Woche 13
Schlachtgetümmel
Woche 13: Hans Castorp empfängt Besuch und erweist sich als Altgedienter und Experte in Sachen Krankendienst. Umgekehrt sind die Verhältnisse beim Spaziergang mit den Pädagogen: Hier ist er ganz Schüler, wenn er auch aus den Lehrern nicht schlau wird.
1. Rückblick auf den Abschnitt
Der Kreis schließt sich: Nach der Abreise Joachims ist nun Hans Castorp der Dienstältere, als er Besuch aus dem Flachland erhält. Wieder reist einer an, wieder werden die örtlichen Gepflogenheiten mit Stirnrunzeln wahrgenommen, wieder wird am ersten Abend etwas zu viel Wein genossen, was rote Wangen, Hitze und vermutlich gar erhöhte Temperatur zur Folge hat. Als dann noch ein Interesse aus der Frauenwelt und eine wenig überraschende Diagnose des Hofrats hinzukommt, ist es um den geschäftsmäßigen Onkel James Tienappel fast geschehen. Er entschließt sich zur sofortigen Flucht ins Flachland. Hans Castorp bleibt zurück mit dem Gefühl einer vollendeten Freiheit.
»Ein Teufel rechts und einer links« – so begleiten wir Hans Castorp auf seinem Spaziergang (besser: Kolloquium) mit Naphta und Settembrini. Die Teufelsmetapher ist natürlich kein Zufall, ein wenig ist unser lieber Hans ja immer auch eine Taschenausgabe des Doktor Faust, der in Begleitung des Mephistopheles den Hexenberg erklimmt, auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens.
Einer der beiden Begleiter bekommt nun eine ausführliche Biographie spendiert. Leo Naphta, jüdischer Abstammung, jesuitischer Ausbildung, erscheint uns als Konvertit und geistiger »Wühler«, auf seine Weise also ebenfalls ein Revolutionär, wenn auch im Zeichen strenger, ja geradezu masochistischer Askese.

So verkämpft er sich im Schlachtengetümmel mit Settembrini fürs Mittelalter, für Todesstrafe und Kreuzzüge, für militärische Strenge und das Kranksein als wahren Lebenszustand: »Mensch sein, heiße krank sein.« Wir wundern uns wenig, dass Hans Castorp das gerne hört.
Dennoch bleibt der Eindruck einer »großen Konfusion«. Das ist gewollt. Thomas Mann hat den Roman später einmal einen Spiegel des »europäischen Seelen- und Geisteszustandes der Vorkriegszeit« genannt. In den auch innerlich widersprüchlichen Positionen, die zu keiner Synthese mehr führen, präsentiert Mann also seinen Blick auf eine geistige Welt, die kein gemeinsames Dach mehr hatte. Was einst das Christentum und dann die Aufklärung anboten, fehlte jetzt: Eine geistige Heimat und Orientierung mit Allgemeinverbindlichkeit. So lassen sich die folgenden Weltkriege auch als Konsequenz eines geistigen »Schlachtgetümmels« lesen.
2. Vertiefung: Schnee voraus
Vor uns liegt nun das Kapitel »Schnee«. Ein unschuldig klingender Titel für einen Abschnitt, der er es in sich hat. Es gilt vielen als Mittel- und Höhepunkt des Romans. In ihm fließen viele Eindrücke der vorausliegenden 700 Seiten zusammen und Hans Castorp scheint an eine Art Scheideweg zu gelangen.
Man darf auch dieses Kapitel ganz unvoreingenommen angehen. Wenn man es das erste Mal liest, wird man sich vermutlich ein wenig verwirrt und befremdet finden. Das macht nichts.
Worauf man beim Lesen achten kann:
- Hans Castorp ist nach vielen pädagogischen Gesprächen auf sich gestellt. Wir kennen diesen Zustand vom »Regieren« auf dem Balkon, hier wird er vertieft und radikalisiert. Wie geht das Sorgenkind des Lebens aus dieser Situation hervor?
- Der Abschnitt ist durchzogen von jenen Gegensätzen, die uns inzwischen bestens bekannt sind. Hier werden sie nicht mehr als philosophischer Diskurs, sondern in einer ganz anderen Form inszeniert. Welches Erleben erschafft der Text und wie wirkt es auf dich?
- In gewisser Weise stellt der Abschnitt einen „Bildungserfolg“ des Protagonisten in Aussicht, eine Summe und ein Ergebnis. Welchen weiteren Verlauf erwartest du für Hans?
3. Anregungen zum Austausch
- Wie erlebst du die Abreise Tienappels, die Hans die »vollendete Freiheit« beschert? Ist er nun verloren? Oder freuen wir uns, dass er dem Berghof erhalten bleibt?
- Leo Naphta ist eine widersprüchliche Figur, geradezu abenteuerlich in der Kombination ihrer Tendenzen. Überzeugt die Figur dich? Ist sie für dich lebendig oder bleibt sie ein Konstrukt?
- Große Konfusion und Schlachtgetümmel: Manche Beobachter sehen die westlichen Gesellschaften wieder in einer Phase innerer Orientierungslosigkeit. Stimmst du zu? Oder ist dir das zu katastrophisch?
- Zitat der Woche: Welcher Satz hat es dir besonders angetan?
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4) Zitat der Woche:
“Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit der Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen Begabung gebührte.“
Selten hat mir ein einzelner Satz eine Figur, in diesem Fall Naphta, noch so viel unsympathischer gemacht …
Oh ja, über diesen Satz bin ich auch gestoßen. Auch die Entcheidung Naphtas ist unbegfreiflich, sich den Jesuiten zuzuwenden, obwohl sein Vater unter dem Verdacht, zwei Christen getötet zu haben, grausam durch Kreuzigung ermordet wurde. Ich empfinde ihn zunehmend als radikal.
Zitat der Woche: „Uns friert nicht.“ (S. 588) – Dieser Satz zeigt schon, dass Hans sich im Sanatorium eingerichtet hat und auch die Bemühungen, seines Onkels nicht erfolgreich sind. Dort muss er sich nicht den praktischen Arbeiten widmen, sondern hat Zeit, sich intensiv mit sich selbst und seine Gedanken konzentrieren. Dennoch ist er immer wieder mit der Realität konfrontiert – sei es durch die Abreise seines Cousins, der in den Krieg zieht, durch den Besuch seines Onkels, der ihn zurückholen möchte, oder auch durch die Gespräche zwischen Settembrini und Naphta, die immer weiter ausarten.
Interessant finde ich die übereilte Abreise Tienappels, der sich doch – wie Hans zu Beginn – in der Welt des Sanatoriums verliert. Er ergreift die Flucht, um sich dem zu widersetzen. Doch scheitert er auch in seinem Ziel, Hans mitzunehmen.
Naphta befürwortet radikal Gewalt – auch zur Durchsetzung eines totalitären Gottesstaats. Er fühlt sich Joachim so verbunden, da er den Krieg als einzigen Ausweg für diese Welt sieht. Daher verachtet er auch die bügerliche Aufklärung, die die vermeintliche göttliche Ordnung ins Wanken bringt. Settembrini hingegen ist eine glühender Anhänger der Aufklärung, aber auch er verstrickt sich in Widersprüche, was Hans auch bewusst ist.
Leider muss ich sagen, dass für mich Naphta nicht nur ein Konstrukt ist. Einerseits sehe ich Eigenschaften des frühen Thomas Mann, andererseits aber auch viele aktuelle Bezüge, wenn man sich das Erstarken der AfD und die Hassreden anschaut, die verbreitet werden und Emotionen schüren sollen.
Orienierungslosigkeit? Ich finde das schwer zu bewerten. Wir leben definitiv in einer Ära der Krisen. Wohin die Reise politisch geht, kann ich schlecht sagen. Es macht mir Angst, wenn ich an die kommenden Wahlen denke. Gerade jetzt ist eine Zeit, in der wir für unsere Demokratie kämpfen müssen. Das hätte ich niemals so kurz nach dem Grauen der Shoah erwartet. Hinzu kommt die große Sorge um das Klima. Schaffen wir es irgendwie noch, das Schlimmste zu verhindern? Eigentlich wissen wir sowohl politisch als auch gesellschaftlich, was getan werden muss, aber es gibt starke Kräfte, die dagegen arbeiten.
Interessant und nicht unwichtig: Soweit ich sehe, geht Joachim zunächst zum Regiment. Noch ist kein Krieg. Denn der Roman wird just da enden, wo der 1. Weltkrieg beginnt…
Dann bereitet er sich schon auf diesen vor. Ist sozusagen der Realität näher als Hans in seiner „Zauberwelt“.
Ich habe diesen Leseabschnitt wie folgt erlebt:
Ich musste schmunzeln über Hans Onkel. Seine so überstürzte Abreise habe ich nicht vorhergesehen. Hans löst sich in meinen Augen hierdurch noch einmal von seinem eigentlichen Leben ab und sieht das Sanatorium als sein reales Leben an.
Dieses Phänomen habe ich auch schon bei Patienten mit längerem Aufenthalt in Kliniken erlebt.
Naphta ist mir weiterhin unsympathisch. Der Jesuit, der aufgrund seiner Krankheit nicht im Rang seiner Kirche aufsteigen konnte, wirkt mir sehr verbittert. Er lebt entgegen seiner Religion in Prunk und hat sehr harte Ansichten. Die Szene mit dem Ausbluten des Tieres kommt mir immer noch unangenehm in den Sinn.
Settembrini hält dagegen. Obwohl ich diese Figur in den vergangenen Kapiteln sehr geschätzt habe, ist er mir jetzt auch ein wenig unsympathisch geworden.
Diese, für mich viel zu langen Passagen ihrer Diskussion ist für mich aber trotzdem ein typisches Abbild der Menschheit. Weil wir immer noch, oder gerade in der letzten Zeit, unsere Meinung für die einzig richtige halten und andere Personen unbedingt davon überzeugen wollen, statt die Meinung anderer zu akzeptieren bzw. einen gemeinsamen Kontext zu finden.
Und Hans scheint völlig in diesen Diskussionen aufzugehen. Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen und auch das nervt mich😅
Und ja, vielleicht nervt mich das alles auch so, weil ich die Parallelen zur heutigen Zeit sehe und ich auch davon genervt bin. Und mich die politische Richtung, die unser Land einschlägt, extrem beunruhigt und ich Naphta mit dieser extremen Richtung im Inneren gleichsetze.
Zunächst: Das Kapitel „Abgewiesener Angriff“ mit Hans‘ Onkel hat mich insgesamt sehr amüsiert. Du schreibst ja auch, dass du über den Onkel schmunzeln musstest. Wie der Onkel noch schneller als Hans am Anfang seines Aufenthalts ruckzuck in die Fänge des Zauberbergs gerät – lustig. Ich würde sagen, es ist eines meiner liebsten Kapitel bisher.
Danach wird es aber mit Naphta und Settembrini sehr ernst. Dass Settembrini dir plötzlich weniger sympathisch erscheint, könne es vielleicht daran liegen, dass er so hart angegriffen wird? Geht es nicht auch in den heutigen Diskussionen ähnlich? Die Gräben sind so tief, dass das miteinander Reden nicht weiterführt. Man dreht sich inhaltlich im Kreis, wie unsere beiden Intellektuellen, und besteht darum nur immer stärker auf seinem Standpunkt, wird hart und unnachgiebig, wirkt eben letztlich unsympathischer.
Da hast du absolut Recht. Dieses Beharren auf der alleinigen Richtigkeit, dieser Stursinn ist anstrengend. Bzw. die verbalen Pfeile, die verschossen werden, waren und sind mir gar nicht sympathisch. Jeder darf die eigene Meinung haben, natürlich. Aber diese Art des Auftretens ist anstrengend
Obwohl ich auch glaube, dass er auch unsympathischer wirkt, da er sich in Widersprüchen verstrickt.
Ich würde euch beiden zustimmen, mir ging es ähnlich. Sowohl mit Hans‘ Onkel als auch mit der Diskussion. Allerdings wollte ich gern anmerken, dass im Gegensatz zur heutigen Situation Naphta und Settembrini wenigstens miteinander reden. Und zwar nicht mal ungern.
Wo Mann selber stand, kann man nur erahnen. Aber ich weiß nicht, ob es Zufall ist, dass Naphta so ein regelrecht übles äußeres Erscheinungsbild hat …
Mir ging das auch so mit Hans‘ Onkel. Ich musst auch über ihn schmunzeln. Ich war zuerst überrascht und dachte, dass jetzt mal jemand aus Hans‘ Familie die Bühne betritt, der in sich ruht, gefestigt ist und starke Prinzipien hat: und dann muss er im Prinzip fliehen, um nicht dem Sirenengesang der Bergwelt zu erliegen und sich ebenfalls diesem zu ergeben.
Ja, diese Szene war herrlich
„Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist und zugleich besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlich und gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben.“
Dieses Zitat hat mich persönlich sehr berührt. Allerdings auf eine sehr negative Art.
Ja, ich nehme es persönlich, weil ich Jüdin bin. Und danke zunächst an Thomas Mann für die Feststellung, dass es „viele geistreiche Juden“ gibt (Sarkasmus). Trotzdem haben wir offenbar „Instinkte“. Ja, ich spreche hier ganz bewusst im Plural. Und diese vermeintlich jüdischen Eigenschaften sind im Grunde die alten geblieben, nur anders formuliert. Da frage ich mich schon, inwieweit sich die mittelalterlichen und radikalen Thesen Naphtas von den Ansichten Thomas Manns unterscheiden. Denn hier handelt es sich nicht um eine Aussage Naphtas oder Settembrinis. Das sagt der Erzähler selbst. Thomas Mann reproduziert ein jahrhundertealtes Prinzip des Judenhasses: Menschen werden aufgrund ihrer jüdischen Herkunft bestimmte Wesenszüge zugeschrieben. In dieser Hinsicht bin ich von ihm enorm enttäuscht.
Naphtas Geschichte selbst überrascht mich dagegen überhaupt nicht. Sein Vater wurde aufgrund einer Ritualmordbeschuldigung bestialisch ermordet, weil er Jude war. Wie viele Juden vor und nach ihm wurde er Opfer der absurden Vorstellung, Juden würden christliche Kinder ermorden und deren Blut für Matza verwenden, die zu Pessach gegessen wird. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass ein junger Jude, der mit dem ständigen Gefühl aufwächst, dass sein Jüdischsein etwas ist, wofür er sich rechtfertigen muss, und zusätzlich durch den Mord an seinem Vater schwer traumatisiert wurde, irgendwann nur noch einen Ausweg sieht: sich von diesem Jüdischsein so weit wie möglich zu distanzieren. Die Jesuitenschule und seine spätere Laufbahn ermöglichen ihm genau das. Natürlich ist das meine Interpretation der Figur. Prominente Beispiele für Juden, die sich taufen ließen, in der Hoffnung, dem Judenhass zu entkommen, gibt es jedenfalls genug. Funktioniert hat es bekanntlich nicht immer, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich sehe hier auch deutliche Parallelen zu Karl Marx, dessen jüdischer Vater zum Christentum konvertierte und der selbst zum Wegbereiter des Kommunismus wurde. Und damit sind wir beim nächsten alten Klischee, dem Kommunismus als vermeintlich „jüdischer“ Ideologie, das später von den Nationalsozialisten sehr fleißig aufgegriffen und instrumentalisiert wurde.
Was mich besonders irritiert: Die physikalischen, biologischen und medizinischen Informationen, die Mann in den früheren Kapiteln eingebaut hat, zeigen, wie intensiv er sich in Themen eingearbeitet hat, die eigentlich weit von seiner eigenen Ausbildung entfernt waren. Für seine Zeit hat er viele naturwissenschaftliche Zusammenhänge erstaunlich gut verstanden und erklärt. Aber sobald es um Juden geht, reproduziert er alte judenfeindliche Vorstellungen und verbindet sie hier auch noch mit dem Bild des jüdischen revolutionären Intellektuellen.
Wie all das in einem einzigen, hochgebildeten menschlichen Gehirn so friedlich nebeneinander existieren kann, bleibt mir schleierhaft.
Du hast Recht. Ich habe inzwischen ein Zeichen („J“), um antisemitische Stellen zu markieren. Kaum ein klassischer Text kommt ohne J aus. Auch bei bei Thomas Mann ist das so.
Liebe Lidia,
ich kann Deine Gefühle sehr gut nachvollziehen und empfinde Thomas Manns antisemitische Äußerungen auch als sehr abstoßend. Naphtas Äußeres entspricht exakt den antisemitischen Karikaturen des frühen 20. Jahrhunderts. Mann verknüpft jüdische Herkunft optisch mit Krankheit, körperlicher Schwäche und Fremdartigkeit. Solche Klischees zeigen sich immer wieder, auch in seinen jüngeren Werken.
Dass man als Mensch – ob jung oder alt – jüdischen Glaubens zum Christentum konvertiert, kann ich auch sehr gut nachvollziehen. Jedoch fände ich es nach einer Gewalttat glaubwürdiger, wenn man extreme Wut empfindet – gerade auf die Menschen, die einem das angetan haben. Aber wahrscheinlich prägt dieses frühe Trauma seinen Hang zur Radikalisierung. Danke für den Hinweis!
Interessant ist, dass Du das Klischee erwähnst, dass auch der Kommunismus als vermeintlich „jüdische“ Ideologie aufgegriffen wird. Das ist mir durchaus bewusst, aber ich habe mich während der Lektür sehr über diese Zuordnung gewundert, da ich ihn eher aufgrund seiner Ideologie extrem rechts verortet habe.
Liebe Lidia,
Das ist mir auch genauso aufgefallen. Ich sehe das immer im zeitlichen Kontext, also wann das Buch geschrieben und herausgegeben wurde.
Ich bin keine Jüdin und kann daher meinen Blick zu dem Text distanziert halten.
Ich kann nur erahnen, was diese Aussagen für dich bedeuten.