Woche 17
Du
Woche 17: Mynheer Peeperkorn muss nicht viel sagen, um nachhaltige Wirkungen auszuüben. Es kommt zu Geständnissen und Verbündungen.
1. Rückblick auf den Abschnitt
Die Präsenz Mynheer Peeperkorns wirkt sich nicht nur auf den Alkoholkonsum der Berghof-Bewohner aus. Sie verändert auch die Konstellationen, in denen Hans sich bewegt. Nach wie vor geht er zwar mit den beiden Pädagogen Settembrini und Naphta spazieren. Doch nun ist auch Peeperkorn mit von der Partie (und als dessen Begleiterin Clawdia Chauchat).
Obwohl die beiden Intellektuellen sich wie eh und je gebärden und geistig duellieren, verpufft ihre Wirkung auf Hans geradezu. Peeperkorn muss dazu gar nichts sagen. Seine »Persönlichkeit« reicht hin, eine Persönlichkeit, die alle Gegensätze der Geistesmenschen bereits überwunden zu haben scheint.

Hans‘ Faszination für den großen alten Mann ist nicht nur für Settembrini ein Ärgernis, sondern in gewisser Hinsicht auch für dessen alte Antipodin, Madame Chauchat. In einem spätabendlichen Gespräch reden die beiden Tacheles. Clawdia gesteht ihr heimlich Eifersucht. Hans spricht von seinem jahrelangen Warten, seiner ersten Enttäuschung und der schnellen Akzeptanz der Überlegenheit Peeperkorns. Es ist nicht nur sein Phlegma, das Hans an Eifersuchtsszenen hindert. Es ist auch das, was Clawdia »Mähnschlichkeit« nennt: Eine hier oben erworbene Toleranz für Verhältnisse, die sich außerhalb der bürgerlichen, flachländischen Kategorien vollziehen. Mit einem Kuss schließen die beiden einen Bund der Treue zu dem Mann, der sie beide in Bann hält.
Das Dreieck Hans-Clawdia-Peeperkorn vollendet sich in einem Gespräch zwischen Hans und dem daniederliegenden Lebemann. Was sich mehrfach andeutete, kommt nun zur Sprache: Bei aller Macht über seine Mitmenschen, versagt Peeperkorn »im Gefühl«, obwohl doch im Gefühl Gott zu sich selbst kommt. Es ist, sagen wir es ehrlich, eine etwas krude Mischung aus Pantheismus und Impotenz, die wir hier geboten bekommen, vom Frauenbild der beiden Herren ganz zu schweigen. Jedenfalls: Man schließt auch hier einen Bund, nun in Freundschaft zur Dame der Wahl, Madame Chauchat. Feierlich bewegt vom neuen „Du“ geht man auseinander.
2. Vertiefung: Sie / Du
Per Du ist Hans Castorp im gesamten Roman bis hierhin nur mit einer einzigen Person gewesen: Joachim Ziemßen. Selbst den nannte er aus Verlegenheit nur beim Nachnamen. Mit allen anderen Personen ist er per Sie, auch trotz jahrelangem täglichen Austausch. Welche Nähe er sich mit seinem inneren und dann auch geäußerten Du zu Clawdia Chauchat herausnimmt, zeigt ein kurzer Austausch bei ihrem Wiedersehen:
Hans: »Ja, du hast es gewußt.«
Clawdia: »Was fällt Ihnen ein!«
(…)
Hans: »Du glaubst nicht, wie kalt seine Stirne war.«
Clawdia: »Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame, die man kaum kennt!«
Letzteres ist natürlich Koketterie. Madame Chauchat war in der Faschingsnacht ja selbst dabei. Dennoch kommt in ihrer Entrüstung etwas zum Vorschein, was uns heute in dieser Form fremd ist: Die soziale Konvention des Duzens und Siezens um 1900.
In den letzten Jahrzehnten hat sich der allgemeine Gebrauch im deutschen Sprachraum deutlich zum »Du« verschoben. Meine Eltern haben ihre Nachbarn und die Eltern meiner Schulfreunde noch selbstverständlich gesiezt. Von der Anrede im Beruf ganz zu schweigen. Heute »Duzen« wir viel großzügiger. Gesiezt wird noch im geschäftlichen Alltag und bei ersten Begegnungen. Dass das früher anders war, wissen wir. Auch, dass bis ins frühe 20. Jahrhundert Kinder ihre Eltern häufig siezten, ist bekannt.
Etwas vergessen hingegen ist, dass es längere Zeit ein »Vierersystem« der Anrede gab: Neben dem »Du« und dem »Sie« auch das »Ihr« und »Er«. Letzteres in besonders galanter Form in Schillers »Kabale und Liebe«, wo der Stadtmusiker seiner Gattin Bescheid gibt: »Halt Er das Maul, Frau!“ Schiller und sein Weimarer Freund Goethe haben sich übrigens bei aller künstlerischen und persönlichen Nähe nie geduzt – der gesamte Briefwechsel ist vom höflichen Sie geprägt.
An der Universität ging man Mitte des 19. Jahrhunderts unter Kommilitonen zum Du über: Zeichen der gemeinsamen Verbundenheit im Kampf für ein liberaleres Deutschland. Nach dem Scheitern der bürgerlichen Revolution und der sich ausbreitenden Restauration wurde es aber auch hier formeller: Bis in die 1960er Jahre war es üblich, sich unter Studenten zu Siezen.
Das gegenseitige »Du« zwischen Hans und Clawdia und zwischen Hans und Peeperkorn ist darum die sprachliche Verwirklichung eines eigentümlichen Dreiecksverhältnisses. Mit dem Duzen verlassen sie die ordnungsgemäße, bürgerliche Sphäre. Kein Wunder, dass Settembrini not amused war, als ihm Hans in der Faschingsnacht mit dem Du kam (»Hören Sie, Ingenieur, lassen Sie das!«).
3. Anregungen zum Austausch
- Hans zwischen Clawdia und Peeperkorn: Großzügige Toleranz oder ärgerliches Phlegma?
- Du oder Sie: Wie nimmst du den Siegeszug des Du wahr? Angenehm und entspannend oder schwierig, weil distantlos?
- Dein Zitat der Woche.
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Hans zwischen Clawdia und Peeperkorn: Großzügige Toleranz oder ärgerliches Phlegma?
Ich hatte das Gefühl, Hans würde in Peeperkorn etwas väterliches suchen. Gefunden scheint er es zu haben, denn seine Art Lebensbeichte gegenüber Pepperkorn setzt doch schon eine sehr intime Beziehung voraus.
Väterlich – sehr interessant! Finde ich gut nachvollziehbar und gleichzeitig spannend, dass Thomas Mann es selbst nicht explizit anspricht.
Großzügige Toleranz! Peeperkorn verbindet die beiden auch neu miteinander.
Ich empfand es eher als respektvolles Akzeptieren
Du oder Sie: Wie nimmst du den Siegeszug des Du wahr? Angenehm und entspannend oder schwierig, weil distanzlos?
Tatsächlich finde ich es distanzlos.
Ich finde das „Du“ viel entspannter, duze allerdings nicht jeden. Ich glaube, dass sich Sozialisierung mit den Jahren einfach ändert. Trotzdem muss ich mich nicht allen Änderungen anpassen. Wobei, Anpassung ist hilfreicher, als stures Beharren auf die eigene Meinung, meiner Meinung nach.
Dein Zitat der Woche?
Seite 881/27: Ach, Dummheit. Es gibt so viele verschiedene Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon.
Das Spiel bzgl. Dummheit und Gescheitheit zwischen Hans und Settembrini auf den Seiten 881 ff gefällt mir.
Das Zitat auf Seite 886/6, Aber Beleidigungen müssen mit Absicht geschehen, sonst sind sie keine, fand ich irgendwie beruhigend.