Die große Leserunde
MIDDLEMARCH zuM EINSTIEG
Wer war George Eliot und warum trug sie einen Männernamen? Was ist das Besondere an ihrem Hauptwerk »Middlemarch«? Und welche Ausgabe liest man am besten? Hier findest du einige Informationen zum Einstieg.

Von Mary Anne Evans zu George Eliot
George Eliot ist nicht irgendein Pseudonym. Es ist der Ausdruck einer langen Suche nach Anerkennung und einem Platz in der Gesellschaft. Dabei ist George Eliot nur einer unter mehreren Namen, den die Intellektuelle und Schriftstellerin im Laufe ihres Lebens verwendete. Ihre Lebensgeschichte lässt sich als Geschichte ihrer Namen erzählen: Mary Anne, Mary Ann, Maryan – und George.
Kindheit in der Provinz ↑
Geboren wird die Frau „hinter“ George Eliot am 22. November 1819. Ihr Name: Mary Anne Evans. Sie wächst im ländlichen Warwickshire auf, ihr Vater verwaltet einen Landsitz für Großgrundbesitzer. Ihr Herkunftsmilieu ist die damalige Mittelklasse, zwischen Arbeiterschaft und den Vermögenden. Gebildet aber nicht wohlhabend. Mary Anne ist das jüngste von drei Geschwistern und sie ist die neugierigste, klügste und irgendwann, als alle geheiratet haben, die Übriggebliebene. Ihre Mutter stirbt, als sie 16 Jahre alt ist. Ab dann hat sie sich um ihren zunehmend kranken Vater zu kümmern.
Fromm und frei ↑
In dieser Zeit wird aus Mary Anne Mary Ann. Eine winzige Veränderung und doch ein Hinweis, dass hier jemand die eigene Identität als Baustelle versteht. Mary Ann wendet sich in ihren Jugendjahren einer strengen, evangelikalen Frömmigkeit zu. Sie lehnt eitle Vergnügungen ab, entsagt dem weltlichen Treiben und pflegt das Ideal einer konsequenten Selbstaufopferung. Das mag eigentlich zu einer alleinstehenden jungen Frau passen, von der ohnehin die Pflege des Vaters erwartet wird. Das Problem: Es klappt nicht.
Mary Ann ist zwar wild entschlossen zu einem demütigen Leben in engster Begrenzung. Doch damit kämpft sie einen hoffnungslosen Kampf gegen ihr Wesen und ihre Begabungen. Sie ist viel zu interessiert, belesen und neugierig, um dauerhaft mit den Aufgaben des Haushalts ausgelastet zu sein. Sie liest die aktuelle Theologie, die philosophische Religionskritik und die neuere Bibelwissenschaft (im deutschen Original, versteht sich). Das Ergebnis ist eine 180-Grad-Wende. Als sie 22 Jahre alt ist, geht sie in den Kirch-Streik. Sie will nicht einen Glauben heucheln, den sie innerlich nicht vertreten kann. Ihr Vater ist entsetzt. Man streitet und verhandelt, Mary Ann erklärt sich bereit pro forma wieder zur Kirche zu gehen, sofern ihr die inneren Überzeugungen gelassen werden.
Neustart als Intellektuelle ↑
Auf Dauer kann das nicht gutgehen. Der nächste Namenswechsel steht an. Als ihr Vater stirbt und sie der Pflicht zur Häuslichkeit enthoben ist, geht Mary Ann nach London. Seit längerem hat sie Kontakt zu liberalen Kreisen, nun taucht sie voll ins geistige Zentrum Englands ein. Sie verkehrt unter Menschen, die sie als Intellektuelle wahrnehmen und ernst nehmen, eine völlig neue Erfahrung. Sie arbeitet als Herausgeberin der freidenkerischen Westminster Review, schreibt selbst Rezensionen, organisiert Beiträge. Sie firmiert nun unter dem Namen Marian Evans.
Mehrere Beziehungen zu Männern deuten sich an, ernst wird es schließlich mit dem Schriftsteller und Kritiker George Henry Lewes. Er lebt von seiner Frau faktisch getrennt, eine Scheidung ist aus finanziellen Gründen nicht möglich. Sie leben das Leben eines Ehepaars, Marian wird die Stiefmutter der Kinder ihres Partners. Doch öffentlich ist ihre Beziehung illegitim. Sie lässt sich zwar trotzig als Mrs. Lewes ansprechen, doch die soziale Ächtung ihrer privaten Situation bleibt für sie zeitlebens eine Belastung.
Literarischer Erfolg ↑
Als Marian Evans Lewes beginnt, literarisch zu publizieren, muss ein Deckname her. Nicht allein wegen der bekannten Abwertung weiblicher Autorinnen zu dieser Zeit, sondern auch wegen ihrer ’skandalösen‘ Ehesituation. Am 4. Februar 1857 wird aus Marian die Autorin George Eliot. Sie schickt ihrem Verleger das Pseudonym mit dem Hinweis, es sei ein „Ablenkungsmanöver im Falle neugieriger Nachfragen“ (GEL II, 292). Zu diesem Zeitpunkt wird sie kaum geahnt haben, wie viele Nachfragen es geben wird.
Ihre literarische Karriere beginnt mit den Scenes of Clerical Life (1857) und den Romanen Adam Bede (1859) und Die Mühle am Floss (1860). Alle drei schöpfen sehr direkt aus ihren Erfahrungen in der Heimat Warwickshire – so sehr, dass echte Menschen anfangen sich darin wieder zu erkennen. Es hagelt neugierige Nachfragen und als sich die Leute sicher sind, den Autor George Eliot im Landpfarrer Joseph Liggins ausfindig gemacht zu haben, muss Marian aus der Deckung kommen. Widerstrebend outet sie sich.
Auf dem Weg nach Middlemarch ↑
Die Romane der ersten Schaffensphase (Adam Bede, Die Mühle am Floss, Silas Marner) sind geprägt von einem nostalgischen Grundton. Sie erzählen von einer Zeit vor den tiefen Veränderungen der Industrialisierung und Modernisierung. Ihre Szenerie führt dem Leser das ländliche England in seinen traditionellen Bindungen an Familie, Boden und Religion vor Augen. Das las man damals gerne, den auch früher war „früher alles besser“.
Im Übergang zu den späten Romanen, zu denen auch Middlemarch gehört, verschiebt sich etwas. George Eliot wird analytischer. Auch Middlemarch spielt 40 Jahre vor der eigenen Gegenwart von 1871. Doch sie begnügt sich nicht damit, eine vergangene Lebenswelt zu beschwören. Sie nimmt uns Leser mit hinein in den Umbruch zur Moderne. Sie erzählt davon, wie das Leben der Menschen durch die politischen, wirtschaftlichen, religiösen Veränderungen der Moderne gestört, befreit, bedrängt und umgestaltet werden. Die Moderne ist eben weder ein reines Gewinn- noch ein reines Verlustgeschäft. Middlemarch erzählt von der Ambivalenz dessen, was wir gerne einfach »Fortschritt« nennen.
Middlemarch: Ausgaben ↑
Wer sich jetzt »Middlemarch« auf Deutsch anschaffen (oder: ausleihen) möchte, hat die Wahl zwischen mehreren Übersetzungen:
- Die neuste Übersetzung stammt von Melanie Walz. Sie ist 2019 beim Rowohlt Verlag erschienen. Melanie Walz ist eine der angesehensten Übersetzerinnen englischer Klassiker und hat bereits Jane Austen und Charles Dickens übersetzt. Die Ausgabe besitzt ein schönes Nachwort und hilfreiche Anmerkungen. Ich selbst werde diese Übersetzung lesen.
- Die Übersetzung von Rainer Zerbst stammt aus dem Jahr 1985 und wurde 2019 (George Eliots 200. Geburtsjahr) neu überarbeitet bei dtv veröffentlicht. Wer eine Übersetzung sucht, die vor allem nah am Original ist und dafür auch ein wenig flüssige Lesbarkeit zu opfern bereit ist, könnte mit Zerbst glücklich werden. Auch hier findet man Nachwort und Anmerkungen.
- Beim Anaconda Verlag gibt es im Nachdruck die Übersetzung von Irmgard Nickel aus dem Jahr 1979. Über die Qualität der Übersetzung kann ich nichts sagen. Über die Ausgaben von Anaconda erlaube ich mir anzumerken, dass ihr wesentliches Merkmal darin besteht, wenig zu kosten.
- Antiquarisch wird man vielleicht noch auf die Reclam-Ausgabe stoßen: Es ist die Zerbst-Übersetzung von 1985. Bei Manesse gab es auch einmal eine Ausgabe (Übersetzung: Ilse Leisi) in der schönen Reihe »Bibliothek der Weltliteratur«.
»Middlemarch« auf Englisch? Vielleicht gibt es ja einige die das vorhaben. Schreibt’s mir gerne in die Kommentare! Ich habe auch eine englische Ausgabe hier – habe aber bereits festgestellt, dass George Eliots Prosa ins absolut gehobene Register gehört. Für die Strecke dieses Großromans werde ich vermutlich hauptsächlich in Übersetzung lesen.
Austausch ↑
Vor dem richtigen Start habe ich vor allem eine Frage: Welche Verbindung hast du bisher zu »Middlemarch«? Schon lange ein Ziel, das zu lesen – oder mehr durch Zufall dazugekommen? George Eliot dir bisher kaum bekannt? Oder schon Lese-Erfahrungen?
Ich freue mich auf eure Antworten im Kommentarbereich!






Welche Verbindung hast du bisher zu »Middlemarch« und George Eliot? Schon lange ein Ziel, das zu lesen – oder mehr durch Zufall dazugekommen? George Eliot bisher unbekannt? Oder schon Lese-Erfahrungen?
Ich habe das Buch vor sehr langer Zeit gelesen, vor etwa 20 Jahren. Die Handlung und die Charaktere sind mir völlig aus dem Gedächtnis geschwunden — geblieben ist nur ein sehr positiver Gesamteindruck. Als junge Frau hat mir der Roman unglaublich gut gefallen, und ich hatte immer vor, ihn noch einmal zu lesen. Umso spannender wird es sein zu sehen, wie er jetzt, mit dem Abstand der Zeit, auf mich wirkt.Nun hat sich die Gelegenheit ergeben, ihn noch einmal zu lesen — und das mit einer so wunderbaren Begleitung und in einem angenehm ruhigen Tempo (4 Monate), sodass man die Handlung und das Lesen an sich richtig genießen kann.Ich plane, das Buch in einer Übersetzung zu lesen — allerdings nicht auf Deutsch, da Deutsch meine zweite Fremdsprache ist und meine Sprachkenntnisse für die anspruchsvolle Prosa von Middlemarch noch nicht ganz ausreichen.
Vielen Dank für diese fesselnde Einführung; die biografischen, historischen und literarischen Hintergrundinformationen bieten einen vielseitigen Überblick. George Eliot stand schon lange auf meiner Leseliste – ich habe nur auf den richtigen Moment gewartet, um mich mit ihrem Werk zu befassen, und genau dieser Moment ist nun gekommen. 🙂 Wann immer es möglich ist, lese ich Weltliteratur in der Originalsprache, das werde ich also auch in diesem Fall so handhaben.
Ich freue mich sehr über diese Auswahl. Ich habe das Buch vor 10 Jahren oder so angefangen, bin aber nur bis zum 17. Kapitel gelangt, immerhin 172 von 838 Seiten. Penguin Classics Ausgabe von 1994. Mit Hilfe der Gruppe hoffe ich, es diesmal zu Ende zu lesen.
Seit März habe ich die Übersetzung von Irmgard Nickel aus dem Weltbild Verlag in meinem Schrank, aber fühlte mich noch nicht „gerufen“.
Jetzt will ich die Gelegenheit ergreifen und in Gemeinschaft mich an dieses umfangreiche und sicher nicht einfache Werk wagen. Ich freue mich schon und hoffe, dass ich durchhalte!
Viele Grüße von Rebecca
Irgendwie ist ein Schreibfehler in meinen Namen geraten, sorry Rebecca ist richtig
Ich freue mich schon sehr auf dieses gemeinsame Lese Abenteuer. Danke für deine tolle Einführung, bin schon auf den regen Austausch gespannt. Nachdem ich mich mit Jane Austen, den Brönte Schwestern, George Sand beschäftigt habe, passt George Eliot ideal dazu.
Ich wünsche allen einen angenehmen Einstieg in das Werk!
Guten Morgen zusammen, vielleicht ist es für den ein oder anderen interessant, die Ausgabe der Übersetzung von Melanie Walz ist gerade bei Kindle+ enthalten.
Guten Morgen! Ich bin durch Zufall auf deine instagram-Seite gestoßen und freue mich auf meine erste Leserunde, auf ein Buch, das im früheren England spielt. LG Dagmar