1. Rückblick
Kapitel 2 erzählt die Reise Marlows auf dem Dampfer von der letzten Station bis kurz vor der Ankunft bei Kurtz. Eine Reise »like travelling back to the earliest beginnings of the world.« Wie ein kleiner Käfer kriecht das Schiff langsam den riesigen Fluss hinauf. Fiebrig blickt Marlow auf die Indigenen am Flussrand, die ihn gleichzeitig befremden und faszinieren. Mitten in der alptraumhaften Szenerie taucht die verlassene Hütte eines Unbekannten auf. Begierig blättert Marlow durch die Seiten eines zurückgelassenen Buchs, als sei es die letzte Verbindung zur Zivilisation des Menschen.
Kurz vor dem Ziel bleibt der Dampfer in einem weißen Nebel stecken. Markerschütternde Schreie alarmieren die Besatzung. Sie werden von Einheimischen angegriffen, Marlows Steuermann stirbt auf seinen Füßen.
Kapitel 3 eröffnet mit der Begrüßung durch einen russischen Abenteurer. Er hat den schwer erkrankten Kurtz gepflegt und preist dessen Charisma in höchsten Tönen. Langsam begreift Marlow das Ausmaß der Schreckensherrschaft des Stationsleiters, der alle umliegenden Dörfer unter seinen Einfluss gebracht hat. Kurtz erscheint, getragen von seinen Untergebenen, als ausgemergelte und dennoch gebieterische Gestalt. Er wird auf den Dampfer verbracht, sein Elfenbein beschlagnahmt. Nachts kriecht er an Land. Marlow stellt ihn und überzeugt ihn, die Station zu verlassen. Entsetzt sehen ihn die bestrickten Einheimischen auf dem Fluss entschwinden.
Auf dem Rückweg stirbt Kurtz in Marlows Kabine. Seine letzten Worte: “Das Grauen! Das Grauen!“
Zurück in Europa überbringt Marlow der Verlobten Kurtz’ dessen Briefe. Die letzten Worte bringt er ihr gegenüber nicht über die Lippen.

2. Anregungen zum Gespräch
Ab der Mitte des Buchs läuft alles auf die unweigerliche “Katastrophe” zu. Immer tiefer führt die Reise den Erzähler ins Herz der Finsternis. Diese erweist sich als räumliche und zeitliche Untiefe: Räumlich erscheint der Urwald als menschenfeindliche Sphäre, in der alle vernünftigen Kategorien aus den Fugen geraten. Kannibalismus, Ekstase, Aberglaube, Fieber prägen die soziale Welt. Zeitlich beschreibt Conrad diese Reise als Rückkehr in die Vorstufen der Zivilisation. Auf der einen Seite ist diese Beschreibung von einem eurozentrischen Blick dominiert, in dem die Einheimischen fast nur als irrationale Wesen auftauchen. Auf der anderen Seite stellen sich nicht die Ureinwohner, sondern das weiße “Universalgenie” Kurtz als Gipfel des Grauens heraus.
Im Nachwort der englischen Ausgabe (Penguin English Library) wird darauf hingewiesen, dass Kurtz als Genie des Redekunst, als packend und überzeugend, als geradezu unentrinnbarer Charismatiker angekündigt wird – zugleich bleibe die Figur dann in den Szenen vergleichsweise blass. Wie hast du das erlebt?
Schließlich: Was Conrad bei dieser Figur vor Augen hatte, wird im Nachgespräch mit einem Journalisten deutlich, der Kurtz kannte: »How that man could talk! He electrified large meetings. (…) He could get himself to believe anything – anything.« (95) Der charismatische Politiker als narzisstischer Populist. Eine Gestalt, die uns historisch wie aktuell nicht erspart bleibt.
Zur Strukturierung der Diskussion biete ich einige Gesprächsfäden an. Ich liste sie hier kompakt auf und lege sie als je eigenen Kommentar am Endes des Beitrags an. Per “Antworten” kannst du deine Beobachtungen, Fragen, Überlegungen eintragen und auf andere reagieren. Zusätzliche Gesprächsfäden können natürlich auch eröffnet werden. Meine Vorschläge:
- Wie haben dir Erzählung und Stimmung des Buches gefallen?
- Kolonialismus in Afrika: Mit welchem Bild der europäischen Kolonialisten und mit welchem Bild der Afrikaner bleibst du zurück?
- »Das Grauen! Das Grauen!« Wie verstehst du die letzten Worte Kurtz’? Welche Weltsicht vermittelt dir die Erzählung?
- Welche Szene des Buches bleibt dir am stärksten in Erinnerung?
- Dein Zitat der Woche: Ein Zitat fürs Notizbuch
3. Filmadaption: Apocalypse Now!
Wie angekündigt möchte ich gerne die Filmadaption Apocalypse Now! (1979) von Francis Ford Coppola anschauen, um den Eindruck von »Heart of Darkness« abzurunden. Mein Vorschlag für eine gemeinsame Watch Session:

- Zeit: Sonntag, 22. März, Start um 19:30 Uhr
- Format: Die Fassung von 1979 mit 147 Minuten. Ich werde sie mir für 2,99€ hier leihen: https://www.youtube.com/watch?v=oXIW6jD82Wg
- Austausch: Wer Lust hat, kann sich (z.B. auf dem Handy) in folgenden Chatraum einwählen. Ohne Login, einfach nur auf den Link und los geht’s: https://tlk.io/klassikerclub
Freue mich, wenn ihr Lust habt, den Film gemeinsam zu schauen und euch auszutauschen, wie dort die Vorlage von Joseph Conrad interpretiert wird.

Wie haben dir Erzählung und Stimmung des Buches gefallen?
Mir haben die Erzählung und die aufgebaute Stimmung sehr gut gefallen, das Buch hat mich ziemlich reingezogen. Tatsächlich hatte ich mehr als bei den letzten Büchern hier in dre Runde ein starkes “Klassikergefühl” – irgendwie hatte ich oft den Eindruck, das schon mal gelesen zu haben. Hatte ich nicht. Aber man merkt, wie Vieles hinsichtlich der Sprache und der Motive bekannte Topoi aufgreift oder selbst stilbildend geworden ist.
Ich mochte das Buch von Beginn an sehr und war fasziniert von der realistisch-anmutenden und gleichzeitig stark symbolischen und psychologisierenden Erzählung Marlows auf seinem Weg durch den Urwald. Dass Kurtz einem dann quasi bei lang aufgebauter Spannung und schillernder vorangehender Beschreibung direkt unter den Augen der ersten Begegnung mit dem Erzähler zerfällt und auch irgendwie enttäuscht, fand ich enorm stark, da Conrad das Bild der “aufgeblähten Leere”, das Marlow bei Kurtz und zuvor auch mal bem Direktor beschreibt auch erzählerisch inszeniert. Ich bin nur bis jetzt noch unschlüssig darüber, ob Marlow trotz aller offensichtlich geäußerten Kritik nun als Kurtz-Kriiker oder doch eher als Kurtz-Fan gilt und frage mich, ob er nicht eine andere Variante, des im Kongo zurückbleibenden Kurtz-Jüngers aus Russland darstellt, da er das Andenken Kurtz zurück in die europäische Welt bringt, dessen Ehefrau aufsucht und letztlich auch diese Erzählung über seine “Begegnung”” mit Kurtz Jahre später auf dem Schiff der Themse weiterträgt.
Kolonialismus in Afrika: Mit welchem Bild der europäischen Kolonialisten und mit welchem Bild der Afrikaner bleibst du zurück?
Das Bild der Afrikaner ist stellenweise schon auf unbehagliche Weise klischeebeladen, aber mir gefällt, dass der Erzähler vor allem da, wo man sich noch nicht im unmittelbaren “Finsterniskegel” von Kurtz befindet, immer wieder darauf hinweist: Es gibt da etwas Existenziell-Menschliches, das die nur vermeintlich unüberbrückbare Kluft von fehlender Sprache und Kultur übergreift.
Der Direktor und die “Pilger”, die am Ende noch enttäuscht sind, dass der Erzähler die Schwarzen mit der Schiffspfeife erschreckt und ihnen so den “Jagdspaß” verdirbt, erscheinen mit ihrer Banalität des Bösen als unmenschlicher als die tatsächlichen oder imaginierten Kannibalen. Dass das Projekt Kolonialismus im Kern zutiefst unmoralisch und die idealistische Zivilisationsmission nur ein “Scam” für sich selbst belügende Europäer ist, wird deutlicher ausgesprochen, als ich erwartet habe.
Ja, mein Eindruck gut zusammengefasst. Avant la lettre im Spott über die hehren Selbstbilder der Europäer, zugleich tief verwurzelt in der Zwei-Klassen-Anthropologie.
“Kluft von fehlender gemeinsamer Sprache und gegenseitig unübersetzbarer Kultur” ist unmissverständlicher…
»Das Grauen! Das Grauen!« Wie verstehst du die letzten Worte Kurtz’? Welche Weltsicht vermittelt dir die Erzählung?
Ich habe den Eindruck, dass damit so etwas wie die prästabilierte “Harmonie” von äußerer und innerer Bedrohung ausgesprochen wird. Das Grauen in der Natur spiegelt sich in dem “hohlen” Klangkörper, der Kurtz durch das hemmungslose Abfließen seiner psychischen Sicherungen geworden ist.
Die wiederkehrenden Schilderung der bewaldeten Umwelt als irgendwie belebter Entität, die anfeindet, lauert, lockt, täuscht, sich verbirgt fand ich als Stilfigur teilweise schon ein bisschen aufdringlich. Mir scheint da aber so ein an Schopenhauer, Nietzsche oder auch Albert Schweitzer erinnerndes Weltbild im Hintergrund zu stehen, das einen triebhaften und mit sich im Kampf liegenden, in eine Art regellosen Daseinskampf zerspaltenen Lebenswillen annimmt – während hoher Idealismus, Gesinnung, Wissenschaft, europäische Religion unter Verdacht eines künstlichen und fragilen Überbaus stehen. Wenn dieser Überbau wegbröckelt, dann kommt “das Grauen” als archaisch-religiöse Kategorie des Numenosen zum Vorschein.
Kurtz hat es instrumentalisiert, um sich die Schwarzen zu unterwerfen, aber letztlich zehrt es ihn dann körperlich und seelisch auf, weil “die Wildnis” diesen Missbrauch auf Dauer nicht duldet. Oder so ähnlich.
Welche Szene des Buches bleibt dir am stärksten in Erinnerung?
Wahrscheinlich schon der Auftritt von Kurtz auf seiner Bahre mit dieser (durch die Erzählung vorbereiteten, aber dann doch irgendwie enttäuschenden) Antiklimax des Zu-Spät-Kommens für Erzähler und Leser, um den charismatischen Übermenschen noch auf der Höhe seiner Fähigkeiten zu erleben – und gleichzeitig dieser doch religiös-symbolischen Überfrachtung des gebieterischen Schmerzensmannes, die das “vitale” Charisma durch so eine Perversion des “kranken” Charismas kompensiert.
Bei mir war die Enttäuschung tatsächlich ziemlich ausgeprägt und ich war etwas erleichtert, es im Nachwort auch so ausgesprochen zu sehen. “Show, don’t tell” sagt man heute, und da war mir viel tell und wenig show, was die Magie dieser Persönlichkeit angeht.
Denn stärksten Eindruck hat auf mich die Szene vor dem Angriff gemacht: Der Dampfer eingeschlossen im weißen Nebel, abgeschnitten von der Umwelt, plötzlich die grauenhaften Schreie aus dem Nichts. Das war atmosphärisch dicht und hatte Gänsehaut Qualitäten…
Dein Zitat der Woche: Ein Zitat fürs Notizbuch
“Ich musste auf das Steuer achten, treibenden Baumstämmen ausweichen und den Blechpott auf Biegen oder Brechen voranbringen. In diesen Dingen lag so viel oberflächliche Wahrheit, dass es auch einen weiseren Mann als mich vor Unheil bewahrt hätte.” (fischer Ausgabe, 111)
Mein Zitat der Woche kommt aus dem Nachwort meiner Reclam-Ausgabe, die wiederum das Vorwort der früheren Erzählung “Der N* von der Narzissus” zitiert und mir gerade im Hinblick auf die Rassismus-Debatte (Chinua Achebe: An Image of Africa) hilft, Conrads Intentionen einzuordnen:
“Es ist meine Aufgabe, durch die Macht des geschriebenen Wortes euch hören, euch fühlen, euch -dies vor allem- sehen zu machen. Darin liegt alles und in nichts sonst. Wenn mir das gelingt, werdet Ihr nach euerm Verdienst finden: Ermutigung, Trost, Schrecken, Verzauberung -alles was Ihr fordert- und vielleicht auch jenen flüchtigen Anblick der Wahrheit, nach dem zu fragen, ihr vergessen hattet.”
“But the wilderness hat found him out early, and had taken on him a terrible vengeance for the fantastic invasion. I think it had wishpered to him things about himself which he did not know, things of which he had no conception till he took counsel with this great solitude – and the whisper had proved irresistibly fascinating. It echoed loudly within him because he was hollow at the core…”