1. Eine faszinierende Persönlichkeit

Viele Autor:innen aufregender Literatur haben ein eher unaufgeregtes Leben geführt. Goethe war Kommunalpolitiker, sein größter Ausbruch ein ausgedehnter Italienurlaub. Marcel Proust schrieb sein revolutionäres Romanwerk komplett im Bett. Franz Kafka war Büroangestellter in einer Unfallversicherung.
Nicht so Joseph Conrad. Wenn es möglich ist, dann übertrifft sein Leben seine Erzählwelten sogar an Exotik und Disruption. Wie Marlow, der Erzähler in »Herz der Finsternis«, schöpfte Conrad nicht aus Büchern, sondern aus dem eigenen Erleben. Und das hätte für mehr als eine Biographie ausgereicht!
Als einer der wichtigsten englischen Autoren der frühen literarischen Moderne war er weder Engländer noch Muttersprachler. Erst in seinen Zwanzigern erlernte er die Sprache, in der er 15 Jahre später literarische Meisterwerke zu schreiben begann. Bis dahin hatte er die Welt gesehen, wie wenige Menschen seiner Zeit.
Vollwaise in der Verbannung
Geboren wurde er als Sohn polnischer Eltern unter dem Namen Józef Teodor Konrad Korzeniowski im Gebiet der heutigen Ukraine. Sein Vater war Literat und Revolutionär. Als der polnische Aufstand gegen den Zaren 1863 zerschlagen wurde, verbannte man die junge Familie in die russische Provinz. Josef war vier Jahre alt. Als er sieben war,starb seine Mutter an Tuberkulose. Vier Jahre lang lebte das Kind alleine mit seinem zunehmend düster gestimmten Vater. Dann starb auch der. Als Vollwaise kam Josef zum Bruder seiner Mutter. In seiner Jugendzeit äußerte er einen für seine Verwandten rätselhaften Wunsch: Er wollte Seemann werden. Mitten im kontinentalen Europa, ohne jeden Bezug zu maritimen Traditionen, ein wahrlich ungewöhnliches Projekt.

Von Polen über die Karibik bis in den Kongo
Er setzte es um und ging im Alter von 16 Jahren nach Marseilles. Ein Leben auf französischen Schiffen, mit Zielen in der Karibik und Episoden als Waffenschmuggler im spanischen Bürgerkrieg endet mit ruinösen Spielschulden in Monte Carlo.

Als dem Polen Conrad1 die Papiere für französische Schiffe verweigert werden, wechselt er nach England und tritt der britischen Handelsflotte bei. Erst jetzt lernt er Englisch, mit 29 Jahren wird er britischer Bürger, er fährt zu See nach Thailand, Indien und Australien – und nach Afrika.2 Prägend ist eine Reise als Kapitän in den belgisch kolonialisierten Kongo. Conrad ersetzt Anfang 1890 einen von Indigenen getöteten dänischen Seemann und erlebt die Reise in den Urwald als physische und psychische Krise. Die Reise bildet den biographischen Hintergrund von »Herz der Finsternis«.
Ehemann, Vater, Schriftsteller
Kurz vor der Kongofahrt beginnt Conrad mit dem Schreiben. Sein erster Roman, Almayer’s Folly, erscheint 1895. Im Jahr darauf heiratet er als 35Jähriger die 15 Jahre jüngere Jessie George.3 Conrad wird “hauptberuflich” Schriftsteller. Die beiden leben zurückgezogen auf dem Land, sie bekommen zwei Söhne. Conrad durchlebt immer wieder schwermütige Phasen, denen er vorzugsweise mit Umzügen von einem Haus ins nächste begegnet. So bleibt er im Kleinen auf Reisen.
2. Ein ungewöhnlicher Literat
Conrads literarische Werke spiegeln die Erfahrungen auf fünf Kontinenten wider und heben ihn damit von so gut wie allen anderen Schriftstellern der frühen Moderne ab. Während die meisten Zeitgenossen aus und für eine europäische Perspektive schrieben, verarbeitete der weitgereiste Conrad die kolonialistische Globalisierung – einschließlich ihrer dunklen Seiten.
In der Literaturwissenschaft gilt »Herz der Finsternis« als sein Meisterwerk. Daneben werden häufig seine beiden großen Romane »Lord Jim« (1900) und »Nostromo« (1904) genannt. Kommerziell erfolgreich waren alle drei bei Erscheinen nicht. Conrad hielt sich als Autor fast 20 Jahre lang mehr schlecht als recht über Wasser, bis er 1914 mit dem Roman »Chance« seinen Durchbruch beim breiten Publikum erlebte. Als er 1924 im Alter von 66 Jahren starb, war er einer der angesehensten Autoren englischer Sprache.
Als Netzwerker und literarischer Freund muss Conrad eine besondere Gabe besessen haben. Zu seinem engen Bekanntenkreis gehörten viele bedeutende Männer und Frauen der damaligen Zeit: Henry James, John und Ada Galsworthy, George Bernard Shaw, T.E. Lawrence, André Gide, Paul Valéry, Maurice Ravel und Bertrand Russell. Sie alle einte im Übrigen eine überraschende Entdeckung: Der große Literat Conrad sprach sein wortreiches und präzises Englisch zeit seines Lebens mit einem extremen polnischen Akzent.
Dieser Akzent ist nicht zuletzt Zeichen einer bleibenden Heimatlosigkeit. Der polnische Landadelige, französische Seefahrer, britische Händler und englische Schriftsteller verfasste seine Erzählungen stets aus einer Position “off center”, jenseits der mittigen Selbstverständlichkeiten gesellschaftlicher Zugehörigkeit.4
Diese Position ‘auf der Schwelle’ war auch für die Ende des 20. Jahrhunderts entstehenden Postcolonial Studies wichtig. Diese setzten sich parallel zum Niedergang des britischen Empires mit den negativen Auswirkungen der europäischen Kolonialisierung auseinander. Joseph Conrads un-romantische Darstellung der Verhältnisse stellte sich als bedeutsame Quelle und Beispiel europäischer Selbstkritik heraus.
3. »Das Herz der Finsternis«

Das »Herz der Finsternis« ist einer der großen Klassiker der literarischen Moderne. Die erzählerische Form ist vergleichsweise einfach: Eine für Novellen typische Rahmenhandlung umgibt den Kern. Ein anonym bleibender Erzähler berichtet vom Seemann Marlow, der mit anderen Mitgliedern einer Schiffsbesatzung vor den Toren Londons auf den Wechsel der Gezeiten wartet. Marlow erzählt den Gefährten von seinen Erlebnissen im Herzen Afrikas.
Die Erzählung übt einen eigentümlichen Sog aus. Worin dieser Sog besteht und wie er erzeugt wird, entdeckt man am besten beim eigenen Lesen. Klar ist, dass das gesamte narrative setup auf einen Kulminationspunkt zusteuert: Es führt uns langsam aber unaufhaltsam in die Mitte einer Finsternis. Diese stellt sich als vielschichtig dar. Sie offenbart Untiefen einer wilden Natur; einer überspannten Psyche; einer entgrenzten Macht; einer nur oberflächlichen Zivilisation.
Conrad setzt seine Sprachbilder leitmotivisch ein. So verleiht er dem an sich realistischen Erzählen einen symbolischen Unterton. Es lohnt sich, auf folgende Metaphernketten zu achten: 1. Licht, Dämmerung, Finsternis. 2. Blindheit, Nebel, Sehhilfen, Ferngläser. 3. Fluss, Schlange, Inneres, Früheres. 4. Verfall, Fieber, Krankheit, Rost, Leere.
»Herz der Finsternis« nimmt den Leser mit auf eine Reise. An die Schwelle zwischen Wahrnehmung und Wahnsinn, zwischen Kultur und Natur, Macht und Moral. Ich bin gespannt!
- Den Namen »Conrad« nahm Korzeniowski 1886 bei seiner britischen Einbürgerung an. ↩︎
- Conrads Seereisen sind so umfangreich, dass sie ihren eigenen Wikipedia-Artikel haben: Joseph Conrad’s Career at Sea. ↩︎
- Sie lebte 12 Jahre länger als ihr Mann und schrieb ein kleines Buch über das Leben mit dem speziellen Ehemann: Siehe NY-Times-Artikel über Jessie Conrads Memoiren. ↩︎
- Vgl. biographisches Kapitel in Cambridge Companion. ↩︎

Vielen Dank Alex für deine interessante Einführung. Conrad ist schon der zweite Mann mit polnischen Eltern, der aus dem Teil Polens kam, der heute zur Ukraine gehört. Der andere ist Kasimir Malewitsch, der mit dem schwarzen Quadrat.
Ich weiß noch nicht, ob ich mitlese, ich habe mich noch nie getraut “Apocalypse now” zu sehen. Aber das Ganze klingt wieder sehr interessant.
Herzliche Grüße Mari
Was für ein schönes Projekt! Freu mich sehr, dass es mir durch eine Würzburger Stimme ins Ohr geflüstert wurde und bin jetzt auch dabei 🙂
Danke für die gute Einführung!! Joseph Conrad ist tatsächlich ein sehr spannender Mensch, und das Buch das ausgewählt wurde, auch bislang. LG aus Nürnberg, Karo