Klassiker des Monats • September 2026

Das bildnis des dorian gray

OSCAR WILDE

Woche 3

Kapitel 10–14

Was diese Woche geschah

Es wird deutlich: Wir lesen ein Buch über einen dekadenten Jüngling, der ein Buch über einen dekadenten Jüngling gelesen hat. Offensichtlich kann Lektüre giftig sein. Denn in dieser Woche wird es finster…

John William Waterhouse: Echo und Narziss (1903)

Dorian versteckt sein Gemälde auf dem Dachboden. Auch wenn er damit eigentlich alles Negative loswerden will, spüren wir: So einfach ist es nicht. Das Gewissen lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Jedenfalls nicht auf Dauer.

Durch Lord Henry gerät ihm ein Buch in die Hände, das ihn tief beeinflusst. Auch wenn Wilde auf Namen und Titel verzichtet, lässt er keinen Zweifel daran, dass es um Joris-Karl Huysmans Gegen den Strich geht. Das Buch schlägt Dorian in seinen Bann. Über Jahre eifert er den schwärmerisch-empirischen Sinnesfreuden des Romanhelden nach. Unersättlich wirft er sich von einer Leidenschaft auf die nächste: Mode, Parfums, Musik, Edelsteine, Textilien, kirchliche Gewänder – nichts, was ästhetische Genüsse verspricht, lässt er sich entgehen. Doch immer begleitet ihn die Angst, das sein Geheimnis entdeckt werden könnte.

  • Zuweilen wusste man kaum, ob man die geistigen Ekstasen eines mittelalterlichen Heiligen las oder die morbiden Bekenntnisse eines modernen Sünders.

    – Über das „vergiftete Buch“ (Kapitel 10)

An seinem 38. Geburtstag (d.h.: achtzehn Jahre sind zwischen Kap. 10 und der zweiten Hälfte des Romans vergangen) erhält Dorian Besuch von Basil. Er muss sich ernsthafte Ermahnungen über seinen Lebensstil anhören. Er fühlt sich herausgefordert, dem alten Freund sein Geheimnis zu offenbaren. Beim Anblick des Gemäldes ist der Maler zutiefst schockiert. Er sieht die Augen eines Teufels, ein vom Bösen zerfressenes Gesicht. Der echte Dorian steht dem Porträt derweil in Nichts nach – und ersticht in einem Anfall plötzlichen Hasses Basil Hallward.

Beim Versuch seine Spuren zu verwischen, verschafft er sich zunächst ein Alibi beim Hausdiener und schickt dann nach einem alten Bekannten, dem Wissenschaftler Alan Campbell. Mit dem Wissen um gemeinsame Ausschweifungen erpresst er Campbell, damit dieser das Problem des Leichnams, im wahrsten Sinne des Wortes, löst. Wir ahnen: Ein happy end steht nicht in Aussicht…

Literarische Spuren in »Dorian Gray«

Bevor Oscar Wilde zum Romanautor und Theaterstar wurde, war er Philologe und Literaturkritiker. Seine enorme Belesenheit hat sich naturgemäß auch in seinem Roman niedergeschlagen. Nun ist es weder ein Verdienst noch eine Notwendigkeit, die literarischen Spuren im »Dorian Gray« zu erkennen und zu verfolgen. Das Buch muss, wenn es ein eigenständiges Kunstwerk sein will, auch ohne philologische Gelehrsamkeiten „funktionieren“.

Allerdings ist es auch kein Fehler, solche Spuren zu entdecken. Es kann durchaus zur Freude am Lesen beitragen, wenn man hier und da auf vertraute Motive stößt und überrascht feststellt, wie sie in einem neuen Kontext neu wirken.

Das »gelbe Buch«: Joris-Karl Huysmans Roman Gegen den Strich (1884)

Wer mag, darf sich mit mir auf Schnitzeljagd begeben. Welche literarischen Assoziationen entstehen bei deiner Lektüre? Ich nenne einmal einige, die mir aufkamen und bin gespannt, weiteres in den Kommentaren zu entdecken!

  1. Narziss: Das liegt auf der Hand. Ovid erzählt in den Metamorphosen von dem jungen Schönling, der sein eigenes Spiegelbild im Wasser entdeckt und sich hoffnungslos selbst verfällt. Dorian braucht dafür zwar die Nachhilfe Lord Henrys, die Katastrophe nimmt dann jedoch zuverlässig ihren Lauf.
  2. Faust. Gleich mehrere Motive fallen mir hier auf: Das Experiment, das Leben bis zum Maximum in Höhen und Tiefen auszukosten – die Mephistophelesfigur mit ihren Einflüsterungen und Verführungen – die Gretchentragödie mit ihrem Missbrauch der Jungfrau.
  3. Frankenstein. Zu Beginn des 13. Kapitels offenbart sich Dorian dem Maler Basil mit den Worten »Du bist der einzige Mensch auf der Welt, der Anspruch darauf hat, alles über mich zu wissen. Du hast mehr mit meinem Leben zu tun, als du glaubst.« Wie Viktor Frankenstein, so erscheint auch Basil als eine Art Schöpfer eines eigenen Kreatur – mit demselben traurigen Ergebnis.

Ich bin mir sicher: Unsere Leserunde hat noch so einige weitere Anspielungen, Vorbilder und Parallelen gefunden!

Anregungen zum Gespräch

Es wird ernst. Dorian hat sich tief in Schuld verstrickt. Ich bin gespannt, welche Wendung das Buch für euch genommen hat!

Anstöße zum Gespräch wie üblich im Kommentarbereich am Ende der Seite. Dort kannst du entweder per Antwort reagieren oder ein neues Thema anfangen.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
20 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
Julie

Ich empfinde, dass der Unterschied zu dem Dorian am Anfang und dem Dorian jetzt schon sehr groß ist. Beachtet man allerdings wie viel Zeit dazwischen liegt kann es durchaus logisch sein, dass er sich so verändert hat. Mich würde allerdings mehr interessieren wie der Kontakt zu Lord Henry weitergelaufen ist und mich hätten auch mehr Einzelheiten aus dem Leben Dorians interessiert, die ihn zu dem Menschen gemacht haben, der er nun ist. Die letzten beiden Kapitel waren eher wie eine Aufzählung und stehen für mich etwas im Kontrast zum Rest des Buches. Ich bin aber gespannt, ob wir diesbezüglich vielleicht noch mehr erfahren!

Irene

Ich sehe bei Dorian bis jetzt immer noch den Kampf, den er innerlich ausficht. Er tut viel Schändliches, aber glücklich damit ist er nicht. Ich war zunächst auch irritiert wegen der Aufzählungen der unbeschreiblichen Schätze und Besonderheiten, welche Dorian sammelt bzw. mit denen er sich beschäftigt. Dann ist mir der Gedanke gekommen, dass diese Inbrunst, mit der diese Aufzählungen erfolgen, die Besessenheit Dorians von diesen Themen gut veranschaulicht. Es sind meines Erachtens lediglich Versuche seinerseits, sich von seiner eigenen Persönlichkeit, von seinem Bild von sich selbst, abzulenken. Er will einfach nicht wahr haben, zu was für einem Monster er im Grunde geworden ist. Denn ein Teil von ihm will eigentlich nicht böse sein, er will nicht herzlos sein, aber er kommt gegen seinen Begierden und seine Genusssucht nicht an. Das zeigt sich auch während des Mordes und danach. Die Tat ist in einem Anflug unbändiger Wut und Hasses erfolgt. Er ist seinen Gefühlen ausgeliefert und kann sich nicht beherrschen. Interessant ist auch, dass Dorian Sir Henry und sogar noch mehr Basil für seine Persönlichkeitsentwicklung verantwortlich macht. Er lehnt offenbar den Gedanken des freien Willens und der eigenen Verantwortung ab.
Er ist noch kalt genug, alles zu unternehmen, um die Tat und seine Verbindung damit zu vertuschen.
Aber er hat auch Angst erwischt zu werden. Und ist nervös. Während er auf Campbell wartet, greift er wieder auf die altbewährte Ablenkung zurück. Er hat Mitleid mit Campbell, weil er weiß, dass er ihn gleich erpressen wird. Trotzdem tut er es.
Dass zwischen den Kapiteln über 10 Jahre fehlen, macht den Wandel vom naiven Jüngling zu dem Monster leicht nachvollziehbar. Ich glaube, es wäre für den Leser irgendwann ermüdend geworden, die Persönlichkeitsveränderung langsam mitzuerleben. Für mich hat Wilde das klug gemacht.
Obwohl ich den inneren Kampf von Dorian sehe, habe ich keinerlei Sympathien für ihn.

Karo

Ich denke dass diese Aufzählungen der Kunstschätze und Sammlungsbemühungen Dorians einen doppelten Sinn erfüllen: zum einen veranschaulichen sie, wie Du schon schreibst, Dorians Hingabe an die schönen Künste und seine Besessenheit. Zum andern benutzt Wilde hier auch die literarische Form der „Ekphrasis“, um der Leserin und dem Leser durch die anschauliche Darstellung der Kunstschätze gewissermaßen eine ästhetische Erfahrung zu vermitteln und auch Miterleben zu lassen, was Dorian über die vielen Jahre als Kunstgenuss erfährt.

Annette

So, wie wir Dorian Gray von Oscar Wilde präsentiert bekommen, erscheint er mir durchaus schlüssig. Er lebt sein „Dandytum“ komplett aus, kennt und repräsentiert seinen Platz in der Gesellschaft, füllt seine Tage mit der Beschäftigung schöner Künste und lebt im geheimen auch noch seine Neigungen aus. Dies alles ist für ihn möglich, weil er nicht nur umwerfend schön ist und eine besondere Wirkung auf die Menschen hat, sondern natürlich auch, weil er sich durch seinen Reichtum alles leisten kann. Seine Ich-Bezogenheit scheint grenzenlos, er versucht aber trotzdem immer den schönen Schein zu wahren.
Zeitweise ist er fast paranoid, dass jemand hinter sein Geheimnis (das Bild im Studierzimmer) kommen könnte, er hütet es und ist fast besessen davon.
Dass er Basil umbringt, nachdem er das Bild mit seinen Schrecken gesehen hat, ist praktisch unumgänglich – die Art wie er den Leichnam „verschwinden“ lässt, finde ich persönlich besonders grausam und gemein, passt aber meiner Meinung nach zu dem Charakter, den Dorian in den verstrichenen Jahren entwickelt hat.
Jetzt ist sozusagen die letzte Schranke, die noch bestanden haben könnte, überwunden, ich bin sehr gespannt, welche Grausamkeiten noch auf uns warten.

Karo

Ich finde den Mord an Basil auch schlüssig, weil Dorian damit den „Ideal“-Geber, der einst dieses wunderbare Bild von ihm geschaffen hat, aus der Welt schafft, ja sogar vollständig verschwinden lässt. Denn Dorian konnte und wollte diesem Ideal nicht gerecht werden, kann aber gleichzeitig auch nicht zugeben, dass er diesem Bild nicht entspricht, das andere – darunter auch Basil – geblendet durch sein jugendliches und reines Aussehen ihm immerzu andichten.

Karo

Ich finde interessant, dass Oscar Wilde den Ästhetizismus und Hedonismus Dorians mit einem unmoralischem Charakter verknüpft, denn ich halte das, selbst wenn es in der Liebe zur Kunst auch um Entgrenzung und Ausschweifung geht, für keine zwingende Verbindung. Interessant finde ich auch, dass der unmoralische Lebenswandel Dorians tatsächlich nur sehr knapp und im Spiegel der Erzählungen anderer zum Ausdruck kommt, und sich doch als „Unterströmung“ irgendwie immer mitliest. (Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt, ehe ich das Buch las.) Psychologisch schlüssig finde ich die Figur Dorians aber trotzdem, und seine innere Zerrissenheit und seine Angst vor Entlarvung auch, weil andere Menschen enorm Schaden durch ihn erleiden und dann auch den Kontakt zu ihm scheuen, er aber immer ungeschoren davon kommt und keine gesellschaftliche Ächtung erfährt, denn die Kreise, in denen er sich bewegt, geben sich mit einer rein oberflächlichen Betrachtung zufrieden.

Saru

Die Eitelkeit scheint mir die eigentliche Wurzel von Dorians Charakter zu sein. Die Angst vor dem Altern, vor dem Verlust der jugendlichen Schönheit, also der Kult der eigenen Schönheit, die überhaupt erst zu dem Pakt mit dem Bild geführt hat, ist ein Grundmotiv, das zu dem Leben führt, für das er sich entscheidet. Die Folge seines Wesens wäre dann Hedonismus, Ablenkung durch Kunstsammlungen oder Obsessionen. Es stellt sich auch die Frage, ob Dorian überhaupt zu echtem Gewissen oder Reue fähig ist – im Unterschied zu bloßem Selbstmitleid oder Angst vor Entdeckung –, was zu seiner inneren Zerrissenheit führt. Ist sein „innerer Kampf“ tatsächlich moralisch, oder nur die Angst, sein Bild von sich selbst nicht mehr aufrechterhalten zu können?

Saru

Und zur Schlüssigkeitsfrage: Ja, im Grunde finde ich es schlüssig (und das Experiment mit dem Bild und ausbleibenden Auswirkungen auch echt faszinierend): Ein junger Mensch, dessen gesamter Selbstwert an äußerer Schönheit hängt, bekommt die Möglichkeit, jede Konsequenz seines Handelns auf ein Bild abzuwälzen, statt sie an sich selbst zu spüren. Auch die Ambivalenz passt gut zu einem Charakter, der in einer Art Verdrängungsspirale gefangen ist. Der große Zeitsprung, der hier auch schon angesprochen wurde, verschleiert die Wandlung vom Jüngling zum Zyniker. Wilde lässt offen, ob das gewollt uneindeutig ist oder ob die Geschichte da schwächelt, das könnte ich nicht beurteilen. Mich hat es nicht gestört. Dass der verheerende Einfluss auf andere Menschen in der Gesellschaft kaum Konsequenzen hatte, ist schon bemerkenswert und vielleicht als Hinweis auf die damals herrschende viktorianische Doppelmoral zu verstehen.

Irene

Über diese Frage musste ich viel nachdenken. Narziss ist klar, das ist das offensichtlichste. Mir fiel auch Schneewittchen ein, deren Stiefmutter dermaßen besessen von ihrer eigenen Schönheit und ihrem Spiegel war.
Oder Needful Things von Stephen King, denn dieses Buch lebt auch von der Manipulation anderer Menschen.

Annette

Mir kommt „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson in den Sinn. In der Gesellschaft gibt Dorian den großzügigen Feingeist Dr. Jekyll, der sich im Verborgenen in den grausamen Mr. Hyde verwandelt.
Oscar Wilde könnte die Erzählung gekannt haben, da sie 1886 erschienen ist.

Karo

Ich sehe mich an Edgar Allan Poes kleine und feine Kurzgeschichte „Das ovale Porträt“ von 1842 erinnert, in der es um das besondere Bildnis einer wunderschönen jungen Frau und dessen Verbindung zu ihrem realen Leben geht, und auch darum, wie besessen man von Kunst sein kann. Könnte mir gut vorstellen, dass Wilde diese Geschichte als Inspirationsquelle hatte.

Saru

Der Verlust der Unschuld hat mich auch sehr beeindruckt am Anfang der Geschichte. Und da kommt mir, obwohl ich nicht religiös bin, der Sündenfall im biblischen Paradies in den Sinn: Lord Henry als Schlange mit verbotenem, verführerischem Wissen als Apfel, und der Verlust der Unschuld, die unwiederbringlich ist.

Irene

„Es war das merkwürdigste Buch, das er je gelesen hatte. Es schien ihm, als zögen die Sünden der Welt in kostbaren Gewändern und zu zarten Flötentönen in stummem Spektakel an ihm vorüber. “
Wilde beschreibt die Dinge sehr bildhaft in wunderschöner Sprache

Irene

Hier kommen mir drei Märchen in den Sinn (ich habe schon immer Märchen geliebt):
– Aschenputtel
– Das hässliche Entlein
– Die Schneekönigin
Ich denke, die Geschichten sind selbsterklärend

Carola

Ich habe mich mit der Entstehungsgeschichte des Romans beschäftigt. Denn ich war verwundert, dass in der Mitte der Handlung mehr aufge- als er-zählt wird – zum Beispiel, was Dorian alles an Materiellem liebt und sammelt. Nun, das ist wohl auch der Erweiterung des ursprünglichen Textes geschuldet.
Wildes erzählerisches Talent besteht nämlich meines Erachtens darin, dass er die Handlung mit unerwarteten Wendungen vorantreibt, die dennoch logisch sind. Und man nimmt es ihm ab.

20
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x