Klassiker des Monats • Oktober 2026
JENNY
Fanny lewald
Woche 2
Kapitel 10–18
Was diese Woche geschah
Die Romanzen der Geschwister Meier entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen. Jenny verlobt sich. Eduard muss die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse hinnehmen.

Reinhard setzt seinen Entschluss in die Tat um: Er hält um Jennys Hand an, auch wenn er zunächst entsetzt feststellen muss, dass seine Angebetete sich bei einer Theaterprobe auch ohne ihn amüsieren kann. Nun, er hofft darauf, sie schließlich doch noch zur demütigen Pfarrfrau hinzubiegen.
Vater, Bruder und Cousin Joseph verhandeln den Antrag. Der Vater ist nicht unbesorgt ob der überspannten Natur des jungen Theologen und der nötigen Konversion Jennys zum Christentum. Ausgerechnet der leidenschaftlich für den Liberalismus eintretende Eduard entgegnet mit einem, ich bin so frei, haarsträubenden Argument:
Ein ganz exquisiter theologischer Unsinn, der sich im Verlaufe der Handlung auch als ein solcher herausstellen wird.
Zunächst aber ist Jenny Feuer und Flamme für das Projekt „Ehe mit Reinhard“. Den Religionsunterricht bei einem liberalen Pfarrer nimmt sie in Kauf. So recht erwärmen kann sie sich für die christlichen Dogmen rund um Inkarnation, Opfertod Christi und Dreieinigkeit allerdings nicht.
Was einer unbeschwerten Verlobungszeit außerdem entgegensteht, ist die soziale Hierarchie. Die Bankiersfamilie Meier mag jüdisch sein, aber sie ist auch wohlhabend. Als Frau eines kleinen Landpfarrers wird Jenny ein paar Stufen absteigen. Diese Vorstellung stört nicht nur die Mutter, sondern irgendwann auch Jenny selbst. Reinhard ist stolz. Nur unter großem Widerstand lässt er sich vom Vater Meier dazu bewegen, eine Art Leibrente für Jenny zu akzeptieren, dank der sie bequemer leben soll, als es ihr das Gehalt ihres Verlobten gestatten wird.
Die Liebe zwischen Eduard und Clara Horn endet derweil in einer Sackgasse. Eduard bringt es nicht über sich, zum Christentum zu konvertieren. Eine Genehmigung zur „religiösen Mischehe“ wird ihm vom Staat verweigert. Schweren Herzens entsagt er seiner großen Liebe.
Zwischen Befreiung und Bedrängung: Juden im 19. Jahrhundert
Als Fanny Lewald acht Jahre alt ist, bricht in Deutschland eine gegen Juden gerichtete Welle von Protesten und Aggressionen aus, die als »Hep-Hep-Unruhen« und als erste deutsche Pogrome seit dem Mittelalter in die Geschichtsbücher eingehen.
Das ganze beginnt am 2. August 1819 in Würzburg. Mit dem Treibruf der Kuhhirten (»Hep Hep«) ziehen marodierende Männer durch die Stadt, werfen mit Steinen die Fenster jüdischer Häuser ein und drohen mit Gewalt. Die Krawalle breiten sich wie ein Lauffeuer auf andere deutsche Städte und Gebiete aus. Hochburgen sind Frankfurt am Main und Hamburg. Auch in Fanny Lewalds Heimatstadt Königsberg kommt es zu Ausschreitungen.

Die Juden galten bis weit in die Neuzeit hinein als Bürger zweiter Klasse. Sie besaßen kein freies Wohn- und Bleiberecht, zahlten Schutzgeld, durften nur eingeschränkt Handwerks- oder Kaufmannsberufe ergreifen und wurden von allen Staatsämtern und Beamtenberufen vollständig ausgeschlossen.
Die französische Revolution brachte einen Schub für die Gleichstellung der Juden in Frankreich, der durch die napoleonischen Eroberungen auch deutsche Gebiete erreichte. In Preußen wurde 1812 ein Edikt zur Verleihung der Staatsbürgerschaft der ansässigen Juden erlassen – mit dem Einsetzen der Restauration 1815 wurde die Emanzipationsbewegung jedoch ausgebremst.

In der Bevölkerung war die Skepsis gegen die Juden nach wie vor tief verwurzelt. Man sperrte sich gegen ihren wirtschaftlichen Aufstieg. Sie wurden als Fremdkörper wahrgenommen und boten sie sich als Zielscheibe bei eigenen sozialen Nöten und Sorgen an. Auch die »Hep-Hep-Krawalle« waren Ausdruck einer sozialen Unruhe, in der die Juden als vermeintliche Ursache der Misere ausgemacht wurden.
Fanny Lewald beschreibt die damalige Stimmung in ihrer Autobiographie Meine Lebensgeschichte (1861-62) rückblickend so:
Wo sich in jener Zeit einzelne Juden oder jüdische Familien sehen ließen, rief man ihnen spottend in den Straßen nach. Gerüchte von Feindseligkeiten, welche in Süddeutschland gegen die Juden verübt worden waren, cirkulirten wohin ich in der Familie kam, und wenn die Eltern sich auch hüteten, uns zu Hause Etwas davon hören zu lassen, so sprach man bei den Tanten und Onkeln um so mehr und um so besorgter davon. Ich vernahm es, wie man in Frankfurt am Main und in Würzburg den Juden die Fenster eingeworfen und ihre Häuser geplündert haben sollte, wie angesehene Männer auf der Straße beschimpft und mißhandelt worden wären, und man war in großer Angst um die in Hamburg lebenden Geschwister meiner Mutter, weil dort der Judenhaß auch sehr groß, und der Pöbel sehr roh sein sollte. (144f.)
Die Zeit, in der Fanny Lewald an »Jenny« arbeitete, war für jüdisches Leben bewegt und ambivalent. Einerseits lebte die Hoffnung auf demokratischen Fortschritt, auf Emanzipation und Liberalisierung. Typische Vertreter dieser Ideale der 1848er Revolution sind im Roman Eduard und Joseph. Andererseits saßen antisemitische Vorurteile tief und eine reaktionäre Politik gab diesen Haltungen immer wieder Raum.
Anregungen zum Gespräch
Wir sind nun auf halbem Wege und die Konstellationen spitzen sich zu. Mit welchen Eindrücken hast du diese erste Hälfte des Romans gelesen? Ich bin gespannt!
Anstöße zum Gespräch findest du im Kommentarbereich am Ende der Seite. Dort kannst du entweder per Antwort reagieren oder ein neues Thema anfangen.

Jenny & Reinhard, Eduard & Clara: Wie ist dein Blick auf diese beiden Beziehungsgeschichten?
Zunächst einmal möchte ich mal wieder Danke sagen für den einleitenden Text, der wirklich sehr gut, sehr informierend ist und sehr wichtig ist!
Tatsächlich lassen mich die beiden Beziehungsgeschichten völlig kalt. Es ist so dermaßen weit weg von dem, wie heute Beziehungen entstehen, was man heute unter einer Beziehung verstehen würde usw.
Damit kann ich gleich meine Antwort zur zweiten Frage hier einbauen: für mich ist dieser Roman, wie ich schon früher einmal sagte, vor allem interessant in Bezug auf das Thema Judentum, jüdische Identität, gesellschaftliche Wahrnehmung und Akzeptanz der jüdischen Mitmenschen. Das macht den Roman für mich so spannend und lesenswert.
Ein „jüdischer Bestseller“: Wie nimmst du das Thema Judentum und jüdische Identität im Roman bisher wahr?
Dein Zitat der Woche?
„Es bewährte sich auch in ihm, dass niemand uns so tödlich zu verletzten, so unablässig zu peinigen vermag als wir selbst, weil niemand so genau die wunde Stelle in unserer Seele kennt und sie in jedem Augenblick so tief und sicher zu treffen weiß als eben wir.“
Kapitel 18