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Wenn dich einige einführende Gedanken interessieren: Als Orientierung fürs Gespräch gebe ich einen Rückblick aufs Gelesene (1). Da der Text wenig an klassischem “Plot” bietet, versuche ich, die vielfältigen Fäden in Erinnerung rufen, die ausgelegt werden. Danach teile ich ein paar Beobachtungen zur Komposition (2) und schließlich Vorschläge zum Gespräch (3).
1. Rückblick
Die Rahmung führt uns in einen Hörsaal. Eine anonyme Schriftstellerin ist mit dem eigentlich zu haltenden Vortrag in eine Krise geraten. Stattdessen trägt sie aus ihrem letzten Projekt vor. Auch das wiederum nur Fragment, ein »Wust an Notizen«.
Sie erzählt von ihrem Engagement durch einen Theatermacher. Dieser verfolgt die Vision einer »tropischen Passion«, angelehnt an Werner Herzog und Coppolas Apcalypse Now. An Ort und Stelle im lateinamerikanischen Urwald soll das Verschwinden zweier Holländerinnen reinszeniert werden.
Auf dem Weg zum Treffpunkt der Theatergruppe lernt sie eine Schweizerin kennen, die eine der beiden Holländerinnen verkörpern soll. Die Schweizerin berichtet von einem geradezu alptraumhaften Arbeitsurlaub auf einem Ziegenhof.

In der Siedlung angekommen, stoßen die beiden zur Gruppe. Ein kurzer Bericht vom Verschwinden der Holländerinnen wird eingeschoben (38–41). Insbesondere nachts rückt der Erzählerin der »brodelnde Wald« zu Leibe, ein »keuchender, dampfender Organismus«.
Es werden Zug um Zug Erzählungen einzelner Figuren wiedergegeben: Die flämische Kostümbildnerin berichtet von der Beziehung zu einem Maler, dem mitunter urplötzlich das »das tatsächlich Böse« aus den Augen geblickt habe (43–46; 57f.). Die Produktionsassistentin eröffnet eine Abendrunde mit dem Rückblick auf eine Geburtstagsfeier in Berlin, bei der alle Gäste um einen Schinken standen (49–51). Der Tonmann erinnert sich, wie er für den Theatermacher in Peru den Hotelflur Klaus Kinskis vermessen musste. Ein Ort des Grauens (53–55).
Ein in der Nacht plötzlich auftauchender Kanadier vergleicht die im Urwald erfahrene »Überflutung der Sinne« und »Alarmierung des Körpers« mit einer Erinnerung an einen New-York-Aufenthalt. Nach einer Irrfahrt durch die Stadt war er dort dem Poolreiniger des 9/11-Mahnmals begegnet: »Ja, es stimme, man verliere sich im Laufe der Nacht in dieser lichtlosen Leere, in der sich alles auf ein nur noch dunkleres Zentrum zubewege…« (64f.).
2. Beobachtungen zur Gestalt des Textes
Worum es in dem Buch eigentlich geht, das werden wir vielleicht im Gespräch gemeinsam entschlüsseln. Meine Vermutung ist: Um vieles gleichzeitig.
Ein wesentlicher Strang ist das Thema Identität und Selbstauflösung.
»Seine Herangehensweise sei geprägt von der Überzeugung, dass es das Ich nicht gebe…«
(20f.)
Verunsicherung, Auflösung, Unbehagen: Die Gefühlswelt prägt auch die Form des Textes. Hier einige Beobachtungen zur Komposition:
- Rahmung: Schon die Hörsaal-Rahmung ist gebrochen. Eigentlich ist ein Vortrag dran. Der ist zu fragmentarisch. Darum wird erzählt: Auf Basis von fragmentarischen Notizen.
- Konjunktiv: Nicht jede Rahmenerzählung erzwingt den Konjunktiv. Genau besehen ist das eigentlich nie der Fall.1 Das Stilmittel führt zu einer eigentümlichen Brechung der narrativen
- Erzählsammlung: Die Erzählerin protokolliert Erzählungen. Die Crew-Mitglieder sind wiederum Erzähler:innen.
- Netzwerk: Der Theatermacher versteht den Einzelnen nicht als Subjekt, sondern als Knotenpunkt von Beziehungen. So entsteht auch der Roman aus der Verknüpfung von Texten und Kunstwerken: Adornos Dialektik der Aufklärung, Descolas Jenseits von Natur und Kultur, Werner Herzogs Filme, Ingeborg Bachmann und – als Tiefenstruktur im Hintergrund – Conrads Herz der Finsternis.

3. Angebote zum Gespräch
Zur Strukturierung der Diskussion biete ich einige Gesprächsfäden an. Ich liste sie hier kompakt auf und lege sie als je eigenen Kommentar am Endes des Beitrags an. Per “Antworten” kannst du deine Beobachtungen, Fragen, Überlegungen eintragen und auf andere reagieren. Zusätzliche Gesprächsfäden können natürlich auch eröffnet werden. Meine Vorschläge:
- Deine Lese-Eindrücke: Wie bist du in das Buch hineingekommen? Was sind deine spontanen Eindrücke?
- Erste Linien: Hast du so etwas wie einen thematischen Faden ausmachen können, der sich für dich durchzieht und die Textfragmente zusammenhält?
- Eindrückliche Episoden: Welche Erzähleinheit ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?
- Spezielle Sprache: Wie ging es dir mit der eigentümlichen Sprache? Eher irritierend oder faszinierend? Ein Hindernis oder ein Strudel, der dich hineingezogen hat?
- Zitat der Woche: Welchen Satz hast du dir angestrichen oder gemerkt?
- Conrad reloaded: Für die Conrad-Leser – woran hast du die Beziehungen zu Herz der Finsternis erkannt?
- Vgl. die Rahmungen in Boccacios Decamerone, Goethes Unterhaltungen, die Herausgeberfiktionen der Romantik (z.B. bei Hoffmann) oder in Joseph Conrads Herz der Finsternis, wo Marlow von der Reise in den Urwald erzählt. ↩︎

Deine Lese-Eindrücke: Wie bist du in das Buch hineingekommen? Was sind deine spontanen Eindrücke?
Zunächst habe ich mich etwas gesträubt. Eine bedeutende Erzählerin (S. 1) erklärt bei einer Art Poetikvorlesung, dass ihre Theorien nicht mehr greifen. Dann erwähnt sie doch die Theorien anderer (Adorno, Kracauer etc.) und ich denke: oje, muss ich das jetzt alles kennen oder lesen? Meine Erwartung war ja, dass ich in Romanform etwas über die Geschicke zweier im Dschungel verschollener Holländerinnen erfahre.
Am Ende des Kapitels weiß ich, dass hier weitaus Umfassenderes verhandelt wird. Ich bin gespannt auf unsere Diskussionen
Ich lese das Buch zum zweiten Mal. Beim ersten Mal ging es mir eher um Atmosphäre und Plot. Damals schaute ich mir auf Google Maps die Landschaft und recherchierte die Geschichte der Holländerinnen. Die Erzählweise hatte mich sehr eingenommen. Für mich ist die durch die Erzählweise entstehenden Distanziertheit nachvollziehbar. Es zeigte mir, wie sehr die Erzählerinnen selber mit dem erlebten ringt.
Kannst du mir hier weiterhelfen? Welche genaueren Ortsangaben hast du gefunden? Ich war davon ausgegangen, dass die Holländerinnen fiktiv sind.
Panama ist das Land des Geschehens. Es geht um zwei junge Holländerinnen, die 2014 während einer Wanderung verschwunden sind. Wochen später wurde ein Rucksack gefunden samt Handy und Kamera. Einige Monate später wurden DNA Spuren der jungen Frauen an menschlichen Überresten gefunden. Bisher ist nicht geklärt worden, was geschah.
Die Erzählung übte auf mich durch die Konjunktivsätze von Beginn an eine Faszination aus, die dann aber durch die kleinen eingebundenen Untererzählungen leider eine gewisse Ermüdung erfuhr. Ich verstehe den Konjunktiv hier als Versuch etwas zu beschreiben, das vielleicht ganz anders gewesen ist und empfinde das neben einer gewissen Distanziertheit auch als Hilflosigkeit. Dazu passt, dass die Erzählerin immer wieder ihre Erinnerung anzweifelt und die Schrift immer wieder verwischt und ins Undeutliche verschwimmt.
Erste Linien: Hast du so etwas wie einen thematischen Faden ausmachen können, der sich für dich durchzieht und die Textfragmente zusammenhält?
Bereits auf der ersten Seite beschreibt die Erzählerin/Vortragende ihre tiefe Verunsicherung. Was früher wiederholt möglich war und kohärent erschien, nämlich jede sichere Feststellung ihr Schaffen betreffend, ist durch die Reise in den Dschungel unmöglich geworden. Diese Verunsicherung zieht sich durch das ganze Kapitel. Sie muss eine gravierende Erfahrung gemacht haben. Am Ende des Romans sollten wir Bescheid wissen, sonst bin ich enttäuscht.
Der zweite Faden ist für mich die Gegenüberstellung von Natur und menschlichem Geist. Der Mensch glaubt sich von der Natur abgegrenzt bzw. er sei Herrscher über die Natur. Ich vermute, dass diese Falscheinschätzung als solche entlarvt werden soll.
Eindrückliche Episoden: Welche Erzähleinheit ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?
Natürlich die Ziegengeschichte. Sie hat so etwas Archaisches. Der Geburtsvorgang bei Tieren ist weit weniger gefährlich als bei den Menschen. Dennoch sterben die Zicklein aus unbekannten Gründen und es scheint, als würde sich die Natur gegen sich selbst richten.
Ironischerweise ist der Besitzer des Hofs abwesend, weil er sich selbst fortpflanzen will.
Wieder eine Spielart von Mensch versus Natur.
Für mich war es zuerst auch die Ziegenepisode. Aber mit etwas Abstand ist mir dann doch v.a. dieser Hotelgang Kinskis in Erinnerung geblieben. Schauerlich…
Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Besonders schauerlich, dass Herzogs Produktionsleiter frühmorgens gegen vier DISKRET das Blut von Kinskis Gewaltausbrüchen gegenüber seiner Frau von der Wand wischt. Ist das das höchste der Empathiegefühle für die Frau? Kein Eingreifen? Kein Schutz für die Frau? Darf ein Ausnahmekünstler alles?
Und dann ist noch bedeutend, dass der Theatermacher den Flur als „Schlauch, der ins intime Innere führe, als Verbindung, als Intestinum“ (S. 54) bezeichnet. Das ist der Darm, nicht wahr? Was wird hier abgeführt?
Für mich hängen alle diese Erzählungen zusammen. Es geht natürlich um die Spannung zwischen Natur und dem menschlichen Wunsch sich von ihr zu distanzieren. Dies ist die Parallele zum Buch “Herz der Finsternis”. Während im “Herz der Finsternis” die Kolonialisierung die Grundlage für die Kluft zwischen “Zivilisiertheit” und “Wildheit”, zwischen “Weiß” und “Schwarz darstellt, wird hier die Natur eher von weiblichen Wesen repräsentiert. Ob es die gebärenden Ziegen sind oder die blutig geprügelte Frau: Es geht um Weiblichkeit. Zumindest ist dies mein Eindruck beim zweiten Lesen des Buches.
Ich denke, dass sich die Erzählung u.a um den Topos der “Mutter Natur, die Gewalt durch den Menschen erfährt” kreist, der in den Untererzählungen generalisiert wird zu Frauen nach dem Bild der Natur und Männern, welche sie beherrschen: Der Bauer, als ignoranter, der Maler als launischer, Kinski als gewalttätiger Mann und Frauen, die jeweils ausgeliefert sind. Das finde ich auch schauerlich.
Sehr eindrucksvoll fand ich den Abschnitt mit dem verirrten Canadier und dessen “Untererzählung”, die in New York den Poolreiniger beschreibt. “Ja, es stimme, man verliere sich im Laufe der Nacht in dieser lichtlosen Leere…”
Spezielle Sprache: Wie ging es dir mit der eigentümlichen Sprache? Eher irritierend oder faszinierend? Ein Hindernis oder ein Strudel, der dich hineingezogen hat?
Was für eine Anstrengung muss es sein, durchgängig im Konjunktiv zu schreiben. Das verstärkt aus meiner Sicht den Eindruck der tiefen Verunsicherung der vortragenden Erzählerin. Sie kennt keine Gewissheiten (mehr) und gebraucht daher den Konjunktiv.
Ja, Ungewissheit, Verunsicherung – und Distanz. Man lernt ja in der Schule, der Konjunktiv steht für die “Einklammerung”, man übernimmt keine Haftung für die Wahrheit. So wird natürlich jede Erzählung auf Distanz gehalten.
Mein Eindruck: Einerseits reizvoll, eine Kunstsprache. Fürs “Abtauchen” in eine Geschichte ein (absichtliches) Hindernis mit leichtem Dauerfrust-Potential. 🙂
Für mich ist es tatsächlich keine Kunstsprache. Da ist eine Frau, die mit dem Erlebten kämpft. Sie kann es nicht verarbeiten, erst recht nicht verstehen. Sie steht grübelnd vor ihrem Auditorium. Sie kann ihre eigentliche Arbeit nicht mehr leisten, da sie in den Grundfesten erschüttert wurde. Der Konjunktiv zeigt ihre Zweifel und bietet ihr einen Schutz vor der persönlichen Auflösung.
Der Konjunktiv vermittelt mir, dass die Erzählerin sich selbst eher als Zeugin denn als unmittelbar Betroffene und Agierende sieht. Sie trägt Tatsachenbehauptungen vor, die noch bewiesen oder bestritten werden können. Auch die Glaubwürdigkeit der Zeugin steht auf dem Prüfstand. Ich (Juristin) verwende diesen Konjunktiv in Schriftsätzen, wenn ich die Behauptungen der Gegenseite zunächst zitieren, um sie im folgenden Absatz zu bestreiten.
Nun weiß ich noch nicht, ob die Autorin absichtlich so eine juristische Sprache verwendet oder es nur meine Berufskrankheit ist, es so zu lesen.
So oder so , obwohl oder vielleicht gerade weil ich berufsbedingt an diese Art des Konjunktivs gewöhnt bin, macht er mich leicht aggressiv.
Zitat der Woche: Welchen Satz hast du dir angestrichen oder gemerkt?
Es ist eine große Metapher. Für was, weiß ich bis heute nicht. Ich weiß nur, es ist eine große Metapher. (S. 55)
Irak-Veteranen hätten auf Schachtgittern geschlafen. Die T-Shirts in den Souvenirladen: [i] I survived my Trip to NYC. [/i]
Conrad reloaded: Für die Conrad-Leser – woran hast du die Beziehungen zu Herz der Finsternis erkannt?
Die Parallelen sind unverkennbar. Das geht los mit der Rahmenhandlung; jemand erzählt vor Publikum eine Geschichte aus eigener Erfahrung. Die Reise an den Ort der Bestimmung hat mehrere beschwerliche Etappen. Der Ort selbst ist Terra incognita: noch nicht kartographiert bei Conrad und sehr ungenau verortet bei Elmiger. Die Nächte sind besonders unheimlich. In beiden Werken wird sehr oft über Dämmerung, Dunkelheit und Finsternis geschrieben. Eine große Metapher.
Finde ich auch. Die ganze Struktur Conrads ist aufgenommen und radikalisiert. Interessant: Was bisher fehlt ist der “Magnet” des charismatischen Machtmenschen am Ende der Reise. (Ich kenne das Ende selbst noch nicht!)
Ich stimme dir voll und ganz zu.
Ein Unterschied: Hier geht es um die Frau statt um Afrikaner.
Die Beschreibung des Urwaldes als unheimlichen Ort, weil er lebt (S. 41/42), könnte genau so auch aus Herz der Finsternis stammen.
Wie bei Herz der Finsternis (außer Marlow und Kurtz) haben die Figuren keine Namen, sie werden nach Nationalität, Beruf , Funktion bezeichnet.