
Woche 7
Ost und West
Woche 7: Hans Castorp hat sich mit dem Diapositiv seiner geschädigten Lunge ein Bleiberecht im Berghof erworben. Wie ergeht es den Lungen der wandernden Zauberbergsteiger? Ich hoffe, ihr seid nicht ganz aus der Puste. It’s a marathon, not a sprint. Gemeinsam schaffen wir das! 🙂
1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp fühlt sich frei. Aber wovon und wozu? Offenbar vom Flachland und für den »Krankendienst«. Zufrieden schickt er jenen Brief in die Heimat, der ihm monatelang Ruhe von der Zumutung des tätigen Lebens verschaffen soll.
Sodann stürzt er sich im goldenen Oktober in die Abenteuer einer kaum noch verhohlenen Verliebtheit. Während Joachim unangenehm berührt die Augen niederschlägt, schließt Hans Castorp ritterlich die Vorhänge im Speisesaal, redet sich vor der Kleefeld um Kopf und Kragen und überholt »mit männlichen Tritten« die liebliche Kranke. Alles für ein erlösendes Lächeln der heimlich Verehrten.
Settembrini ist alles andere als einverstanden. Sein pädagogischer Schützling scheint sich inzwischen ganz der Sphäre der Krankheit ergeben zu haben und damit, wie der Italiener meint, bedrohlicherweise »Asien« statt »Europa« zuzuneigen. Ganz anders als Settembrini selbst, der sich zwar seines unbotmäßigen Körpers schämt, aber im Geiste des Protests und im Protest des Geistes an der enzyklopädischen Kur aller soziologisch bedingten Leiden mitarbeitet. Ein wahrhaft aufklärerisches Projekt, dem sich Hans Castorp probeweise und trotzig entgegenstellt, indem er sich erneut weigert abzureisen. Nun: Angesichts der 700 Seiten, die uns noch bevorstehen, sind wir davon nicht wirklich überrascht.
2. Vertiefung: Ost und West
Im Abschnitt »Aufsteigende Angst« (Woche 5) wandern Hans Castorps Gedanken zu einer nächtlichen Kahnfahrt. Auf einem See in Holstein war er damals rudernderweise in eine »träumerische Konstellation« geraten: Für eine kurze Weile war es im Westen heller Tag gewesen, während im Osten bereits eine »zauberhafte, von feuchten Nebeln durchsponnene Mondnacht« aufgezogen sei.
Nichts an dieser literarischen Szene ist Zufall. Sie ist zwar als biografisches Erlebnis Thomas Manns verbürgt, zugleich aber leitmotivisch sehr bedacht gestaltet: Taghelle und Westen auf der einen Seite. Mondnacht und Osten auf der anderen. Hans Castorp zwischen beiden.
Im »Enzyklopädie«-Abschnitt dieser Woche spitzt Settembrini den Gegensatz in seinem Sinne zu. Für ihn ist Russland als Sphäre Asiens und des Ostens der Gegensatz zum griechisch-lateinischen Westen. Hans Castorps Verliebtheit in die »kirgisenäugige« Chauchat spiegelt demnach dessen Tendenz zur träumerisch-romantischen Seite des Ostens, in der nicht technischer Fortschritt und geistige Aufklärung herrschen, sondern fatalistische Leidensbereitschaft, Krankheit und rückständige Unordnung.
Diese eigentümliche, fast rassistisch anmutende Grunddifferenz lag im 19. Jahrhundert in der Luft. Sie wurde nicht nur von europäischer sondern auch von russischer aus Seite bedient. Dostojewski etwa spann sich mit zunehmenden Alter in einen Nationalismus hinein, in dem das traditionell Russische einer degenerierten, fortschrittsgläubigen Zivilisation des Westens gegenübergestellt wurde. Kein Wunder, dass Dostojewski heute im Kreml in dieser Hinsicht sehr beliebt ist. (Zur Vertiefung eignet sich dieser neu erschienene Band mit Texten Dostojewskis zu Russland und Europa).

Thomas Mann hatte seine eigene Geschichte mit der Opposition von Ost und West, von Restauration und Fortschritt, von Romantik und Aufklärung. Sein Bruder Heinrich Mann war politisch ganz der europäischen Aufklärung verbunden, liebte Voltaire und Émile Zola, stand der Sozialdemokratie nahe. Thomas Mann gerierte sich dagegen gerne als konservativer Patriot, orientierte sich an Schopenhauer, Nietzsche und Richard Wagner und fühlte sich der romantisch-deutschen Kultur verbunden.
Als der Zauberberg 1924 erschien, hatte er diese einfache Einteilung überwunden. Ursprünglich skeptisch, ja ablehnend gegenüber der Demokratie der Weimarer Republik, öffnete er sich angesichts des aufkommenden Faschismus zunehmend für die einst kritisch beäugte Linie der demokratischen Aufklärung.
Wie sich Hans Castorp, staunend zwischen Tag und Nacht hin und her blickend, wohl entscheiden wird?
3. Anregungen zum Austausch
- Hans Castorp ist mit dem Absenden seines Briefes nun endgültig angekommen und fühlt sich rechtmäßig als »einer von Uns«. Wie ist den Lesegefühl im Moment: Angekommen und heimatlich – schleppenden Schrittes – gelangweilt – guter Laune?
- In den Kommentaren fiel eine spannende Bemerkung: Die Charaktere Thomas Manns sind letztlich nicht greifbar, keine echten Menschen. Da sein Ziel vielleicht tatsächlich mehr Typen und Typologien sind als psychologische Tiefenschärfen, kann ich das ganz gut nachvollziehen. Wie geht es dir? Werden die Figuren für dich lebendig?
- Osten und Westen: Wie ging es dir mit dieser schematischen Gegenüberstellung?
- Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
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Hallo. Alles in allem kam ich gut voran und empfinde nur manche Passagen als schleppend. Sonst bin ich doch schon recht heimatlichen hier oben geworden.
Es kommt auf die Figur an. So zum Beispiel sind Joachim, Hans oder Herr Settembrini sehr real vor meinem inneren Auge, wenn ich etwas über sie oder von ihnen lese. Andere Charaktere sind da nicht so plastisch für mich.
Ich fand die Gegenüberstellung dieser beiden Extreme sehr gewagt. Settembrinis Aussage zu Castrop über Frau Chauchat fand ich etwas rassistisch. Allerdings muss man wieder die Zeit bedenken in der das Buch spielt bzw. geschrieben/ veröffentlicht wurde. Dann rückt diese Aussage wieder in ein ganz anderes Licht. Tolerieren sollt man sie aber trotzdem auf keinen Fall!
Hans Castorp ist mit dem Absenden seines Briefes nun endgültig angekommen und fühlt sich rechtmäßig als »einer von Uns«. Wie ist den Lesegefühl im Moment: Angekommen und heimatlich – schleppenden Schrittes – gelangweilt – guter Laune?
Mein Lesegefühl kann ich nur mit einem Wort beschreiben: nonstop.
Ich bin schon am Ende der nächsten Woche und will hier natürlich nicht spoilern, aber langweilig wird es definitiv nicht. Thomas Mann schafft etwas Erstaunliches: Es gibt praktisch keine Action. Der Roman besteht aus Natur- und Personenbeschreibungen, Gedanken und langen Gesprächen. Und trotzdem ist er unglaublich spannend.
Und die Sprache… sie ist ein Hochgenuss. Als Nicht-Muttersprachlerin muss ich zwar langsam lesen, aber ich lerne dabei unglaublich viel. Allein dafür hat sich der Zauberberg für mich schon gelohnt.
Meinen höchsten Respekt, dass Du als Nicht Muttersprachlerin Den Zauberberg auf Deutsch liest.
Als Muttersprachler schaue ich auch viel nach in dem ausgezeichneten grünen Reclam Buch Von Daniela Langer.
Übrigens lese ich Thomas Mann auch sehr langsam!
Deiner Interpretation stimme ich zu: Der Roman hat sehr wenig Handlung und dennoch kommt keine Langeweile auf.
Mich würde interessieren, was Deine Muttersprache ist und ob Du Thomas Mann in Deiner Muttersprache gelesen und falls ja, wie Du die Qualität der Übersetzung beurteilst.
Ich bin gut gelaunt erleichtert, dass Hans diesen Brief geschrieben hat und somit den Entschluss gefasst hat, zu bleiben.
Das ist eine interessante Leerstelle im Roman.
Fällt ihm der Entschluss schwer? Befürchtet er die Reaktion auf seinen Entschluss?
Zögert er mit dem Brief, weil er sich nicht endgültig festlegen möchte und er unsicher ist?
Ich möchte auch mal Danke sagen, Alex. Wie unten schon steht, helfen deine kurzen Zusammenfassungen nach jeder Etappe enorm, um am Ball zu bleiben und manchmal auch zum Verständnis. Also ich hab mich auch schon dabei erwischt, wie ich dachte: Hä?! Wo stand denn das? … was mich hin und wieder auch zurückblättern ließ. Manchmal, wenn es zu hektisch um mich rum ist, schweifen beim Lesen meine Gedanken ab. Wenn ich es merke, klappe ich das Buch zu. Aber manchmal krieg ich es halt nicht mit und dann erinnerst du mich 😉
Für mich sind die Kommentare hier sehr interessant. Ich finde es absolut erstaunlich, wie jeder das Buch über seine persönlichen Facetten empfindet und völlig andere Dinge rausliest. Es fallen ja jedem die Details ins Auge, die ihn selbst beschäftigen. Das zeigt auch den Ideenreichtum des Buches. So als spricht es ausnahmslos alle Menschen an.
Ich für meinen Teil hab ich schon immer ein Problem mit Krankheit bzw. eingebildeter Krankheit oder mit Menschen, die sich Krankheit als Lebensweg suchen. Jetzt stoße ich auf Castorp und denke mir, was er wohl heute wäre … nein, ein sympathischer Charakter ist das für mich nicht. 😉 Arbeitsscheu, blutleer, ruhend auf Privilegien, an deren Erschaffung er selber überhaupt keinen Anteil hat und nicht den Hauch eines Ehrgeizes, irgendetwas davon zurückzugeben … wenn schon nicht der Gesellschaft, so doch wenigstens der Familie bzw. denen, die dafür gesorgt haben, dass er bei denen dort oben Däumchen drehen kann. Null Dankbarkeit, keine Übernahme von Verantwortung, aber viel überhebliche Wichtigkeit … ich glaube, Schaumschläger nennt man das heute.
Ein sehr hartes Urteil über Hans Castorp, dessen Kindheit von Verlusten geprägt war und der sich anschickte, seine berufliche Laufbahn zu beginnen.
Ich denke er kommt mit den von Dir beschriebenen Werten auf dem Zauberberg an, die er maßgeblich durch den Einfluss Settembrinis und neu gewonnene Einsichten ändert.
Er kann sich die Krankheit leisten und dem Hamsterrad entfliehen.
Die Krankheit gibt ihm die Gelegenheit, über Themen wie Krankheit, Liebe, Tod und Zeit nachzudenken und wie man neudeutsch sagt,
sich auszuprobieren,
placet experiri wie Settembrini sagt.
Hallo Alexander,
du gibst aber schon zu, dass Castorp schon nicht sonderlich viel Enthusiasmus in seine berufliche Laufbahn gelegt hat, oder? Also soweit ich mich erinnere, hatte er schon auf seiner Fahrt ein Fachbuch dabei, dass er am Anfang des Romans immer mal wieder in den Händen hielt. Allerdings schafft er es nie, darin zu lesen. Mittlerweile ist dieses Buch gänzlich abgestorben, zumindest kam es jetzt lange nicht mehr zur Sprache. Und für mich ist das ein kleiner Einblick in den Charakter: Er hat Pläne, aber er setzt sie nicht um. Er erzählt darüber, aber er TUT nicht. Und es ist auch von Anfang an klar, dass er nicht wirklich Lust auf seinen Job hat … so wie er auch einfach irgendeinen Job genommen hat, weil einer so gut wie der andere war.
Verluste in der Kindheit sind schlimm, dass wissen wir heute sehr eindringlich und wahrscheinlich viel besser als Thomas Mann damals. Aber wir wollen auch nicht vergessen, dass Castorp durch den Verlust nicht in einem Armen- oder Waisenhaus gelandet, sondern sehr gut aufgefangen wurde von seinen Verwandten und dass ihm Fürsorge und nicht Hass entgegenschlug. Vom Wohlstand mal ganz abgesehen.
Worauf will ich hinaus? Castorp hat gar keine Chance, sich auszuprobieren. Denn in der Starre des Lebens auf dem Zauberberg gibt es dazu gar keine Möglichkeiten. Im Gegenteil, indem er bleibt, entzieht er sich aller Praxis, allen Lebenserfahrungen, die er hätte machen können … denn was soll ihm passieren? Das Leben sicher nicht.
Für mich ist er ein armer Hans. Ich glaube auch eher, er hatte und hat nicht mal Werte und Settembrini hat ihm geraten, wieder zu gehen. Als einziger, soweit ich es auf dem Schirm habe. Hätte Castorp also diese Werte gehabt, dann hätte er sicher auf Settembrini gehört und wäre abgereist. Settembrini hat die Gefahr erkannt und auch, wie leicht formbar unser „Held“ ist (was er natürlich auch für sich und seine Interessen zu nutzen versucht) … so les ich das.
Hallo Katrin,
Deine Interpretation, dass sich Hans dem bürgerlichen Leben entzieht, kann man so sehen.
Das zeigt sich auch im Kontrast zu seinem Vetter Joachim, der widerwillig auf dem Zauberberg ist und wieder gerne ins Leben da unten zurückkehren würde.
Was mich gewundert hat, war die Tatsache, dass Hans seine Krankheit und ein weiteres Verweilen auf dem Zauberberg sehr sachlich akzeptiert.
An seiner Stelle hätte ich es als schockierend empfunden, wenn ich in dem Bewusstsein, gesund zu sein, einen Kranken besuche und dann eine derartige Diagnose erhalte.
Andererseits ist der Perspektivwechsel vom gesunden Beobachter zum Kranken interessant.
Durch die Krankheit entzieht er sich dem Leben mit Verpflichtungen und genießt die gewonnene Freiheit, neudeutsch: Krankheitsgewinn.
Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob er eine faule Socke ist, wenngleich er die langfristige Krankschreibung bereitwillig akzeptiert, ihm als Alibi dient und eine Alternative ausschließt.
Dr. Behrens bescheinigt ihm sogar ein Talent zum Kranksein.
Abschließend, ich bin mir nicht sicher, ob er sich vorsätzlich dem Leben entzieht.
Guten Morgen, Alexander,
der Vorsatz ist eine interessante Frage. Jemand anders hat hier ja schon geschrieben, dass es bei den Personen etwas an Gefühlen mangelt. Und das sehe ich auch so … es ist ein wesentlicher Punkt ihrer Greifbarkeit. Und genau deshalb ist es auch schwierig, Vorsatz zu unterstellen. Man weiß ja nicht wirklich, was Castorp für ein Typ ist. Das steh ich völlig hinter dir und unterschreibe deine Aussage.
Aber Fakt ist ja, dass er sich eigentlich nach der Krankheit sehnt, dass er ja auch kranke Menschen für die Elite hält und letztlich vielleicht einfach nur dazu gehören möchte. Es ist gut möglich, dass er nur auf dem „falschen“ Dampfer ist. Vielleicht muss man auch deshalb das Buch öfter lesen …
Für mich ist es die Erstlektüre und mir knallt alles so rein, wie ich es lese und in Empfindungen umsetze. Und bis jetzt hat Castorp nicht mal den Anspruch, etwas anderes als krank zu sein. Ich bin jetzt in dem Kapitel, wo das Bild der Chauchat bei Hofrat Behrens eine große Rolle spielt. Man könnte meinen, er würde sich so langsam etwas öffnen … aber ich kann immer noch keine Gefühlsregungen sehen. Ich erkenne körperliche Lust, aber Liebe? Ich habe Castorp zwar vor Augen wie alle anderen auch, aber ich kann mit ihm immer noch nichts anfangen. Momentan beginnt er, zumindest innerlich, altbackene Konventionen abzustreifen. Ob er sich aber jemals traut, das auch äußerlich zu tun, bleibt vermutlich bis zum Ende die Frage.
Behrens ist für mich ein Geschäftsführer durch und durch. Der sagt und tut alles, wenn nur Geld fließt … man kann den Roman ungeheuer gut und eigentlich sehr erschreckend in unsere Zeit übertragen. Alle Charaktere gibt es noch heute. Aber bedeutet das nicht letztendlich, dass sich die Menschheit … der Mensch … nicht geändert hat? Egal, welche Meinungen wir nach außen vertreten, welche Einstellungen uns prägen, wie die Gesellschaft sich weiter entwickelt, der eigentliche Mensch ist immer noch derselbe wie damals. Ich wage zu behaupten, dass jeder Leser in diesem Buch einen Charakter findet, den er im realen Leben kennt. Und Castorps gibt es sehr viele. Aber bringen die sich selbst oder die Gesellschaft voran? Der Erzähler sagt anfangs, es geht um einen ziemlich durchschnittlichen Helden …also scheint sein Typus auch in den 20ern der Durchschnitt gewesen zu sein. Vielleicht ist das auch ein Passus, einfach mal Jahre später zu schauen, wohin wir mit solchen „Helden“ geraten sind.
Gott, bei diesem Roman kommt man mit spielerischer Leichtigkeit von einem zum anderen ;-)) Wahrscheinlich ist Der Zauberberg in puncto Themen und Philosophien eine eierlegende Wollmilchsau. 😉
Hallo Katrin,
Mit einer gewissen Ungeduld habe ich auf Deine Antwort gewartet, denn Deine Gedanken zur Person Hans Castorp haben mich zu intensiverem Nachdenken angeregt.
Ich stimme Dir zu, dass er gefühlsarm ist. Obwohl er zunächst Probleme hat, sich zu akklimatisieren, verspürt er kein Heimweh nach Hamburg und seiner vertrauten Umgebung.
Offensichtlich ist er nicht sehr verwurzelt und sehr bindungsarm.
Sein bisheriges Leben hat ihm keine großen Verpflichtungen auferlegt.
Er ist mittelmäßig, wenig ehrgeizig und recht passiv.
Er hat keine Ecken und Kanten und ist daher sehr schwer greifbar.
Für mich besteht darin die Raffinesse von Thomas Mann, dass er uns einen Helden vorstellt, der durchschnittlich und fast langweilig zu nennen ist.
Er pendelt zwischen den Polen Settembrini (Intellekt) und Madame Chauchat (Eros) hin und her, wobei Madame Chauchat als femme fatal, seine Reserviertheit und Gefühlskälte aufzubrechen scheint.
Dadurch wird Hans für den Leser wiederum sehr interessant, da er verschiedenen Einflüssen ausgesetzt ist.
Auf dem Zauberberg schlägt er Wurzeln. Er richtet sich häuslich ein, indem er sich die für einen längeren Aufenthalt notwendigen Dinge zuschicken lässt.
Sein Brief zeugt für mich zudem von einer Egozentrik, da er sich nicht nach seinen Anverwandten erkundigt.
Summa summarum enttäuscht er Erwartungen, die ich an eine Person in seiner Situation stellen würde.
Inwieweit Personen wie Hans ein Produkt ihrer Zeit sind oder zeitlos sind, würde ich mit sowohl als auch beantworten.
Für mich bleibt der Charakter von Hans rätselhaft und schwer greifbar, was ihn aber sehr interessant für Interpretationen macht.
Keine Frage, der Roman ist eine eierlegende Wolfmilchsau!
Hallo Alexander, ich danke dir schmunzelnd für dein Feedback. Ich möchte nochmal betonen, dass ich von Literatur keine intensive Ahnung habe und meistens sogar diverse Texte völlig anders verstehe als andere Leute. Ich bin ein Bauchleser und brauche im Buch ein gewisses Flair.
Natürlich hat mich dein Hinweis auf das „Waisenkind“ auch nicht losgelassen. Deine obige Zusammenfassung von Hans unterschreibe ich vollständig, ich sehe das auch so. Allerdings führt das zu der Frage, was uns der Autor wohl mit dem konstruierten Hintergrund von Castorp sagen will. Also wie passen die verlorenen Eltern und der Großvater in den Text und auf die Figur? Bisher sieht es nicht so aus als wäre Castorp sehr davon geprägt… Aber müsste er das nicht sein (zumindest wenn man der Logik folgt, dass keine Figur im Roman sinnlos skizziert wurde)? Was also bezweckt Thomas Mann damit? Vielleicht kommt da späterhin im Roman noch was, ich hoffe das sehr. Was Bücher betrifft, die ich bisher gelesen habe, ist Hans Castorp das untypischste Waisenkind, was ich kenne. Und die lethargische Ader, die er hat, ist ja ein Wesenszug und sollte mit seinen Verlusten nicht allzu viel zu tun haben.
Also wie du siehst, ich habe auch von dir eine große Denkaufgabe bekommen. Denn vor deiner Erinnerung daran hatte ich Castorps Ausgangssituation fast vergessen. Was halt auch sagt, dass ich sie die ganze Lesezeit über nicht spüren konnte.
Guten Morgen Katrin,
Ahnung schadet nicht, braucht man aber auch nicht zu haben und sollte einen nicht vom Lesen Abhalten.
Auch die Vorgabe: das muss man gelesen haben, halte ich für unsinnig.
Andererseits hat mich ein zu großer Respekt vor Klassikern davon abgehalten, sie zu lesen.
Ich habe den Zauberberg bei der Erstlektüre als schrecklich langweilig und ermüdend empfunden und mich gefragt, was die Leute daran so toll finden.
Nein, ich lese zu meinem Vergnügen und setze mich gerne mit den Gedanken des Autors auseinander.
Eine Bereicherung ist an dieser Stelle der Gedankenaustausch mit anderen Lesern.
Zurück zu Hans:
Er ist mittelmäßig, aber trotzdem untypisch, da er beispielsweise nicht dem Bild eines Waisenkindes entspricht.
Aus unserer Sicht von „da unten“ ist Hans ein Drückeberger, der sich der Verantwortung entzieht.
Settembrinis Empfehlung weist er mehrfach ohne Zögern zurück, da seine Krankheit ihm den Aufenthalt auf dem Zauberberg garantiert. Er hat keinerlei Zweifel daran, dass er möglicherweise auf dem falschen Dampfer ist.
Sein Beruf als Ingenieur scheint ihn wenig zu begeistern.
Andererseits kann ich Hans Entscheidung verstehen. Er hat die Möglichkeit, seinen Urlaub zu verlängern und ein sorgenfreies und angenehmes Leben ohne Verpflichtungen zu führen.
So mancher ist nach einem Urlaub im Ausland an einem Ort hängenblieben und ist nicht wieder in seine Heimat zurückgekehrt. So mancher hat nach Ausbildung oder Studium etwas ganz anderes gemacht.
Natürlich erfordert das ohne die finanzielle Absicherung wesentlich mehr Mut und Risikobereitschaft als bei Hans.
Hallo Alexander,
ich habe keine Angst vor Klassikern. Nie gehabt… Ich kenne dieses Phänomen erst seid booktube, wo Leute darüber sprechen, dass sie sich nicht getraut haben usw. Für mich sind das Bücher wie alle anderen auch. Der Vorteil ist, dass mehr Leute wissen, wenigstens im Ansatz, worüber man spricht. Also wenn ich hier auf Beispiele der zeitgenössischen Literatur hinweise, steht immer eher die Frage, ob das einer kennt … wirft man einen Klassiker in den Raum ist das anders.
Meine ziemlich späte Erstlektüre des Zauberbergs ist meiner Thomas-Mann-Phobie geschuldet. Ich mag den Kerl einfach nicht. Allerdings habe ich mir ch nach vielen Jahren des lodernden Anti-Feuers mittlerweile insofern abgekühlt, dass ich ihm zugestehe, dass er ein anerkannter Autor war und… vielleicht ;))) … auch gute Bücher geschrieben hat. Also kriegt er ein paar Chancen. Trotzdem bleibt er natürlich ein deutscher Autor und die deutsche Literatur (auch der deutsche Film) macht mir immer noch Probleme. Falls du später Thackeray mitliest, wirst du vielleicht verstehen, was ich meine.
Ich finde Hans Castorp gut gelungen. Hab jetzt auch das Hörbuch angefangen und gebe der hier gemachten Empfehlung recht: Westphal wirft nochmal einen anderen Blick drauf. Leider ist das Hörbuch gekürzt und interessanterweise fehlt der komplette Teil über die verlustreiche Kindheit des Helden. Da musste ich an dich denken… Es passte wie die Faust aufs Auge: Castorps Verluste sind nicht wesentlich. Auch ein Grund übrigens,warum die Figur für mich nicht glaubwürdig und greifbar ist. Es ist als hätte er mit seinem persönlichen Hintergrund überhaupt nichts zu tun.
Dennoch finde ich gut, dass Mann einen Anti-Helden geschaffen hat, wahrscheinlich einen Mensch wie du und ich und damit ja auch thematisiert, wohin Müßiggang führen kann… zumindest sollte das in der Folge ja noch ersichtlich sein.
„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ Bin sehr gespannt, ob sich das Sprichwort bewahrheitet. Übrigens ist mir auch durch das Hörbuch Joachim etwas mehr ans Herz gewachsen… der ist gradliniger und scheinbar auch nicht so verfälscht wie Castorp.
In den Kommentaren fiel eine spannende Bemerkung: Die Charaktere Thomas Manns sind letztlich nicht greifbar, keine echten Menschen. Da sein Ziel vielleicht tatsächlich mehr Typenund Typologien sind als psychologische Tiefenschärfen, kann ich das ganz gut nachvollziehen. Wie geht es dir? Werden die Figuren für dich lebendig?
Ehrlich gesagt sehe ich das anders. Für mich sind die Figuren erstaunlich lebendig. Ich habe oft das Gefühl, mit ihnen am Esstisch zu sitzen, bei der Liegekur zu sein oder im Röntgenraum zu stehen.
Was die psychologische Tiefe angeht, finde ich, dass es dafür noch etwas zu früh ist. Wir sind doch erst bei etwa einem Drittel des Romans. Die Figuren entwickeln sich noch. Ich vermute, dass sich erst im Laufe der Geschichte zeigen wird, wer tatsächlich Tiefe besitzt und wer eher flach bleibt. Und gerade das macht für mich einen Teil der Spannung aus. Ich möchte die Figuren nicht nach 300 Seiten endgültig beurteilen, sondern ihnen die Chance geben, mich zu überraschen.
Beim Lesen sehe ich vor meinem inneren Auge recht deutlich die Romanfiguren. Wobei diese Bilder zu einem guten Teil durch die Geissendörfer-Verfilmung geprägt sein dürften. Zugleich aber habe ich zu Hans, Joachim, Herrn Settembrini und Clawdia Chauchat ein distanziertes Verhältnis. Sie gehen mir emotional nicht nahe, ich fiebere nicht mit ihnen, sondern betrachte ihre Handlungen, Gedanken und Gefühle eher mit einem analytischen Interesse.
Ich empfinde das nicht als Manko, denn der Zauberberg ist für mich weniger eine spannende, handlungsgeleitete Geschichte als vielmehr ein Ideenroman, in dem bestimmte philosophische und gesellschafts- und zeitkritische Fragen behandelt werden und die mich zum Nachdenken anregen.
Thomas Mann hat in seiner berühmten Princetoner Rede zum Zauberberg die Rolle der Romanfiguren so beschrieben:
„Sie (die Geschichte des Zauberbergs, Jürgen) arbeitet wohl mit den Mitteln des realistischen Romanes, aber sie ist kein solcher, sie geht beständig über das Realistische hinaus, indem sie es symbolisch steigert und transparent macht für das Geistige und Ideelle. Schon in der Behandlung ihrer Figuren tut sie das, die für das Gefühl des Lesers alle mehr sind, als sie scheinen: sie sind lauter Exponenten, Repräsentanten und Sendboten geistiger Bezirke, Prinzipien und Welten. Ich hoffe, sie sind deswegen keine Schatten und wandelnde Allegorien. Im Gegenteil bin ich durch die Erfahrung beruhigt, daß der Leser diese Personen, Joachim, Clawdia Chauchat, Peeperkorn, Settembrini und wie sie heißen, als wirkliche Menschen erlebt, deren er sich wie wirklich gemachter Bekanntschaften erinnert.“
herzliche Grüße
Jürgen
Danke für dieses informative Zitat, Jürgen! Ich sehe es eigentlich genauso, wie der Autor es hier erhofft, nur Joachim bleibt für mich als einzige Ausnahme eben doch blass.
Hallo Kerstin,
für mich ist Joachim sowohl eine blasse, als auch eine interessante Figur. Blass insofern, weil er sich an den Diskussionen zwischen Hans und Herrn Settembrini nicht beteiligt und außer der disziplinierten Erfüllung des Kurdienstes nichts weiter macht. Doch gerade Letzteres macht ihn wiederum zu einer interessanten Figur, da er mit seinem Beharren auf schnellstmögliche Rückkehr ins Flachland einen Gegenpol zu seinem Vetter bildet, der ja offenkundig immer mehr dem süßen Gift der horizontalen Lebensweise zu erliegen droht.
Dennoch hätte Thomas Mann durchaus die eine oder andere philosophische Erörterung von Herrn Settembrini etwas kürzer fassen und dafür beispielsweise etwas mehr von der nur angedeuteten Verliebtheit Joachims in Marusja erzählen können. Aber gut, der Autor hat’s anders entschieden,
herzliche Grüße
Jürgen
Danke für das Zitat! Interessant, wie sehr er selbst die Gefahr erkannt hat, die aus der Mechanik der „personifizierten Idee“ entsteht.
Für mich sind die unterschiedlichen Figuren auch unterschiedlich lebendig. Es gibt welche die mich nur am Rande berühren, so z.B. Dr. Blumenkohl am Tisch von Hans, Frau Salomon einmal aus Brüssel und jetzt aus Amsterdam oder Max und Moritz. Sehr lebendig sind für mich neben Hans, Herr Settembrini, Joachim und Clawdia Chauchat. Wobei ich hoffe von Marusja und Herr Albin noch zu lesen.
Osten und Westen: Wie ging es dir mit dieser schematischen Gegenüberstellung?
Tja, was soll ich sagen… Bis zu dieser Stelle habe ich Herrn Settembrini sehr gemocht und fast schon verehrt.
Ich selbst bin eine Mischung verschiedener Nationalitäten und werde sehr hellhörig, wenn Menschen anfangen, Kulturen oder Völker pauschal einzuordnen. Für mich ist das eine Form von Rassismus.
Gerade Settembrini hat mich deshalb ziemlich enttäuscht. Ausgerechnet er, der ständig Vernunft, Humanismus und Aufklärung predigt, übernimmt unkritisch Klischees über Russen und Asiaten und präsentiert sie als Wahrheit. Ich hätte von ihm erwartet, dass er den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen…
Sehr enttäuschend, Herr Settembrini.
Ich sehe das zu 100 Prozent genau so!
Meine Gedanken zum Gegensatz zwischen Osten und Westen im Zauberberg, habe ich wie folgt zusammengefasst:
Meiner Meinung nach bildet Russland oder der Osten insgesamt für Thomas Mann in diesem Roman auf der Symbolebene den Gegenpol zur westlichen Welt. Auf der westlichen Seite haben wir eine Welt, die durch die protestantische Arbeitsethik, durch bewussten Umgang mit der Zeit, durch Disziplin, strikter Wahrung der äußeren Form und Einhaltung der gesellschaftlichen Etikette geprägt ist. Russland, verkörpert durch die schöne Russin Clawdia Chauchat, steht für das Fremde, für Eros und Verführung, für Nachlässigkeit, zusammengefasst für das in Hans Augen Verbotene, das, gerade weil es verboten ist, eine immer stärker werdende Faszination auf ihn ausübt.
Betrachtet man nicht nur den Zauberberg, sondern wirft auch einen Blick auf Thomas Manns wohl berühmteste Novelle “Der Tod in Venedig”, so fällt einem sofort ins Auge, dass in beiden Werken die Gestalt des Verführers aus dem Osten kommt. In “Der Tod in Venedig” ist es der schöne polnische Junge Tadzio, im Zauberberg ist es die verführerische Clawdia Chauchat.
In beiden Werken setzt sich Thomas Mann hier mit dem Gegensatz zwischen apollinischen und dionysischen Prinzip auseinander, die Friedrich Nietzsche in seiner Schrift “Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik” beschrieben hat. Dabei steht das apollinische Prinzip, welches Thomas Mann im Westen verortet, für Maß, Selbsterkenntnis, Ruhe, logische Ordnung, feste Form, optische Klarheit. Demgegenüber zeichnet sich das dionysische Prinzip, im Zauberberg stehen dafür der Osten/Russland/Clawdia Chauchat, durch Maßlosigkeit, Entgrenzung, Ekstase, Zerstörung, Schmerz und Lust im selben Moment, wilder Tanz, formloser Fluss aus.
Bekanntlich erliegt in Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ der disziplinierte, apollinische Schriftsteller Gustav von Aschenbach dem dionysischen Rausch. Bei Hans Castorp können wir, nach fünf Kapiteln Zauberberg, noch keine endgültige Antwort geben, ob sich seine Lebenswaage eher in Richtung Osten oder Westen zuneigt.
Es ist nicht zu übersehen, dass Thomas Mann bei seinen Zuschreibungen, mit denen er Russland im Zauberberg bedenkt, mit Stereotypen und Pauschalierungen arbeitet, die der Geschichte und der politisch-gesellschaftlichen Komplexität des ehemaligen Zarenreiches in keiner Weise gerecht werden. Inwieweit man Thomas Mann hier eine rassistische Einstellung vorwerfen muss, kann ich für mich momentan noch nicht abschließend beantworten.
herzliche Grüße
Jürgen
Eine sehr schlüssige Analyse, der ich zustimme.
Rassismus würde ich Thomas Mann nicht vorwerfen.
Ich sehe es eher so, dass der Autor den Osten dem Westen vergleichend gegenüberstellt und dabei den Unterschied beim Umgang mit der Zeit herausstellt:
Diese Freigebigkeit, diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil …
Leicht zu denken, daß die Nonchalance dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden Weiträumigkeit ihres Landes zusammenhängt.
Wo viel Raum ist, da ist viel Zeit, – man sagt ja, daß sie das Volk sind, das Zeit hat und warten kann
Wir Europäer, wir können es nicht.
Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
„Aber Krankheit eine Form der Liederlichkeit? Das heißt: nicht aus Liederlichkeit entstanden, sondern selbst Liederlichkeit? Das ist doch paradox“
Hans Castrop, S. 335
Der Abschnitt beginnend mit: „Warten, sagt man, sei langweilig.“ S. 362
„Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen verliehen, damit er sie nutze.“ Settembrini S. 367
Auch die Bemerkung zum Warten ist zitatwürdig:
Warten heißt: Voraneilen, heißt: Zeit und Gegenwart nicht als Geschenk, sondern nur als Hindernis empfinden, ihren Eigenwert verneinen und vernichten und sie im Geist überspringen.
Die Analyse ist gut als Werkzeug der Aufklärung und der Zivilisation, gut, insofern sie dumme Überzeugubgen erschüttert, natürliche Vorurteile auflöst und die Autorität unterwühlt, gut, mit anderen Worten, indem sie befreit, verfeinert vermenschlicht und Knechte reif macht zur Freiheit. Sie ist schlecht, sehr schlecht, insofern sie die Tat verhindert, das Leben an den Wurzeln schädigt unfähig, es zu gestalten. Die Analyse kann eine sehr unappetitliche Sache sein, unappetitlich wie der Tod, zu dem sie dann wohl auch eigentlich gehören mag, …
Diese Woche fand ich den Text etwas langatmig,
das mag aber auch daran liegen,dass ich selbst krank geworden bin…
Mit den Figuren ist es schon so, dass sie mir nicht ganz so lebendig, bzw. gar sympathisch sind. Es gibt interessante Gedanken und Gespräche, auch Humoristisches, aber m.E. wenig Gefühle.
Dass Castorp richtig verliebt sein soll, bezweifle ich. Er ist meiner Meinung nach nur neugierig spielend, in einer Ambiguität gefangen, in Erinnerung an eine frühere Faszination…Für mich vertreibt er sich damit nur die Zeit dort…
Auch ich empfand die Einstellung Settembrinis als rassistisch und despektierlich („verlieren Sie sich nicht an das Fremde“, (…) „bald werden Sie zu grunzen beginnen“) S.375
Als interessante Passage habe ich auf S.336 Castorps Gedanken über Ironie unterstrichen:
„Aber Ironie, die keinen Augenblick missverständlich ist, was wäre das für eine Ironie(…) eine Trockenheit und Schulmeisterei wäre sie!“
Hallo Liz,
nach meiner Meinung sind Herrn Settembrinis Äußerungen, insbesondere „…bald werden Sie zu grunzen beginnen …“ vielleicht despektierlich, jedoch auf keinen Fall rassistisch.
Das Gespräch, in dem sie fallen, dreht sich wieder einmal um die zentrale Streitfrage zwischen Hans und dem italienischen Literaten und Aufklärer, nämlich das Hans, nach Settembrinis Auffassung besser daran täte, das Berghof-Sanatorium zu verlassen, da er ansonsten der Verführungskraft des Ortes, aber vor allem den Verführungskünsten Clawdia Chauchats zu erliegen drohe. Thomas Mann verweist in dieser Passage explizit auf die Odyssee-Sage von Homer, denn der Absatz, in dem die Bemerkung mit dem Grunzen fällt, lautet:
„Ich dringe in Sie: Halten Sie auf sich! Seien Sie stolz und verlieren Sie sich nicht an das Fremde! Meiden Sie diesen Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestraft zu hausen Sie nicht Odysseus genug sind. Sie werden auf allen vieren gehen, Sie neigen sich schon auf Ihre vorderen Extremitäten, bald werden Sie zu grunzen beginnen, – hüten Sie sich!«
Bekanntlich landet in Homers Sage der griechische Held Odysseus auf der Insel der Zauberin Kirke, die einen Teil seiner Männer in Schweine verwandelt, um so Odysseus und seine Mannschaft an der Weiterfahrt zu hindern. Im Berghof-Sanatorium kommt natürlich Clawdia Chauchat die Rolle der Kirke zu. (zum Bezug auf die Odysseus-Sage siehe auch den Stellenkommentar in der GKFA, Seite 210) Und dass Herr Settembrini mit seiner Warnung nicht ganz Unrecht hat, konnten wir bereits ein paar Seiten vorher lesen:
„In Hans Castorps Fall bewährte sich diese Beschaffenheit in dem Grade, daß er nicht allein aufhörte, zu urteilen, sondern auch begann, mit der Lebensform, die es ihm angetan, seinerseits Versuche anzustellen. Er versuchte, wie es sei, wenn man bei Tische zusammengesunken, mit schlaffem Rücken dasäße, und fand, daß es eine große Erleichterung für die Beckenmuskeln bedeute. Ferner probierte er es, eine Tür, durch die er schritt, nicht umständlich hinter sich zu schließen, sondern sie zufallen zu lassen; und auch dies erwies sich sowohl als bequem wie als angemessen: es entsprach im Ausdruck jenem Achselzucken, mit dem Joachim ihn seinerzeit gleich am Bahnhof begrüßt und das er seitdem so oft bei Denen hier oben gefunden hatte.
Schlicht gesagt, war unser Reisender nun also über beide Ohren in Clawdia Chauchat verliebt, – wir gebrauchen nochmals dies Wort, da wir dem Mißverständnis, das es erregen könnte, hinlänglich vorgebeugt zu haben meinen.“
Insofern hat Herrn Settembrinis Äußerung nichts mit Rassismus zu tun, sondern ist lediglich eine drastische Warnung an Hans, in welche Gefahr er sich begibt , wenn er weiter im Sanatorium bleibt, und es ist ein weiterer Verweis auf die griechische Mythologie, die ja den gesamten Roman durchzieht,
herzliche Grüße und eine rasche Genesung wünscht Dir,
Jürgen
Lieber Jürgen,
Vielen Dank für Deine Korrektur und den Hinweis auf den Kommentar, das habe ich wohl leider sehr oberflächlich gelesen🙈
Das stimmt, Castorp soll sich nicht verwandeln lassen durch die Verliebtheit zu C.Chauchat und den Verbleib im Sanatorium!
Liebe Grüße!
Mir sind vor allem die Sätze zur Ironie auf der Seite 306 ( siehe unten!) und 307 aufgefallen. Ich fand es bemerkenswert, dass Thomas Mann, der sich dieses Stilmittels so gerne bedient, durch gleich zwei seiner Figuren (Hans und Settembrini) dazu äußert.
Danke, Liz, für den Hinweis … genau das ist es: Die Gefühle fehlen. Es geht nicht um die psychologische Tiefe, es geht darum, dass die Figuren nicht atmen. Also zumindest für mein empfinden. Sie sind einfach nur Stecken mit einem absurd geordneten ständig wiederkehrenden Tagesablauf. Fachsimpeln, theoretisieren, philosophieren, schwafeln, äußere Beschreibungen … das alles gibt eine Person nicht komplett wieder. Ein Wesen holt auch Luft, hat Gedanken und Gefühle, vergisst mal im Eifer die Etikette … aber im Roman sind nur Personas, nicht Personen. Das ist genau der Knackpunkt, den ich die ganze Zeit nicht greifen konnte.
Hallo zusammen! Ich finde die Charaktere tatsächlich sehr lebendig. Das muss man Thomas Mann lassen – ich habe das Gefühl, dabei zu sein. Mir hat am letzten Abschnitt gefallen, wie deutlich Settembrini durchblicken lässt, dass er Castorp nicht für wirklich krank hält und ihm zur Abreise rät.
Insgesamt großes Lob an und Danke für das Format hier: Ich finde das Buch mittlerweile etwas zäh, aber die einzelnen Leseabschnitte sind gut handelbar und das wöchentliche Update hält mich bei der Stange 🙂 Allseits ein schönes Wochenende!
Guten Morgen Melanie,
Ich stimme Dir zu, das Lesen der Kommentare unserer Reisegesellschaft und die vorzügliche Zusammenfassung jedes Abschnitts durch Alex sind auch für mich eine wertvolle Ergänzung zur Lektüre. Ich hatte diese Woche schon am Dienstag den Abschnitt beendet und da hilft es sehr beim Weiterlesen, durch die Kommentare ins Buch zurückzufinden und um an die eigenen Gedanken anknüpfen zu können.
Weiter geht’s!
Beste Grüße,
Julia
Ja, die gegenwärtigen Abschnitte fordern Geduld. Aber es kommen wieder spannendere Teile! 🙂