Woche 14
Schnee
Woche 14: Hans Castorp träumt. Und wie! Ein Traum, den er sich nicht einmal selbst zurechnen mag, so umfassend und tiefblickend ist er. Ob der Traum etwas ändert?
1. Rückblick auf den Abschnitt
Hans will es wissen. Er schnallt sich Skier an die Füße und stapft los. Was er auf seinen Solotouren ins Gebirge sucht? Vielleicht die Einsamkeit, vielleicht die Herausforderung.
Er wird jedenfalls fündig. In einem gigantischen Schneesturm wird ihm weiß vor Augen. Orientierungslos irrt er voran, hauptsächlich um nicht zu erfrieren. Je länger, je mehr wird er müde. Die Horizontale zieht ihn unwiderstehlich an. Ob er jemals heimkommt?

An die Wand einer Hütte gelehnt träumt der Erschöpfte einen Menschheitstraum, der ihm – so meint er hernach – aus dem kollektiven Unbewussten zuströmt.
In idyllischer südlicher Landschaft tummeln sich schöne Menschen in freundlicher Traulichkeit. Ein Bild klassizistischer Ebenmäßigkeit, Ruhe und Heiterkeit.
Der Träumende würde am liebsten verweilen. Doch er muss weiter, tief hinein in den Hintergrund der Szene. Ein verwitterter Tempel offenbart in seinem Zentrum die schaurige Szene eines Blutmahls.
Hans zieht seine Schlüsse: Der Mensch ist weder das eine, noch das andere, sondern immer beides zugleich: heiter und grausam, schön und hässlich, lebendig und todesverfallen, gesund und krank. Erst in der Einheit beider Tendenzen liegt die Wahrheit. Doch sofern man die Wahl hat, soll man das Bejahende wählen, das Leben, die Gesundheit und vor allem: die Liebe. Sie allein ist stärker als der Tod.
Merkwürdig. Schon am Abend desselben Tages, warm und sicher am Tisch des Berghofs, versteht er seine eigenen Gedanken nicht mehr recht…
2. Vertiefung: Apollon und Dionysos
Thomas Manns Zauberberg ist ein Kosmos für sich. Vieles auf den 700 Seiten hat auf jenen Traum zugearbeitet, den Hans im Schneesturm träumt. Man braucht streng genommen keine externen Quellen, um diesen Traum im Kontext des Romans deuten zu können. Er spricht aus sich selbst zu allen, die Hans und Clawdia, Naphta und Settembrini bis hierhin aufmerksam gefolgt sind.
Zugleich ist klar: Das alles hat sich Thomas Mann nicht so eben mal ausgedacht. In den Schneetraum fließen philosophische Überlegungen ein, die ihn über Jahrzehnte beschäftigt haben. Für die eigentümliche Szenerie am Meer und im Tempel hat vor allem ein Text Pate gestanden: Friedrich Nietzsches »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« von 1872.

Nietzsche geht von zwei Grundprinzipien der griechischen Kunst aus. Das Prinzip der bildenden Kunst: Form, Klarheit, Individuation. Das Prinzip der Musik: Rausch, Lust, Vereinigung. Das erste Prinzip nennt er »das Apollinische« (nach Apollon, dem Gott des Lichtes und der Mäßigung); das zweite Prinzip »das Dionysische« (nach Dionysos, dem Gott des Weins und der Ekstase).
Beide gehören zusammen. Wer sich die griechische Klassik nur als heitere Lebenswelt schöner Sittlichkeit vorstellt, verpasst nach Nietzsche ihre eigentliche Doppelbödigkeit. Oder, wie er selbst es sagt (und man achte auf einen wohlvertrauten Ortsnamen!):
Jetzt öffnet sich uns gleichsam der olympische Zauberberg und zeigt uns seine Wurzeln. Der Grieche kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: um überhaupt leben zu können, musste er vor sie hin die glänzende Traumgeburt der Olympischen stellen.
Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, Kap. 3.
Als altphilologische Theorie ist Nietzsches Text nie überzeugend gewesen. Ihr Wert lag für Zeitgenossen wie Thomas Mann darin, die Moral des klassischen Humanismus (»Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!«) aufzubrechen, die man in Gestalt Goethes und Schillers vermittelt bekam. Das Leben und auch der Mensch sind oft brutaler, triebhafter und gnadenloser als es die Sittenlehre der Aufklärung zugeben mag. Das Edle scheint immer auf dunklem Grunde.
Und nun? Nietzsche entwickelte aus seiner frühen Doppelheit von Apollon und Dionysos ein neues Lebensideal. Den Willen zur Macht, die Selbstermächtigung des Übermenschen, die Überwindung konventioneller Moral durch eine radikale Autonomie. Thomas Mann ist ihm, soweit ich sehe, darin nicht mehr gefolgt. Es mag überraschen und vielleicht ist es meine theologische Brille, aber er scheint mir sehr viel näher bei einem christlichen Ideal zu landen als bei Nietzsche: Liebe ist stärker als der Tod (Hoheslied 8,6; 1. Korinther 13,13).
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
1. Korinther 13,13
3. Anregungen zum Austausch
- Hans Castorps Irrfahrt durch den Schnee: Eine der großen Naturschilderungen der deutschen Literatur oder eine Länge, bis es endlich zur Sache geht?
- Welchen Reim hast du dir auf die träumerische Vision gemacht?
- Das Blutmahl als grausamer Untergrund der Zivilisation: Was kann das gesellschaftlich bedeuten?
- Eigentlich hat Hans Castorp nun doch auf dem Zauberberg ausgelernt: Settembrini und Naphta sind begriffen und integriert – was mag nun noch kommen?
- Zitat der Woche: Welcher Satz hat es dir besonders angetan?
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Hans Castorps Irrfahrt durch den Schnee: Eine der großen Naturschilderungen der deutschen Literatur oder eine Länge, bis es endlich zur Sache geht?
Die Beschreibung der Natur während Hans Ausflug in den Schnee erinnert mich sehr an die Beschreibung des Himmels im „Krieg und Frieden“, als Fürst Andrej verwundet auf dem Schlachtfeld liegt. In der Schule konnten wir nicht verstehen, warum Tolstoj so lange diesen Himmel über einem Schlachtfeld beschreibt. Da passiert doch nichts, keine Action, langweilig! Erst später versteht man, dass gerade diese scheinbare Ereignislosigkeit wichtig ist.
Aber zurück zum Schnee. Hier sehe ich mehrere Ebenen.
Erstens ist der Schnee einerseits weiß und rein, andererseits kalt. Für mich trägt er deshalb die Symbolik eines reinen, aber auch kalten, vernünftigen und emotionslosen Denkens.
Zweitens verändern sich die Wetterbedingungen. Zunächst ist alles ruhig, wunderschön und angenehm. Ähnlich hat Hans anfangs sein Dasein im Bergdorf empfunden. Dann kommt der Sturm. Für mich beginnt Hans hier kritisch und eigenständig zu denken. Ja, der Sturm ist gefährlich. Kritisches Denken ist es aber auch. Plötzlich trägt man selbst die Verantwortung für das eigene Urteil und kann sich nicht mehr hinter Autoritäten verstecken. Für Infantilismus bleibt kein Platz.
Drittens kontrastiert die seitenmäßige Länge der Beschreibung des Sturms und der ganzen Schlittenfahrt mit der tatsächlichen Zeit, die Hans draußen verbringt. Sein Herumirren, Träumen und Analysieren ist aber harte Arbeit an seiner eigenen Persönlichkeit und erschöpft ihn entsprechend. Subjektiv scheint viel mehr Zeit vergangen zu sein, als tatsächlich vergangen ist. Das passt natürlich hervorragend zu einem Roman, in dem Zeit ohnehin eine so große Rolle spielt.
Also alles in allem: Ja, für mich ist das einer der wichtigsten Wendepunkte des Romans. Die Länge der Naturbeschreibung ist hier sehr wohl bedacht und für das Verständnis des Kapitels wichtig.
Ich fand die Beschreibung richtig gut. Man musste mal nicht durchweg überlegen, ob jetzt irgendwas metaphorische Bedeutung haben könnte, und ich fand es sogar ziemlich spannend, ob er sich selbst rettet oder ob ihn jemand finden wird. Ich hab von dem Schneegestöber sogar geträumt 🤣
Welchen Reim hast du dir auf die träumerische Vision gemacht?
Für mich steht das Meer für das Flachland, für Hans Zuhause und das eigentliche Leben. Der Tempel mit den beiden Weibern dagegen steht für das Sanatorium und die Welt des Zauberbergs.
Das schöne Kind, das von den beiden Weibern gefressen wird, ist für mich das „Sorgenkind des Lebens“, also Hans selbst. Settembrini und Naphta versuchen beide, ihn mit ihren Weltanschauungen für sich zu gewinnen, und drohen dabei, seine Persönlichkeit, sein eigenes Urteilsvermögen und seine Fähigkeit zum selbstständigen Denken zu verschlingen.
Aber genau hier passiert für mich etwas Entscheidendes: Hans hört nicht mehr nur zu und lässt sich belehren, sondern beginnt, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Er übernimmt weder Settembrinis noch Naphtas Weltbild vollständig.
Hans wird erwachsen!!!
Die Szenen am Meer gaben mir das Gefühl, dass jemand sieht, warum das Leben schön ist; sie waren der Inbegriff der Lebensfreude und Gutmütigkeit.
Aber niemand lebt ein Leben nur glücklich, auch wenn das manchmal von außen so aussieht. Wir alle haben Ängste, verspüren Druck, haben mal Gefühle, die sich nicht gut anfühlen, kennen etwas Boshaftes in uns, usw. Alles in unterschiedlichen Ausprägungen. Das sind dann die Szenen im Tempel.
Dass er all das beobachten kann und die Zwiespältigkeit und Komplexität bemerkt, und resümiert dass der Mensch nicht das eine oder das andere ist, hat etwas Erleuchtendes, was die ewigen Diskussionen der beiden Parteien Naphta und Settbrini ein Stück weit zusammenbringt, eine Art Kompromiss bildet.
Dass Hans vor der grausamen kannibalistischen Situation panisch umkehrt, zeigt vielleicht, dass er so weit nicht gehen würde und vielleicht das Lebendige, Schöne mehr schätzt. Für den Moment zumindest.
Was mir noch eingefallen ist beim Lesen: das kommt jetzt aus einer ganz anderen literarischen Ecke, aber mit dem Thema, nur die Liebe ist stärker als der Tod, da war ich gedanklich auf einmal bei Harry Potter⚡️. Nur durch die Liebe zu ihrem Sohn überlebt der kleine Harry dank seiner Mutter und gleichzeitig wird das „Böse“ wird erstickt.
Das Blutmahl als grausamer Untergrund der Zivilisation: Was kann das gesellschaftlich bedeuten?
Zitat der Woche: Welcher Satz hat es dir besonders angetan?
Das „hexagonale Unwesen“ und die „Myriaden von Zaubersternchen“ finde ich genial.
Wie Hans an Behrens vorbeiläuft, der ihn nicht erkennt (symbolisch, oder 😄)
Und das Wiedersehen mit der Sonne im Herzen: „Dennoch erinnerte er sich, ja, das war eigentümlicherweise ein wiedererkennen, das er feierte. Ach ja, so ist es, rief es in ihm, als hätte er das blaue Sonnenglück, das sich da vor ihm bereitete, insgeheim und vor sich selbst verschwiegen, von je im Herzen getragen: und dieses „Je“ war weit, unendlich weit, so wie das offene Meer zur Linken, dort, wo der Himmel zart veilchenfarben darauf niederging.“
Die folgende Stelle gefällt mir sehr:
„So war denn seine Einsamkeit, ja Verlorenheit,ehe er’s gedacht, so tief wie er sie sich nur hatte wünschen können, tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes war.“
„Ich will dem Tode keine Herrschaft einräumen über meine Gedanken. Denn darin besteht die Güte und die Menschenliebe, und in nichts anderem.“
Eigentlich hat Hans Castorp nun doch auf dem Zauberberg ausgelernt: Settembrini und Naphta sind begriffen und integriert – was mag nun noch kommen?
Na ja, ich hoffe zunächst einmal, dass Mann daraus jetzt keine Liebesromanze macht: Clawdia lässt sich scheiden und kommt zurück auf den Berghof, weil sie entdeckt hat, dass sie doch Gefühle für Hans hegt. Sie heiraten, Settembrini wird Trauzeuge und Naphta übernimmt die kirchliche Trauung. Dann bekommen wir entweder ein Happy End irgendwo im Flachland oder Clawdia stirbt an Tuberkulose, der Krieg beginnt und Hans zieht depressiv und verzweifelt in den Krieg. Das wäre Kitsch und Katastrophe 😄
Was ich mir tatsächlich wünsche, ist Hans Rückkehr ins Flachland aus eigenem Antrieb. Nicht weil Behrens ihn gesundschreibt, Clawdia nicht zurückkommt oder ihn irgendwelche äußeren Umstände dazu zwingen, sondern weil er selbst den Wunsch entwickelt, endlich sein eigenes Leben zu leben, statt weiterhin Fieberkurven zu zeichnen.
Nach „Schnee“ würde das für mich auch zu seiner Entwicklung passen. Wenn Hans tatsächlich gelernt hat, Settembrini und Naphta nicht mehr nur zuzuhören, sondern selbstständig zu denken und zu urteilen, wäre der nächste konsequente Schritt, auch selbstständig zu handeln.
Erst dachte ich, er klärt jetzt vielleicht sein Umfeld über mit seinen Erleuchtungen auf, die beiden Intellektuellen, aber auch die Ärzte, und es kommt mit diesen Charakteren noch zu irgendeinem Spektakel, das wiederum irgendwelche grundsätzlichen Dinge ins Rollen bringt- also dass sich im Berghof irgendwas ändert, oder so.
Aber da er sich ja ziemlich schnell nicht mehr erinnert, könnte ich mir vorstellen, dass er sich weiter einlullen lässt in dem Leben, in dem für ihn gesorgt wird, und nie wieder selbstständig wird. Vielleicht wird es noch was mit seiner Liebe und ich kann mir vorstellen, dass er dort am Ende stirbt. Ist nur so ein Gefühl, weil er diese Todesfaszination ja seit Beginn seines Aufenthalts hat und jetzt auch ein Stück weit den Tod herausgefordert hat, was zwar gut ausging, aber der große Wandel scheint trotzdem nicht gekommen zu sein. Also diese fehlende Lebensfreude könnte zu so einer Art Akzeptanz der Krankheit werden, gegen die er sich dann nicht mehr wehrt.
Ich bin gespannt, was die anderen denken😄
Gibt es irgendwo eine Erläuterung des Traumes nach den Ideen von C.G. Jung? Das er sich aus dem kollektiven Unbewussten speist, wird ja sogar gesagt im Text. Auch sonst kommt mit vieles sehr archetypisch vor. Ich weiß, dass Hesse Kontakt mit Jung hatte. Weiß man da was über Thomas Mann?