TOTENTANZ


Woche 9: Noch wenige Schritte und wir sind bei der Hälfte angelangt. Eine wohlverdiente Pause wartet auf die Wandergruppe, sobald die 10. Etappe gemeistert ist.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Media vita in morte sumus
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Es weihnachtet sehr! Wobei… eigentlich gar nicht so sehr. Hans Castorps erste Weihnachten auf dem Berghof sind gemessen an den Feierlichkeiten im Flachland eher eine Enttäuschung. Ein wenig Baumschmuck, ein paar Geschenke für den Hofrat, ansonsten wird die besonderste Zeit des Jahres von »denen hier oben« so zeithungrig verschlemmt wie alle anderen Zeiten des Jahres auch.

Gut, dass Hans Castorp einen Weg findet, seine Zeit sinnvoll zuzubringen. Ganz im Sinne seiner neu erworbenen medizinischen Interessen (und wohl auch im Geiste seiner alten Sympathien für den seelsorgerlichen Beruf) verlegt er sich auf Krankenbesuche bei den Schweren und Ernsten. Den Vetter wohl oder übel im Schlepptau, tut Hans Castorp »pädagogisch Verbotenes«, wobei die christliche Nächstenliebe nicht nur Vorwand ist. Er flirtet ein wenig (Leila Gerngroß, Frau von Mallinckrodt), lässt sich über die nördliche Exotik Russlands belehren (Ferge) und widmet sich besonders der ärmlichen Karen Karstedt.

Mit ihr nehmen sie an den Lustbarkeiten der Davoser Gesellschaft teil, beobachten die internationale Hautevolee beim Schlittschuhlaufen und erleben das Kino als Zeitmaschine. Schließlich besuchen sie mit der 19jährigen Karen Karstedt den Friedhof und bleiben nachdenklich vor einer leeren Grabstelle stehen, die wie reserviert und vorbereitet erscheint.


2. Vertiefung: Media vita in morte sumus

Der Titel unseres Abschnitts – »Totentanz« – hat seinen Ursprung in der bildenden Kunst. Totentanz (franz. dance macabre) nennt man allegorische Bilderreihen, in denen der als Skelett versinnbildlichte Tod verschiedene Personen zum Tanz auffordert.

Ausschnitt aus dem Lübecker Totentanz

Eines der hervorragenden Beispiele dieser Gattung war in der Lübecker Marienkapelle zu sehen, Thomas Manns Taufkirche. Die Bildreihe wurde leider im 2. Weltkrieg größtenteils zerstört. Auf alten Fotografien kann man ihre Symbolik jedoch gut erkennen: Der Tod tanzt mit einer Reihe von Menschen, angeordnet vom höchsten bis zum niedrigsten Mitglied der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Die Botschaft ist deutlich: Vor dem Tod sind alle gleich. Es ist wohl kein Zufall, dass sich diese Bildsymbolik gerade im 15. Jahrhundert über Westeuropa verbreitete und also im Gefolge der grassierenden Pest-Epidemien.

In seiner schauerlichen Bildsprache bringt der Totentanz eine alte religiöse Weisheit zum Ausdruck: Media vitae in morte sumus, mitten im Leben im Tode wir sind. Oder, mit Psalm 90 gesprochen: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.«

So mündet Hans Castorps medizinische (und, wir wissen es: erotische) Faszination für die Leiblichkeit in eine eigenständige Bildungserfahrung. Gegen die Fortschrittsliebe Settembrinis und die im Berghof übliche Verdrängung des Todes entscheidet er sich für eine bewusste Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit. Er weiß dabei ganz genau: »Settembrini fände keinen Gefallen daran, es ist nichts für Humanisten und Republikaner und solche Pädagogen, es ist von einer anderen Geistesrichtung, der anderen, die es gibt.« (445)

Diese andere Geistesrichtung wird Hans Castorp geballt in einer zweiten pädagogischen Figur entgegentreten, die sich in der Atmosphäre von »Sakrallatein, Mönchsdialekt, Mittelalter« sehr viel wohler fühlen wird als der italienische Enzyklopädiker und Menschheitstherapeut. Das wird ein Geistesduell, auf das man sich jetzt schon freuen kann!


3. Anregungen zum Austausch

  1. Thomas Mann Heimatstadt Lübeck hat in seinen Romanen (allen voran den Buddenbrooks) tiefe Spuren hinterlassen. Ich kenn bisher nur ihren Bahnhof… Wer aus unserer Leserunde hat mehr Lübeck-Erfahrungen?
  2. Hans Castorps Engagement für die Moribunden: Eine Überraschung? Nimmst du ihm die Nächstenliebe ab oder bist du eher skeptisch gegenüber seinen Motiven?
  3. Die Kino-Episode ist ein Beitrag Thomas Manns zur Mediendebatte seiner Zeit. Ich stelle fest, dass auch diese Neuerung schon durch die Skepsis begleitet wurde, ob sie nicht das natürliche Verhältnis des Menschen zum Analogen, zu Zeit und Raum beschädige. Nicht so viel anders als heute im Falle von Internet und Sozialen Medien, oder?
  4. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?

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Dror

Ich mochte den Satz, den Thomas Mann verwendet um seine Vorstellung von der Unzertrennlichkeit von Raum und Zeit. „Der Raum war vernichtet, die Zeit zurückgestellt, das Dort und Damals in ein huschendes, gaukelndes, von Musik umspieltes Hier und Jetzt verwandelt.
Die Wörter; huschendes und gaukelndes lassen sich onomatopoeisch klingen, die an das Wort Tohuwabohu in der Entstehung der Welt in das Buch Genesis erinnern.

Kerstin
  1. Thomas Manns Heimatstadt Lübeck hat in seinen Romanen (allen voran den Buddenbrooks) tiefe Spuren hinterlassen. Ich kenn bisher nur ihren Bahnhof… Wer aus unserer Leserunde hat mehr Lübeck-Erfahrungen?

Erst vor wenigen Wochen, Anfang Juni, sind mein Mann und ich zum ersten Mal in Lübeck gewesen. Ich hatte mich auch wegen „Budddenbrooks“ auf die Stadt gefreut und bin von der Stadt Lübeck generell nicht enttäuscht worden. Allerdings habe ich eher deswegen einen schönen Kurzurlaub verbracht, weil Lübeck eine hübsche und auch hübsch gelegene Stadt ist, nicht, weil ich viel in Bezug auf Thomas Mann erfahren habe: Das „Buddenbrook“- Haus ist aktuell und schon seit Jahren wegen eines großen Umbaus geschlossen. Bis zur Wiedereröffnung dauert es noch. Und auch eine Ausstellung zu Thomas Mann in einem anderen Museum ist vor ein paar Monaten ausgelaufen, weil in diesen Räumlichkeiten nun auch renoviert wird. Das war etwas enttäuschend. Aber man sieht die Fassade des „Buddenbrook“- Hauses, das Gymnasium Katharineum, die Marienkirche u.a. und kann z.B. über die Breite Straße spazieren. Da erkennt man doch ein paar Dinge aus dem Buch wieder.

Jürgen

Hallo Alex,

da ich in Hamburg wohne, besuche ich Lübeck in regelmäßigen Abständen, Auf den Fotos sieht man: das Buddenbrook-Haus, die Kirche St. Marien, einen Ausschnitt aus dem Lübecker Totentanz, der Apostel mit der Brille ist eine Detailansicht aus dem Antwerpener Altar, der ebenfalls in St. Marien zu sehen ist, ebenso wie die astronomische Uhr, Nicht zu vergessen der schöne Marktplatz und das berühmte Holstentor,

herzliche Grüße
Jürgen

Silke

Ich bin bezüglich seinen Motiven komplett ambivalent. Vor allem bin ich sehr gespannt, wie lange er es aufrechterhalten wird. Wenn er seinen bisher gezeigten Charakterzügen folgen wird, erwarte ich, dass er sehr bald damit wieder aufhören wird. Ich persönlich glaube eigentlich, dass er die Besuche aus falschen Motiven heraus macht. Für mich hat es auch die Komponente eines Machtgefälles. Denn wie schwer (oder nicht schwer oder überhaupt nicht) krank jemand ist, das macht im „dort oben“ seine Stellung in dieser Zweckgemeinschaft aus. Ich finde die Idee hinter diesem Konstrukt sehr interessant.

Jasmin

Sehe ich ebenso. Bin da sehr zwiegespalten, was das angeht mit den guten Taten von unserem Castrop.

Jürgen

Zu diesem Abschnitt ist mir Folgendes eingefallen:

  • Im Gegensatz zu den vorangegangenen Kapiteln des Romans ist dieser Abschnitt nicht von philosophischen Erörterungen, sondern von Handlungen geprägt. Wir erleben Hans und in seinem Schlepptau seinen Vetter Joachim als “barmherzige Samariter“. Während Hans Blick auf den Tod in der Vergangenheit romantisch verklärt war, gewinnt er jetzt durch die Besuche bei den “Moribunden” einen realistischen Blick auf den Tod. Der Tod wird jetzt gewissermaßen entzaubert, nicht mehr länger verdrängt, sondern ins Leben zurückgeholt.
  • Bemerkenswert fand ich die kleine Episode während der musikalischen Aufführung am Ende des ersten Weihnachtsfeiertages, als Clawdia Chauchat und Herr Settembrini vorzeitig die Aufführung verließen. Befreit von den beiden Antipoden, der Verführung und der Vernunft, konnte sich Hans nun dem Genuss der Musik hingeben. Das Lied “Ich trage meine Minne” ist noch einmal ein Verweis auf das Mittelalter, zum anderen auf seine unerfüllbar scheinende Liebe zu Clawdia. Bekanntlich war die Minne im Mittelalter Ausdruck der unerfüllbaren Liebe eines Ritters zu einer höher stehenden Dame.
  • Bei der Beschreibung des Kinobesuchs musste ich an Platons Höhlengleichnis denken. Hier wird noch einmal auf den irrealen Charakter der Welt des Berghof-Sanatoriums verwiesen. Thomas Mann hat ja selbst, wenn er über den Zauberberg sprach, auf die märchenhaften Bezüge des Romans, wie den Verweis auf die Tannhäuser-Sage oder das Märchen von Zwerg Nase hingewiesen. So wie die Schatten an der Wand in Platons Höhle ist auch die Welt des Zauberbergs eine Welt aus zweiter Hand.
  • Zu der Szene, als Hans, Joachim und Karen den Davoser Friedhof besuchen und am Ende die freie Friedhofsfläche betrachten, auf der sich demnächst Karens Grab befinden würde, hatte ich folgende Gedankenverbindung: Nimmt Thomas Mann hier nicht, wie überhaupt im ganzen Kapitel, die Schrecken des 1. Weltkrieges vorweg? Denn wir dürfen ja eines nicht vergessen: Thomas Mann beschreibt im Zauberberg die Welt vor 1914, er beschreibt sie aber mit dem Wissen darüber, was zwischen 1914 und 1918 in den Schützengräben vor Verdun geschah. Insofern könnte dieses Kapitel auch als prophetischer Ausblick gedeutet werden.

herzliche Grüße

Jürgen

Jasmin

Mein Lieblingszitat der Woche ist:

„Welchen Beruf er gewählt habe, fragte sie. Er antwortete, er sei Techniker „gewesen“. – Gewesen? – Gewesen insofern, als nun ja die Krankheit und ein noch recht unbestimmt begrenzter Aufenthalt hier oben dazwischen gekommen sei, was doch einen bedeutenden Einschnitt und möglicherweise etwas wie einen Lebenswendepunkt darstelle, was könne man wissen. (Joachim sah ihn mit forschendem Schrecken an.)“

Dörthe

Ich habe mich auch über Hans Enthusiasmus gewundert, bin aber der Meinung, dass er dadurch vom Klinikalltag abgelenkt wird.
Außerdem hat er tatsächlich mehrfach mit dem Tod zu tun gehabt und dies schon in sehr jungen Jahren. Er mag es nicht, dass der Tod von den Patienten fern gehalten wird. Vielleicht ist das seine Art, dagegen zu rebellieren

Alexander

In Hans Castorps Engagement sehe ich die logische Fortsetzung seines theoretisch erworbenen medizinischen Wissens, das er jetzt in der Praxis studiert.
Nicht aus Nächstenliebe, sondern aus seiner Auseinandersetzung mit dem Tod, macht er Krankenbesuche.

Jasmin

Stimme ich dir zu. Es ist wirklich erschreckend und erstaunlich was man aus diesem Klassiker in die heutige Zeit übertragen kann.

Silke

Mir hat es nicht ein Satz angetan, aber mir wird Joachim immer undurchschaubarer. Kam er mit doch eher wie jemand vor, der ein Ziel im Leben hat und das mit einigem Nachdruck auch verfolgen möchte, gibt er sich jetzt komplett Hans‘ Liebhabereien hin. Warum tut er das? Da bin ich gespannt…

Jasmin

Mein Lieblingszitat der Woche ist:

„Welchen Beruf er gewählt habe, fragte sie. Er antwortete, er sei Techniker „gewesen“. – Gewesen? – Gewesen insofern, als nun ja die Krankheit und ein noch recht unbestimmt begrenzter Aufenthalt hier oben dazwischen gekommen sei, was doch einen bedeutenden Einschnitt und möglicherweise etwas wie einen Lebenswendepunkt darstelle, was könne man wissen. (Joachim sah ihn mit forschendem Schrecken an.)“

Daniela Kauf

Ob jener ( der Tischlersohn und Menschheits-Rabbi) wirklich gelebt habe, sei ungewiß. Was aber damals geboren worden sei und seinen bis heute ununterbrochen Siegeslauf begonnen habe, das sei die Idee des Wertes der Einzelseele, zusammen mit der der Gleichheit gewesen – mit einem Worte die individualistische Demokratie. Seite 438/23

Dörthe

Das hatte ich mir auch als Zitat notiert

Alexander

Requiescat in pace, sagte er. Sit tibi terra levis. Requiem aeternam dona ei, Domine. Siehst du, wenn es sich um den Tod handelt und man zu Toten spricht oder von Toten, so tritt auch wieder das Latein in Kraft, das ist die offizielle Sprache in solchen Fällen, da merkt man, was für eine besondere Sache es mit dem Tode ist.

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