Woche 18
Stumpfsinn und Wohllaut
Woche 18: Mit Peeperkorn verliert der Berghof im Ganzen und Hans im Besonderen eine Attraktion. Es folgt Stumpfsinn, der sich nur durch Medienkonsum betäuben lässt. Wer kennt es nicht?
1. Rückblick auf den Abschnitt
Auch Könige sterben. Mynheer Peeperkorn segnet eigenmächtig das Zeitliche, nachdem er sich ausflugsweise noch ein letztes Mal mit der Kraft der Natur konfrontiert sieht und sein eigenes Versagen im Gefühl empfindet. Sein Duzfreund Hans verabschiedet sich mit der ihm eigenen Ehrfurcht vor dem Tode.
Auf die ereignisreiche Zeit mit Peeperkorn und Madame Chauchat folgt nach deren doppelter Abreise (der eine in Richtung Jenseits, die andere in Richtung Freiheit) zunächst einmal: Nichts. Ein großer Stumpfsinn, eine gähnende Langeweile bemächtigt sich der Berghof-Gesellschaft. Hans selbst sucht sie mit dem Legen von Patiencen zu bekämpfen, eine eingestandene Form der Liederlichkeit, vor der Herr Settembrini sendungsgemäß Abscheu empfindet.

Hans ahnt: Diese Tändelei und verantwortungslose Verschwendung von Zeit und Kraft wird nicht gut enden. Der Stumpfsinn läuft unweigerlich auf eine Katastrophe hinaus. (Es ist offensichtlich, dass der Erzähler hier an mehr denkt als an ein Unglück im Berghof, vielmehr einen wahrlich weltverändernden Umsturz erwartet, der durch Verrosten und Vergammeln überholter Strukturen unausweichlich geworden ist.)
Bevor es jedoch so weit kommt, darf Hans sich noch einmal in eine neue Leidenschaft werfen. Ein Grammophon zieht ein. Unser Protagonist zieht erst die Autorität über den Kasten, dann auch den Schlüssel an sich und verbringt ganze Nächte mit den Platten: Er schwelgt in Werken von Offenbach, Verdi, Debussy. Eine besondere Neigung verspürt er zu Schuberts »Lindenbaum«. Kein Wunder, einmal mehr geht es um seine großen Themen: Die Liebe – und den Tod.
2. Vertiefung: Hans Castorps Playlist
Warum Thomas Mann in seinem Wohllaut-Kapitel manche Musikstücke explizit benennt und andere nur durch Anspielungen oder umständliche Beschreibungen zu erkennen gibt, bleibt sein Geheimnis. Ich gebe zu: Ich hatte dieses Musik-Kapitel in besserer Erinnerung. Dieses Mal gemahnte es mich auf ungünstige Weise an das »Forschungen«-Kapitel mit seinen material-huberischen Medizin-Ausführungen, deren Zweck nicht so recht deutlich werden wollte.
Sei’s drum: Die Musik selbst kann ja ausgleichen, was die Lektüre an dieser Stelle (für mich) vermissen ließ. Wer Lust hat, mit Hans am Grammophon zu sitzen, kann das heute ganz ohne Schlüssel tun. Hier kommt eine Playlist mit Hans Castorps Greatest Hits. Ich habe sie mit Hilfe des Kommentars der Frankfurter Ausgabe erstellt. Sie folgt der Reihenfolge der Stücke im Kapitel. Die etwas bequemere Ansicht bietet die Playlist direkt auf Youtube.
3. Anregungen zum Austausch
- Großer Stumpfsinn: Welche Funktion hat dieser Abschnitt deiner Meinung nach?
- Musikbegeisterung: Teilst du Hans/Thomas Manns Geschmack? Oder was würde bei dir auf dem Plattenspieler landen?
- Dein Zitat der Woche.
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Großer Stumpfsinn: Welche Funktion hat dieser Abschnitt deiner Meinung nach?
Für mich war das der Abschnitt in dem die Zeit einfach nur so verfliegt. Wir haben keine genaue Zeitangabe darin meines Wissens aber rückblickend denke ich ist das der Abschnitt in dem die meiste Zeit vergangen sein könnte.
Guter Punkt! Ja, da könnten für mein Gefühl Jahre vergangen sein.
Oft ist in den Kapiteln vor „Der große Stumpfsinn“ betont worden, wie viel Hans in seiner Zeit im Sanatorium gelernt hat, wie sehr er sich entwickelt hat. Hier wird die Zeit nur noch sinnlos totgeschlagen. Vielleicht ist seine Entwicklung abgeschlossen und die Langeweile soll ihm mitteilen, dass er endlich wieder hinaus ins Leben gehen sollte? Aber der geschäftstüchtige Hofrat verhindert es.
Interessant! Darauf müssen wir nochmal zurückkommen, wenn wir in 14 Tagen über das Ende reden!
Meines Erachtens hat dieses Kapitel vor allem eine kompositorische Funktion im Gesamtfüge des Romans. Wenn man sich an den Vorsatz erinnert, so läuft die zeitliche Fluchtlinie auf den Beginn des 1. Weltkrieges hin. Das Kapitel „Der große Stumpfsinn“ beschreibt hier am Beispiel der Berghof-Gesellschaft den Zustand der deutschen Gesellschaft in den Jahren 1912 und 1913. Das geistige Vakuum, das uns Thomas Mann hier beschreibt, ist zugleich auch die Vorbereitung für das folgende Kapitel „Die große Gereiztheit.“
Ich glaube, dass es dieses Luftholen braucht – vor dem, was dann irgendwann das Ende der Zeit im Berghof sein wird. Also ganz ähnlich wie Kerstin und Jürgen es sehen. Gleichzeitig für mich auch das Anzeichen, dass sich etwas ändern wird.
Ich empfinde das genau so! Das Ende soll, glaub ich, nicht so schmerzhaft sein.
Musikbegeisterung: Teilst du Hans/Thomas Manns Geschmack? Oder was würde bei dir auf dem Plattenspieler landen?
Ich bin begeistert von der von Dir erstellten und geteilten Playlist. Vielen lieben Dank dafür.Für mich war spannend, wie Hans sofort die „Kontrolle“ über das Grammphon übernahm. Das nimmt mich immer noch etwas gefangen. Wie er in Kleinigkeiten doch so zielsicher und bestimmend sein kann und sich aber im Großen nicht zurechtfindet.
Vielen vielen Dank für die playlist. Diese Musik ist passend und ich finde sehr interessant, welche Stücke ausgewählt wurden. Wäre ich jetzt in der heutigen Zeit in einer solchen Situation vergleichbar mit Hans würde ich Platten von Ottmar Liebert auflegen und mich an sonnige Strände träumen.
Dein Zitat der Woche.
Seite 937/7-16 : „Sie hatten beste Fahrt. Die Pferde, muntere Blessen alle vier, gedrungen, glatt und satt, schlugen in festem Takt die gute Strasse, die noch nicht staubte……..“