Kurzleserunde
3.–9. august
Thomas Mann
TRISTAN
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So funktioniert’s
MITLESEN IST EINFACH.
In der Woche vom 3. bis 9. August lesen wir Thomas Manns Novelle »Tristan«. Du findest den Text online oder in einer der Erzählsammlungen beim Fischer Verlag.
Am Sonntag, dem 9. August findest du hier einen Impuls zum Text und die Möglichkeit, in den Kommentaren zu diskutieren.
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Darum geht’s
zwischen Wunsch und Wirklichkeit

In einem Lungensanatorium umgarnt der erfolglose aber gefühlvolle Schriftsteller Detlev Spinell die verheiratete Frau Klöterjahn. Dank der Musik kommen sie sich nahe. Doch dann holt sie die Wirklichkeit ein, in Gestalt des kerngesunden Gatten der schönen Dame…
Thomas Mann: Tristan
Impuls & Austausch
UND Es begab sich…
1. Rückblick
Im Sanatorium »Einfried« kurt eine illustre Truppe unter der strengen Aufsicht des Arztes Doktor Leander. Unter ihnen der rätselhafte Schriftsteller Detlev Spinell, von manchen aufgrund seiner äußeren Erscheinung nur abfällig »der verweste Säugling« genannt.
Spinell merkt auf, als das Ehepaar Klöterjahn eintrifft. Die beiden könnten gegensätzlicher kaum sein: Der kerngesunde, joviale, laute, unternehmerisch produktive Herr Klöterjahn, daneben seine zerbrechliche, feinsinnige, künstlerisch veranlagte Gattin Gabriele.
Sobald der Ehemann in die Heimat zurückgekehrt ist, um sich dem Geschäft und dem strammen Sohn Anton zu widmen, macht Detlev Spinell der blassen Frau Klöterjahn den Hof. Flüsternd und ehrfurchtsvoll erkundigt er sich nach ihrer Existenz vor und außerhalb dieser für ihn unnatürlichen Verbindung.
Gabriele lässt sich das nicht ungerne gefallen. Den Höhepunkt erreicht ihr »Flirt« am Klavier. Gegen jede Vernunft spielt die angeschlagene Patientin Partien aus Wagners »Tristan und Isolde«; im ästhetischen Erleben ereignet sich eine denkwürdige und folgenreiche Vereinigung.
Das Abenteuer wirft Gabriele Klöterjahn aufs Sterbebett, der Gatte wird samt Amme und Anton herbeigerufen. Spinell zieht sich zurück, schreibt dem Ehemann allerdings einen gesalzenen Brief, in dem er ihm die wahre Natur seiner missverstandenen Frau offenbart und seine eigene Liebe gesteht. Klöterjahn antwortet in einer Wutrede; Gabriele stirbt; der beinahe triumphierende Schriftsteller begegnet vor dem Haus dem Sohn Anton: Das blühende Leben bricht in Gelächter aus, Spinell flüchtet.
Ein bisschen hintergrund
2. Vertiefung: Richard Wagner
Zur klassischen Novellen-Form gehört ein Höhepunkt, ein Ereignis, in dem die Handlung sich verdichtet und entscheidet. Diesen Höhepunkt verlegt Thomas Mann im »Tristan« ans Klavier, genauer: In eine Performance von Wagners »Tristan und Isolde«. Man wird diese Szene sicher intensiver erleben, wenn man die Musik einmal gehört hat. Viel vom Geist der Oper steckt im legendären Vorspiel zu Akt I und in Isoldes »Liebestod«. Hier kann man sie orchestral (Vorspiel; Liebestod) und in einer Klavierfassung hören (Vorspiel; Liebestod).
Der intensive Wagner-Bezug im »Tristan« ist kein Zufall. Thomas Mann war zeitlebens ein großer Verehrer von Wagners Musik. Das eigene Erleben einer Wagner-Oper hat er einmal so beschrieben: »Wunderbare Stunden tiefen einsamen Glücks inmitten der Theatermenge, Stunden voller Schauer und kurzer Seligkeiten, voll von Wonnen der Nerven und des Intellekts.«


Welche Wirkung hat Detlev Spinell auf Gabriele? Nur eine negative? Auch eine positive?
Hallo, vielleicht darf ich zuerst eine kleine, technische Anmerkung machen: ich fand die Struktur in der Leserunde zur „Verwandlung“ ganz gut, mit der Einteilung, von wo bis wo am Tag gelesen werden soll. Selbst wenn man privat dann schon mehr gelesen hatte, konnte man sich beim kommentieren besser daran orientieren, was der Wissensstand von allen ist. Jetzt tue ich mich ein bisschen schwer mit dem Kommentieren, weil man ja nicht weiß, wie viel die anderen schon gelesen haben und man nicht zu viel vorwegnehmen will.
Wie dem auch sei: ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass Herr Spinell eine negative Wirkung auf Gabriele hat. Ganz im Gegenteil, sie ist ja offenbar sehr angetan und interessiert, wird zu eigenen, neuen Gedanken angeregt, etwas Besseres kann einem ja eigentlich gar nicht passieren. Klar, das kann auch unangenehm und unbequem sein, keine Frage, aber bis zu der Stelle, bei der ich jetzt im Text bin, habe ich das Gefühl, dass sie sich über seine Nähe eher freut und diese sogar sucht.
Hallo, wenn ich das richtig verstanden habe, lesen wir alle den Text in unserem eigenen Tempo, diskutieren aber erst am 9.8.
Ich werde die Zeit nutzen und den Text ein zweites Mal lesen, ich tue mich ein bisschen schwer damit.
Hallo Julia,
danke für die Rückmeldung. Für den »Tristan« ist das Format, wie Irene sagt, ähnlich wie bei den Wochenabschnitten im Zauberberg: Bis zum Ende der Woche lesen und kommentieren, sobald man möchte.
Das Format »Eine Woche. Ein Buch« mit täglichen Lese-Abschnitten ist aber für den Herbst auch nochmal geplant. 🙂
Meines Erachtens fühlt sich Gabriele von Detlev Spinell ernst genommen, „gesehen“ in Ihrem Können, in Ihrem Schmerz, in Ihrer Sehnsucht. Daher lässt sie sich zum Klavierspielen überreden. Dieser Moment ist sehr intensiv und berührend, vor allem wenn man sich das Klavierstück anhört.
Wäre sie wieder gesund geworden, hätte man eventuell langfristig eine positive Wirkung feststellen können, wenn sie die Chance gehäbt hätte aus den gewonnen Erkenntnissen etwas zu lernen und zu verändern in ihrem Leben (Bspw Scheidung, neue Liebe etc). Da sie allerdings so kurz darauf starb, finde ich es einfach nur traurig, dass sie gewissermaßen in einer Entfremdung zu Mann und Kind aus der Welt schied und emotional ganz alleine war. Dieses Schicksal hätte man ihr ersparen können. Ich empfand die Szene am Klavier tatsächlich auch eher negativ – dass Spinelli sie so gerdrängt hat, obwohl sie mehrfach sagte, ihr ginge es nicht gut. In ihrem Nachgeben sehe ich auch weniger Zuneigung und mehr ein aus Bedrängnis handeln..aber vielleicht projiziere ich da auch zu viel aus eigenen Erfahrungen rein ^^‘
Ich fand auch: In der Beziehung zu Spinell liegt etwas Emanzipatorisches – und zugleich nutzt wieder ein Mann sie auch für seine eigenen Bedürfnisse aus. Denn Spinell geht es scheinbar auch um eine Art Rache am produktiven Bürgertum.
Aber tut das ihr Mann denn? Ich finde nicht, dass er sie ausnutzt. Denn ich glaube es war von Anfang an klar, was zu erwarten war. Er macht das Geld und sie die Hausfrau. Ich glaube eher, dass sie selber nicht wusste, was sie will. Sie ist ja doch sehr überstürzte, wie ich finde, in diese Ehe gegangen. Und ich fand sie darin nicht grundsätzlich unglücklich – aber unzufrieden
Ausnutzen ist natürlich sehr stark. Ich würde sagen: Klöterjahn interessiert sich nicht für die künstlerische Seite von Gabriele. Er sucht in ihre eine Ehefrau und Mutter – alles andere ist für ihn irrelevant, vielleicht sogar gefährlich.
Für mich gibt es auch einige positive Effekte: er stärkt ihre Selbstwahrnehmung („Künstlerin“) und ermöglicht ihr, sich auf ihre „Leistungen“ zurückzubesinnen. Sie hat eine intensive emotionale Erfahrung mit ihm. Der Ehemann sieht sie vor allem als Ehefrau und Mutter. Die Wertschätzung, die Spinell ihre als künstlerisch begabte Frau entgegenbringt, stärkt sie
Das Figurenarsenal ist verschroben. Hast du eine Lieblingsfigur?
Hast du eine Lieblingsszene oder ein Lieblingszitat?
Beschreibung des Detlev Spinell im Allgemeinen und im Speziellen der Satz: Er war ungesellig und hielt mit keiner Seele Gemeinschaft. Seite 14
Die Szene am Klavier:
„Zwei Kräfte, zwei entrückte Wesen strebten in Leiden und Seligkeit nacheinander und umarmten sich in dem verzückten und wahnsinnigen Begehren nach dem Ewigen und Absoluten“
Ein Schriftsteller kommt mühsam voran und ist ein Mensch, „dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten“.
Wenn du den Zauberberg schon kennst: Welche Ähnlichkeiten oder Unterschiede sind dir ins Auge gestochen?
Ein „kleiner Zauberberg“, aber lang nicht so gut geschrieben. Das ist meine Meinung, die Meinung einer ganz und gar unterlegenen Person, welche sich einer solchen Anmaßung absolut bewusst ist. Als „Jammermensch“ will ich noch anmerken, dass mir die fehlenden Hinweise im Text zu den Anmerkungen absolut gefehlt haben. Ich konnte somit den Text nicht flüssig lesen.
Unterschied:
Hier sind die Gefühle leidenschaftlich beschrieben:
„O überschwänglicher und unersättlicher Jubel der Vereinigung im ewigen Jenseits der Dinge! Des quälenden Irrtums entledigt, den Fesseln des Raumes und der Zeit entronnen, verschmolzen das Du und das Ich, das Dein und Mein sich zu erhabenen Wonne. (….)“
Wenn er auf die Abläufe im Sanatorium eingeht, springen natürlich Ähnlichkeiten ins Auge, und auch, wie er Gabrieles Erscheinung beschreibt, erinnerte mich an Clawdias Darstellung im Zauberberg.
Mir kommt der Tristan kompakter, komprimierter vor. Es passiert viel in wenig Zeit. Alles kocht viel schneller hoch, nimmt schnell seine Wendungen. Und mir fehlt sehr der Gegenpart, der alles entschleunigt, wie im Zauberberg z.B. der Kusan. Für mich ist der Tristan wie eine Essenz aus der Geschichte des Zauberbergs (obwohl ich das Ende noch nicht kenne) – und ihm fehlt der literarische Rest. Eher so wie eine Studie beim Zeichnen: gut und präzise aber noch ohne Leidenschaft