Woche 7: Ost und West

Ost und West


Woche 7: Hans Castorp hat sich mit dem Diapositiv seiner geschädigten Lunge ein Bleiberecht im Berghof erworben. Wie ergeht es den Lungen der wandernden Zauberbergsteiger? Ich hoffe, ihr seid nicht ganz aus der Puste. It’s a marathon, not a sprint. Gemeinsam schaffen wir das! 🙂

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Ost und West
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp fühlt sich frei. Aber wovon und wozu? Offenbar vom Flachland und für den »Krankendienst«. Zufrieden schickt er jenen Brief in die Heimat, der ihm monatelang Ruhe von der Zumutung des tätigen Lebens verschaffen soll.

Sodann stürzt er sich im goldenen Oktober in die Abenteuer einer kaum noch verhohlenen Verliebtheit. Während Joachim unangenehm berührt die Augen niederschlägt, schließt Hans Castorp ritterlich die Vorhänge im Speisesaal, redet sich vor der Kleefeld um Kopf und Kragen und überholt »mit männlichen Tritten« die liebliche Kranke. Alles für ein erlösendes Lächeln der heimlich Verehrten.

Settembrini ist alles andere als einverstanden. Sein pädagogischer Schützling scheint sich inzwischen ganz der Sphäre der Krankheit ergeben zu haben und damit, wie der Italiener meint, bedrohlicherweise »Asien« statt »Europa« zuzuneigen. Ganz anders als Settembrini selbst, der sich zwar seines unbotmäßigen Körpers schämt, aber im Geiste des Protests und im Protest des Geistes an der enzyklopädischen Kur aller soziologisch bedingten Leiden mitarbeitet. Ein wahrhaft aufklärerisches Projekt, dem sich Hans Castorp probeweise und trotzig entgegenstellt, indem er sich erneut weigert abzureisen. Nun: Angesichts der 700 Seiten, die uns noch bevorstehen, sind wir davon nicht wirklich überrascht.


2. Vertiefung: Ost und West

Im Abschnitt »Aufsteigende Angst« (Woche 5) wandern Hans Castorps Gedanken zu einer nächtlichen Kahnfahrt. Auf einem See in Holstein war er damals rudernderweise in eine »träumerische Konstellation« geraten: Für eine kurze Weile war es im Westen heller Tag gewesen, während im Osten bereits eine »zauberhafte, von feuchten Nebeln durchsponnene Mondnacht« aufgezogen sei.

Nichts an dieser literarischen Szene ist Zufall. Sie ist zwar als biografisches Erlebnis Thomas Manns verbürgt, zugleich aber leitmotivisch sehr bedacht gestaltet: Taghelle und Westen auf der einen Seite. Mondnacht und Osten auf der anderen. Hans Castorp zwischen beiden.

Im »Enzyklopädie«-Abschnitt dieser Woche spitzt Settembrini den Gegensatz in seinem Sinne zu. Für ihn ist Russland als Sphäre Asiens und des Ostens der Gegensatz zum griechisch-lateinischen Westen. Hans Castorps Verliebtheit in die »kirgisenäugige« Chauchat spiegelt demnach dessen Tendenz zur träumerisch-romantischen Seite des Ostens, in der nicht technischer Fortschritt und geistige Aufklärung herrschen, sondern fatalistische Leidensbereitschaft, Krankheit und rückständige Unordnung.

Diese eigentümliche, fast rassistisch anmutende Grunddifferenz lag im 19. Jahrhundert in der Luft. Sie wurde nicht nur von europäischer sondern auch von russischer aus Seite bedient. Dostojewski etwa spann sich mit zunehmenden Alter in einen Nationalismus hinein, in dem das traditionell Russische einer degenerierten, fortschrittsgläubigen Zivilisation des Westens gegenübergestellt wurde. Kein Wunder, dass Dostojewski heute im Kreml in dieser Hinsicht sehr beliebt ist. (Zur Vertiefung eignet sich dieser neu erschienene Band mit Texten Dostojewskis zu Russland und Europa).

Thomas Mann hatte seine eigene Geschichte mit der Opposition von Ost und West, von Restauration und Fortschritt, von Romantik und Aufklärung. Sein Bruder Heinrich Mann war politisch ganz der europäischen Aufklärung verbunden, liebte Voltaire und Émile Zola, stand der Sozialdemokratie nahe. Thomas Mann gerierte sich dagegen gerne als konservativer Patriot, orientierte sich an Schopenhauer, Nietzsche und Richard Wagner und fühlte sich der romantisch-deutschen Kultur verbunden.

Als der Zauberberg 1924 erschien, hatte er diese einfache Einteilung überwunden. Ursprünglich skeptisch, ja ablehnend gegenüber der Demokratie der Weimarer Republik, öffnete er sich angesichts des aufkommenden Faschismus zunehmend für die einst kritisch beäugte Linie der demokratischen Aufklärung.

Wie sich Hans Castorp, staunend zwischen Tag und Nacht hin und her blickend, wohl entscheiden wird?


3. Anregungen zum Austausch

  1. Hans Castorp ist mit dem Absenden seines Briefes nun endgültig angekommen und fühlt sich rechtmäßig als »einer von Uns«. Wie ist den Lesegefühl im Moment: Angekommen und heimatlich – schleppenden Schrittes – gelangweilt – guter Laune?
  2. In den Kommentaren fiel eine spannende Bemerkung: Die Charaktere Thomas Manns sind letztlich nicht greifbar, keine echten Menschen. Da sein Ziel vielleicht tatsächlich mehr Typen und Typologien sind als psychologische Tiefenschärfen, kann ich das ganz gut nachvollziehen. Wie geht es dir? Werden die Figuren für dich lebendig?
  3. Osten und Westen: Wie ging es dir mit dieser schematischen Gegenüberstellung?
  4. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?

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Jasmin

Hallo. Alles in allem kam ich gut voran und empfinde nur manche Passagen als schleppend. Sonst bin ich doch schon recht heimatlichen hier oben geworden.

Es kommt auf die Figur an. So zum Beispiel sind Joachim, Hans oder Herr Settembrini sehr real vor meinem inneren Auge, wenn ich etwas über sie oder von ihnen lese. Andere Charaktere sind da nicht so plastisch für mich.

Ich fand die Gegenüberstellung dieser beiden Extreme sehr gewagt. Settembrinis Aussage zu Castrop über Frau Chauchat fand ich etwas rassistisch. Allerdings muss man wieder die Zeit bedenken in der das Buch spielt bzw. geschrieben/ veröffentlicht wurde. Dann rückt diese Aussage wieder in ein ganz anderes Licht. Tolerieren sollt man sie aber trotzdem auf keinen Fall!

Lidia

Mein Lesegefühl kann ich nur mit einem Wort beschreiben: nonstop.

Ich bin schon am Ende der nächsten Woche und will hier natürlich nicht spoilern, aber langweilig wird es definitiv nicht. Thomas Mann schafft etwas Erstaunliches: Es gibt praktisch keine Action. Der Roman besteht aus Natur- und Personenbeschreibungen, Gedanken und langen Gesprächen. Und trotzdem ist er unglaublich spannend.

Und die Sprache… sie ist ein Hochgenuss. Als Nicht-Muttersprachlerin muss ich zwar langsam lesen, aber ich lerne dabei unglaublich viel. Allein dafür hat sich der Zauberberg für mich schon gelohnt.

Alexander

Meinen höchsten Respekt, dass Du als Nicht Muttersprachlerin Den Zauberberg auf Deutsch liest.
Als Muttersprachler schaue ich auch viel nach in dem ausgezeichneten grünen Reclam Buch Von Daniela Langer.
Übrigens lese ich Thomas Mann auch sehr langsam!
Deiner Interpretation stimme ich zu: Der Roman hat sehr wenig Handlung und dennoch kommt keine Langeweile auf.

Alexander

Mich würde interessieren, was Deine Muttersprache ist und ob Du Thomas Mann in Deiner Muttersprache gelesen und falls ja, wie Du die Qualität der Übersetzung beurteilst.

Daniela Kauf

Ich bin gut gelaunt erleichtert, dass Hans diesen Brief geschrieben hat und somit den Entschluss gefasst hat, zu bleiben.

Alexander

Das ist eine interessante Leerstelle im Roman.
Fällt ihm der Entschluss schwer? Befürchtet er die Reaktion auf seinen Entschluss?
Zögert er mit dem Brief, weil er sich nicht endgültig festlegen möchte und er unsicher ist?

Katrin

Ich möchte auch mal Danke sagen, Alex. Wie unten schon steht, helfen deine kurzen Zusammenfassungen nach jeder Etappe enorm, um am Ball zu bleiben und manchmal auch zum Verständnis. Also ich hab mich auch schon dabei erwischt, wie ich dachte: Hä?! Wo stand denn das? … was mich hin und wieder auch zurückblättern ließ. Manchmal, wenn es zu hektisch um mich rum ist, schweifen beim Lesen meine Gedanken ab. Wenn ich es merke, klappe ich das Buch zu. Aber manchmal krieg ich es halt nicht mit und dann erinnerst du mich 😉

Für mich sind die Kommentare hier sehr interessant. Ich finde es absolut erstaunlich, wie jeder das Buch über seine persönlichen Facetten empfindet und völlig andere Dinge rausliest. Es fallen ja jedem die Details ins Auge, die ihn selbst beschäftigen. Das zeigt auch den Ideenreichtum des Buches. So als spricht es ausnahmslos alle Menschen an.

Ich für meinen Teil hab ich schon immer ein Problem mit Krankheit bzw. eingebildeter Krankheit oder mit Menschen, die sich Krankheit als Lebensweg suchen. Jetzt stoße ich auf Castorp und denke mir, was er wohl heute wäre … nein, ein sympathischer Charakter ist das für mich nicht. 😉 Arbeitsscheu, blutleer, ruhend auf Privilegien, an deren Erschaffung er selber überhaupt keinen Anteil hat und nicht den Hauch eines Ehrgeizes, irgendetwas davon zurückzugeben … wenn schon nicht der Gesellschaft, so doch wenigstens der Familie bzw. denen, die dafür gesorgt haben, dass er bei denen dort oben Däumchen drehen kann. Null Dankbarkeit, keine Übernahme von Verantwortung, aber viel überhebliche Wichtigkeit … ich glaube, Schaumschläger nennt man das heute.

Alexander

Ein sehr hartes Urteil über Hans Castorp, dessen Kindheit von Verlusten geprägt war und der sich anschickte, seine berufliche Laufbahn zu beginnen.
Ich denke er kommt mit den von Dir beschriebenen Werten auf dem Zauberberg an, die er maßgeblich durch den Einfluss Settembrinis und neu gewonnene Einsichten ändert.
Er kann sich die Krankheit leisten und dem Hamsterrad entfliehen.
Die Krankheit gibt ihm die Gelegenheit, über Themen wie Krankheit, Liebe, Tod und Zeit nachzudenken und wie man neudeutsch sagt,
sich auszuprobieren,
placet experiri wie Settembrini sagt.

Katrin

Hallo Alexander,

du gibst aber schon zu, dass Castorp schon nicht sonderlich viel Enthusiasmus in seine berufliche Laufbahn gelegt hat, oder? Also soweit ich mich erinnere, hatte er schon auf seiner Fahrt ein Fachbuch dabei, dass er am Anfang des Romans immer mal wieder in den Händen hielt. Allerdings schafft er es nie, darin zu lesen. Mittlerweile ist dieses Buch gänzlich abgestorben, zumindest kam es jetzt lange nicht mehr zur Sprache. Und für mich ist das ein kleiner Einblick in den Charakter: Er hat Pläne, aber er setzt sie nicht um. Er erzählt darüber, aber er TUT nicht. Und es ist auch von Anfang an klar, dass er nicht wirklich Lust auf seinen Job hat … so wie er auch einfach irgendeinen Job genommen hat, weil einer so gut wie der andere war.

Verluste in der Kindheit sind schlimm, dass wissen wir heute sehr eindringlich und wahrscheinlich viel besser als Thomas Mann damals. Aber wir wollen auch nicht vergessen, dass Castorp durch den Verlust nicht in einem Armen- oder Waisenhaus gelandet, sondern sehr gut aufgefangen wurde von seinen Verwandten und dass ihm Fürsorge und nicht Hass entgegenschlug. Vom Wohlstand mal ganz abgesehen.

Worauf will ich hinaus? Castorp hat gar keine Chance, sich auszuprobieren. Denn in der Starre des Lebens auf dem Zauberberg gibt es dazu gar keine Möglichkeiten. Im Gegenteil, indem er bleibt, entzieht er sich aller Praxis, allen Lebenserfahrungen, die er hätte machen können … denn was soll ihm passieren? Das Leben sicher nicht.

Für mich ist er ein armer Hans. Ich glaube auch eher, er hatte und hat nicht mal Werte und Settembrini hat ihm geraten, wieder zu gehen. Als einziger, soweit ich es auf dem Schirm habe. Hätte Castorp also diese Werte gehabt, dann hätte er sicher auf Settembrini gehört und wäre abgereist. Settembrini hat die Gefahr erkannt und auch, wie leicht formbar unser „Held“ ist (was er natürlich auch für sich und seine Interessen zu nutzen versucht) … so les ich das.

Lidia

Ehrlich gesagt sehe ich das anders. Für mich sind die Figuren erstaunlich lebendig. Ich habe oft das Gefühl, mit ihnen am Esstisch zu sitzen, bei der Liegekur zu sein oder im Röntgenraum zu stehen.
Was die psychologische Tiefe angeht, finde ich, dass es dafür noch etwas zu früh ist. Wir sind doch erst bei etwa einem Drittel des Romans. Die Figuren entwickeln sich noch. Ich vermute, dass sich erst im Laufe der Geschichte zeigen wird, wer tatsächlich Tiefe besitzt und wer eher flach bleibt. Und gerade das macht für mich einen Teil der Spannung aus. Ich möchte die Figuren nicht nach 300 Seiten endgültig beurteilen, sondern ihnen die Chance geben, mich zu überraschen.

Jürgen

Beim Lesen sehe ich vor meinem inneren Auge recht deutlich die Romanfiguren. Wobei diese Bilder zu einem guten Teil durch die Geissendörfer-Verfilmung geprägt sein dürften. Zugleich aber habe ich zu Hans, Joachim, Herrn Settembrini und Clawdia Chauchat ein distanziertes Verhältnis. Sie gehen mir emotional nicht nahe, ich fiebere nicht mit ihnen, sondern betrachte ihre Handlungen, Gedanken und Gefühle eher mit einem analytischen Interesse.

Ich empfinde das nicht als Manko, denn der Zauberberg ist für mich weniger eine spannende, handlungsgeleitete Geschichte als vielmehr ein Ideenroman, in dem bestimmte philosophische und gesellschafts- und zeitkritische Fragen behandelt werden und die mich zum Nachdenken anregen.

Thomas Mann hat in seiner berühmten Princetoner Rede zum Zauberberg die Rolle der Romanfiguren so beschrieben:

„Sie (die Geschichte des Zauberbergs, Jürgen) arbeitet wohl mit den Mitteln des realistischen Romanes, aber sie ist kein solcher, sie geht beständig über das Realistische hinaus, indem sie es symbolisch steigert und transparent macht für das Geistige und Ideelle. Schon in der Behandlung ihrer Figuren tut sie das, die für das Gefühl des Lesers alle mehr sind, als sie scheinen: sie sind lauter Exponenten, Repräsentanten und Sendboten geistiger Bezirke, Prinzipien und Welten. Ich hoffe, sie sind deswegen keine Schatten und wandelnde Allegorien. Im Gegenteil bin ich durch die Erfahrung beruhigt, daß der Leser diese Personen, Joachim, Clawdia Chauchat, Peeperkorn, Settembrini und wie sie heißen, als wirkliche Menschen erlebt, deren er sich wie wirklich gemachter Bekanntschaften erinnert.“

herzliche Grüße
Jürgen

Kerstin

Danke für dieses informative Zitat, Jürgen! Ich sehe es eigentlich genauso, wie der Autor es hier erhofft, nur Joachim bleibt für mich als einzige Ausnahme eben doch blass.

Jürgen

Hallo Kerstin,

für mich ist Joachim sowohl eine blasse, als auch eine interessante Figur. Blass insofern, weil er sich an den Diskussionen zwischen Hans und Herrn Settembrini nicht beteiligt und außer der disziplinierten Erfüllung des Kurdienstes nichts weiter macht. Doch gerade Letzteres macht ihn wiederum zu einer interessanten Figur, da er mit seinem Beharren auf schnellstmögliche Rückkehr ins Flachland einen Gegenpol zu seinem Vetter bildet, der ja offenkundig immer mehr dem süßen Gift der horizontalen Lebensweise zu erliegen droht.

Dennoch hätte Thomas Mann durchaus die eine oder andere philosophische Erörterung von Herrn Settembrini etwas kürzer fassen und dafür beispielsweise etwas mehr von der nur angedeuteten Verliebtheit Joachims in Marusja erzählen können. Aber gut, der Autor hat’s anders entschieden,

herzliche Grüße
Jürgen

Daniela Kauf

Für mich sind die unterschiedlichen Figuren auch unterschiedlich lebendig. Es gibt welche die mich nur am Rande berühren, so z.B. Dr. Blumenkohl am Tisch von Hans, Frau Salomon einmal aus Brüssel und jetzt aus Amsterdam oder Max und Moritz. Sehr lebendig sind für mich neben Hans, Herr Settembrini, Joachim und Clawdia Chauchat. Wobei ich hoffe von Marusja und Herr Albin noch zu lesen.

Lidia

Tja, was soll ich sagen… Bis zu dieser Stelle habe ich Herrn Settembrini sehr gemocht und fast schon verehrt.

Ich selbst bin eine Mischung verschiedener Nationalitäten und werde sehr hellhörig, wenn Menschen anfangen, Kulturen oder Völker pauschal einzuordnen. Für mich ist das eine Form von Rassismus.

Gerade Settembrini hat mich deshalb ziemlich enttäuscht. Ausgerechnet er, der ständig Vernunft, Humanismus und Aufklärung predigt, übernimmt unkritisch Klischees über Russen und Asiaten und präsentiert sie als Wahrheit. Ich hätte von ihm erwartet, dass er den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen…

Sehr enttäuschend, Herr Settembrini.

Daniela Kauf

Ich sehe das zu 100 Prozent genau so!

Jürgen

Meine Gedanken zum Gegensatz zwischen Osten und Westen im Zauberberg, habe ich wie folgt zusammengefasst:

Meiner Meinung nach bildet Russland oder der Osten insgesamt für Thomas Mann in diesem Roman auf der Symbolebene den Gegenpol zur westlichen Welt. Auf der westlichen Seite haben wir eine Welt, die durch die protestantische Arbeitsethik, durch bewussten Umgang mit der Zeit, durch Disziplin, strikter Wahrung der äußeren Form und Einhaltung der gesellschaftlichen Etikette geprägt ist. Russland, verkörpert durch die schöne Russin Clawdia Chauchat, steht für das Fremde, für Eros und Verführung, für Nachlässigkeit, zusammengefasst für das in Hans Augen Verbotene, das, gerade weil es verboten ist, eine immer stärker werdende Faszination auf ihn ausübt.

Betrachtet man nicht nur den Zauberberg, sondern wirft auch einen Blick auf Thomas Manns wohl berühmteste Novelle “Der Tod in Venedig”, so fällt einem sofort ins Auge, dass in beiden Werken die Gestalt des Verführers aus dem Osten kommt. In “Der Tod in Venedig” ist es der schöne polnische Junge Tadzio, im Zauberberg ist es die verführerische Clawdia Chauchat.

In beiden Werken setzt sich Thomas Mann hier mit dem Gegensatz zwischen apollinischen und dionysischen Prinzip auseinander, die Friedrich Nietzsche in seiner Schrift “Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik” beschrieben hat. Dabei steht das apollinische Prinzip, welches Thomas Mann im Westen verortet, für Maß, Selbsterkenntnis, Ruhe, logische Ordnung, feste Form, optische Klarheit. Demgegenüber zeichnet sich das dionysische Prinzip, im Zauberberg stehen dafür der Osten/Russland/Clawdia Chauchat, durch Maßlosigkeit, Entgrenzung, Ekstase, Zerstörung, Schmerz und Lust im selben Moment, wilder Tanz, formloser Fluss aus.

Bekanntlich erliegt in Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ der disziplinierte, apollinische Schriftsteller Gustav von Aschenbach dem dionysischen Rausch. Bei Hans Castorp können wir, nach fünf Kapiteln Zauberberg, noch keine endgültige Antwort geben, ob sich seine Lebenswaage eher in Richtung Osten oder Westen zuneigt.

Es ist nicht zu übersehen, dass Thomas Mann bei seinen Zuschreibungen, mit denen er Russland im Zauberberg bedenkt, mit Stereotypen und Pauschalierungen arbeitet, die der Geschichte und der politisch-gesellschaftlichen Komplexität des ehemaligen Zarenreiches in keiner Weise gerecht werden. Inwieweit man Thomas Mann hier eine rassistische Einstellung vorwerfen muss, kann ich für mich momentan noch nicht abschließend beantworten.

herzliche Grüße
Jürgen

Jasmin

„Aber Krankheit eine Form der Liederlichkeit? Das heißt: nicht aus Liederlichkeit entstanden, sondern selbst Liederlichkeit? Das ist doch paradox“
Hans Castrop, S. 335

Der Abschnitt beginnend mit: „Warten, sagt man, sei langweilig.“ S. 362

„Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen verliehen, damit er sie nutze.“ Settembrini S. 367

Alexander Janich

Die Analyse ist gut als Werkzeug der Aufklärung und der Zivilisation, gut, insofern sie dumme Überzeugubgen erschüttert, natürliche Vorurteile auflöst und die Autorität unterwühlt, gut, mit anderen Worten, indem sie befreit, verfeinert vermenschlicht und Knechte reif macht zur Freiheit. Sie ist schlecht, sehr schlecht, insofern sie die Tat verhindert, das Leben an den Wurzeln schädigt unfähig, es zu gestalten. Die Analyse kann eine sehr unappetitliche Sache sein, unappetitlich wie der Tod, zu dem sie dann wohl auch eigentlich gehören mag, …

Liz

Diese Woche fand ich den Text etwas langatmig,
das mag aber auch daran liegen,dass ich selbst krank geworden bin…
Mit den Figuren ist es schon so, dass sie mir nicht ganz so lebendig, bzw. gar sympathisch sind. Es gibt interessante Gedanken und Gespräche, auch Humoristisches, aber m.E. wenig Gefühle.
Dass Castorp richtig verliebt sein soll, bezweifle ich. Er ist meiner Meinung nach nur neugierig spielend, in einer Ambiguität gefangen, in Erinnerung an eine frühere Faszination…Für mich vertreibt er sich damit nur die Zeit dort…
Auch ich empfand die Einstellung Settembrinis als rassistisch und despektierlich („verlieren Sie sich nicht an das Fremde“, (…) „bald werden Sie zu grunzen beginnen“) S.375
Als interessante Passage habe ich auf S.336 Castorps Gedanken über Ironie unterstrichen:
„Aber Ironie, die keinen Augenblick missverständlich ist, was wäre das für eine Ironie(…) eine Trockenheit und Schulmeisterei wäre sie!“

Zuletzt bearbeitet am 4 Tage vor von Liz
Jürgen

Hallo Liz,

nach meiner Meinung sind Herrn Settembrinis Äußerungen, insbesondere „…bald werden Sie zu grunzen beginnen …“ vielleicht despektierlich, jedoch auf keinen Fall rassistisch.

Das Gespräch, in dem sie fallen, dreht sich wieder einmal um die zentrale Streitfrage zwischen Hans und dem italienischen Literaten und Aufklärer, nämlich das Hans, nach Settembrinis Auffassung besser daran täte, das Berghof-Sanatorium zu verlassen, da er ansonsten der Verführungskraft des Ortes, aber vor allem den Verführungskünsten Clawdia Chauchats zu erliegen drohe. Thomas Mann verweist in dieser Passage explizit auf die Odyssee-Sage von Homer, denn der Absatz, in dem die Bemerkung mit dem Grunzen fällt, lautet:

„Ich dringe in Sie: Halten Sie auf sich! Seien Sie stolz und verlieren Sie sich nicht an das Fremde! Meiden Sie diesen Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestraft zu hausen Sie nicht Odysseus genug sind. Sie werden auf allen vieren gehen, Sie neigen sich schon auf Ihre vorderen Extremitäten, bald werden Sie zu grunzen beginnen, – hüten Sie sich!«

Bekanntlich landet in Homers Sage der griechische Held Odysseus auf der Insel der Zauberin Kirke, die einen Teil seiner Männer in Schweine verwandelt, um so Odysseus und seine Mannschaft an der Weiterfahrt zu hindern. Im Berghof-Sanatorium kommt natürlich Clawdia Chauchat die Rolle der Kirke zu. (zum Bezug auf die Odysseus-Sage siehe auch den Stellenkommentar in der GKFA, Seite 210) Und dass Herr Settembrini mit seiner Warnung nicht ganz Unrecht hat, konnten wir bereits ein paar Seiten vorher lesen:

„In Hans Castorps Fall bewährte sich diese Beschaffenheit in dem Grade, daß er nicht allein aufhörte, zu urteilen, sondern auch begann, mit der Lebensform, die es ihm angetan, seinerseits Versuche anzustellen. Er versuchte, wie es sei, wenn man bei Tische zusammengesunken, mit schlaffem Rücken dasäße, und fand, daß es eine große Erleichterung für die Beckenmuskeln bedeute. Ferner probierte er es, eine Tür, durch die er schritt, nicht umständlich hinter sich zu schließen, sondern sie zufallen zu lassen; und auch dies erwies sich sowohl als bequem wie als angemessen: es entsprach im Ausdruck jenem Achselzucken, mit dem Joachim ihn seinerzeit gleich am Bahnhof begrüßt und das er seitdem so oft bei Denen hier oben gefunden hatte.
Schlicht gesagt, war unser Reisender nun also über beide Ohren in Clawdia Chauchat verliebt, – wir gebrauchen nochmals dies Wort, da wir dem Mißverständnis, das es erregen könnte, hinlänglich vorgebeugt zu haben meinen.“

Insofern hat Herrn Settembrinis Äußerung nichts mit Rassismus zu tun, sondern ist lediglich eine drastische Warnung an Hans, in welche Gefahr er sich begibt , wenn er weiter im Sanatorium bleibt, und es ist ein weiterer Verweis auf die griechische Mythologie, die ja den gesamten Roman durchzieht,

herzliche Grüße und eine rasche Genesung wünscht Dir,

Jürgen

Liz

Lieber Jürgen,
Vielen Dank für Deine Korrektur und den Hinweis auf den Kommentar, das habe ich wohl leider sehr oberflächlich gelesen🙈
Das stimmt, Castorp soll sich nicht verwandeln lassen durch die Verliebtheit zu C.Chauchat und den Verbleib im Sanatorium!
Liebe Grüße!

Kerstin

Mir sind vor allem die Sätze zur Ironie auf der Seite 306 ( siehe unten!) und 307 aufgefallen. Ich fand es bemerkenswert, dass Thomas Mann, der sich dieses Stilmittels so gerne bedient, durch gleich zwei seiner Figuren (Hans und Settembrini) dazu äußert.

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Katrin

Danke, Liz, für den Hinweis … genau das ist es: Die Gefühle fehlen. Es geht nicht um die psychologische Tiefe, es geht darum, dass die Figuren nicht atmen. Also zumindest für mein empfinden. Sie sind einfach nur Stecken mit einem absurd geordneten ständig wiederkehrenden Tagesablauf. Fachsimpeln, theoretisieren, philosophieren, schwafeln, äußere Beschreibungen … das alles gibt eine Person nicht komplett wieder. Ein Wesen holt auch Luft, hat Gedanken und Gefühle, vergisst mal im Eifer die Etikette … aber im Roman sind nur Personas, nicht Personen. Das ist genau der Knackpunkt, den ich die ganze Zeit nicht greifen konnte.

Melanie

Hallo zusammen! Ich finde die Charaktere tatsächlich sehr lebendig. Das muss man Thomas Mann lassen – ich habe das Gefühl, dabei zu sein. Mir hat am letzten Abschnitt gefallen, wie deutlich Settembrini durchblicken lässt, dass er Castorp nicht für wirklich krank hält und ihm zur Abreise rät.
Insgesamt großes Lob an und Danke für das Format hier: Ich finde das Buch mittlerweile etwas zäh, aber die einzelnen Leseabschnitte sind gut handelbar und das wöchentliche Update hält mich bei der Stange 🙂 Allseits ein schönes Wochenende!

Julia

Guten Morgen Melanie,
Ich stimme Dir zu, das Lesen der Kommentare unserer Reisegesellschaft und die vorzügliche Zusammenfassung jedes Abschnitts durch Alex sind auch für mich eine wertvolle Ergänzung zur Lektüre. Ich hatte diese Woche schon am Dienstag den Abschnitt beendet und da hilft es sehr beim Weiterlesen, durch die Kommentare ins Buch zurückzufinden und um an die eigenen Gedanken anknüpfen zu können.
Weiter geht’s!
Beste Grüße,
Julia

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