
Woche 3
Wüste süßigkeit
Woche 3: Hans Castorp bekommt das Gefühl, schon eine kleine Ewigkeit auf dem Zauberberg zu sein. Ich kann mir vorstellen: Viele von uns haben sich auch schon etwas eingelebt in der Stimmung des Sanatoriums.
Diese Woche gibt es ein bisschen Philosophie für jene, die darauf neugierig sind. Und natürlich den Austausch darüber, wie eure letzte Etappe so war.
Stimme aus der Reisegruppe
1. Rückblick auf den Abschnitt

Nach einem weiteren Spaziergang ist an diesem ersten Tag Hans Castorps das Mittagessen angesagt. Ein Sechsgangmenü.
Endlich sieht er die Person, die so impertinent die Tür zum Esssaal zuwirft: Madame Chauchat vom »Guten Russentisch«. An irgendwen erinnert sie ihn…
Während der nachmittäglichen Liegekur hört Hans Castorp eine Unterhaltung des Herrn Albin mit einigen Damen an. Dessen Versuch die Zuhörerinnen mit einer Pistole und dem eigenen tragischen Ende zu beeindrucken ist zwar lächerlich, versetzt Hans Castorp aber auch ins Staunen über die damit verbundene grenzenlose Freiheit.
Es ist Zeit für den Tee. Dann Spaziergang, dann ist es Zeit fürs Abendessen. Das zweite Glas Bier lässt ihm den Kopf rauschen. Settembrinis »ehrrührigen Vorschlag« zur sofortigen Abreise weist er von sich (wenngleich ihm diese Idee auch schon gekommen war). Nachts träumt er unruhig von Madame Chauchat, einem geliehenen Bleistift und dem störenden Drehorgelmann Settembrini.
Der nächste Tag bringt einen Schneesturm (im August – was für eine Unordnung!) und Einkäufe im Ort: Eine standesgemäße Decke für die Liegekur. Während dieser stellt der Erzähler Betrachtungen über die Langeweile an und die Tatsache wie sich das Zeitgefühl beim Eingewöhnen dehnt. Hans Castorp hat schon nach wenigen Tagen den Eindruck »eine ganze Ewigkeit« hier oben zu sein.
2. Vertiefung: Auflösung als Befreiung
Hans Castorps Sympathie für Krankheit und Tod ist eines der großen Rätsel im Zauberberg. Dass er gerne gut isst, ausgiebig liegt und darum schon bald halb träumerisch an einen längeren Aufenthalt denkt, geht ja noch an. Wer träumt nicht davon, den Urlaubszustand auf unbestimmte Zeit zu verlängern?
Doch scheinbar fasziniert ihn der Berghof nicht einfach als gehobenes Hotel, sondern tatsächlich als Sanatorium. Der Zustand der Krankheit und sein Endstadium, der Tod, beschäftigen seine Fantasie auf eigentümliche Weise. »Krankheit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges« (149) gibt er zu bedenken. Schon als Kind eröffnet sich ihm am Sarg des Großvaters die »sinnige und traurig schöne« Eigenart des Todes (46). Tief beeindruckt lauscht er dem fatalen Husten des Herrenreiters. Sein Talent zum Patienten, d.h.: zum geradezu freiwillig Kranken, steht für Hofrat Behrens dementsprechend außer Frage.
Woher diese unheimliche Wirkung des Morbiden auf unseren Helden?
Hans Castorp ist damit nicht allein. Die Literatur der Jahrhundertwende hat in Gestalt der Décadence insgesamt etwas entschieden Hypochondrisches und liebt die Geste des schönen Dahinscheidens. Für Thomas Mann im Besonderen kommt dazu die lebenslange Bewunderung der Philosophie Arthur Schopenhauers.

Schopenhauers Denken (1788–1860) war inspiriert von Hinduismus und Buddhismus. Er teilte, grob gesagt, deren Auffassung von der in sich vielgestaltigen Wirklichkeit als einer nur vordergründigen Erscheinung. Hinter der Wirklichkeit steht ein großer, drängender und blinder Wille. Jedes Individuum ist eine vorläufige Instanz dieses Willens und will sein eigenes (Über-)Leben. Mit dem Festhalten an der eigenen Individualität geht allerdings untrennbar Leid einher. Leid durch Verlust geliebter Teile der Wirklichkeit – und Angst vor dem eigenen Tod.
Nun kommt der Clou, der Thomas Mann tief beeindruckte: Was, wenn der Tod nichts anderes ist als das Zurückfallen in den Schoß der großen Lebenskraft, des Willens? Was, wenn das, was wir als Schrecken unserer eigenen Auflösung fürchten, bei Lichte besehen eine Befreiung ist: Befreiung vom Leiden, Befreiung vom Begehren, Befreiung von der Individuation, Aufgehen im All?
An Tod oder Leben des Individuums ist gar nichts gelegen.
Arthur Schopenhauer
Herr Albin und sein Revolver sind eine Gestalt dieses Gedankens. Herr Albin ist todgeweiht. Seine Krankheit unheilbar. Statt sich mit Händen und Füßen dagegen zu wehren, wie Frau Hujus gegen ihr Sterbesakrament, heißt er sein Ende willkommen (oder gibt sich jedenfalls vor den Damen gerne diesen Anschein) und findet darin eine nie gekannte Freiheit. Hans Castorp traut seinen Ohren kaum und ist bis in seine Träume hinein fasziniert von dieser »Ungebundenheit«, die ihn sofort an den »angenehm verwahrlosten« Zustand des in der Schule Sitzengebliebenen erinnert. Endlich alles egal!

Mit Schopenhauer erscheint diese Tendenz zu Krankheit und Tod als eine gesteigerte Form des Lebens, als eine tiefere Einsicht in den Zusammenhang aller Dinge. Wer bereit ist, sich zu verlieren, sich geradezu materiell aufzulösen wie das Innenleben des Herrenreiters, der ist wahrhaft frei! Krankheit als höhere Erkenntnisstufe – auch deshalb muss sich Hans Castorp so ärgern über die plumpe Frau Stöhr, denn: Dummheit und Krankheit vertragen sich nicht!
Aber Achtung: Der Zauberberg ist nicht einfach die literarische Umsetzung einer einzelnen philosophischen Idee. Es wird deutlich vielschichtiger und spannender. Hans Castorps erste Sympathie für Leid, Krankheit und Tod wird noch ernsthaft auf die Probe gestellt werden!
Lesetipp: Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Band II, Kapitel 41 (Tod und Unzerstörbarkeit des Wesens). Darin findet sich diese lebendige Illustration seines Grundgedankens vom allumfassenden Willen jenseits aller Individuation:
[Wer ängstlich auf seinen Tod blickt, ist wie einer,] der dem Blatte am Baume gleicht, welches im Herbste welkend und im Begriff abzufallen, jammert über seinen Untergang und sich nicht trösten lassen will durch den Hinblick auf das frische Grün, welches im Frühling den Baum bekleiden wird, sondern klagend spricht: Das bin ja Ich nicht! Das sind ganz andere Blätter! –
O thörichtes Blatt! Wohin willst du? Und woher sollen andere kommen? Wo ist das Nichts, dessen Schlund du fürchtest? – Erkenne doch dein eigenes Wesen, gerade Das, was vom Durst nach Daseyn so erfüllt ist, erkenne es wieder in der innern, geheimen, treibenden Kraft des Baumes, welche, stets eine und dieselbe in allen Generationen von Blättern, unberührt bleibt vom Entstehen und Vergehen.
3. Anregungen zum Austausch
Ich bin gespannt von euren Leseerfahrungen in den Kommentaren zu hören. Dazu einige Inspirationen als Aufhänger:
- Glückwunsch! 🎉 150 Seiten Zauberberg, das ist doch schon was! Wie ist gerade deine Laune? Optimistisch für die nächste Wegstrecke oder ein bisschen Muskelkater?
- Noch sind wir nicht so lange unterwegs, dass wir uns nicht an ein Leben ohne Zauberberg erinnern könnten: Welches Buch hast du als letztes vor dem Zauberberg gelesen?
- Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
- Hast du bereits eine Lieblingsfigur, von der du hoffst, dass sie weiterhin eine größere Rolle spielt?
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Glückwunsch! 🎉 150 Seiten Zauberberg, das ist doch schon was! Wie ist gerade deine Laune? Optimistisch für die nächste Wegstrecke oder ein bisschen Muskelkater?
Diese Woche (es mag an den Schulferien liegen) bin ich erst gestern Abend fertig geworden.
Es zeigt sich also etwas Muskelkater.
Ich habe mir eine Routine entwickelt, die mich den Inhalt besser verstehen lässt – erst lesen und dann die youtube-Version anhören, beim Kochen oder Putzen nebenbei. Teilweise fallen mir dann Kleinigkeiten ausf, die ich beim Lesen wohl überflogen habe, beim Zurückblättern aber tatsächlich da sind.
Die Lesepause im Sommer, oder längere Etappen, werde ich also brauchen…
Die Idee mit dem Hörbuch zu ergänzen gefällt mir. 😊
Hallo Martina,
mir geht s da genau so. Ich ergänze dann auch immer mit der Lesung, wenn ich das Gefühl habe, das hab ich nicht so genau gelesen. 🙂
Muskelkater habe ich keinen, im Gegenteil freue ich mich auf die noch kommenden Ereignisse. Den Roman lese ich mit dem Bleistift und am nächsten Tag schaue ich mir dann die angestrichenen Stellen noch einmal an, kopiere entweder einzelne Sätze oder Passagen oder notiere mir meine Gedanken dazu und dann geht’s weiter im Text.
Meine Lsune ist sehr gut. Bin gespannt wie es weitergeht.
Meine Leselaune könnte nicht besser sein. Ich freu mich auf jeden neuen Satz.
Mittlerweile habe ich mich eingelesen und mich an die wunderschöne und vielschichtige Sprache gewöhnt. Besonders interessant finde ich zwei Dinge: Zum einen nimmt sich der Autor viel Zeit für die Beschreibung der Charaktere, ihres Äußeren, ihres Verhaltens und ihrer Wahrnehmung durch das Hans-Castorp-Prisma.
Zum anderen werden mehrere moralisch-philosophische Themen behandelt, wie Herr Albins shakespearisches „to be or not to be“ oder Settembrinis Überlegungen zu Vernunft und Aufklärung (S. 151, Z. 20–28). Für mich ist der Roman wie eine Torte, die aus vielen Schichten besteht. Jede Schicht könnte für sich allein schon interessant sein, aber erst zusammen machen sie dieses Buch zu einem so vielfältigen Genuss. Und ich freue mich auf die nächse Woche!
Gerade freue ich mich bei jedem Griff nach dem Buch nach Davos und ins Sanatorium zu kommen.
Es läuft leicht, aber anderseits ist das Buch sprachlich wie inhaltlich so vielschichtig, dass ich gerade deshalb immer das Gefühl habe, zu oberflächlich zu lesen.
Schließe mich Kerstin an. Auch ich habe das Gefühl nicht alles zu erfassen.
Mir geht es ebenso, wie euch beiden! Ich habe auch das Gefühl zu oberflächlich zu lesen. Dann bin ich wieder dankbar für Alex‘ Einordnung der Kapitel und die Fragen zum Austausch, die Vertiefung bringen.
Da reihe ich mich ein; die 50 Seiten lese ich mit Freude, unterstreiche Schönes/Witziges/Hellsichtiges. Nach sekundärer Vertiefung ist mir nicht, ich will mich nicht überladen. Umso mehr freue ich mich auf die Zusatzinfos im Newsletter von Alex. 😊
Mir gehts da ähnlich, aber da hilft mir zumindest die Lesung auf Youtube sehr. 🙂
Ich bin richtig gut im Buch angekommen und freue mich auf das Weiterlesen! Laune also top 😊
Als ich mich für die Leserunde angemeldet habe, dachte ich, ich müsste mich durch das Buch durchkämpfen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Ich kann es gar nicht abwarten, weiterzulesen und noch mehr in die Welt des Zauberbergs abzutauchen.
Ich finde den Vergleich mit den Tortenschichten super. 👍🏻
so überraschend gut wie ich das buch bisher finde, so ist es doch jedes mal wieder ein eintauchen in eine andere welt, eine die vergangen ist, eine andere sprach- und sprechart und manchmal ist die stimmung dafür nicht vorhanden. umso besser, dass es diese kleinen happen sind und jedes mal wenn ich eine kleine etappe gelesen habe ist es doch wohltuend und ich bin froh, dass ich mich aufgerafft habe. eben so wie wenn man bewegungsroutinen etabliert, also gar nicht so daneben mit dem muskelkater 🙂
Ich mag Thomas Manns Sprache. Deshalb lese ich den Zauberberg gerne. Allerdings hoffe ich, dass ich nicht wieder an Settembrini scheitere – die Abhandlung über das Edle in der Krankheit und dass Dummheit nicht zu ihr passt, hat mich schon wieder genervt.
Also momentan fühle ich mich noch fit, die Arbeit lässt s nicht immer ganz zeitgerecht zu, aber das wird im Sommer sicher besser werden.
Mir geht es auch so, dass ich das Gefühl habe über bestimmte Passagen hinwegzulesen. Wahrscheinlich muss man den Zauberberg mehrfach lesen. Ich hinken bis jetzt noch ein wenig hinterher aber ich kann noch locker aufholen. Insofern fängt schon ein leichter Muskelkater an.
Noch sind wir nicht so lange unterwegs, dass wir uns nicht an ein Leben ohne Zauberberg erinnern könnten: Welches Buch hast du als letztes vor dem Zauberberg gelesen?
Bernhard Schlink, Die Enkelin
Pick of the Month vom Verena Pausder BookClub
Verstörend real. Für mich ein blödes Ende.
4 3 2 1 von Paul Auster. Hervorragend!
Hallo Britta, ich habe das Buch vor ein paar Jahren auch gelesen und fand es auch großartig.
Meine Lektüre unmittelbar vor dem Zauberberg waren „Mathilde Möhring“ von Theodor Fontane und „Verbrechen und Strafe“ von Fjodor M. Dostojewski. Von diesem Autor lese ich parallel zum Zauberberg aktuell „Der Idiot“.
Ufff… davor habe ich Christoph Heins neustes Buch „Das Narrenschiff“ gelesen. War sehr interessant.
Das liegt auch auf meinem Stapel – ist ja dem Umfang nach schon fast ein eigener Zauberberg! 😅
Das Narrenschiff habe ich auch vor einiger Zeit gelesen. Ganz ehrlich: Es hat mich mehr angesprochen. (Ich habe es aber von meiner Freundin bekommen, die damit überhaupt nichts anfangen konnte.)
Ich hab „Der ewige Tanz“ von Steffen Schroeder gelesen. Zeitgleich mit dem „Zauberberg“ lese ich „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ von Johan Harstadt.
Vor dem „Zauberberg“ habe ich Daniel Kehlmanns „Lichtspiel“ gelesen. Es geht um den berühmten Regisseur Pabst, seine Rückkehr nach Deutschland und seine Arbeit dort während des Zweiten Weltkriegs. Es tut fast weh, das Buch zu lesen, weil man sich die ganze Zeit dieselbe Frage stellt: „Was hätte ich an seiner Stelle gemacht?“
Zuletzt habe ich Gisèle Pelicots Hymne an das Leben gelesen.
Habe das Hörbuch gehört, das war fantastisch! Sehr kurzweilig.
Ich habe zuletzt „Wer die Nachtigall stört…“ von Harper Lee gelesen. Der Charakter des Vaters in diesem Buch hat mich erreicht und mir sehe gut gefallen.
ach atticus…
Kurz davor habe ich Sanditz von Lukas Rietzschel gelesen. Hat mir sehr gut gefallen!
kurz vor start der großen wanderung habe ich beendet „wenn ich eine wolke wäre“ von v. weidermann. parallel lese ich jedoch auch dauerhaft, nur keine brocken wie den zauberberg.
Ich habe vorher „Schwesternland“ von Katharina Fuchs gelesen. Ein Roman mit zwei Zeitebenen, in dem es um eine junge Hugenottin geht, die nach Brandenburg flüchtet, und eine junge Frau unserer Zeit, die ihre Magisterarbeit über die Hugenottenverfolgung und diese Frau schreibt, die eine Vorfahrin von ihr ist.
Vorher zuende gelesen habe ich Vox von Christina Dalcher. Eine unglaubliche Enttäuschung, hat mir gar nicht gefallen.
Sommer ohne Männer von Siri Hustvedt.
Schreibstil fantastisch, die Geschichte hat mich nicht ganz abgeholt.
Meine letzten Bücher waren Dschinns von Fatma Aydemir, Alte Sorten von Ewald Arenz und Restsommer von Kea von Garnier
Ich lese meist mehrere Bücher parallel. Aber das Buch, dass mich in diesem Jahr am meisten beschäftigt hat war Zeit der Mutigen von Dimitré Dinev.
Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
„Wir wissen wohl, dass die Einschaltung von Um-und Neugewöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unseren Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, Verlangsamung unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung unseres Lebensgefühl überhaupt zu erzielen. Dies ist der Zweck des Orts-und Luftwechsels, der Badereise, die Erholsamkeit der Episode…“ S.160
Seite 159/10 als Einstieg zu den nächsten drei Seiten.
Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem Sicheinleben an fremdem Orte, dieser – sei es auch – mühselig Anpassung und Umgewöhnung, welcher man sich beinahe um ihrer selbst willen und in der bestimmten Absicht unterzieht, sie, kaum daß sie vollendet ist, oder doch bald danach, wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande zurückzukehren.
Vernunft und Aufklärung jedoch haben diese Schatten vertrieben, welche auf der Seele der Menschheit lagerten,- noch nicht völlig, sie liegen noch heute im Kämpfe mit ihnen; dieser Kampf aber heißt Arbeit, mein Herr, irdische Arbeit, Arbeit für die Erde, für die Ehre und die Interessen der Menschheit, und täglich aufs neue gestählt in solchem Kampfe, werden jene Mächte den Menschen vollends befreien und ihn auf den Wegen des Fortschrittes und der Zivilisation einem immer helleren, milderen und reineren Lichte entgegengleiten. (S. 151, Z. 20 – 28)
Mein liebster Satz wurde schon von Liz genannt:
Wir wissen wohl, dass die Einschaltung von Um- und Neugewöhnung das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unseren Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, Verlangsamung unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung unseres Lebensgefühls überhaupt zu erzielen.
Mann, Thomas (2025): Der Zauberberg. S. Fischer Verlag GmbH: Frankfurt am Main. S. 163
Seite 117: „Hans Castorp gähnte erregt.“ Was für ein wunderbarer Gegensatz! Thomas Mann gelingen also auch kurze Sätze ganz wunderbar.
Der begabte junge Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, er ist vielmehr ein Blatt, auf dem steht, das Rechte wie das Schlechte, und Sache des Erziehers ist es, das Rechte entschieden zu entwickeln, das Falsche aber, das hervortreten will, durch sachgemäße Einwirkung auf immer auszulöschen.
Hast du bereits eine Lieblingsfigur, von der du hoffst, dass sie weiterhin eine größere Rolle spielt?
Ich würde gerne noch mehr über den kranken Cousin erfahren, da war meines Erachtens noch zu wenig Information da (außer dass er krank ist)
Herrn Settembrini mag ich vom Bauchgefühl nicht, seine Art ist mir zu sprunghaft. Vom Kumpel zum tadelnden Lehrer in unter einer Seite.
So ganz genau kann ich mir die Antipathie aber noch nicht erklären.
Für mich ist Joachim in gewisser Hinsicht das Gegenstück zu Hans Castorp und von allen Gästen des Sanatoriums, die wir bis jetzt kennengelernt haben, wahrscheinlich der einzige, der versucht, den Verführungen des Zauberbergs nicht zu erliegen. Die Liegekuren betrachtet er als Dienst, den er genau und präzise erfüllt, denn diese sollen ja zu seiner raschen Gesundung beitragen, damit er möglichst rasch ins Flachland zu seiner Armeetruppe zurückkehren kann. Bei Hans hingegen kann man die gegenteilige Entwicklung beobachten und sehen, wie seine Widerstandskraft gegenüber den Verlockungen des Zauberbergs immer geringer werden. Ein kleines Detail hierzu, das im Roman immer wieder auftaucht, ist sein Umgang mit dem Buch „Ocean Steamships“, das man ja als Verbindung zu seinem künftigen Beruf als Schiffsbauingenieur deuten kann.
das empfinde ich ähnlich wie du, joachim macht keine gewese aus seiner situation, er ergibt sich passiv und gleichmütig in das geschehen und den monologen und bemerkungen hc. daher mochte ich umso lieber joachims minimales aufbegehren auf s 127, 19f.
Ich möchte ebenfalls mehr über Joachim erfahren. Wie es mit ihm steht und so. Settembrini werde ich wohl das ganze Buch hindurch nervig finden mit seiner arroganten und pessimistischen Art.
Ich liebe die Gespräche mit Settembrini und freue mich schon auf seinen „Gegenpart“ 🙂
Das kann ich ohne viel zu überlegen, mit Ludovico Settembrini beantworten. Ich finde ihn unheimlich interessant und auch sympathisch beschrieben. Ich hoffe sehr, dass er bis zum Schluß bleibt und nicht etwa von mir geht. Dann interessiert mich noch, welche Rolle Madame Chauchat noch spielen wird. Und Herr Albin natürlich auch.
Madame Chauchat. Möchte endlich erfahren, an wen sie ihn erinnert und ob die Antipathie bestehen bleibt. ☺️
Bisher fremdele ich mit allen Figuren und habe noch keinen Liebling.
ich möchte ganz unbedingt alle charaktere immer wieder“sehen“ die hc gemüt in aufregung und wallung bringen wie natürlich settembrini und vor allem das kokette russ. ehepaar am schlechte russentisch (natürlich). auch die anderen bisher am rand stehenden figuren dürften meiner meinung nach gerne noch einmal näher treten, wie hermine kleefeld, marusja und auch der hustende, österr. aristokrat, der zum herrenreiter geboren (oder habe ich versäumt, war der schon nochmals über seine husterei hinaus aufgetaucht??)
Eine Lieblingsfigur habe ich bis jetzt nicht. Ich mag Hans und Joachim. Settembrini würde mir als Kurgast eher auf die Nerven gehen. Das kann sich allerdings noch ändern.
Guten Morgen, ich find die Häppchen von ca. 50 Seiten gut. Die überstrapazieren mich nicht und sind meistens am Wochenende gelesen. Mit deiner Wiederholung der Etappe find ich mich dann wieder rein und les das nächste Häppchen. Perfekt. Kein Muskelkater 🙂
Vorm Zauberberg hab ich Fahrenheit 451 gelesen, dass vom Stil her gänzlich anders ist. Während des Zauberberges les ich nur Unterhaltung, momentan einen Krimi.
Mit Zitaten aus dem Buch tu ich mich schwer. Für mich ist es schon ganz was Besonderes und eher selten, dass mich ein Satz direkt anspringt, weil ein Autor etwas sagenhaft treffend in eine Metapher kleidet oder etwas anderweitig auf den Punkt bringt.
Die Philosophie muss ich erst etwas sacken lassen. Das dauert immer etwas, bis sich da bei mir ein Gedankengerüst aufstellt.
Langsam frag ich mich, ob ich die einzige bin, die sich an diesen komischen Kur-Gebahren festsaugt … mein Lesefluss ist oft gestört, weil meine Gedanken um die Art und Weise der Durchführung dieser Kuren kreiseln und ich einfach nicht fassen kann, dass massiv reichhaltiges Essen mit mehreren Gängen und Liegen iwie gesundheitsfördernd sein sollen. Es war die Zeit der Turnvereine, Turnvater Jahn hatte schon lange die Welt revolutioniert und jeder wusste, dass Turnen gesund ist. Es kann also nicht an veraltetem Gesundheitswissen liegen. Ich hatte vor langer Zeit ein Buch über Dr. Kellogg und sein Sanatorium gelesen, auch den Film gesehen, und vor meinem geistigen Augen springen immer Männer in gestreiften langen Badeanzügen rum … all das gibts aber nicht bei denen da oben … die machen gar nichts außer einem Spaziergang. Nicht, dass das nicht auch mal schön ist … aber über Jaaaahre? Okay, damit will ich sagen, dass sich mir die Art der Behandlungen nicht erschließt und alles wirklich eher nach Hotel als nach einer Gesundheitsanstalt riecht. Und das, komischerweise, beschäftigt mein Hirn, während ich die Weltanschauung der einzelnen Personen lese.
Wenn ich es richtig auf dem Schirm habe, ist das Sanatorium an die Heilanstalt angelehnt, die Katia Mann in Davos öfter besucht hat. Also gehe ich davon aus, dass das Kurleben dort tatsächlich so war wie es beschrieben wird. Was für eine Abzocke … ich meine, auch Dr. Kellogg hat natürlich mit der Gesundheit viel viel Geld verdient, aber da konnte man ja wenigstens zumindest dafür sorgen, dass es einem nicht schlechter ging. Den Aufenthalt bei denen da oben halte ich aber eher für krankmachen … also auf Verschlechterung des Zustandes angelehnt.
Toll, da kommen mir gleich zwei Ideen: Vielleicht in einem Beitrag mal den historischen Hintergrund der Kur beleuchten und ich denke mit einem Schmunzeln zurück an T.C.Boyles Willkommen in Wellville… 🙂
Genau, ich glaub, das war das Buch über Kellogg :-)) Und der Film dazu war auch sehenswert.
Ich hab mal aus wikipedia kopiert:
Im Sommer 1911 bekam Katia Mann Lungenbeschwerden und ging 1912 mit der Diagnose „geschlossene Tuberkulose“ zur Kur nach Davos. Tatsächlich dürften ihre Beschwerden anderen Ursprungs gewesen sein, denn später angefertigte Röntgenbilder zeigten, dass sie nie an Tuberkulose erkrankt gewesen sein konnte. In ihrer Autobiografie Meine ungeschriebenen Memoiren notierte sie: „Es war Sitte, dass jene, die es sich leisten konnten, nach Davos oder Arosa geschickt wurden.“
Zum Zeitpunkt der Romanhandlung, also zwischen 1907 und 1914, waren die im Roman beschriebenen Liegekuren und die Pneumothorax-Therapie mit die einzigen medizinischen Mittel mit denen die Tuberkulose behandelt werden konnte, da man zu dieser Zeit noch kein wirksames Medikament gegen den bekannten Erreger zur Verfügung hatte. Die entscheidende Wende in der Behandlung von Tuberkulose kam mit der Entdeckung von Antibiotika im Jahr 1928 durch Alexander Fleming, die erste Anwendung bei einem Menschen geschah, glaube ich, um 1940 herum.
Was nun die Rolle von Hofrat Behrens im Roman betrifft, so ist diese zwiespältig. Einerseits ist er Arzt und sollte daher ein Interesse an der raschen Heilung seiner Patienten haben, was angesichts der oben beschriebenen therapeutischen Mittel nur begrenzt möglich war, andererseits ist er als Manager des Unternehmens Berghof-Sanatorium natürlich bestrebt, dass die Patienten möglichst lange bleiben. Die im Roman geschilderte Episode rund um den Doktor Kafka beschreibt das ja ganz gut.
Da es sich bei dem Berghof-Sanatorium um ein Luxussanatorium handelt, bei dem die Patienten ihren Aufenthalt selbst bezahlten, gab es für die Dauer des Aufenthalts keine zeitliche Begrenzung, abgesehen von den vorhandenen finanziellen Ressourcen. Insofern war für Angehörige der Oberschicht damals solch lange Verweilzeiten durchaus nichts ungewöhnliches.
Diese medizinische und gesellschaftliche Realität verdichtet Thomas Mann im Roman zum Bild vom „Zauberberg“ in dem die Bewohner, bildlich gesprochen, gefangen gehalten werden.
Danke, Jürgen, für den ausführlichen Bericht. Ich stecke nicht so gut im Medienbereich und muss dann wohl was verwechselt haben. Ich dachte, Robert Koch hätte nach Entdeckung des Erregers auch mit einem Mittel dagegen experimentiert … Was dann theoretisch auch um diese Zeit gewesen sein müsste. Und dass das Mittel nix taugt, wusste ja keiner.
Aber ich glaube schon, dass man wusste, dass es nicht gut für Kranke oder gar für Kurzatmige war, sich den Bauch bis zum Erbrechen vollzuschlagen. Daher dachte ich halt, der Autor macht sich da bisschen lustig über die Gegebenheiten.
Deine Anregungen sind hochinteressant und ich werde da mal bisschen recherchieren dazu … das interessiert mich sehr.
Die Tuberkulose wurde ja auch als Schwindsucht bezeichnet. Dieser Name bezieht sich darauf, dass die Patienten rapide an Gewicht verloren. Oberstes Ziel war es, dieser Auszehrung des Körpers durch eine gesteigerte Kalorienzufuhr entgegen zu wirken. Insofern sind die im Roman geschilderten opulenten Mahlzeiten für die damalige Zeit eine normale therapeutische Praxis. Wobei wir natürlich immer im Hinterkopf haben sollten, dass wir uns in der Welt der Oberschicht bewegen.
Ja, da hast du Recht, Jürgen. Ich habe mich gestern mit den medizinischen Hintergründen befasst und bin, was die Mahlzeiten betrifft, zu dem selben Schluss gekommen wie du. Insofern macht das Essen schon Sinn.
Hab auch zu den Luftkuren dazugelernt… Schon blöd, dass die früher nicht auf Ansteckungsgefahren gekommen sind. Letzlich „pferchen“ sie alle zusammen und wundern sich, wenn es allen immer schlechter geht… Da fragt man sich glattweg, wie Katia Mann, die das wohl öfter gemacht hat, überhaupt lebend da wieder rausgekommen ist …
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