagonist beispielsweise davon, dem General mit einem unverwandten und respektlosen Blick zu antworten, während dieser eine Seite später davon spricht, dass der Protagonist so empfindlich sei und nicht gekränkt sein solle. Insbesondere wird es allerdings in der Beziehung zu Polina deutlich. Wie er davon schreibt, sie zu hassen, und später von seiner starken Liebe zu ihr spricht. Das er davon spricht, sich über seine Gefühle klar werden zu müssen und dann, dass er ihr schon häufig seine Liebe gestanden hätte. Vom Roulette spricht er erst beschönigend, sagt, es sei wie jeder andere Job, ein Satz später, dass ihm bewusst sei, dass von hundert nur einer gewinnt, aber ihn das „nichts angehe“, obwohl er selbst spielt. Die aufgebauten Widersprüche zeigen sich auch sprachlich, wie im folgenden Zitat: „Seine Schüchternheit greift schon an Dummheit, und er selbst weiß das natürlich, da er ganz und gar nicht dumm ist“.

Das Gefühl der Unerwünschtheit zusammen mit den Widersprüchen hinterlassen eine bedrückende, unsichere Stimmung auf den ersten Seiten finde ich. Der Protagonist tritt in diese bedrückende, unsichere Stimmung und scheint sich nicht damit zufrieden zu geben, scheint es immer wieder herauszufordern. Wenn er nicht am Tisch erwünscht ist, geht er trotzdem hin. Er spricht davon, dass er wisse, dass er viel törichtes Zeug zusammenreden würde und kommentiert dies mit „aber wenn auch, das ist nun einmal meine Überzeugung“, redet davon, dass es okay ist, wenn Polina ihn ausnutzt, und es ihn nichts angehe, wenn man beim Roulett schlechte Chancen hat. Er bringt dadurch eine gewisse Leichtigkeit, fast schon Dreistigkeit in diese bedrückende Stimmung, fast so, als wäre es für ihn ein Spiel.

Michael E.

Ich habe das Gefühl: Wir dürfen Alexej fast nichts glauben, was er über die anderen Figuren sagt. Sein Stolz und seine Selbstgefälligkeit machen ihn zu einem sehr zweifelhaften Erzähler, der unter Umständen danebenliegt – nur merkt er es selbst nicht. Bei Polina ist das am auffälligsten: Er stilisiert sie zur „dämonischen Frau“, dabei sehen wir eine junge Frau, die unter sozialem Druck steht und versucht, die Kontrolle zu behalten.
Welche Not steckt wohl hinter ihrer vermeintlichen Härte?

Und Blanche? Alexej hält sie für eine flache Betrügerin, aber eigentlich verrät er damit nur sein eigenes Klassenvorurteil. Für mich steckt hinter seiner Abwertung eine sehr reale Figur des 19. Jahrhunderts: eine junge, nicht intellektuelle Frau, die nichts hat außer ihrem Charme und ihren Strategien – und die genau weiß, wie man in einer patriarchalen Gesellschaft überlebt.

Der General ist für Alexej eine Lachnummer, doch vielleicht handelt es sich um einen verzweifelten Mann, der dabei ist, seine Würde zu verlieren und tragisch am eigenen Ehrgeiz zu zerbrechen.

De Grieux stellt Alexej mal als Schurke, mal als überlegenen Europäer dar. Ich sehe dagegen einen kühlen Pragmatiker, einen ganz nüchternen, effizienten Strategen, der einfach die Mechanismen der Macht versteht. Ist er moralisch verwerflich?

Am spannendsten finde ich: Je sicherer Alexej ist, „alle durchschaut“ zu haben, desto deutlicher bekomme ich den Eindruck, dass er eigentlich blind ist. Vielleicht ist der wahre Witz des Romans, dass der einzige, den Alexej nicht begreift, er selbst ist.

believergenerouslyf3e594e491

Kapitel 1: Nun werden wir wenigstens für eine Woche lang, für Millionäre gehalten.
Kapitel 3: Sie sitzen mit linierten Blätter da, notieren die einzelnen Resultate, zählen, folgern daraus Chancen, rechnen, setzen endlich und – verlieren ebenso wie wir gewöhnlichen Sterblichen, die wir ohne Berechnung spielen.

Man merkt hier die tönernen Füße, auf denen die Gesellschaft steht.
Beim zweiten Zitat habe ich geschmunzelt.

Max

“Ich sehe absolut nichts Schmutziges in dem Wunsch, möglichst schnell und möglichst viel Geld zu gewinnen; als sehr dumm ist mir immer der Gedanke eines behäbigen, wohlsituierten Moralphilosophen erschienen, der auf jemandes Entschuldigung: >> Es wird ja nur niedrig gespielt <<, antwortete: >> Um so schlimmer, da dann der Eigennutz kleinlich ist. << Als ob kleinlicher Eigennutz und großartiger Eigennutz nicht auf dasselbe hinauskämen!”

Für mich das Zitat der Woche, da es genau die Haltung des Erzählers spiegelt und die Heuchelei des Bürgerlichen schön überspitzt darstellt.

Tom

Ich fand den Gedanken bemerkenswert: “Sollte es denn wahr sein, daß man nur an den Spieltisch treten braucht, um sofort vom Aberglauben angesteckt zu werden?” (Fischer 25) – beschreibt sehr gut, wie beim Glücksspiel der Mensch den gesunden Menschenverstand verliert.

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