
Woche 2
LIEGEKUR
Woche 2. Wir leben uns langsam ein auf dem Berghof. Die langen Satzstrecken haben in der ersten Woche die Lesebeine manchmal ermüdet. Aber man gewöhnt sich! Und diese Woche hat uns der Weg mit einigen skurrilen Aussichten belohnt, wie ich finde. Ich bin gespannt auf deine Eindrücke!
Du findest hier:
Im Mittelpunkt steht der Austausch. Fühle dich frei, die Vertiefung wahrzunehmen oder auch nicht.
1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp erwacht das erste Mal in seinem Zimmer. Bei der Morgentoilette irritieren ihn Geräusche aus dem Nebenzimmer. Unerhörte Geräusche und zu nachhaltigem Erröten angetan!
Zufrieden stellt er fest, dass man das Frühstück als eine ernste Angelegenheit behandelt und lässt sich mit einigem Erstaunen von einer »Zwergin« bedienen. Fast märchenhaft… Ärgerlich nur das schlampige Türschlagen, das Hans Castorp kaum erträgt. Immerhin stellt der Chefarzt Behrens am Ausgang sein erfreuliches Talent zum Patienten fest.
Beim Spaziergang trifft man auf den »Verein Halbe Lunge« und lässt sich vom Pfeifen aus dem Pneumothorax necken. Joachim weiß Schauerliches vom Sterbefall der jungen Barbara Hujus und ihrem Sterbesakrament zu berichten. Schließlich begegnet man einem eigentümlichen Italiener, äußerlich eine Mischung aus »Schäbigkeit und Anmut«, geistig ein Spötter und Vernunftmensch.
Während Joachims Liegekur stellt Hans Castorp gedankenscharfe Betrachtungen über die Subjektivität der Zeit an. Beim zweiten Frühstück sieht er sich gezwungen, das gewohnte Glas Portwein gegen einen halben Liter Bier zu tauschen, letzteres tut aber wirksam seinen Dienst, das erneute Türschlagen wird nur noch träge registriert, nachvollziehbar die abschließende Frage: »Wann ist denn wieder Liegekur?«
2. Vertiefung: Ein Held zwischen zwei Welten
Wer liest, sucht Spannung. Für Langeweile schlägt niemand ein Buch auf. Da scheinen die Chancen für den Zauberberg erst einmal schlecht zu stehen. Es wird kein Mord aufgeklärt, keine große Love Story erzählt, kein Kampf gegen Drachen bestanden.
Allerdings: Spannung gibt es nicht nur horizontal, durch den erzählten Plot. Es gibt auch vertikale Spannung. Spannung, die sich durch innere Konflikte aufbaut. Spannung durch Ambivalenz.
Erstaunlich viele Klassiker leben von dieser inneren Spannung. So auch der Zauberberg. Unser Held, Hans Castorp, steht zwischen zwei Sphären, die ihn beide beanspruchen. Für beide spürt er Sympathien. Beide sind ihm innerlich verwandt.
Da ist die Welt des Flachlandes. Es ist die Welt der Bürgerlichkeit, des strengen Großvaters, der rechnenden Vernunft, der Nüchternheit, der klassischen Familie, der Ordnung und strammen Gesundheit.
Da ist die Welt des Sanatoriums. Es ist die Welt des Künstlertums, des empfindsamen Vaters, einer gewissen liederlichen Lässigkeit, der Erotik, des Rauschs, der spielerischen Freiheit und der leidenden Krankheit.
Für beide Welten hat Thomas Mann als Kaufmannssohn und Künstler zeitlebens Sympathien gehegt. Es ist letztlich auch sein innerer Konflikt, der in den Protagonisten der Buddenbrooks, des Zauberbergs, der Joseph-Romane zum Austrag kommt. Und ganz ehrlich: Wer kennt das nicht auch selbst? Den inneren Konflikt zwischen Disziplin und Laissez-faire, zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen messbarem Erfolg und innerer Erfüllung.

Im Zauberberg setzt Thomas Mann diese Ambivalenz zwischen den Sphären mit einer suggestiven Kraft um, die mich immer wieder fasziniert. Kaum eine Person, kaum ein Gegenstand oder Ereignis, das nicht irgendwie eine symbolische Funktion im Netz der Anspielungen hat.
Hans Castorp sieht von seinem Balkon aus die schwarze Gestalt »Tous-les-deux«, hört danach die eindeutigen Geräusche seiner Nachbarn und fängt sich dabei eine Gesichtserhitzung ein. Tod, Erotik, Krankheit in enger Folge. Auf der anderen Seite: Der satirische Aufklärer Settembrini lobt Hans Castorp als Vertreter der »Welt der Arbeit und des praktischen Genies«, macht sich über die Ärzte als Herren der Krankheit herzhaft lustig – und dass Hans Castorp seit seiner Ankunft keine einzige Seite in der Zeitschrift »Ocean Steamships« gelesen hat und stattdessen lieber liegend döst, dürfte ihm kaum gefallen.
Man kann den Zauberberg auch genießen, ohne sich auf Spurensuche in diesem ausgeklügelten Symbolkosmos zu machen! Mir bereitet es jedenfalls große Freude, das kompositorische Genie beim Auslegen seiner Fäden zu beobachten. Ich ahne: Wer so nachlässig die Türe schlägt, wie die bisher unbekannte Person im Speisesaal, wird später vermutlich der Sphäre von Erotik und Krankheit nahestehen. Wenn Ludovico Settembrini als Vernunftmensch und Aufklärer seinen pädagogischen Einfluss auf Hans Castorp geltend macht, wird möglicherweise noch ein Antipode auftauchen, der die Gegenseite einer dunklen Romantik vertreten wird…
Welche Sphäre kann Hans Castorp auf ihre Seite ziehen? Man darf gespannt sein!
P.S.: Wenn du dich (ganz zurecht!) fragst, welchen Sinn es haben kann, so etwas wie Sympathie mit Krankheit und Tod zu haben – da schauen wir kommende Woche mal drauf!
3. Anregungen zum Austausch
Vielen Dank für alle Kommentare in Woche 1 und eure Selbstvorstellungen. Sehr nett, einander etwas kennenzulernen! Für Woche 2 wieder vier Vorschläge zum Austausch im Kommentarbereich:
- Wie liest du den Zauberberg? Immer an einem festen Platz? Zu einer bestimmten Zeit? Oder immer unterwegs dabei und dann, wenn es gerade reinpasst?
- Hattest du eine Lieblingsszene im Abschnitt dieser Woche?
- Zitat der Woche: Welchen Satz hast du dir unterstrichen?
- Erste Rückmeldungen lauten: Ob man sich wirklich eine Sommerpause nimmt? Oder das Zauberberg-Projekt lieber am Stück „durchzieht“? Wenn du dazu eine Tendenz hast, freue ich mich über Meinungen.
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Erste Rückmeldungen lauten: Ob man sich wirklich eine Sommerpause nimmt? Oder das Zauberberg-Projekt lieber am Stück „durchzieht“? Wenn du dazu eine Tendenz hast, freue ich mich über Meinungen.
Ich werde keine Pause machen.
Ich werde auch durchlesen- sonst habe ich den Anfang wieder vergessen….
Ich würde lieber an einem Stück lesen.
Ich bin auch dafür, das Projekt am Stück zu lesen. Was vielleicht Sinn machen könnte, wenn man am Ende des Sommerabschnitts eine oder zwei Runden für ein Zwischenresümee einlegt, wo wir das bis dahin Gelesene in seiner Gesamtheit betrachten und uns darüber austauschen und dann geht’s weiter.
Ich lese am Stück. Das liegt aber daran, dass ich verschiedene Bücher nicht parallel lesen kann. Der Zeitraum bis November ist für mich viel zu lang.
Ich würde auf jeden Fall den Sommer KEINE Pause machen wollen.
LG an alle
Eine Pause möchte ich nicht machen. Ich versuche dranzubleiben.
Ich werde keine Pause machen, sondern dran bleiben. Die Zeit ist mir sowieso zu lang, so dass ich parallel andere Bücher lese…
Ich begrüße die Pause.
Ein paar Seiten zurückgeblättert und schon ist der Bogen wieder gespannt.
Es ist für mich kein Buch das man runterliest, deswegen ist es auch schwer zu vergessen.
Persönlich habe ich aber auch kein Problem mehrere Bücher parallel zu lesen.
Ich liebäugle schon mit dem Werther aus dem Podcast….
Ich finde die Pause auch gut. Ich lese im Sommer gerne ganz leichte Sommerlektüre. Da passt der Zauberberg nicht so ganz ins Schema. Ich glaube, dass man auch nach einer Pause wieder gut reinfindet. Außerdem begrüße ich es, in Zeiten, wo das Seitentracking für viele sehr wichtig ist, einmal langsam und mit Pausen zu lesen.
Ich würde lieber durchgehend lesen, ich glaub ich bekomme Motivationsprobleme nach sechs Wieder zu starten und vielleicht kann ich mich dann nicht mehr so gut an den ersten Teil erinnern.
Vielleicht ließe sich als Kompromiss die Zeit für eine Etappe verlängern. In der Sommerhitze so schnell aufzusteigen kann anstrengend sein.
Danke, gute Idee! Ich überlege mal.
Ich werde es wohl auch ohne Pause durchlesen, ich habe Angst, dass mir zu viel verloren geht.
Ich habe die Effingers auf dem Nachttisch liegen und da geht es mir nämlich gerade so, das ist auch ein ziemlich dicker Schinken und mir ist der Anfang schon ein bisschen abhanden gekommen.
Oh, Effingers liegt auch noch bei mir. Möchte ich unbedingt auch noch lesen. Ist es gut zu lesen?
Ja, ich finde es lohnt sich absolut. Ich weiß nicht, ob du vielleicht die Buddenbrooks gelesen hast? Dann wird es dir auf jeden Fall gefallen 😊
mir hat die idee der pause gut gefallen um dann das ende des weges im herbst wieder aufzunehmen, hatte das gefühl, dass du alex, dir möglicherweise bei dieser ungewöhnlichen pause was gedacht hast. ich würde mich freuen wenn es bei der pause bliebe, wehre mich aber auch nicht gegen eine umentscheidung.
Ich werde auch am Stück lesen 🤓
Mir gefällt der Gedanke, so einen dicken Wälzer in zwei Etappen zu lesen. Das nimmt ein bisschen Wucht raus und lässt das ganze vlt auch ein wenig sacken. Von daher freue ich mich sowohl auf die Lesezeiten als auch auf die Sommerpause, in der dann anderer Lesestoff dran kommt.
Ich tendiere eher zum „Team Sommerpause“, denn ich hatte mich innerlich darauf eingestellt, diesen Aufstieg intensiv, aber mit viel Zeit und Ruhe vorzunehmen. Aber da so viele durchlesen wollen, fände ich den Vorschlag, dann zumindest die Etappen zu verlängern, auch schön.
Ich fürchte, dass ich demnächst ein wenig zurückfallen werde …. die Pause würde ich dann zum Aufholen nutzen
Ich würde das Buch auch lieber in einem Stück durchlesen. In den kleinen Portionen jede Woche finde ich es nicht zuviel. Ich bin auch am Ende jedes Abschnitts neugierig auf den Fortgang der Geschichte
Zitat der Woche: Welchen Satz hast du dir unterstrichen?
Ich habe mal wieder zwei Zitate!
1. Krankheit und Sterben sind eigentlich nicht ernst, sie sind mehr so eine Art Bummelei, Ernst gibt es genau genommen nur im Leben (da unten). 81/30
2. Bzgl. Umgang mit Todesfällen. Sie werden diskret behandelt,……aus Rücksicht auf die Damen, die sonst leicht Zufälle bekämen.
Von den vielen Stellen, die ich mir markiert habe, habe ich mir zu dieser ein paar Gedanken gemacht:
“Potztausend, Sie sind nicht von den Unsrigen? Sie sind gesund, Sie hospitieren hier nur, wie Odysseus im Schattenreich? Welche Kühnheit, hinab in die Tiefe zu steigen, wo Tote nichtig und sinnlos wohnen-”
“In die Tiefe, Herr Settembrini? Da muß ich doch bitten! Ich bin ja rund fünftausend Fuß hoch geklettert zu Ihnen herauf-”
Warum habe ich mir diese Stelle unterstrichen?
Wenn von der Lektüre des “Zauberbergs” die Rede ist, dann taucht häufig das Bild von einer Gipfelbesteigung auf. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, spielt die Handlung doch in den Schweizer Alpen auf 1.600 Metern Höhe und wenn wir das Wort “Berg” hören oder lesen, denken wir spontan an die Besteigung eines Berggipfels.
Insofern scheint Settembrinis Rede vom Abstieg ins Totenreich auf den ersten Blick wenig Sinn zu machen.
Dass sie dennoch richtig ist und darüber hinaus auf ein zentrales Motiv verweist, das Thomas Mann zu der Geschichte von Hans Castorps Aufenthalt im Sanatorium Berghof inspiriert hat, wird deutlich, wenn man sich anschaut, was er über die Entstehungsgeschichte des Romans gesagt hat.
Im Zentrum seiner ersten Überlegungen zum “Zauberberg” stand die “Hörselbergidee”,* die eine Anspielung auf die Sage um den mittelalterlichen Dichter und Sänger Tannhäuser ist, der von der Göttin Venus in den Hörselberg, auch Venusberg genannt, gelockt wird und dort den Sinnesfreuden erliegt.
Neben dem dekadenten Luxusleben der Sanatoriumsgäste, das in der Regel mehrere Monate dauert und von Settembrini treffend als “horizontale Lebensweise” bezeichnet wird, ist die Auseinandersetzung mit dem Tod eines der zentralen Themen des Romans.
Die wiederholten Anspielungen auf das Totenreich der griechischen Mythologie, den Hades, verweisen auf diesen Aspekt. Gleich zu Beginn wird der Fluss Lethe, einer der Flüsse, die die Unterwelt der griechischen Mythologie umgeben, erwähnt, und Minos und Rhadamanth, die Richter der Toten in der Unterwelt, Settembrinis Bezeichnung für den Leiter der Anstalt, Hofrat Behrens, und seinem Assistenten, Doktor Krokowski, verweisen ebenfalls auf das Totenreich, aus dem es kein Entkommen gibt.
Dass es sich beim Sanatorium Berghof im übertragenen Sinne deshalb eher um ein unterirdisches Verließ als um einen Berggipfel handelt, von dem man seinen Blick ungehindert in die Ferne schweifen lassen kann, hat Thomas Mann in einem Brief an den Schriftsteller Josef Ponten deutlich gemacht:
“Es handelt sich aber eigentlich um ein Eindringen in den Berg, nicht um eine Gipfel-Forcierung. Das Bild ist dem Tannhäuser oder dieser Sphäre entlehnt. Bergverzauberung. Es wird fast regelmäßig falsch gebraucht.” **
Dies alles zusammengenommen, erscheint einem Settembrinis Rede vom Abstieg ins Totenreich auf 1.600 Metern Höhe plötzlich nicht mehr so widersinnig.
*siehe hierzu die ausführliche Beschreibung der Entstehungsgeschichte des Romans im Kommentarband der GKFA. Die „Hörselbergidee“ wird dort auf Seite 11 erwähnt.
** Thomas Mann – Selbstkommentare zum Roman „Der Zauberberg“. – Das Buch kann man sich im Internet Archive ansehen. Das Zitat stammt aus einem Brief vom 10. 01. 1925.
Ich habe mir Einiges unterstrichen. Die humorvollen (voll schwarzem Humor triefenden!) Passagen finde ich amüsant:
Tout les deux , („Spanisch“ 🙂 , Quecksilberzigarre (Thermometer 🙂
Verein halbe Lunge, sie pfeifft mit den Pneumothorax, erinnerte an jene Musik der Jahrmarktschweinchen,
Stellen Sie sich gefgälligst nicht so an (Dr. Behrens beim Sterben eines Patienten)
….herrlich!!! 🙂
Mein Lieblingszitat der Woche war folgendes:
„“Was ist denn die Zeit?“ fragte Hans Castrop[…]. „Willst du mir das mal sagen? Dem Raum nehmen wir doch mit unseren Organen wahr […]. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? […] Aber wie wollen wir denn etwas messen, wovon wir genau genommen rein gar nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen: die Zeit läuft ab.““
S. 101
Als Castorp auf dem Balkon stehend eine ältere ganz in schwarz gekleidete Dame von düsterem, tragischem Aussehen wahrnimmt, hört er „… ein Ringen, Kichern und Keuchen, dessen anstößiges Wesen, dem jungen Mann nicht lange verborgen bleiben konnte, obgleich er sich anfangs aus Gutmütigkeit bemühte, es harmlos zu deuten. Man hätte dieser Gutmütigkeit auch andere Namen geben können, zum Beispiel den etwas faden der Seelenreinheit, oder den ernsten und schönen der Schamhaftigkeit, oder die herabsetzen Namen der Wahrheitsunlust und Duckmäuserei, oder selbst den einer mystischen Scheu und Frömmigkeit, – von alledem war etwas in Hans Castorps Verhalten zu den Geräuschen nebenan, und physiognomisch drückte es sich aus in einer ehrbaren Verfinsterung seiner Mine, so, als dürfe und wolle er von dem, was er da hörte, nichts wissen: einen Ausdruck von Sittsamkeit, der nicht ganz originell war, den er aber bei bestimmten Gelegenheiten anzunehmen pflegte.“
Trauer, Tod, Krankheit, Angst und Sorge gegenübergestellt einer Lebensfreude, hörbarer Sexualität, die nicht versteckt wird und den Protagonisten herausfordert. Mich fasziniert die ausdifferenzierte „Zergliederung“ der Wahrnehmung, der Gefühle, Gedanken Castorps (seiner „Seelenzergliederung“) in diesem Augenblick.
ich mochte die einordnung von hans‘ geistige fähigkeit, wie man die mittelmäßigkeit umschiffen könnte um sie eben doch im zusammenhang mit ihm zu nennen, toll. da es im zweiten kapitel auftaucht, gehört es eigentlich in die letzte woche und ich zitiere es einfach nicht 🙂
Ist es verwerflich, wenn man das Buch nicht szenisch liest? 🙂 Also ich bin ja Erstleser und beim ersten Mal versuche ich immer, die Stimmung eines Buches/des Autors einzufangen. Das bedeutet, ich lese hintereinander weg und fühle mich nur ein … eigentlich hab ich keine Ahnung, worum es geht … aber Thomas Mann schafft es tatsächlich, dass ich mich durch die Gänge bewege als wäre ich da zu Hause und immer gespannt bin, wen ich auf meinem Weg in den Speisesaal so treffe. Ich langweile mich bei den immer gleichen Spaziergängen und auch hier ist nur die interessante Frage, wen ich unterwegs aufgabel … das heißt: Ich bin drin. Mehr bei denen da oben als bei denen da unten. Unten gabs bisher nur Vergänglichkeit und Rückblick, die Gegenwart thront auf dem Berg. Ich hab keine Ahnung, wo die Reise hingeht … wie sollte ich auch? Ich mach beim Lesen meine Liegekur und manchmal nehm ich ein Thermometer in den Mund.
Die Sprache gefällt mir und reißt mich zum Anfang des letzten Jahrhunderts … aber um sie und die Anspielungen auseinanderzunehmen, muss ich das Buch ein zweites und drittes Mal lesen.
In seinem Vortrag „Einführung in den Zauberberg“, den Thomas Mann im Mai 1939 an der Universität Princeton gehalten hat, empfiehlt er den Student*innen ausdrücklich, den Roman zweimal zu lesen, da man nur so seine Komposition verstehen kann.
Habe ich mehrmals laut gelesen, weil ich es klanglich so stark fand und mich fragte, ob damit das Sprechen Settembrinis imitiert werden soll!
Herr Settembetti sagt zu Hans:“Ja, boshaft bin ich ein wenig…. in meinen Augen ist sie eine glänzende Waffe der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit. Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik bedeutet den Ursprung des Fortschritts und der Aufklärung.“
Meine Einstellung stimmt damit überein, dass Kritik wichtig ist für Fortschritt und Weiterentwicklung. Aber für mich ist es unheimlich wichtig, dass Kritik konstruktiv geäußert wird. Herr Settembetti gibt in meinen Augen nur die über ihn herrschende Meinung an, dass er als boshaft betrachtet wird, weil er nicht alles blind annimmt, was man ihm vorgibt.
Ich bin gespannt, wie es mit dieser Figur weitergeht und ob ich mit meiner Meinung Recht behalte
„Und dann bin ich nicht sehr rasch vom Urteil. Ich sehe mir die Leute an und denke: So bist du also? Nun gut.“ „Das ist Dumpfsinn!“, antwortete der Italiener. „Urteilen Sie! Dafür hat die Natur Ihnen Augen und Verstand gegeben….“
Hattest du eine Lieblingsszene im Abschnitt dieser Woche?
Ich liebe die erste Beschreibung von Settembrini, wie er Castorp an die fremdländischen Musikanten erinnert, die „mit emporgerichteten Sammetaugen ihren Schlapphut hinhielten, damit man ihnen Zehnpfennigstücke aus den Fenstern hineinwürfe.“ Man kann sich genau diese Mischung aus Ärmlichkeit und Eleganz vorstellen!
Das Treffen mit Settembrini insgesamt 88/6, die Erklärungen eines Rauchers 76/26 und ganz besonders die Beschreibungen der Zeit 102/18 ff.
Meine Lieblingsszene:
Das Gespräch mit Settembrini !
-Vergleiche mit griech. Mythologie: Ärzte als Minos und Radamanth, sie hospitieren hier nur wie Odysseus im Schattenreich, ganz freiwillig kommen sie also herauf zu uns Heruntergekommenen
-Humanist: Bosheit, die glänzendste Waffe der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit Geist der Kritik, Ursprung des Fortschrittes und der Aufklärung, Urteilen Sie! pädagog. Ader, Überlieferung von Würde und Schönheit des Menschen
tolles sprachliches Bild
Meine erste Lieblingsszene in diesem Leseabschnitt war der erste Auftritt von Lodovico Settembrini im Unterkapitel „Satana“. Mit der Bezugnahme auf den italienischen Dichter und Literaturnobelpreisträger von 1906, Giosuè Carducci und seiner „Hymne an den Satan“ wird uns Settembrini als Verfechter der Prinzipien der Vernunft und Aufklärung vorgestellt.Dazu passt dann auch sein Loblied auf die Bosheit, die für ihn „die glänzendste Waffe der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit“ ist. Und er fährt fort: „Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik bedeutet den Ursprung des Fortschrittes und der Aufklärung.“ Das ist doch mal ein Statement.
Die zweite Lieblingsszene ist das Gespräch zwischen Hans und Joachim im Abschnitt „Gedankenschärfe“ über den Unterschied zwischen objektiv gemessener und subjektiv empfundener Zeit. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch den Hinweis von Hans, dass wir Menschen über kein Zeitorgan verfügen.
Eine meiner Lieblingsszenen war die Beschreibung von Dr. Behrens und seinen Umgang mit Sterbenden aus Sicht von Joachim. Sehr makaber und schwarzhumorisch.
Meine andere Lieblingsszene (sie liegt allerdings zurück in der ersten Woche) war beim Essen, wo die Tür laut zugeschlagen wurde im Speisesaal und Castrop sichtlich darunter gelitten hatte. Der seelische Schmerz war wirklich nachvollziehbar.
Beim Lesen dieser Passage über das Sterben, dem Umgang damit und der Ruf nach dem Pfarrer, der die Sterbesakramente spendet, habe ich mich an das Drama Professor Bernhardi von Arthur Schnitzler erinnert. Der Klinikleiter Bernhardi nimmt eine andere Haltung ein. Er verbietet dem katholischen Pfarrer die Sterbesakramente einer jungen Patientin zu spenden, weil diese nicht weiß, dass sie sterben wird und er ihr die Todesangst ersparen will.
Beim morgendlichen Spaziergang kommen Joachim und Hans Castorp eine Gruppe junger Menschen entgegen, fröhlich lachend mit dem Pneumothorax pfeifend und Hans Castorp schwankt zwischen Lachen und Weinen. „Verein der halben Lunge“. „ »Gott«, sagte er, » Sie sind so frei … ich meine, es sind junge Leute, und die Zeit spielt keine Rolle für sie, und dann sterben sie womöglich. Warum sollen sie da ernste Gesichter schneiden. …«
Meine Lieblingsszene ist der Morgenspaziergang und das Gespräch mit Herrn Settembrini (siehe 2. Frage)
Sehr atmosphärisch, schaurig und düster fand ich die Szene mit der Witwe.
Absurd und amüsant war die Szene mit dem Sterbesakrament. War/Ist so etwas überhaupt üblich gegen den Willen des Sterben durchzuführen? Ich fand’s sehr makaber, aber wahrscheinlich soll ich mich nicht so anstellen 😉
Was mir noch aufgefallen ist, dass hier sehr oft die Sprechweise/-art der Personen beschrieben wird. In der Häufigkeit habe ich’s noch nicht oft gelesen.
Und den kleinen Seitenhieb (?) gegen die „Armut“ der Schriftsteller fand ich sehr lustig. „Er hat wohl kein Geld?“ fragte H.C. …“Nein… das hat er wohl nicht. …Sein Vater war schon Literat, weißt du, und ich glaube, der Großvater auch.“
Heute würde das ein Priester bei uns niemals gegen den Willen der sterbenden Person durchführen. Für ca. 1912 würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen wollen – da entschied sowas evtl. einfach die Familie. In dieser Szene lese ich die Ankunft des Priesters wie eine Art Todesurteil, weil klar war: den ruft man, wenn es zu Ende geht.
Wie liest du den Zauberberg? Immer an einem festen Platz? Zu einer bestimmten Zeit? Oder immer unterwegs dabei und dann, wenn es gerade reinpasst?
Ich lese auf dem Kindle, da kann ich den Berg trotz seiner Seitenzahl bequem jederzeit und überallhin verschleppen.
Super Tipp für unterwegs, werde ich umsetzen
Ansonsten halte ich es wie Britta, ein hundertjähriges Buch habe ich gerne als Buch in der Hand.
Ich lese oft auch auf dem Kindle, aber ein Werk, das hundert Jahre alt ist, möchte ich lieber als dicken Schmöker mit mir herumschleppen. Und so mache ich es auch: an vielen Orten lese ich zwei oder drei Seiten, so dass ich mit der Woche ganz gut hinkomme, ohne schon am Dienstag fertig zu sein und am Samstag nicht mehr zu wissen, was ich gelesen hatte.
Ich lese das Buch am Esstisch, immer wenn ich allein bin, da ich konzentriert sein will und ich das Gelesene dann so wunderbar genießen kann.
Am liebsten sitze ich draußen im Garten, dort lese ich jeden Nachmittag nach der Arbeit, bei schlechtem Wetter auf dem Sofa mit der Katze auf dem Schoß. Ich brauche ein richtiges Buch in den Händen, liebe das Geräusch der Seiten und den Geruch, unterstreiche eigenhändig, verschiedene Farben für Charaktere, schreibe an den Rand Überschriften/Themen. So fühle ich, wie ich die Gedanken im Text verinnerliche, mir „einverleibe“..
Ich lese den Zauberberg ald Taschenbuchausgabe während meiner halbstündigen Fahrt zur Arbeit und wieder nach Hause. Auch lese ich ihn gerne auf dem Balkon im Hängesessel.
Ich lese oft Abends.
Leider musste ich feststellen, dass es ziemlich weh tut, wenn einem 1000 Seiten ins Gesicht fallen, weil man eingeschlafen ist.
So wirst du den Zauberberg sicher nie mehr vergessen 🙂
😂
Ich lese im Zug am liebsten aber zu Hause in meinen Lieblingsecken, in die ich mich zum Lesen zurückziehe.
Ich lese ihn zuhause auf der Couch. Zum mitnehmen ist er zu schwer und so hat er einen festen Platz zu dem ich immer zurückkehren kann.
Ich lese es zuhause, im Bett oder auf dem Sofa.
Ich lag heute ganz bequem mit der Nase in der Sonne auf dem Balkon beim Lesen, es war so passend, als wäre ich mit den Herren in der Liegekur 🙂
Ich lese meist am Wochenende also Samstag/Sonntag. Am Tisch sitzend.
ich lese den zauberberg immer im stehen an meiner kochinsel, daneben ein notizbuch worin ich parallel die ganzen figuren aufschreibe mit samt den attributen und beschreibungen die hans jeweils zuteilt und höre dabei eine eigens für den zauberberg angelegte playlist. das ist ein tägliches ritual geworden.
Die playliste ist öffentlich?
nein, die habe ich mir auf spotify zusammengestellt mit der unterstützung von ki
Dankeschön und ne gute Idee 💡
Ich lese meine 50 Seiten auf dem EBook wochenends beim Frühstück. Das würde ich auch so beibehalten über die Pause hinweg. So eine lange Pause wird mich ganz sicher nicht motivieren, nach zwei Monaten wieder einzusteigen. Deshalb lese ich auch seit 20 Jahren an Proust :-)) Die 50 Seiten über die Woche zu verdauen find ich hingegen super. So bleib ich nämlich dran ohne auch gerade bei den Längen die Lust zu verlieren.
Ich lese das Buch ganz bewusst und in Ruhe zu Hause auf der Terrasse, mache mir auch Notizen und nehme mir Zeit etwas darüber zu reflektieren. Gehe schon fast meditativ an die Sache ran.
Ich lese immer abends im Bett. Bevor ich schlafe lese ich jeden Abend 60 – 90 Minuten. Wenn ich tagsüber lese, sitze ich gern in meinem Schaukelstuhl oder auf der Terrasse.
Meine Ausgabe ist ein Taschenbuch mit Butterbrotpapier dünnen Seiten. Trotz des Umfangs wiegt es also nicht viel und darf deshalb überallhin mit. Nur haben mich die ersten 100 Seiten noch nicht ganz überzeugt, weshalb ich eher zu anderen Bücher greife.
Ich empfehle als Seitenlektüre Norman Ohlers „Der Zauberberg – Die ganze Geschichte. Gut recherchierte Hintergründe zu Davos und seiner Sanatoriumskultur. Darunter die Geschichte Alexander Spenglers, der vor der Verfolgung nach 1848 aus Deutschland floh und hier die ersten Tuberkulose-Patienten behandelte. Dann von der Geschichte der Tuberkulose-Krankheit, seiner Ausbreitung, seiner vermeintlichen Heilung in großen Höhen, dem Drill und dem Luxus der Sanatorien und Privatkliniken hier oben, und vom Regiment der Ärzte, die selbst wiederum nur die Aktionäre zufriedenstellen mussten. Besonders interessant in diesem Zusammenhang: Katia Manns Aufenthalt hier und Thomas‘ Besuch, der gleich dableiben sollte.
Klingt interessant! Meine Schwiegermutter (geboren 1927) war felsenfest davon überzeugt, dass man Tuberkulose mit „guter“ Butter heilen kann. Das kam noch aus den Zeiten herüber, als es noch keine Antibiotika gab, und man darauf vertrauen musste, dass der gut ernährte Körper sich selbst davon heilt.
Für mich hat dieses Sanatorium und seine Patienten oder Bewohner etwas sehr übersinnliches. Es wirkt auf mich als wollen alle „dort oben“ Hans in ihre Kreise aufnehmen und nie wieder gehen lassen. Die Atmosphäre die es auf mich ausstrahlt ist wie die eines Horrorfilms bei dem man erst zum Schluss die wahren Identitäten und Hintergründe der Personen erfährt. Vielleicht sind alle schon tot und das Sanatorium ist eine Zwischenwelt. Vielleicht schaue ich nur zu viel Netflix…
Ich empfinde die Atmosphäre aber auch irgendwie als bedrohlich. „Wir hier oben“ erscheinen als Gesellschaft außerhalb der realen Welt, die Hans auch herauf locken wollen. Erst zum gesunden Frühstück, dann zur Liegekur, dann zum Fiebermessen, dann …?
Ich dachte auch in der Beschreibung der verschiedenen Sanatorien und Ärzte (zb Dr. Kafka mit angeblich schmutzigen Injektionsnadeln) hier könnte man auch gut in einen Krimi „abbiegen“ und eine tolle Kriminalgeschichte entspinnen. 🙂
Oh ja, das wäre ein nettes Nebengleis!
Hi. Ich würde auch keine Pause machen. Es ist einfach zu fesselnd.