Etappe 4: Kap. VII

»Alles ist so dunkel hier, wer hat das Licht ausgelöscht?« (186)

1. Rückblick

Am Tag nach dem Hitleraufmarsch findet die Feier in Algins und Liskas Wohnung statt. Liska versucht den Journalisten Heini zu bezirzen. Betty Raff macht sich Sorgen um den vermissten Algin. Sanna findet ihn in einer Kneipe, wo er sich betrunken mit dem 70jährigen Jean Küppers auf eine große Wanderung verabredet hat. Zurück in der Wohnung wird Sanna von Franz überrascht.
Eine Rückblende erzählt vom Projekt des Zigarettenladens, der Inhaftierung von Franz und Paul durch die Gestapo, der Rache von Franz am Denunzianten Schleimann.

Sanna entschließt sich zur Flucht. Liskas Feier endet mit dem Tod Heinis. Das Ende des Romans findet Sanna und Franz im Zug jenseits der deutschen Grenze.

2. Anregungen zum Gespräch

Der Roman schließt katastrophisch. In gewisser Weise führen alle Wege in die Flucht: Franz, Sanna und der jüdische Arzt Breslauer gehen ins Ausland. Heini flieht in den Tod. Küpper geht ohne Algin auf unbestimmte Wanderung. Algin lässt sich in Betty Raffs Arme treiben – eine Vegetarierin, wie der Führer selbst. Liskas Flucht in die Verliebtheit als Zustand1 ist gescheitert.
Sanna weiß um die Problematik des Exils und ist dennoch froh ums Entkommen: »Der Zug fährt nicht auf Schienen, er schwimmt über ein Meer von Glück.« (199)

Wie blickst du auf den letzten Abschnitt und den Roman als Ganzen zurück? Hier einige Anregungen zur Diskussion:

  • Der Schluss: Wie ging es dir mit dem Buchende?
  • Der Titel: Wie deutest du Keuns Entscheidung für den Titel »Nach Mitternacht«?
  • Deine Bilanz: Was nimmst du aus diesem Buch mit?
  • Die Party ist zu Ende: Die auch für Irmgard Keun goldenen Zwanziger Jahre enden im Nationalsozialismus. Eine Machtübernahme – oder eine konsequente Folge aus dem, was war?
  • Anti-Naziroman: Keun hat das Buch als Beitrag zum Widerstand verstanden. Wo liegen die politischen Stärken des Buchs für dich?
  • Neue Sachlichkeit: Keun wird dieser literarischen Richtung zugeordnet, die auf einen nüchternen, dokumentarischen, betont “unpoetischen” Stil setzt. Wie gut passt Nach Mitternacht für dich in diese Einordnung?
  • Zitat der Woche: Noch einmal ein Lieblingszitat…
3. Irmgard Keuns Leben nach Mitternacht

Irmgard Keun beginnt Nach Mitternacht in Deutschland und schließt das Buch im Exil ab. Lange hatte sie gezögert auszuwandern, obwohl ihr aus dem Ausland Hilfe dazu angeboten worden war. Am 4. Mai 1936 flieht sie nach Belgien. Ihr im Ausland publizierter “Anti-Naziroman” wird ein großer Erfolg, besonders im englischsprachigen Ausland. Sie lebt an wechselnden Orten, zunächst optimistisch, dann immer schwerer von Alkohol und Beziehungsproblemen belastet. Als ihre Auslandskontakte sich auflösen, kommt sie 1940 wieder bei ihren Eltern in Köln unter.

(Dziedzic, Jochen / Kölnische Rundschau)

Nach Kriegsende findet Keun in Deutschland kein Publikum mehr. Gesellschaftssatire ist im Wiederaufbau nicht gefragt, man möchte sich ungern irritieren lassen. Ihr letzter Roman “Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen” erscheint 1950. Ihre zunehmende Suchterkrankung lässt künstlerische Arbeit über Jahre hinweg nicht zu.

Als die Literaturwissenschaft Keun Ende der 1970er wieder entdeckt, kommt sie zu spätem Ruhm. Sie liest an Universitäten, arbeitet für den Rundfunk und ist an der Verfilmung von Nach Mitternacht mit Desirée Nosbusch beteiligt.

  1. »Ich weiß noch nicht einmal, ob ich gerade ihn so geliebt habe, ich weiß nur, daß ich geliebt habe.« (197, Kursiv von mir) ↩︎
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Mari

Ich fand den Schluss so passend wie furchtbar. Was für ein Chaos! Heini, den ich als so verachtenswert empfunden hatte, erschießt sich. Fand er sich auch verachtenswert? Oder war er einfach zu verzweifelt? Diese ganze Party war ein einziges Desaster. Die Geschichte vom Franz, mehr und mehr habe ich das Gefühl, dass der Nationalsozialismus zum großen Teil funktionieren konnte, weil neidische Menschen sich in diesem System ganz einfach durch Denunzierung unbequemer Menschen entledigen komnten.
Sanna, die alles nicht mehr versteht und deshalb weg muss.
Alles in einem fieberhaften Ton, der mir eigentlich überhaupt nicht gefallen hat, der aber so gut zu der Situation passt.

Saru

Ein Finale mit Pauken und Trompeten. Die ganze Verzweiflung bricht Bahn – bei allen. Ganz ehrlich, mein Herz war sehr glücklich, als Sanna über der Grenze war. Ich habe mitgefiebert, als sie in der Hitze der ausgeuferten Party versuchte, unauffällig zu flüchten.

Dass Heini sich erschossen hat (er entschied, laut und auf grosser Bühne abzutreten) passt zu seinem Charakter und es macht Sinn – er war so desillusioniert und nach seinen letzten Ausführungen ist das die letzte Konsequenz und eine gute Dramatik in einem Roman wie diesem. Wie schon oben erwähnt, explodiert die Party in eine allgemeine Fluchtwelle und alle stieben auseinander.

Was mich auch beeindruckt hat: Franz hat den Denunziant erwürgt. Mit Händen die an hängenden Armen und geduldigen Schultern festgewachsen sind. Und dieser Mord hat ihn selbst so erschüttert, dass er nur noch die Hülle seiner selbst ist, als er bei Sanna auftaucht. Und es ist einmal mehr Sanna, die sein und ihr Leben in die Hand nimmt, einen Ausweg sucht und findet, Wie schon damals in Köln. Und als sie im Zug, endlich in Freiheit ist, liegt ihr Kopf auf seinen Knien, damit er sich überlegen fühlen kann. Denn nur so, glaubt sie, wäre ein Mann fähig eine Frau zu lieben. Und hier wird wiederholt, dass sie sich nach Liebe und Gemeinsamkeit und Frieden sehnt. Ein 19-jähriges Mädchen, dass völlig überfordert ist mit dieser Welt. Ich war sehr berührt vom ganzen Schluss.

Mari

Alle achlimmen Sachen passieren nach Mitternacht. Aber auch die Flucht gelingt nach Mitternacht.

Kirsten

Ein großer Teil der Handlung des Romans findet nachts statt, wenn auch zum größten Teil vor Mitternacht. Die Flucht von Sanna und Franz passiert dann zeitlich nach Mitternacht. Zusätzlich steht die Nacht für mich nicht nur für die zwei Nächte des Romans, sondern für die dunkle Zeit nach Machtergreifung und Rassengesetzen. Aber die Autorin empfindet es als „nach“ Mitternacht, es wird noch lange dunkel sein und Nacht, aber es wird einen Morgen geben, wenn er auch noch weit ist. Das gibt eventuell entfernte Hoffnung, auch wenn man sie noch nicht spürt und es noch lange dunkel sein wird. Für Sanna ist die Hoffnung schon zu spüren, als sie nach Mitternacht die Grenze passiert hat. „Wir sind gerettet, wir werden leben“. Der Roman schließt so auch mit „Morgen laß etwas Sonne sein, lieber Gott“. (Ullstein)

Saru

Nach Mitternacht, wenn das Deutschlandlied verklungen und die Arme wieder abwärts finden und der euphorische Lärm der Nazis nachlässt, wird sichtbar welchen Preis die Menschen zahlen. Die Nöte, die Verzweiflung, die verbotenen Treffen, das Misstrauen und die Enge des gesellschaftlichen Lebens finden Ausdruck hinter vorgehaltener Hand oder verschlossenen Türen.

Martina

Der Titel “Nach Mitternacht” hat für mich zwei Bedeutungen. Einerseits entscheidet sich im Buch alles nach Mitternacht. Flucht oder Ergeben, Leben oder Tod. Andererseits erscheint es mir wie ein Überschreiten eines Wendepunkts. Eventuell hätte man bis dahin noch etwas verändern oder das Ruder herumreißen können. Nach Mitternacht beginnt ein neuer Tag, aber vielleicht im übertragenen Sinn auch eine neue Zeit. Eine Zeit in der die Schrecken der Zukunft schon erahnt werden?

Mari

Wir müssen aufpassen.

Saru

Von dem vielen, was zu erwähnen wäre (gerade auch aktuell politisch), picke ich etwas persönlicheres heraus: Irmgard Keun hat Sanna, als eine schlaue Beobachterin, eine starke, junge Frau und gleichzeitig als verletzliches etwas unsichere Mädchen gezeichnet. Eine, die trotz Widerständen immer wieder die Füsse auf den Boden kriegt. Das hat sie sehr schön herausgearbeitet. Keun selbst ist dies über weite Strecken in ihrem Leben leider nicht so gut gelungen. Und ich gehe gedanklich sogar so weit, dass ich mir vorstelle, wie es Sanna nach dem Krieg wohl gegangen wäre, mit einem Mann der sich selbst einen Mord nie verzeihen würde.

Martina

Wir dürfen nicht zulassen, dass wir wieder in so eine Situation kommen. Nicht wieder derartiges Gedankengut hinnehmen und uns zu sehr in Sicherheit wiegen, dass es nicht wieder passieren kann.

Ich mag das Zitat dazu sehr:

„Fürchte nicht menschlich zu sein, fürchte, nicht menschlich zu sein.“

Manfred Hinrich 

Tobias

Die Maschinerie des Nationalsozialismus “funktionierte” nicht nur durch überzeugte Ideologen, aber auch nicht nur durch eine Masse dumpfer Mitläufer, sondern weil sie letztlich auch Bühne, Katalysator und Ermöglichungsraum für persönliches Drama rund um Liebe, Rache, Karriere, Selbstbereicherung, Geltungsdrang … grundsätzlich nicht mal unsympathischer Leute war. Und Totalitarismus bedeutet nicht, dass überall alle nur Nazireden halten – aber “der Führer” sitzt irgendwie immer mit am Tisch.

Saru

Irmgard Keun gehörte offenbar zu den Gewinner*innen der 1920er Jahre. Ich glaube ja, dass die “goldenen” zwanziger Jahre, für viele Menschen Deutschland so golden nicht waren. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Deutschland als Handelspartner von anderen Ländern gemieden und so verschlechterte sich die Lebenssituation vieler Menschen zunehmend, während andere Länder prosperierten. Die Menschen im Mangelgefühl zu manipulieren (wie er es hatte, darum wusste er wohl intuitiv, was funktioniert) und Sadisten in bedeutende Positionen zu heben, war wohl die Hauptkompetenz Hitlers und seiner Komparsen. Schleichend aber effektiv.

Tobias

Irgendwie hängt über den Gestalten, die besonders stark dieses 20er-Gefühlt verkörpern (Heini, Liska, Algin) schon so eine bourgeoise Dekadenz – Wo kommt eigentlich das ganze Geld her, das da verprasst wird? Wo bleibt die Ernsthaftigkeit eines irgendwie kohärenten Lebensentwurfs, wie sie ein Franz und auch ein Paul an den Tag legen? – , die zumindest andeutet, warum die bessere Gesellschaft wehrlos geworden war. Besonders gepackt hat mich in dem Zusammenhang Gerti, die als das “deutsche Mädel” schlechthin fast so etwas wie eine Allegorie zu sein scheint.

Also da scheint schon eine Folgerichtigkeit der Entwicklung auf.

Martina

Absolut. Aufgrund der Aktualität hatte ich öfter die USA vor Augen, als das Europa der Vergangenheit.

Saru

Das finde ich eine sehr schwierige Frage, die ich nicht zu beantworten weiss. Aber es würde mich sehr interessieren, was andere dazu zu sagen hätten.

Tobias

Die politische Stärke liegt sicher darin, die Fassade der nationalsozialistischen Inszenierung (die etwa die “englischen Journalisten” so beeindruckend finden) und der “Idealismus” des nationalen Aufbaus unterlaufen wird für die kleinlichen, banalen, zum Teil auch peinlichen Fehden irgendwelcher nicht besonders attraktiven Frauengestalten oder Saufbolden mit Parteibuch. Von der Ordnung, dem Gemeinschaftsgeist und der (moralischen) Sauberkeit, die teilweise ja noch im Rückblick verklärt wird, bleibt eigentlich nichts übrig.

Saru

Ich fand es brilliant dokumentiert, mit Blick auf Details und treffend formuliert. Direkt und manchmal auch nüchtern formuliert, was etwas zynisch oder satirisch wirkt. Aber unpoetisch fand ich es nicht – ein nüchtern-poetischer Stil – gibt es das?

Martina

Da gebe ich Dir absolut Recht. Ich fand es eigentlich auch in der Nüchternheit sehr poetisch.
Ich mochte hier auch zb:
“Eine Wohnung, die sich als Restaurant verkleidet, alle Möbel leben verkleidet.”
(Ullstein, S. 130)
Nicht verschnörkelt, aber trotzdem ein Hauch Poesie. 🙂

Saru

Denn wenn ein zu allem entschlossener Mensch heutzutage darauf verzichtet, den anderen zu töten, so bedeutet das doch schon viel.

Elke

“Wir müssen uns fügen, wir wollen ja leben.” Ullstein S. 153
Und im Prinzip beschreibt das diese Zeit, die dort anbrach. Es wurde alles so gelenkt, dass Denunzieren, Mitlaufen, Wegschauen als das empfunden wurde, was zu tun sei, um zu leben.

Martina

Stellvertretend für die Verzweiflung mochte ich die Passage zu Algin:

“Schön sind die Worte der Bibel” sagt Algin” und tröstlich für Menschen, die noch zu trösten sind. Ich bin nicht mehr zu trösten. Ich sterbe kalt, langsam, einsam, verzweifelt. Mein Herz ist ohne Haß und ohne Liebe. Ich habe weder Lust zum Töten noch zum Küssen, ich bin schon tot.”

(Ullstein, S. 132)

Tobias

“Franz wurde gefragt, ob er gegen den Krieg sei, da hat er geantwortet: er hasse den Krieg. Das durfte nicht sein. Es ist ja vollkommen unmöglich für einen Menschen, in Deutschland zu wissen: was er sein soll, was er wollen soll, was er sagen soll.” (150f Ullstein Taschenbuch)

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