Klassiker des Monats • September 2026
Das bildnis des dorian gray
OSCAR WILDE
Woche 2
Kapitel 5–9
Was diese Woche geschah
Eine junge Frau findet die Liebe und verliert ihr Leben. Der Protagonist lernt, herzlos zu sein und entdeckt das Geheimnis seines Bildes. Es soll unbedingt sein Geheimnis bleiben…

Wir lernen die Familie Vane kennen: Die verliebte Sibyl, die berechnende Mutter, den beschützenden Bruder James. So ungern die anderen die stürmische Liebe zum reichen Unbekannten sehen: Abbringen können sie die Schauspielerin davon nicht. James stößt wütende Drohungen für den Fall der Beschämung seiner Schwester aus. Wir merken uns das…
Im folgenden Kapitel 6 wiederholt sich die Konstellation auf der anderen Seite. Der Maler Basil und Lord Henry sprechen beim Dinner vor dem Theaterbesuch mit Dorian über die Hochzeitspläne. Die Reaktionen sind charakteristisch: Basil Hallward ist von dieser ungleichen Verbindung alles andere als überzeugt. Lord Henry dagegen ist begeistert: »Ich hoffe, Dorian Gray wird dieses Mädchen zu seiner Frau machen, sie sechs Monate leidenschaftlich anbeten und sich dann plötzlich von einer anderen Frau anziehen lassen. Er gäbe ein wundervolles Studienobjekt ab.«
So weit kommt es nicht. Der Theaterbesuch ist ein Desaster. Sibyl liefert eine furchtbare schauspielerische Leistung ab. Dorian sucht sie entsetzt in der Garderobe auf, ihre Gefühle könnten nicht unterschiedlicher sein: Für Sibyl hat die Aussicht auf echte Liebe die gespielte Liebe des Theaters als bloßen Schatten entlarvt. Sie lässt die Kunst als Imitation des Lebens hinter sich. Dorian dagegen hat sich in die Kunstfigur verliebt und ist von der echten Person enttäuscht. Eiskalt lässt er sie weinend zurück.
Zuhause angekommen fällt sein Blick auf das Porträt: Um den Mund entdeckt er Linien der Grausamkeit. Er ahnt: Dieses Bild ist tatsächlich die »sichtbare Verkörperung des Gewissens«. Er zieht schaudernd einen Wandschirm vor das Gemälde.
Dorian ist gerade dabei, Sibyl einen Brief voller Reue und guter Vorsätze zu schreiben, als Lord Henry ihn unterrichtet: Das Mädchen hat sich das Leben genommen. Dorians erster Schrecken wird von Lord Henry schnell in eine andere Richtung gelenkt: Mit Genuss dreht er dessen jugendlichen Egoismus so um, dass Dorian am Ende den Entschluss fällt, das Ganze als Teil des Hedonismusprojekts zu begreifen. Das Porträt soll ihm dabei helfen.
Basil zeigt sich beim Besuch Dorians schockiert von dessen Kälte. Er sieht darin den Einfluss von Lord Henry und wünscht sich den Dorian seines Gemäldes zurück. Den aber darf er nicht noch einmal auf der Leinwand sehen. Dorian verweigert ihm den Blick auf das inzwischen veränderte Bild, um sein Geheimnis zu bewahren.
Dorian, Sibyl und der »Ästhetizismus«
Wer kennt es nicht: Man steht in der Buchhandlung, sieht dieses eine Buch, das man doch unbedingt einmal lesen wollte. Man weiß, dass man nicht die Zeit hat, es zu lesen – und kauft es. Zahllose Menschen haben nicht eigentlich Tolstois »Krieg und Frieden« oder James Joyces »Ulysses« erworben, sondern ein Bild von sich als Leser dieser Bücher. Ich weiß, wovon ich spreche. Deshalb gibt es ja den Klassikerclub.

Wer schon einmal die Vorstellung von etwas mehr geliebt hat als die weniger glamouröse Realität, kennt die Haltung des »Ästhetizismus«. Schönheit schlägt Wirklichkeit. Oder besser noch: Sie verwandelt die Wirklichkeit. Mit dem richtigen Soundtrack in den Ohren kommt man sich auf dem Weg durch die Stadt vor wie James Bond auf gefährlicher Mission. Ohne Musik ist es einfach nur die Fußgängerzone von Bottrop oder Kassel. Kunst hat die Fähigkeit, das Leben zu steigern, zu formen, zu überhöhen.
Genau das liebt Dorian an Sibyl Vane. Ihre Fähigkeit, die großen Frauenfiguren Shakespeares ins Leben zu tragen und ihn glauben zu lassen, das Leben könne tatsächlich so poetisch sein, wie es bei Shakespeare klingt. Sibyl dagegen liebt das echte Leben. Als sie Dorian kennen und lieben lernt, wird ihr die Kunst zum bloßen Schatten. Nicht mehr als die Nachahmung des Lebens. Die Vorstellung, man könne das Theater, die Maske, die Rolle mehr lieben als die Wirklichkeit, erscheint ihr als absurd. Für Dorian ist es hingegen der Inbegriff seiner Sehnsucht, die Kunst das Leben verwandeln zu lassen.
Die Sympathie der allermeisten Leser:innen wird auf Seiten von Sibyl liegen. Oscar Wilde weiß das. Die Art, wie er Dorian mit dem armen Mädchen umgehen lässt, ist nicht geeignet, Dorians ästhetische Lebenshaltung zu empfehlen. Das ist bemerkenswert, denn im wahren Leben war Oscar Wilde mehr Dorian (oder: Lord Henry) als Sibyl Vane. Er war bekannt für leidenschaftliche Selbstinszenierung, extravagante Garderobe, große Auftritte. Ein Hauch von Bill Kaulitz, wenn man so will.

Auf den ersten Blickt wirkt der schönheitsverliebte Ästhetizismus im Roman kalt und unmoralisch. Ein zweiter Blick allerdings lohnt sich. Denn damit versteht man auch Oscar Wilde besser. Dieser zweite Blick könnte beim letzten Satz des Vorworts beginnen: »Alle Kunst ist völlig nutzlos.« Kunst ist für Wilde nicht praktisch. Kunst ist nicht pädagogisch wertvoll. Kunst ist einfach Kunst. Darin steckt eine Gegenreaktion, die uns heute nicht automatisch einleuchtet.
Oscar Wilde und seine Zeitgenossen leben mitten im Triumph der Industrialisierung. Die Welt war noch nie so effizient, so schnell, so unglaublich praktisch. Was man nicht alles von Maschinen herstellen lassen kann! Peinlich, wer da noch von Hand arbeitet. Der Erfolg der Effizienz durchdringt den Alltag und prägt den Stil. Die Ware ersetzt das Werk. Kein Wunder, dass sich Menschen mit künstlerischer Sensibilität nach mehr unpraktischer Ästhetik sehnen. Wir kennen das Phänomen heute noch von Manufactum, Vinylschallplatten und handgeschlagener Butter.

Dazu kommt eine zweite Gegenbewegung. Sie hat mit öffentlicher Moral und privater Lebensführung zu tun. Wilde lebt im spätviktorianischen Zeitalter. Das Bürgertum liebt die respektable Fassade, die prüde Moral, den Fleiß, die Sittenstrenge, die Selbstdisziplin. Was hinter der Fassade geschieht, ist eine andere Geschichte.
Der Ästhetizismus fordert diese Moral heraus. Er feiert den Genuss, den Luxus, das Nutzlose aber Schöne. Dabei wird auch über die Stränge geschlagen, weil erst im Exzess die Grenzen überschritten werden, um die es geht. Das Spannende am Dorian Gray: Der Exzess hat seinen Preis. Obwohl Wilde selbst ein Provokateur ist, weiß er um die Problematik der Maßlosigkeit. Er feiert den Ästhetizismus nicht als bessere Moral. Und er zeigt: Das Gewissen schläft nicht. Es lässt sich nur verstecken. Vorläufig.
Anregungen zum Gespräch
Die Figuren entwickeln sich, die Dramatik nimmt zu. Ich bin gespannt, wie es dir mit dem zweiten Viertel des Buches ging!
Anstöße zum Gespräch wie üblich im Kommentarbereich am Ende der Seite. Dort kannst du entweder per Antwort reagieren oder ein neues Thema anfangen.

Etwas abseits des Themas, aber: wie geht es dir mit dem „Klassiker lesen“ vs. „Klassiker kaufen“?
Ich gebe zu, dass ich sehr viel mehr Klassiker in meinen Bücherregalen zu stehen habe als ich bisher gelesen habe.
Viele von ihnen habe ich geschenkt bekommen. Aber nach und nach, wenn auch langsamer als ich mir wünsche, arbeite ich mir da durch. Ich lese immer zwei bis drei Bücher parallel: einen Thriller, einen Klassiker und schöne aktuelle Belletristik. Z. B. fand ich „Die Telefonzelle am Ende der Welt „, „Die Bücher des Monsieur Piquet“ oder „Bevor der Kaffee kalt wird“ ganz wundervoll.
Bei den Klassikern gibt es einige, wo ich mich einfach noch nicht rangetraut habe. Z. B. Dante Allighieris „Göttliche Komödie “ oder Goethes „Faust“.
Vielleicht habe ich ja Glück, und ich kann sie zusammen mit einer Lesegruppe lesen. Jedenfalls spornt mich diese Gruppe hier an, und dafür möchte ich dir herzlich danken, lieber Alex
Auch ich habe deutlich mehr Klassiker zu Hause als ich gelesen habe. Zu meiner „Verteidigung“ möchte ich sagen, dass auch mein Mann viele Werke dazu beigesteuert hat – wir sind beide Büchermenschen.
In unseren jüngeren Jahren haben wir tatsächlich viele Werke in dem Wissen erworben, dass wir die Bücher nicht sofort werden lesen können, aber auf jeden Fall lesen wollen…
In regelmäßigen Abständen lese ich auch einen davon – oder höre mir ein Hörbuch an, das funktioniert bei mir auch sehr gut, wenn es gut gelesen ist.
Ich mag die Abwechslung mit zeitgenössischer Literatur, die Atmosphäre und Sprache ist anders, ich bekomme ein Gefühl für die Zeit, in der das Buch geschrieben wurde und fast immer ist es ein Gewinn.
Für mich ist es sehr angenehm, dass ich jederzeit auf unsere kleine private „Klassikerbibliothek“ zugreifen und direkt loslesen kann – auch wenn ich weiß, dass meine Lebenszeit niemals für alle Werke ausreicht.
In den letzten Jahren haben wir aber nur noch sehr wenig dazugekauft, da wir einfach schon vieles haben.
Ich habe auch Klassiker zuhause, die ich noch nicht gelesen habe, aber unbedingt lesen möchte. Oft greife ich zur Belletristik, weil die Sprache einfacher ist und ich diese Bücher „einfach“ lesen kann. Aber ich ärgere mich dabei über mich selbst.
Und gerade deswegen liebe ich diesen Klassikerclub hier. Denn durch die Zusatzinformationen von dir kann ich den Inhalt der Bücher besser verstehen, ohne die Informationen zusätzlich googeln zu müssen
Nicht nur Klassiker stapeln sich bei mir, auch Zeitgenössisches wartet auf mich. Ein Bild von mir, wie ich lese (was immer das auch sei), entsteht in mir nicht. Für mich sind es Verheißungen und Versprechen: Was mich wohl erwartet hinter den Buchdeckeln? Ich lese, weil ich nicht mehr als ein Leben leben kann und auch nicht in anderer Zeit oder anderer Welt. Und meine Neugier ist größer als mein Lesevermögen :-). Und auch wenn ich viel lese, werden zum Ende meiner Tage noch einige ungelesene Bücher zurückbleiben, das kümmert mich nicht. Es ist schön, eine Auswahl zu haben, und der Klassikerclub inspiriert ja auch (ich musste dazu auch schon etwas kaufen, weil es nicht in meinem Tsundoku-Stapel war :-)). Und dieses Buch lese ich nun zum zweiten Mal in drei Jahren.
Das ist so schön, was Du geschrieben hast „..weil ich nicht mehr als ein Leben leben kann und auch nicht in anderer Zeit oder anderer Welt.“ ♡
Seit meiner Wiederentdeckung der Klasssiker, auch von unserem Klassikerclub unterstützt 🙂 , habe ich angefangen (best.) Klassiker zu sammeln und mir zu Hause ein Klassiker Regal einzurichten. Dafür habe ich groß ausgemistet und viele Bücher, die ich bestimmt kein zweites Mal lesen werde (keine Klassiker oder gute Gegenwartsliteratur) verschenkt und gespendet. Ich freue mich riesig nun, diese neu entdeckten Schätze zu lesen und mich auch vom Klassikerclub inspirieren und begleiten zu lassen!
Gleiches oder ähnliches Bild auch bei mir. Ulysses zum Beispiel habe ich schon mehrmals angefangen und immer wieder abgebrochen. Aber ich lese meistens mehrere Bücher parallel – und von daher streut sich das ganze bei mir. Aber ja, mehr Klassiker zu Hause als gelesen
Ich lese tatsächlich überwiegend Klassiker. Auch weil ich dieses Bestreben, den „westlichen Kanon“ besser zu verstehen und in Kontext zueinander und der jeweiligen Epoche setzen zu können, nicht abstellen kann. Mir machen solche Leseprojekte sehr viel Spaß und der Mehrwert und das tiefere Befassen mit dem Gelesenen machen diesen Ansatz für mich so viel attraktiver als einfach möglichst viel Gelesen zu haben.
Bei zeitgenössischer Literatur habe ich oft eher eine Barriere im Kopf, dass das Werk in den nächsten Jahren schon in Vergessenheit gerät und ich lieber einen Klassiker anfange. Ich lese aber auch Bücher parallel und habe Der Zauberberg über ein Jahr verteilt gelesen und mache es mit Ulysses genauso.
Hi zusammen,
ich klinke mich hier zum ersten Mal ein! Bin 25, stecke noch im Studium und versuche gerade, mir nach und nach mal ein eigenes Bild von einigen Klassikern zu machen. Ich will für mich selbst herausfinden, welche von den Büchern mich heute wirklich noch packen. Ich tendiere durch meine Neugier aber auch immer wieder dazu, mir zu viele Bücher auf einmal aufzuladen.
LG Paul
Herzlich Willkommen – bin gespannt, ob Dorian Gray zu den Büchern zählen wird, die dich packen!
Hallo, ich bin Susanne und per Zufall auf diese Seite gekommen. Ich bin eine von diesen Menschen, die sehr gerne lesen und eigentlich auch Klassiker lesen möchten. Gekauft habe ich das ein oder andere Buch rückblickend eher u ter dem Motto ‚haben ist besser als brauchen‘ gekauft.
Wie passend, dass es jetzt einen Anlass gibt, Dorian Gray jetzt zu lesen😊.
Durch die vielen Informationen/ Hintergründe zu Autor, Text und der Zeit macht es Spaß das Buch zu lesen. Der angestaubte Klassiker wird zum Roman 😊.
Auch wenn es mir noch schwer fällt, die Kapitel pro Woche mitzuhalten (ich hinke noch 2 hinterher), ist dieser Klassikerclub eine großartige Idee und Motivation. Danke dass ich Teil davon sein darf😊
Hallo Susanne, schön dass du dabei bist! 🙂
Es ist schön zu lesen, dass nicht nur ich viel zu viele ungelesene Bücher zuhause habe. Vielleicht verfolge ich dabei auch eine gewisse Ästhetik. Ein schönes Cover und das Bild von mir im Kopf wie ich dieses Buch lese. Auch wenn ich versuche hinterherzukommen, werde ich wahrscheinlich immer eineiige ungelesene Bücher zuhause haben. Aber es gibt ja auch schlimmeres als Bücher zu kaufen!
Oh ja, ein schönes Buch in der Hand zu halten und sich vorzustellen, wie schön es sich liest: Das gehört für mich zusammen. 🙂
Ich habe mir als junge Erwachsene mal vorgenommen, im heimischen Bücherschrank tatsächlich nur die Bücher zu haben, die ich lese und gelesen habe. (Das hat mit 10-15 Prozent Überhang auch geklappt – weil in der freien Lesezeit verschätzt, oder Buchgeschenke da länger gelandet sind.) Seit etwa 10 Jahren sammle ich aber mit der Vision eines zukünftigen Buchprojekts klassische Bücher, auch in alten Ausgaben… und da bin ich jetzt Lichtjahre hinterher mit lesen. Das macht aber nix, denn ich hoffe, der große von meiner Leserei unabhängige Tag für diese Bücher kommt noch…
Dorian rückt nun ins Zentrum des Buches. Wie nimmst du seine Entwicklung wahr?
Dorian wird mir gerade immer unsympathischer, ich sehe aber sehr wohl, dass er innerlich Kämpfe ausficht, es ist, als ob zwei Persönlichkeiten in ihm stecken. Eine, die das Leben in vollen Zügen genießen und nicht wahr haben will, dass jedes Handeln Konsequenzen nach sich zieht, weshalb er versucht, sich seine Situation schön zu reden bzw. zu denken.
Die andere ist empfindsam und naiv, will ein guter, herzenswarmer Mensch sein. Ich empfinde es so, dass Lord Henry und Basil äußerlich darstellen, was im Inneren Dorians los ist, wobei mir der Lord derzeit stärker erscheint.
Am Anfang war Dorian einfach ein naiver und verwöhnter Jüngling, der mit sich selbst nichts anzufangen wusste und in den Tag hinein lebte. Basil als väterlicher Freund gab ihm ein wenig Halt, aber Lord Henry wird für ihn zum verehrten Vorbild, dem er unbedingt nacheifern möchte (bis hin zur selben Wortwahl). Er erkennt seine Schönheit durch das Bild und die Worte von Lord Henry und in seinem jugendlichen Überschwang wird die Schönheit zum wichtigsten in seinem Leben.Dass er sich ausgerechnet in Sybil Vane verliebt ist kein Wunder, da sie nicht nur äußerlich schön, sondern auch eine sehr gute Schauspielerin ist, die die Worte der Dichter zum Leben erweckt. Genau genommen verliebt er sich in das Bild, das er von Sybil hat – so wie es auch uns manchmal passiert, wenn wir einen Filmschauspieler mit seiner Rolle gleichsetzen. Doch Dorian sieht nur die schöne Fassade, die echte Sybil Vane als Mensch nimmt er praktisch nicht wahr. Das könnte man noch als jugendliche Blindheit rechtfertigen. Auch seine Enttäuschung, als die Schauspielerin nicht mehr seinem Ideal entsprach und er deshalb mit ihr bricht ist in diesem Kontext nachvollziehbar. Immerhin plagen ihn danach dann doch Gewissensbisse (ausgelöst durch das veränderte Bildnis!).Aber: Wie kann man so eiskalt und egoistisch sein um unter dem Einfluss von Lord Henry so schnell bereit zu sein, die ganze Angelegenheit zu vergessen – inklusive des durch ihn verschuldeten Selbstmords! Ich wünschte, die Art und Meinung von Basil hätte mehr bei Dorian mehr Gewicht und er würde zu seinen Verfehlungen stehen.Aber das wäre für den Fortgang der Geschichte sicher zu wenig dramatisch…
Das sehe ich genauso
Auch von mir…. seine Leidenschaften und Träume ausleben – ja. Aber doch noch mit Grenzen dort, wo ein anderer oder eine andere dabei verletzt wird(und in diesem Fall sogar das Leben verliert)
Nachdem er vorher vor allem durch die Dialoge mit Sir Henry und Basil erkennbar wurde, sehen wir ihn auch noch durch die Augen von Sibyl, die ihn liebt und ihr echtes Leben mit ihm verbringen will. Im Laufe des Textes wird einem klar, wie verschieden die Welten sind. Man ahnt es: Das harte, ärmliche Leben, das Sir Henrys und Grays Gesellschaftsschicht so verachtet, wird brutal gegen die romantisierte Verliebtheit Dorians prallen. Sibyls Mutter hat Ähnliches wohl schon erlebt, und der Bruder ist alarmiert. Theatralisch droht er Grays Tod an, was angesichts seiner Abreise nach Australien kein Gewicht zu haben scheint. Es war verheerend zu lesen, wie Sibyl nach ihrer miserablen Aufführung gegen Dorians eisiges Herz lief. Dorian liebte leider nur die Figuren, die sie darstellte. Zur echten Liebe scheint er nicht fähig. Auch nicht, während er beschämt „das Richtige“ tun will und einen von Selbstmitleid triefenden Brief an sie schreibt, der in Wahrheit nur ein verzweifelter Versuch ist, das Steuer in seinem Leben noch einmal herumzureissen. Könnte er noch seine Seele retten, die auf dem Bild so schonungslos abgebildet wird? Sibyls Tod bedrückte ihn nur einen Nachmittag lang. Dafür heischte er bei Basil nach Anerkennung. Der ist schockiert über die Gefühlskälte seiner Muse. Er will es noch nicht wahrhaben. Dorian wird berechnend, versucht, Basil vom Bild fernzuhalten, bei dem sich schon Anfänge seiner Verderbtheit abzeichnen. Er erschleicht sich Basils Liebesgeständnis und zeigt eine boshafte Genugtuung. Doch unbewusst hat auch Basil einen Unterschied bemerkt… denn er sah das Bild ein zweites Mal, als es geliefert wurde. Schon dort fand er nicht mehr den Grund, warum er es niemals ausstellen wollte. Auch das offenbart er Dorian. Dorian wird bewusst, dass er einem boshaften Leben entgegengeht – er entscheidet sich dafür. Und er will sein Geheimnis unter allen Umständen bewahren. Er will bewusst andere mit seinem schönen Antlitz täuschen und alles unmoralische ausleben.
Mich wundert aber ein bisschen auch die Haltung von Sibyl: was liebt sie an ihm? Dass er schön ist? Dass er finanzielle Sicherheit verspricht? Dass er ihr Aufmerksamkeit schenkt? Ich glaube diese „Verliebtheit“ ist auch Thema des viktorianischen Zeitalters: man lernte eigentlich nur die äußere Fassade des jeweils anderen kennen. Ohne die Chance, sich mit Charakter, Leidenschaften etc. auseinanderzusetzen
Ja genau! Sie kannte nicht einmal seinen Namen. Die romantischen Gefühle entstanden in ihr ohne ihn wirklich zu kennen – jung, unreif und zum ersten Mal nicht auf der Bühne. Ich kann mir gut vorstellen, dass es um Schönheit und Sicherheit ging. Eher Schwärmerei und Hoffnung als Liebe, wie wir sie heute deuten würden.
Dorian ist anfangs hin und her gerissen zwischen den zwei Positionen, die äußerlich von Basil und Harry verkörpert werden. Er kann sich dem Sog der „falschen, bedrückenden, giftigen, entzückenden Theorien“ S.87 von Harry nicht entziehen, auch wenn er dem mit der Entscheidung, Sibyl zu heiraten versucht zu entkommen..
Es kommt doch zu einer klaren Einsicht und schließlich einer fatalen Entscheidung:
„Du hast mir mein eigenes Wesen offenbart, Harry. (…) Es war für mich eine wunderbare Erfahrung. Mehr nicht. Nur frage ich mich, ob das Leben noch ähnlich Wunderbares bereithält“ S.116
„Ja, das Leben hatte ihm die Entscheidung bereits abgenommen- das Leben und seine eigene grenzenlose Neugier auf das Leben. Ewige Jugend, ungehemmte Leidenschaft, verfeinerte, geheime Genüsse, wilde Freuden und noch widere Sünden- das alles sollte ihm werden. Scham und Schande aber würde das Bild zu tragen haben- das war alles.“S.118
Ich bin angetan davon, dass es jetzt in die Tiefe geht und wir Dorians innere Seelenkonflikte erfahren. Und auch davon, dass das Bild nicht nur anstatt seiner altert, sondern auch die Folgen seiner Lebensentscheidungen trägt. Macht unmoralisches Verhalten wirklich hässlich? Diese Frage finde ich allgemein schon sehr spannend, und ich mag, dass der Roman jetzt unter anderem darum kreist.
In Taiwan gibt es einen Sinnspruch, der besagt, dass man am Ende seines Lebens die Falten hat, die man verdient… Also, eher Lachfalten oder eher Zornesfalten… das passt wohl ganz gut zu unserem Buch des Monats; so eine geniale Idee, es auf das Gemälde zu übertragen!
Dein Zitat der Woche?
Ein seltsames Gefühl des Unwiederbringlichen überkam ihn. Er fühlte, Dorian Gray würde nie wieder das für ihn sein, was er früher gewesen war. Das Leben war zwischen sie getreten… Seine Augen umdunkelten sich, und die hell erleuchteten Straßen, die von Menschen wimmelten, verschwammen vor ihnen. Als die Droschke am Theater vorfuhr, war es ihm, als sei er viele Jahre älter geworden.
„Aber das Bild! (…) Es umschloss das Geheimnis seines Lebens, erzählte eine Geschichte. Es hatte ihn gelehrt, seine eigene Schönheit zu lieben; Würde es ihn auch lehren, seine eigene Seele zu verabscheuen? (…)“ S.103
„There was a silence. The evening darkened in the room. Noiselessly, and with silver feet, the shadows crept in from the garden. The colours faded wearily out of things.“
(ziemlich am Ende von Kapitel 8, wo Dorian die Entscheidung zur oberflächlichen, rein egoistisch erlebnisorientierten Lebensführung fällt)
Liebe Runde,
ich habe einige Klassiker erworben und lese sie nach einander. Moby Dick habe ich im Sommer gelesen, derzeit ist es -Sturmhöhe- von Emily Bronte. Ich muss aber gestehen- erst durch den zuvor gesehenen Film „Wuthering Hights“ (2026), welchen ich (4x) verschlungen hab und mich neugierig auf das Buch gemacht hat. Im Anschluss werde ich ebenfalls das Bildnis des D. Gray lesen ( leider etwas zeitversetzt zur Leserunde)..
Viele Grüße, Yvonne
Moby Dick klingt toll! Wie hat es dir gefallen?
Hallo, ich möchte einfach gerade mal nur ein Lob für diesen exzellenten Beitrag von Alex zum zweiten Abschnitt aussprechen. Vielen Dank!
Mal ganz abgesehen von Dorian… Lord Henrys Ansichten gegenüber Frauen sind mir oft ein Dorn im Auge. Ich bin mir bewusst, dass die Zeiten zu denen dieses Werk geschrieben wurde diese Ansichten die Norm sind, würde mir aber dafür noch eine Einordnung wünschen. Ist das Lord Henry oder hat Wilde hier seinen eigenen Gedanken Raum gegeben? Das ist das einzige, was ich am Klassiker lesen leider nicht genießen kann.
Ja, das ist auffällig. Ich würde Wilde hier nicht in Schutz nehmen wollen, auch wenn man argumentieren könnte, dass es um den Witz und die Bonmots mehr geht als um ihren Inhalt. Wie auch immer: Das ist klar misogyn. Worauf ich immerhin einen Vorausblick geben kann: In Kapitel 17 tritt eine Frauenfigur auf, die Lord Henry auf Augenhöhe Paroli bietet…
Da bin ich aber mal gespannt!