Woche 12

Komm bald nach!


Woche 12: Es wird wortreich. Die Kombination Settembrini-Naphta hält, was sie versprochen hat, es wird leidenschaftlich viel geredet. Der schweigsame Joachim hingegen braucht nicht viele Worte, um Entscheidendes zu sagen.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Jesuit!
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Der scharfe Professor Naphta hat es Hans Castorp offenbar angetan. Im Interesse seines nachenklichen »Regierens« stattet er ihm auf eigene Faust einen Besuch ab. Joachim im Schlepptau. Erstaunt stellen die beiden fest, dass es sich beim Damenschneider Lukaček edler wohnen lässt als erwartet. Geradezu »märchenhaft« mutet die Residenz des kleinen Gelehrten an: Elegant, teuer und ganz und gar in purpurroter Seide. In hartem Kontrast dazu steht im Zentrum des Raumes eine mittelalterliche Holzskulptur, die den toten Christus in den Armen Marias zeigt.

Das Vorbild der Pietà im Zauberberg:
Die »Pietà Röttgen«

Als sich der im Dachgeschoss wohnende Settembrini dazugesellt, entspinnt sich anlässlich dieser Leidensdarstellung eine weitgreifende Diskussion rund um Gotik, Klassizismus, Natur und Askese. Naphta kritisiert die Verdrängung des Menschen aus dem Mittelpunkt des Denkens durch die moderne Naturwissenschaft. In einer überraschenden Volte proklamiert er die Umkehrung aller modernen Verirrungen durch das gewaltsame Eingreifen des kommunistischen Proletariats. Die Vettern lauschen und staunen.

Joachim hört sich das zwar alles geduldig an, doch seine Geduld mit dem Leben auf dem Berghof ist insgesamt ans Ende gekommen. Er hat die ewigen Vertröstungen auf baldige Genesung satt und entschließt sich zur Abreise ins Flachland. Hans Castorp ist besorgt, nicht zuletzt wegen der Rückschlüsse, die das für seinen eigenen Verbleib nahelegt. Zu Recht. Hofrat Behrens, in niedergeschlagener Stimmung nicht zu eingehenden Untersuchungen geneigt, gestattet dem soldatischen Joachim die Abreise – und Hans gleich dazu.

»Sie können reisen«, diagnostiziert der Hofrat. Kann er? Er kann nicht. Hans Castorp bleibt. Teils wegen seiner »Regierungspflichten« – also seiner auf dem Berg erweckten Faszination für eine umfassende Bildung, die ihm im Flachland seiner Erwartung nach verwehrt bliebe –, teils auch weil er nach wie vor auf die Rückkehr einer nach Daghestan Abgereisten hofft. Daran ändert auch der bewegte Händedruck Joachims und die »peinliche« Anrede mit dem Vornamen nichts: »Hans, komm bald nach!«


2. Vertiefung: Jesuit?!

»Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist Jesuit?!« Hans Castorp kann es kaum fassen, als Settembrini ihm das Geheimnis der großzügigen Ausstattung Naphtas lüftet. Es spricht fast etwas von Erschrecken und Ehrfurcht aus dieser Überraschung. Aber weshalb? Das Kirchliche scheint doch im Koordinatensystem Hans Castorps bisher kaum negativ besetzt; immerhin hätte er sich selbst vorstellen können, Geistlicher zu werden?

Der Jesuitenorden hat einen besonderen Ruf. Das ist seit seiner Gründung im 16. Jahrhundert rund um Ignatius von Loyola der Fall und hat mit Eigenheiten zu tun, die ihn von allen anderen bekannten Orden wie den Franziskanern, Dominikanern oder Benediktinern unterscheiden und gleichzeitig zum Anlass für Verschwörungstheorien dienten.

Ignatius von Loyola, Gründungsgestalt der Jesuiten

Anders als die Mitglieder anderer Ordensgemeinschaften sind Jesuiten nicht sofort äußerlich erkennbar, denn Jesuiten haben keine Ordenstracht und leben nicht zwingend in Kommunitäten. Sie bewegen sich im Alltag »in zivil«, man könnte auch sagen: undercover; so wie Naphta, dem man sein Jesuitentum folgerichtig auch nicht ansieht.

Die Parallele zum Geheimagenten-Dasein legt sich auch deshalb nahe, weil die Jesuiten in ihrer Geschichte eine besondere Aufgabe hatten. Ihr Ziel war es, die katholische Lehre gegen ideologische Gegner zu verteidigen. Zu Beginn ihrer Geschichte war der Hauptgegner der europäische Protestantismus, weshalb die Jesuiten eine Speerspitze der sog. Gegenreformation bildeten. Besonders erfolgreich waren sie in Polen, wo sie den schon fast siegreichen Protestantismus innerhalb weniger Jahrzehnte zurückdrängen konnten. Als der konfessionelle Grabenkampf im 19. Jahrhundert der zunehmenden Säkularisierung weicht, sind die Jesuiten an einer neuen Front gefragt: Kampf gegen Modernismus, Atheismus, Wissenschaftsglauben.

Den ideologischen Kampf führten die Jesuiten allerdings nicht nur hinter akademischen Mauern, in Hörsälen und zwischen Buchdeckeln. Ihr Erfolgsrezept war die Offensive. Sie bildeten Netzwerke der Bildungsarbeit in katholischer Absicht. Sie gründeten Schulen mit ausgezeichnetem Ruf, wurden Beichtväter und Mentoren des adeligen Nachwuchses und hatten auf diese Weise bei den Eliten einen Fuß in der Tür.

Der Erfolg der Jesuiten im Verbund mit ihrer Netzwerktätigkeit war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert Anlass für zunehmende Feindseligkeiten im deutschen Reich. Im preußischen Kulturkampf zwischen Nationalstaat und römisch-katholischer Kirche gerieten die Jesuiten besonders in den Fokus. Man beäugte sie argwöhnisch als verlängerten Arm Roms, was der Sache nach auch nicht falsch war – sich allerdings bis ins Verschwöhrungstheoretisch-Irrationale steigerte. Das »Jesuitengesetz« von 1872 verbot den Orden im Reichsgebiet. Das Verbot wurde erst 1917 vollständig aufgehoben. Wilhelm Buchs Jesuiten-Satire »Pater Filucius« ist ein literarisches Zeugnis des preußisch-deutschen Antikatholizismus der Zeit.

Zeichnung aus Wilhelm Buschs Pater Filuzius (1872): »Nämlich dieser Jesuiter
Merkt schon längst mit Geldbegier
Auf den Gottlieb, sein Vermögen,
Denkend: Ach wo krieg ich Dir?«

Bei der Komposition der Naphta-Figur nutzt Thomas Mann mehrere Züge des Jesuitenbilds seiner Zeit: Die Vorstellung des Untergründig-Agentenhaften, die Nähe des Anti-Jesuitentums zum Antisemitismus, das Vorurteil einer Geldgier und Machtbesessenheit der Jesuiten, deren umfassende intellektuelle Bildung, ihr pädagogisches Bestreben und die Gegnerschaft zum Nationalstaat, für den Settembrini eintritt.

Die Jesuiten existieren bis heute. Prominente Schüler jesuitischer Schulen waren: René Descartes, Voltaire, James Joyce, Fidel Castro, Papst Franziskus I.

Quellen für Neugierige: Wikipedia-Artikel »Jesuiten«; Fergus O’Donahue SJ, Rezension zu The Jesuit Specter in Imperial Germany; Wilhelm Busch, Pater Filuzius bei Projekt Gutenberg.

3. Anregungen zum Austausch

  1. Wie geht es dir mit den Gesprächen zwischen Settembrini und Naphta: Anregend oder eher öde?
  2. Für Erstleser:innen: So nah an der Abreise wie in dieser Woche war Hans Castorp vielleicht noch nie. Was vermutest du, kommt er überhaupt noch vom Zauberberg los?
  3. Zitat der Woche: Welcher Satz hat es dir besonders angetan?

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3 Kommentare
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Lidia

Ich genieße die sprachliche Brillanz beider Opponenten und wäre sehr gerne selbst rhetorisch auf diesem Niveau. Trotzdem bin ich weiterhin im Team Settembrini, obwohl Naphta sehr gekonnt einige Schwachstellen in seiner philosophischen Rüstung trifft.

Was mich als eine in der Sowjetunion geborene Leserin allerdings wirklich schockiert hat, war, wie schnell Herr Naphta gedanklich aus dem radikalen Mittelalter beim Proletariat und bei kommunistischen Ideen gelandet ist:

„Das Proletariat hat das Werk Gregors aufgenommen. Seine Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.“

Warum mich das so getroffen hat? Weil ich persönlich Menschen kannte, die eine Ideologie nach dem Prinzip „Schrecken zum Heile der Welt“ für die einzig richtige hielten. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass viele radikale Ideologien bis heute nach demselben Prinzip funktionieren: Gewalt und Schrecken werden legitim, sobald man sie einem vermeintlich höheren Ziel unterordnet.

Sehr anregend also, aber definitiv nicht gemütlich, diese Gespräche.

Silke

Ich finde die Diskussionen durchaus anregend. Allerdings kann ich mich nicht auf eine Seite stelle. An einer Stelle der Argumentation gerät jeder der Diskutierenden für mich in „Schieflage“: sei es politisch, humanistich, weltanschaulich. Mir geht es wie Lidia: anregend, aber ungemütlich… Und ob Hans Castorp jemals abreist (ich bin Erstleserin): ich weiß es wirklich nicht. Wenn, dann wird es ein Impuls „von außen“ sein. Ich halte ihn einfach nicht für gefestigt und durchsetzungsfähig genug. Denn auch sein Bleiben hatte für mich weniger mit einer Entscheidung zu tun (ich spreche hier von beiden Malen) sondern eher von einer Gegenbewegung: nachdem sein Kusan abreisen will, wird Hans ja vom Professor fast „hinausgeworfen“. Und das entfacht eigentlich seinen Willen zu bleiben. Ich bin mir nicht sicher, wie es ausgegangen wäre, wenn die Reaktion des Berghof-Leiters anders ausgefallen wäre…..

Daniela Kauf

Das Gespräch zwischen Settembrini und Naphta fand ich als die beste Stelle im Buch, bis jetzt. Ich bin auch weiterhin Team Settembrini. Als Erstleser und als fast Klassikneuling dachte ich zwischenzeitlich, ob der Autor sich selbst in der Gestalt Settembrini dargestellt hat. Vielleicht lässt das die Fachleute schmunzeln?
Hans war nah an der Abreise, aber doch nur, weil der Hofrat so halbherzig reagiert hat. Eigentlich, denke ich, will er absolut nicht abbrechen. Ich bin der Meinung, dass er die Zeit und das Leben im Sanatorium genießt . Er kann so seinen Gedanken nachhängen, diese neu sortieren und dazu lernen. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, ich wünsche mir das selbst auch so manches Mal. Und nicht zu vergessen, er wartet auch auf Clawdia! Ich denke, er wird bleiben, bis er „rausgeschmissen“ wird, oder mit der Frauenwelt etwas total schief geht.
Als Lieblingssatz fand ich den Befehl von Settembrini an Hans auf Seite 610/11: „Unterrichten Sie sich, aber produzieren Sie nicht!“

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