»Und koste es mein Leben, ich will wieder gewinnen. Setz!« (Kap. XII, Fischer 134)
1. Rückblick auf den Abschnitt
Nach ihrem ersten Gewinn beim Roulette ist die Babuschka wie entfesselt. Von einer fieberhaften Spielwut gepackt, verliert sie alle greifbaren Vermögenswerte. Der General gerät in Panik. Umsonst: Die Großmutter reist erst ab, als sie auch die letzte Münze verspielt hat. Ihr Stolz ist gebrochen. Das Erbe ist dahin. Mlle Blanche verlässt den General. Der Franzose des Grieux fährt nach Petersburg, um die verpfändeten Güter des Generals flüssig zu machen. Polina wendet sich in ihrer Verzweiflung an Alexej. Auch sie ist bankrott, die geplante Liaison mit dem Franzosen gescheitert. Alexej stürzt in die Spielhalle, um Polina finanziell zu retten. Eine sagenhafte Glückssträhne beschert ihm mit einem Schlag: Aufmerksamkeit, Beifall, Reichtum, Macht – und Polinas Liebe?

2. Angebote zum Gespräch
Hier und im Kommentarbereich einige Fragen als Inspiration für unsere Diskussion. Weitere Themen gerne in den Kommentaren initiieren!
- Schilderung des Spiels: Dostojewski kannte die Erfahrung des entgrenzten Glücksspiels aus eigener Erfahrung. Wie stellt er das Erleben (bei der Babuschka, bei Alexej) dar?
- Implosion der Gruppe: Der Ruin der Großmutter wird zum Moment der Wahrheit für alle Beteiligten. Wie hast du diese Wendung wahrgenommen?
- Erzählerfiktion: Kapitel 13 beginnt mit Reflexionen Alexejs bei der Durchsicht seiner Aufzeichnungen. Welchen Eindruck hat diese Passage von knapp 2 Seiten auf dich gemacht? Was bedeutet sie für uns als Leser:innen?
- Noch einmal, Russland und der Westen: »O je, o je, dieses Ausland!« So bilanziert Babuschkas Diener Potapytsch die großen Verluste seiner Herrin. Wie verstehst du diese Klage?
- Zitat der Woche: Dein Satz der Woche…
- Offene Fragen: Alles, was du dich beim Lesen gefragt hast.
3. Ein Tipp
Eine wirklich gute Verfilmung des Spielers gibt es bisher nicht. Dafür aber eine Oper des Komponisten Sergei Prokofjew. Eine vollständige Aufführung in HD gibt es auf Youtube.

Ich versuche mal alle Aspekte von oben aufzugreifen , könnte etwas länger werden 🙂
Mir erscheint das Roulette wie er es schildert nicht als bloßer Zeitvertreib oder als moralisches Fehlverhalten, sondern als ein Zustand der Entgrenzung, in dem sich das Bewusstsein der Spielenden radikal verengt oder wie man heute sagen würde die Charaktere einen Tunnelblick bekommen. Bei der Babuschka wird dieses Erleben vor allem körperlich und affektiv inszeniert. Sie spielt laut, impulsiv, fast trotzig, wird handgreiflich als wolle sie sich gegen Alter, Krankheit und Bevormundung ( sie ist nur das Erbe wert ) behaupten. Das Geld wird dabei vollständig entwertet und verwandelt sich von einem Mittel sozialer Ordnung in reines Einsatzmaterial das für sie in gewisser Weise Autonomie im Kontrast zu ihrer Fesselung an den Rollstuhl oder das soziale Geflecht darstellt . Alexej drückt das ganze weniger nach außen aus in meinen Augen . Er verliert sich in seinem inneren , glaubt Muster zu sehen wo es keine gibt , er gibt sich gewissermaßen der Illusion der Kontrolle hin, die ihm so wichtig ist .
Durch den Ruin , implodiert wie du schon geschrieben hast die Gruppe . Die Masken fallen, es wird klar das die gesamte Gesellschaft nur eine Zweck Gemeinschaft ist . Also die Hoffnung in Form des Erbes zerstört ist , kollabiert auch die Gruppe . Schuld wird verschoben , es wird sich distanziert , der finanzielle Zusammenbruch zerstört nicht eine intakte Gemeinschaft, sondern legt offen, dass es eine solche nie gegeben hat.
Die reflektierenden Worte am Anfang des Kapitels machen für mich klar das Alexej auf jedenfall ein unzuverlässiger Erzähler ist . Er konstruiert das erlebte noch einmal nach , schafft damit auch etwas Distanz und versucht so auch etwas, und da ist sie wieder 🙂 Kontrolle zu gewinnen .
Ich hatte mir den Absatz tatsächlich auch schon rausgeschrieben weil er mich wichtig erschien . Ich glaub der Diener bringt zum Ausdruck , dass gerade im Westen Geld eigentlich niemandem wirklich gehört , es zirkuliert ist immer im Fluss . Rang, Alter oder persönliche Würde bieten keinen Schutz mehr… Verantwortung wird lediglich delegiert und Bindungen sind immer weniger wichtig . Geld entwertet quasi veraltete ggf. adelsstrukturen und macht alle gleich zu Gewinnern oder Verlierern. Vermutlich klingt hier etwas Sehnsucht nach Schutz durch Hierarchien und Strukturen durch die immer weniger gegeben sind .
So fertig für heute 🙂
Cypher429, das hast du alles sehr toll auf den Punkt gebracht. Was ich nicht verstehe ist, dass Alexej ein unzuverlässiger Erzahler ist. was meinst du damit?
Das ist ein Begriff der beschreibt quasi , dass man der Erzählperspektive des Ich Erzählers nicht immer trauen kann / darf . Die Perspektive muss nicht immer objektiv sein , sie kann entweder bewusst verzerrt werden / durch Lügen etc. Aber auch unbewusst durch zum Beispiel mangelndes Verständnis des Situation, psychische Erkrankung oder durch übermäßig starke emotionale Motive die seine Perspektive dann verzerrt . Ich hoffe das hilft dir .
Interessant, muss ich mir merken. Vielen Dank!
Ich stimme dir hier in allen Punkten zu. Die Implosion der Gruppe hat nur offengelegt, dass es nur eine Scheingesellschaft war. Sobald klar war, dass es kein Geld geben würde verlassen die Ratten das sinkende Schiff – nur die Verzweifelten bleiben zurück.
Ich möchte jedoch auch auf die einzelnen Punkte eingehen.
4.Russland und der Westen:
In Kapitel 13 trifft Alexej den verzweifelten General, der ihn um Rat bittet. Alexej fragt, wie die Hotelrechnung beglichen werden soll. Das macht den General nachdenklich. In dem Moment fühlte ich mich sehr deutsch, denn diese Frage habe ich mir von Anfang an gestellt, ich alte Spaßbremse.
Zitat hatte ich schon, offene Fragen: Wie mag das wohl ausgehen? Ich bin sehr gespannt!
Haha! Ich hab mich auch gefragt: „und wer bezahlt jetzt alles?“ 😀
Ich bin ganz begeistert von der Schilderung des Spiels. Man merkt regelrecht, wie die Figuren überrollt werden und das Spiel die Kontrolle übernimmt. Der Tante zuzusehen hatte etwas davon, einem Untergang beizuwohnen und einer Schlinge, die sich immer enger zieht. Die Beschreibung der Personen, die bei ihr sind, haben etwas bedrohliches an sich. Die Tante verliert und verlässt gedemütigt das Spielfeld/ die Geschichte.
Alexej hat Erfolg, das ganze wirkt ähnlich rauschhaft, auch er verliert die Kontrolle, gewinnt aber beim Roulette. Er erwähnt jedoch, Polina immer wieder zu vergessen, was mMn ein Hinweis darauf ist, dass er das Spiel über die Liebe stellen wird und von ihm gefangen ist.
Ich fand es inhaltlich wie erzählerisch großartig, vorallem, wenn man bedenkt, dass Dostojeweski spielsüchtig war (und diesen Roman schnell schreiben musste, da er sonst Schulden gemacht hätte). Es erfordert Selbstreflexion und eine sehr gute Beobachtungsgabe, dies so genau beschreiben zu können. Hat mir gut gefallen, war temporeich, smart, spannend und unterhaltsam geschrieben.
Mir ging es genau so: In den letzten zwei Etappen hat das Tempo deutlich angezogen, die Dramatik hat sich zugespitzt. Da wir vor Klassikern nicht in Ehrfurcht erstarren müssen, würde ich jetzt schon sagen: Im Rückblick war die Exposition der Gruppe etwas zu langsam erzählt.
Ich habe auch das Gefühl, dass ich die Seiten durch dieses Tempo immer schneller lese.
Genauso habe ich es empfunden. Es wird schneller, temporeicher. Ich habe diesen Abschnitt auch schneller gelesen
Schilderung des Spiels: Dostojewski kannte die Erfahrung des entgrenzten Glücksspiels aus eigener Erfahrung. Wie stellt er das Erleben (bei der Babuschka, bei Alexej) dar?
Implosion der Gruppe: Der Ruin der Großmutter wird zum Moment der Wahrheit für alle Beteiligten. Wie hast du diese Wendung wahrgenommen?
Ich habe es als Sieg für die Großmutter empfunden. Sie wusste vorher schon, dass es der Gruppe nur darum geht, dass sie stirbt und der General dann endlich erben kann. Sie hat zwar ihr Geld verloren, aber über ihr Geld selbst bestimmt
Ja das sehe ich auch so. Obwohl die Babuschka dem Spiel verfallen ist, erschien sie mir nicht so, als wäre ihr nicht bewusst welche Konsequenzen es haben würde.
Ich denke man kann es „von außen“ vielleicht als Sieg für die Großmutter ansehen, einfach, weil der General darunter leidet, aber, wie du schon geschrieben hast, war sie dem Spiel komplett verfallen. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie spielt, um ihrer Familie und ihren Erben eins auszuwischen, sondern aus dem einfach aufgrund dem „Thrill des Spiels“.
Ein weiterer Punkt zur „Implosion der Gruppe“. Der General ist ja nicht komplett dämlich. Er weiß, dass Madame Blanche ihn nur aufgrund des voraussichtlichen Erbes heiraten möchte. Er erhofft sich also eine zwischenmenschliche Bindung, die einzig und allein auf Geld basiert und durch dieses zusammengehalten wird. Dass eine solche Verbindung sehr zerbrechlich ist, ist abzusehen und zeigt sich auch, nachdem die Großmutter das Geld verspielt hat.
Nun ist es interessant zu sehen wie es mit Alexei und Pollina weitergeht, die ja eine sehr, ich sage mal „interessante“ Beziehung zueinander haben. Doch auch ihrer Verbindung steht Geld, beziehungsweise „nicht vorhandenes Geld“ im Wege. Denn auch Pollina sucht eine menschliche Bindung, ob nun mit dem Franzosen oder Mr. Astley, die nur geldorientiert ist.
Alexei is right there!!
Ob sich nun was ändert, da er nun zu Reichtum gekommen ist?
Falls es dann zu einer Beziehung kommen würde, könnte sie, denke ich ebenso nicht halten.
Und noch eine Frage: In meiner Ausgabe, das ist die alte Übersetzung von Herman Röhl, wird nicht von einer Großmutter, sondern einer Tante gesprochen. Weiß jemand, wieso es diesen Unterschied gibt?
Erzählerfiktion: Kapitel 13 beginnt mit Reflexionen Alexejs bei der Durchsicht seiner Aufzeichnungen. Welchen Eindruck hat diese Passage von knapp 2 Seiten auf dich gemacht? Was bedeutet sie für uns als Leser:innen?
Wie auch oben schon von Cypher429 erwähnt manifestierte sich für mich auch hier der unzuverlässig Ich-Erzähler erneut. Für mich war die Passage ein wenig überraschend, ja fast empfand ich sie ein wenig als störend im Lesefluss. Vielleicht weil ich, angestoßen durch die Diskussion nach der ersten Etappe, Alexej gegenüber schon „auf der Hut“ war. 🙂
Noch einmal, Russland und der Westen: »O je, o je, dieses Ausland!« So bilanziert Babuschkas Diener Potapytsch die großen Verluste seiner Herrin. Wie verstehst du diese Klage?
Vielleicht jetzt ein bisschen off topic, aber ich wäre für etwas mehr Hintergrundinfos über die Spannung zwischen Russland und dem Westen dankbar. Was genau löst diese Kritik aus? Russland war durch die Reformen des Zars zu der Zeit ja selbst in einem gesellschaftlichen Umbruch. Dostojeweski kritisiert ja durchaus auch die eigenen Landsleute. Weiß jemand mehr dazu? (Oder ist die Frage doof?)
Die Frage finde ich sehr passend. Ich kann sie zwar selber nicht umfassend beantworten. Aber ich ich habe mit Frau Dr. Borisova besprochen, genau diese Frage im Interview Anfang Januar zu stellen, das dann hier nachgeschaut werden kann. Davon verspreche ich mir selbst ein tieferes Verständnis dieser Spannungen.
Dein Zitat der Woche
Mein Zitat der Woche lautet: Macht, dass ihr fortkommt, ihr Kanallien! Was geht euch die ganze Geschichte an? Wozu drängt sich dieser Ziegenbart (de Grieux) mir immer auf?