Etappe 1: Kap. I-II

1. Rückblick

Am 16. März 1936 besucht Hitler mit großem Pomp Frankfurt am Main. Rund um diesen Besuch spielt die Handlung:
Die Protagonistin Susanne (Sanna) sitzt an einem Montagabend in der übervollen Kneipe “Henninger Bräu”. Während um sie herum die Volksattraktion des Hitlerbesuchs begossen wird, wandern die Gedanken zu ihrer Herkunft an der Mosel und wichtigen Personen ihres Umfelds (Tant Adelheid, Vater, Stiefbruder Algin). Alle Lebensläufe sind durch die politischen Veränderungen geprägt.
Rückblende: Am Nachmittag des selben Tages war Sanna mit ihrer Freundin Gerti zum Einkaufen in der Innenstadt, sie besuchen dort auch “jüdische” Cafés. Am frühen Abend geraten sie in den Volksauflauf am Opernplatz und werden Zeuge des Nazi-Aufmarsches.
Kapitel II knüpft wieder am Kneipenabend an. SS- und SA-Menschen dominieren die Szene, es gilt nicht mit abweichenden Ansichten auffällig zu werden. Die stolzen Eltern eines Kleinkindes lassen es vor Publikum ein Gedicht zu Ehren des Führers rezitieren. Das Schauspiel endet tragisch.

Irmgard Keun webt in die wenigen Fäden der sparsamen Handlung zahlreiche Episoden ein. Sie verdeutlichen ihre Wahrnehmung der Gesellschaft. Schriftsteller, Pfarrer, Autoren, Gastwirte, Fahrradfahrer, Rentner. Momenthaft scheint auf, was Alltag im Faschismus bedeutet.

Frankfurter Opernplatz
2. Fragen zum Gespräch

Ich bin gespannt, wie es dir mit den ersten beiden Abschnitten ging. Ich war sofort (wieder) begeistert!

Zur Strukturierung der Diskussion biete ich einige Gesprächsfäden an. Ich liste sie hier kompakt auf und lege sie als je eigenen Kommentar am Endes des Beitrags an. Per “Antworten” kannst du deine Beobachtungen, Fragen, Überlegungen eintragen und auf andere reagieren. Zusätzliche Gesprächsfäden können natürlich auch eröffnet werden. Meine Vorschläge:

  1. Lese-Erlebnis: Wie kamst du in das Buch hinein? Ging es eher zäh oder locker? Wie ging es dir mit der Sprache?
  2. Hauptfigur Sanna: Welchen Eindruck macht die Figur auf dich?
  3. Nebenfiguren: Welche sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?
  4. Satire und Kritik: Keun schreibt keine weltanschauliche Kritik an der NS-Ideologie. Woran wird dennoch klar, was sie von all dem hält?
  5. Zitat der Woche: Welcher Satz ist bei dir hängengeblieben?

Motto: Wer gelesen hat, hat auch etwas zu sagen. Keine falsche Zurückhaltung! Ich bin gespannt, was du beobachtet und beim Lesen gedacht hast!

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Margarete

Ich kam super gut und schnell in das Buch rein. Es ist in einer gewissen Leichtigkeit trotz der „Schwere“ des geschichtlichen Hintergrunds geschrieben. Oft wunderbare humorvoll-ironische Beschreibungen der jeweiligen Personen.

Sanna ist für ihr Alter eine sehr reflektierende junge Frau und dabei offen und neugierig.

Claudia

Durch die leichte Erzählweise bin ich ab der ersten Seite super ins Buch reingekommen. Hätte es am liebsten sofort in einem Satz ausgelesen

Tom

Nach Dostojewski habe ich etwas gebraucht mit diesem völlig anderen Stil. Aber nach ein paar Seiten war ich drin in der Geschichte. Die Sprache finde ich faszinierend, sehr einfache kurze Sätze, oftmals sprunghaft in den Gedanke (manchmal wechseln die Gedankengänge sogar innerhalb eines Satzes). Dafür eine sehr blumige Sprache, viele beschreibende Adjektive und Bilder, die ungewöhnlich aber auch sehr treffend sind („Der große dicke Herr Kulmbach kam reingeschwitzt.“ S. 35 – herrliches Kopfkino !)

Saru

Ich kam gut hinein. Keun schreibt glatt und und direkt. Wenn ich auch manchmal etwas verwundert bin über den Satzbau, der ungewöhnlich ist. Doch als Schweizerin kann ich das nicht so konkret einordnen. Ganz allgeimein, finde ich es emotional recht anstrengend, weil wir die Geschichte kennen und Keun es so unverblümt und irgendwie sachlich, beschreibt, wie sich die Umgebung irgendwie verengt und die Bewegungsfreiheit der Menschen Stück für Stück verkleinert.

Zuletzt bearbeitet am 20 Tage zuvor von Saru
Martina

Das kann ich super nachvollziehen! Ich fand es gerade durch die die schnörkellose Erzählweise unglaublich emotional und sehr bedrückend.

Elke

Die Sprache ist mir fast zu schnörkellos. Aber sie beschreibt sicher auch den Charakter von Sanna. Sie scheint mir auch ein direkter, pragmatischer Mensch zu sein. Der Einstieg fiel mir leicht.

Wiwi

Durch die einfache und salopp erzählende Sprache kommt man sehr schnell in das Buch hinein. Allerdings ist mir direkt aufgefallen, dass der Ton ein nüchterner ist (wodurch er vermutlich so scherzhaft wirkt). So war “Der Führer […] nämlich heute in Frankfurt, um vom Opernhaus aus ernst ins Volk zu blicken” (S. 6). Dies verharmlost die Situation so wahnsinnig, dass man schon wieder schmunzeln muss. Dennoch findet sich in dem Buch ein kritischer Unterton zum Nationalsozialismus (mehr dazu dann wohl unter einer anderen Frage).

Claudia 2.0

Bereits mit dem 1. Satz war klar, dass Sprache hier sehr bewusst eingesetzt wird, um die Gesamtsituation und die Gefühle der Personen darzustellen. Ich war überrascht und begeistert, mit wie viel Sarkasmus, Ironie und Spott die Autorin arbeitet. Die Sprache wirkt bewusst einfach und nüchtern, transportiert aber ganz subtil eine gnadenlose Kritik an ihrem Umfeld und den Menschen im Allgemeinen. Manch trockener Spruch oder nüchterne Analyse hat mich zum Lachen gebracht (sie verschont auch ihren geliebten Bruder mit seiner Eitelkeit nicht), obwohl das Thema so schwer und leider auch wieder sehr aktuell ist. Wenn man bedenkt, zu welchem Zeitpunkt (1937) das Buch veröffentlicht wurde, ist es erstaunlich, welchen Weitblick die Autorin schon im 1. Kapitel beweist.

Mari

“Neue Sachlichkeit”, was hab ich gejubelt. Kästner und Tucholsky liebe ich so sehr, vor allem die Gedichte. Von Irmgard Keun hab ich vor langer Zeit mal das Buch gelesen “Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften.” Damals konnte ich gar nichts damit anfangen. Aber ich war sehr neugierig und schon nach wenigen Seiten hatte sie mich. Da ist zum Einen dieser weibliche Blick. “Ich leuchte gar nicht. Darum hat die Gerti mich wohl auch so gern”. (…) Noch nicht mal mein Haar leuchtet. Es hat eine blonde Farbe, die schläft” usw usw, ich habe mir alleine im 1. Kapitel ganz viele Sätze herausgeschrieben, die mich als Frau total angesprochen haben. Es würde mich sehr interessieren, ob Männer ähnliche Gedanken haben, wenn sie mit Freunden ausgehen.

Dabei habe ich über das Politische noch gar nichts gesagt. Wie frech! “Der Führer gibt doch schon allein fast sein ganzes Leben hin, für sein Volk fotografiert zu werden.” Die Beobachtungsgabe von Irmgard Keun finde ich atemberaubend. Und über allem schwebt das Damoklesschwert unserers Wissens, wie das alles geendet hat. Das macht das Lesen faszinierend und beängstigend.

Dörthe

Ich kam auch sehr gut in die Geschichte. Der Erzählstil ist locker und leicht und ich musste oft schmunzeln. Es kommt mir eher wie ein Brief vor, den eine Freundin mir geschrieben hat. Die Erzählweise zeigt, wie unbekümmert die Protagonistin ist, obwohl die Zeiten politisch hochexplosiv sind.
Beim Lesen wurde mir noch einmal mehr bewusst, wie mutig Irmgard Keun war, immerhin war die Veröffentlichung des Buches in einer Zeit, in der die NSDAP schon an der Macht war

Martina

Ich kam sehr gut in das Buch und die Geschichte rein. Ich fand den nüchternen und klaren Erzählstil sehr passend zum Thema des Buches. Diese unprätentiöse Stil spiegelt, für mich, die Stimmung dieser Zeit sehr gut wieder. Ich konnte mich sehr gut in Sanna reinversetzen.

Christian

Das Interessante für mich ist, wie diese Naivität von Beginn an als Fassade aufgebaut wird. Die Figur durchschaut im Grunde von Beginn an die Machtstrukturen innerhalb der Diktatur. Ihre Sprache wirkt naiv, aber eigentlich ist es das Handeln aller anderen Figuren. Ein geschickter Schachzug der Autorin.

Saru

Sie scheint lebendig und zugewandt zu sein. Sie hätte ein Talent, Dinge zu verkaufen, was bedeuten könnte, dass sie ihr Gegenüber gut einschätzen und darauf eingehen kann. Sie weiss wie man mit einem zu grossen SS-Ego umgeht. Sie möchte keinen Streit, spürt die Gefahr des Nazi-Regimes, was ihre Leichtigkeit dämpft. Ich schätze, sie möchte einfach nicht auffallen und sich so möglichst schadlos halten.

Natalie

Sanna wirkt auf mich bisher eher passiv. Zumindest wirkt sie neben der herrlich aufmüpfigen Gerti so. Passive Figuren sind für mich in Romanen meist die besten Beobachter.

Elke

Sanna ist lebensklug. Sie kennt wohl die Spielräume, die man im damaligen System hatte. Ich glaube, sie lässt sich nichts vormachen.

Zuletzt bearbeitet am 20 Tage zuvor von Elke
Wiwi

Auf mich macht Sanna den Eindruck einer Pragmatikerin, was ich nach dem Klappentext gar nicht so erwartet hatte. Sie denkt sehr logisch, durchschaut schnell die ideologisch geprägten Gesellschaftsstrukturen und kann den Leuten einen recht durchschnittlichen Eindruck von sich geben. Trotzdem behauptet sie von sich ihr “Kopf ist nicht so geeignet” zum Lernen (S. 10) und sie wünscht sich die Gleiche äußerliche Anerkennung, die auch Gerti erlebt. Ich bin gespannt ob sich Sanna noch weiterentwickelt, da sie als einzigen Zugang zum Buch (also als Erzählerin) aktuell noch eine sehr eingeschränkte und teilweise schon stark wertende Sichtweise auf die Gesamtsituation bietet.

Claudia 2.0

Sanna merkt man einerseits das junge Alter noch an (verstärkt durch den Sprachstil), sie hat ihren Platz noch nicht gefunden, fühlt sich minderwertig, “grau” neben Gerti. Sie wirkt ernüchtert von den Geschehnissen, negativ, “müde”, wie sie selbst sagt. Sie schafft es nicht, aktiv zu werden im verschiedenen Situationen (besucht auch Franz nicht), aber sie ist eine gute Beobachterin und hat ihr Umfeld sehr gut durchschaut. Anders als Gerti, die impulsiv und unerschrocken, aber auch naiv agiert. Insoweit beginnt Sanna dann aber schon aktiv zu werden und schützt Gerti vor sich selbst, die bisher wohl auf Grund ihres Aussehens noch wenig Erfahrung mit Ablehnung gemacht hat. Sanna ist geprägt durch ihre Kindheitserfahrungen und deutlich diplomatischer und klüger in ihrem Verhalten. Ich bin gespannt, wohin sich ihr Charakter im Laufe der Handlung noch entwickeln wird.

Martina

Auf mich wirkt Sanna sehr naiv, aber sie protokolliert die Geschehnisse in ihre Umgebung wie ein Zeugnis der Zeit. Zu Beginn weiß man nicht genau wo sie politisch steht, aber durch die Ereignisse bekommt man unterschwellig einen Eindruck, was sie von allem hält.

Tobias

Ich mag die naive Schläue der Hauptfigur und das durchweg Unheroische. Die Hauptfigur durchschaut einiges, weil sie die Dinge eben so nimmt, wie sie sich auf der Oberfläche darstellen (Beispiel: die “Kriegstänze von N***rn”, die sie mit den Inszenierungen der Nazis vergleicht) und nicht durch die Brille einer Weltanschauung.

So was zu schreiben ist nicht leicht! In den letzten Jahren sind mir immer wieder Bücher begegnet, in denen irgendwelche bildungsfernen Mädchen trotzdem die ganze Welt und ihre Strukturen durchleuchten als hätten sie ihren Marx und Foucault nicht nur gelesen, sondern gewissenhaft exzerpiert. Das wirkt dann immer so ein bisschen wie “Intellektuelle projizieren sich selbst in ihre Vorstellung von Arbeiterklasse”. Aber bei Keun ist das nicht so. Die Hauptfigur ist eben schlau, zugleich auch beschränkt in ihrem Horizont und nicht geniale Autodidaktin.

Claudia

Neben Sanna nimmt Gerti wegen ihrer aufrührerischer Art eine wichtige Rolle ein und man ist gespannt wie es mit ihr weitergeht.

cban

Die Nebenfiguren, die mir im Gedächtnis geblieben sind, sind alle diejenigen, die jetzt Funktionen als Blockwart, etc. haben. Leute, die vor der Machtergreifung keine hohe Bildung hatten, kaum eine gehobene Position, aber jetzt alle durch ihren Eifer für Hitler eine mehr oder weniger bedeutende Rolle im Faschismus haben. Opportunisten, die den Drang nach Geltung in einem System ausüben können, das moralisch kaputt ist.

cban

Stimmt. Die Art und Weise, wie sie alle einander in ihrem Geltungswahn übertrumpfen möchten…

Martina

Ganz genau!

Christian

Keun zeigt hier für mich wie im Brennglas, was diese Diktatur u.a. zusammenhält, nämlich den Drang nach den individuellen Drang nach Macht, der in einer bis ins Kleinste hierarchisierten Gesellschaft Befriedigung findet, während diese gleichzeitig die Konformität auf allen Ebenen sichert.

Martina

Ich stimme Dir hier zu hundert Prozent zu. Ich fühlte mich stark an ICE Agents erinnert. Besonders erschreckend fand ich die Beschreibung der alltäglichen Bedrohungen. Z.B: “Vor tausend feindlichen Flugzeugen hätte ich nicht so viel angst, wie vor der Tant Adelheid, wenn sie eine Waffe hat und Befehlsgewalt.” (Ullstein, S.14)

Saru

Bertchen, die Reihendurchbrecherin (was für ein Wort!?), die in einer eindrucksvoll beschriebenen Szene, unter Geschrei und Gejohle den plötzlichen Tod fand und dann “Um uns ist ein schwarzer Wald von Menschen, stumm und rauschend”. bleibt mir bildhaft in Erinnerung.

Gerti, die in einen Nicht-Arier? verliebt ist – mit einer Verbindung würden sie “das Volksempfinden” stören. Und sie ist so unvorsichtig und frech – oje! Sanna macht sich grosse Sorgen, sie spürt, dass es gefährlich ist SS-Männer zu provozieren und wenn sie den SA-Mann verschmäht wird er Gerti aus Verletztheit vielleicht in Gefahr bringen?

Tante Adelheid finde ich ganz penetrant, eine gefährliche Opportunistin deren neue Stellung sie aus ihrer Bedeutungslosigkeit heraus katapultiert hat. “Vor tausend feindlichen Flugzeugen hätte ich nicht so viel Angst wie vor der Tante Adelheid, wenn sie eine Schusswaffe hat und Befehlsgewalt.

Tom

Zum einen Gerti, wobei ich och nicht weiß, ob sie vor allem naiv ist. Zum anderen vor allem diejenigen, die versuchen, dem neuem Regime zu gefallen und ihre Position zu sichern oder zu verbessern, allen voran Tant Adelheid, die notfalls „über Leichen geht“

Elke

Algin und seine Liska. Mir scheinen sie sehr liebenswürdig.

Claudia 2.0

Ich kann mich den anderen nur anschließen. Die Charaktere und ihre Rolle in dem Geschehen sind allesamt schon zu einem so frühen Punkt in dem Buch sehr detailliert dargestellt und fast schon analysiert.

Wie sie die Nazis und deren individuelle Motivation schildert, ist sagenhaft. Zumal man beachten muss, wann das Buch veröffentlicht wurde. Ich musste an eine sehr grausame Auschwitz-Aufseherin, Irma Grese, denken, die vor dem Krieg gerne Krankenschwester geworden wäre, aber zu schlecht war, und von ihrer Familie verstoßen wurde. In Mengeles Umfeld hat sie dann ihre ganze Macht ausgenutzt ind war gnadenlos auch gegen Kinder. Die Autorin stellt hier schon sehr konkret heraus, dass es oft im Leben gescheiterte Persönlichkeiten waren, die nun eine Aufgabe bei den Nazis gefunden haben und sich dort ganz besonders hervor getan haben in dieser “Gemeinschaft”.

Aber es sind auch die kleinen Rollen: der Vater, der lieber das Bild des Führers aufhängt als die Zeitungsartikel über den Erfolg seines Sohnes. Aaron, selbst Jude, der die politische Neuordnung sogar befürwortet, solange es ihm nützt und dabei verkennt, dass sich dieses Regime gnadenlos gegen ihn wenden wird.

Aber auch die Rolle des Stiefbruders, den sie gerne mag, finde ich interessant, da sie hier wohl autobiographische Bezüge einbringt? (Sie hatte kurz zuvor ja auch schnellen Erfolg als Autorin, dann wurden ihre Bücher verboten).

Wahnsinn, wie viel im 1. Kapitel drin ist…

Wiwi

Ich bin ein Fan von Algin, der Nordseekrabben frühstückt, damit er sich wie im Urlaub fühlt (vgl. S. 41). Wie cool ist der denn bitte?
Etwas skeptisch bin ich beim alten Aaron, der das Judentum leugnet und den Antisemitismus verstehen kann?? Uiuiui, also Historikerin macht mir das Bauchweh, aber ich denke da will sich einer besonders stark abgrenzen, um unter dem Radar zu bleiben.

Dörthe

Mir fällt zuerst Gerti ein, die durch die Beschreibung von Sanna besonders ins Auge sticht. Und Tante Adelheid. Durch diese Figur wird gut erzählt, auf welche Weise viele auf der Welle des Nationalsozialismus mitgeschwommen sind. Mir fällt hierzu der Spruch ein: Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.

Tobias

Diese ganzen SA und SS-Schergen sind auf ihre Weise alle so austauschbar und vergessbar, aber Tante Adelheid hat was diabolisches. Der alte Aaron bleibt als tragische Figur (wenn man weiß, wie die deutsche Geschichte weitergeht und was gerade mit Leuten wie ihm passieren wird) auch im Gedächtnis.

Nele

Welche Figur mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist der graue Mann auf dem Fahrrad. Nun ist er sehr besorgt um seine neue Anstellung und reagiert in einem kurzen Moment unbesonnen und gereizt, in dem er sagt: “Ja, der Führer hat die Ideale, und wir haben’s Nachsehen.” Im selben Moment realisiert er, was er getan hat und wird gleich darauf abgeführt. Gerade durch die nüchterne Beschreibung des Geschehens, wird mir hier die Alltäglichkeit der Unterdrückung der Meinungsfreiheit klar. Keiner scheint überrascht, dass sich der Herr durch eine solch banale Äußerung ist größte Schwierigkeiten gebracht hat. Die Reaktion der teilnahmslosen aber auch die der paar Menschen, die beginnen auf das Fahrrad einzutreten (auch wenn diese Reaktion doch etwas verzögert zu kommen schien) spiegelt die Stimmung der Zeit wieder.

Rieke

diese Banalität des Grauens spürt man echt im Roman..dieses Alltägliche..

Tom

Das Wort “Weltannschauung“ ist mir besonders aufgefallen. Aber jedes Mal, wenn es um die „neue“ Weltanschauung geht, entlarvt Sanna diese (ohne es direkt zu sagen) als inhaltslos (Besonders deutlich S. 36/37: „Daraufhin will Gerti diese Weltanschauuung erklärt haben. Natürlich sagt Klaus Pielmann, wen Gerti das nicht längst begriffen habe, könne man es ihr nicht erklären.“)

Christian

Ist mir auch aufgefallen. Eine der besten Stellen im Buch bisher.

Saru

Auf der ersten Seite erzählt Sanna, dass sie das Leben anstrengend fände, dass sie nicht mehr denken könne und das Wort Weltanschauung würde Krach produzieren. Die Bösartigkeit der Tante Adelheid, die Gefahr die durch eine freie Meinungsäusserung in der Luft liegt, die Möglichkeit jemanden zu denunzieren, die Wertverschiebung in Bezug auf Algins Buchveröffentlichung, die Stimmung im Restaurant mit denn SS-Leuten und der frechen Gerti und die übergeschnappte Stimmung während Bärtchens Todesrausch – all das lässt darauf schließen, dass Keun der NS-Ideologie kritisch gegenüber stand.

Christian

Ich würde dieser These widersprechen. Gerade durch die Perspektive der Figur, wird die weltanschauliche Kritik überdeutlich. Und dadurch, dass sie nicht durch eine Widerstandskämpferin ausgesprochen wird, wirk sie auf den Leser noch lauter und kräftiger.

Wiwi

“Man darf sowas ja nicht sagen heutzutage wegen der Weltanschauung und der Regierung” (S. 11). Trotzdem scheint Sanna als Erzählerin unverblümt von dem zu berichten was sie sieht, egal ob es konform ist oder nicht.
Im Laufe der ersten beiden Kapitel lassen sich die Gründe der Menschen dafür finden, die Weltanschauung der Nationalsozialisten zu akzeptieren oder sogar voranzutreiben.

  • jemand leidet vorher selbst und wird deshalb Antisemit (S. 15)
  • jemand ist mit einigen der Ideen konform und sieht über die restliche Ideologie hinweg (S. 18 & 22)
  • die Faszination für die Person des Führers und die Ideen des Nationalsozialismus (S. 36 & 37)
  • “Mitläufertum” (S. 40 & 43)
  • Überzeugung (siehe Bertchen)

Anhand dieser vielen Motive wird schnell bewusst, hier wird über die Motive der einzelnen Menschen im Nationalsozialismus reflektiert, auch wenn die Kritik subtil und unterschwellig in den Taten und Aussagen der anderen Charaktere verankert ist und nicht vollständig als solche direkt durch die Erzählerin ausgedrückt wird.

Tobias

Vieles läuft über die Parallelen. z.B. vom Führerbesuch mit dem Karneval, vom Zapfenstreich mit afrikanischen Kriegstänzen usw. Oder die genaue Beschreibung von Menschen, ihrem Aussehen und Verhalten, die eine satirische Spannung zwischen dem hehren Geschwätz der Nazi-Ideologie und der (national)sozialen Wirklichkeit mit ihrer Kleingeistigkeit aufbaut.

Saru

Ja, das ist wirklich ein toller und vor allem zeitloser Satz (heute wäre das Wohnzimmer auf Insta).

Claudia 2.0

Das Zitat mit der Theatervorstellung in Algins Wohnung wollte ich auch nennen. Diese Art der Beobachtung findet sich an mehreren Stellen im ersten Kapitel. Auch diese einfachen Sätze danach: “Der Algin ist nicht mehr glücklich. Die Lisks ist nicht mehr glücklich. Ich liebe sie beide.” Simpel wie von einem Grundschüler, dennoch verstärken sie die Bedeutung. Das kommt an mehreren Stellen so vor.

Herrlich fand ich auch die letzten beiden Absätze des 1. Kapitels. Zuerst vergleicht sie die Inszenierung mit einer Bühnenshow: “Da standen diese Herrschenden nun persönlich auf dem Balkon vom Opernhaus. Sie blieben erleuchtet, sonst wurde Nacht.”
Und der letzte Absatz ist ein richtiger Schlag ins Gesicht für die Nazis: sie schlägt sie mit ihren eigenen ideologischen Waffen, indem sie ihre rassistische Denkweise gegen sie selbst richtet (Vergleich mit einem afrikanischen Kriegstanz). Beißende Ironie, einmal mehr.

cban

Der Heini hat mal gesagt: “Entweder sie kaufen ein Buch und lesen es nicht. Oder sie leihen ein Buch und geben es nicht wieder und lesen es auch nicht. Oder sie geben es wieder und haben es nicht gelesen. Aber sie haben so viel von dem Buch gehört und so viel Schwierigkeiten damit gehabt durch Gekaufthaben oder Wiedergebenmüssen, daß ihnen das Buch wirklich fast so vertraut ist wie das Hemd, das sie tragen. Und sie kennen das Buch, ohne es gelesen zu haben.”

Onno

Ich dachte so: “Wow!? Warum muss mich Irmgard so persönlich angreifen?!”

cban

Es gibt drei Bücher, an die ich unweigerlich denken musste, als ich das las. Die hat anscheined (oder auch nur scheinbar?) jeder gelesen, nur ich nicht, aber ich habe Auszüge gelesen und so viel davon gehört, dass ich die Bücher kenne, ohne sie je gelesen zu haben. 😀 (1984, Brave New World, Farenheit 451)

Wiwi

Jap… da habe ich direkt an den Buchkonsum bei Instagram und TikTok gedacht. Super fand ich auch, dass direkt danach Hitler mit Goethe verglichen wurde, aber auf eine geniale Art und Weise.

cban

Stimmt! Die Passage fand ich auch tol. Das Zitat wäre aber zu lang geworden, sonst hätte ich das auch noch eingebracht.

Saru

Für mich gab es mehrere Sätze, die mich zum Staunen brachten. Einer davon war z.B. “Als der Führer kam, wurde die Tante Adelheid politisch und hing Bilder von ihm auf und kaufte Hakenkreuzfahnen und ging in die NS-Frauenschaft, wo sie auch mit besseren Damen zusammenkam als deutsche Frau und Mutter.” (wie ein politisches Fan-Girl)

Saru

Ganz vergessen – der allererste Satz gefiel mir auf Anhieb besonders gut: “Einen Briefaufschlag macht man auf und zieht etwas heraus, das beißt oder sticht, obwohl es kein Tier ist.”

Natalie

“Ich leuchte gar nicht. Darum hat die Gerti mich wohl auch so gern.” Durch nur eine Zeile erfährt man so viel vom Wesen der Hauptfigur und von ihrer (vermutlich engsten) Beziehung.

Mari

den Satz hab ich auch sofort rausgeschrieben.

Wiwi

“Das sicherste ist vielleicht doch: man liebt überhaupt nicht. Solange das gestattet ist.” (S. 41)

Schockierend und klingt auch stark nach Gleichschaltung – Hauptsache man ist systemtreu und funktioniert nach der Zielorientierung der “Volksgemeinschaft”… Hat für mich etwas dystopisches wie bei 1984, obwohl das hier ja sogar recht nah an der realen Vergangenheit dran ist.

Dörthe

Da sitzen die beiden (Gerti und Dieter) in einem Lokal und sehen sich an, die Luft um sie zittert richtig vor Verliebtheit. .. sie leben nur und machen zittrige Luft und überlegen nicht, was aus ihnen werden soll.

Martina

Besonders bedrückend fand ich dieses Zitat:

“Am Nebentisch sitzen Leute mit Pg Abzeichen. Lieber Gott man muss fort aus diesem Lokal. ein anderes Lokal muss gefunden werden und wieder ein anderes, und einmal wird´s schlimm werden.” (Ullstein, S. 24)

Tobias

“Man ist ja gewohnt, dass immer was los ist in Deutschland mit fieberhaften Feiern, darum fragt man oft schon gar nicht mehr, warum eine Feier nun mal wieder ist mit Girlanden und Fahnen” (S. 25 Ullstein Taschenbuch)

Mari

Viele Sätze sind für’s Schatzkästchen. Gestern Nachmittag habe ich meiner Mutter ein paar vorgelesen (z.B. dass die schöne Gerti Sanna als Freundin hat, weil Sanna nicht so schön ist. ) Und sie nickte, stimmte mir zu und war genauso begeistert.
Mein Lieblingszitat ist: Ich bin froh, so verkürzt genannt zu werden (Sanna), weil es doch ein Zeichen ist, dass Freundlichkeit um mich war.” Das ist so schön!

cban

Das Buch gefällt mir soweit sehr gut. Die Sprache ist einfach und dadurch werden Dinge eindrucksvoll dargestellt. Es sind Sätze wie “…der alte Aaron […] findet: die Nazis haben Ordnung geschaffen in deutschem Sinne und ihn vor den Kommunisten gerettet […].”, die erschreckend sind, denn im Rückblick wissen wir, welche falsche Vorstellung das war und die Tatsache, dass auch heute Menschen noch solche Fehlvorstellungen haben, ist beängstigend.

Saru

Das hat mich auch berührt! Viele Juden, die im ersten Weltkrieg für die Deutschen gedient hatten, fühlten sich anfangs gar nicht gemeint, wenn sich das Nazi-Regime abwertend gegenüber Juden äusserte. Heute nicht verständlich, denkt man, aber wer geht schon von so einer grausligen Entwicklung aus.

Zuletzt bearbeitet am 20 Tage zuvor von Saru
Onno

Man hat mir einmal gesagt ein gutes Buch erzählt die Handlung auf der ersten Seite. Nun, bereits der erste Satz sagt vieles aus (wenn man den Klappentext auch gelesen hat).
“Einen Briefumschlag macht man auf und zieht etwas heraus, das beißt oder sticht, obwohl es kein Tier ist.”
Hier zeigt Keun bereits den Konflikt um den es im Buch gehen wird. Das Gewissen, das sich wird entscheiden müssen. Für oder gegen Franz. Und zeigt uns Keun die Entscheidung? Schließlich schreibt sie weiter: “Ich bin nicht gefahren.”
Das Sanna den Brief in ihr Dekoltee steckt und ihr da die Brust zerkratzt sagt uns doch das sie mit ihrer Entscheidung hadert bzw. ihr das Herz brennt. Das Sanna müde ist, könnte auf eine Hoffnungslosigkeit oder gar eine Resignation im Angesicht der Entwicklungen im Jahre 1937 sein.

Der Schreibstil macht für mich den Anschein einer gewissen kindlichen Erlebniswelt, die ja bekanntlich sehr im Jetzt verhaftet ist. Auf den ersten Seiten habe ich mich direkt an die Lektüre Anne Franks Tagebüchern erinnert. Währen Anne tatsächlich Kind war, ist es bei Keun Stilmittel. Vielleicht war es zu jener Zeit, die ja geprägt von Lug & Trug und in der gleichzeitig jedes Wort au der Goldwaage abzuwägen war, eine der wenigen Möglichkeiten diese Irren & Wirren klar zu benennen.

In Kapitel 2 wird meiner Wahrnehmung nach viel gleichzeitig dargestellt. Die verbotene Liebe zu einem Juden. Der unbedingte Willen des Volkes einem vergöttertem “Führer” zu gefallen mit dem Tragischen Ende, der zeigt das der Geltungsdrang der Eltern über dem Wohl des Kindes steht. Auch das der Arzt nur die Schultern zuckt und der Wirt die Frage stellt, wer denn jetzt die Rechnung begleicht, zeigt mir wie viel ein Leben wert zu sein scheint in jener Zeit. Wesen des Fanatismus möchte ich es nennen. Meine letzte Konnotation im Buch:”Man möchte kotzen!”

Zuletzt bearbeitet am 20 Tage zuvor von Onno
Elke

Ich habe die ganze Zeit überlegt, wie ich die Sprache beschreiben soll: in gewisser Weise kindlich. Das trifft es gut.

Katrin

Ich habe mir das Buch asgeliehen, bin dann aber zur Lesung in der ARD-Audiothek übergegangen (https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:1a3099bfb57278ff/), weil ich ziemlich viel im Auto unterwegs war. Die Lesung hat mich sowas von fasziniert, dass ich tatsächlich auch zuhause weitergehört habe; teilweise habe ich parallel mitgelesen.

ad 1:
Ich am supergut rein und habe das ganze Buch in einem Rutsch durchgelesen/gehört.
Wie ein Fiebertraum, sprunghaft, eindringlich. Bei der Hörfassung kamen die verschiedenen Charaktere noch besser raus;

ad 2:
Sannchen ist genial; man ist mit ihr im Geschehen; als würde man mit im Cafè oder im Moningerbräu sitzen. Leicht, locke und trotzdem beklemmend. Da sie in der Mittelschicht mitschwimmt, fällt sie nicht auf und kann sich ungezwungen in den Kreisen bewegen und alles genau beobachten.

ad 3:
Algin und Heini

Vielen Dank für die tollen Infos zur Autorin und der Einordnung.

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