
Woche 5
Temperatur
Woche 5: Etwas verändert sich. Hans Castorp schiebt sich unbemerkt ein ganz anderer als der ursprüngliche Grund für seinen Aufenthalt unter.
1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp wird wagemutig. Erst sind es Blicke, die er in Richtung des »Guten Russentischs« wirft. Dann inszeniert er Begegnungen mit Madame Chauchat, im Treppenhaus, auf dem Gang.
Zugleich aber steigt eine unbestimmte Angst auf. Hans Castorp beginnt, sich umzusehen: Nach „Hilfe, nach Rat und Stütze“, nach einem Mentor, nach Bildung.
Da ist Herr Settembrini natürlich nicht weit. Am Tisch nach dem Abendessen, bei gemeinsamen Spaziergängen nutzt er die sich ihm bietende Gelegenheit, die beiden jungen Cousins zu belehren. Nicht zuletzt über sich selbst und seine Ahnen: Liberale Patrioten, Umstürzler und Aufklärer, Kämpfer für den technischen und politischen Fortschritt. Hans Castorp ist, wenn nicht einverstanden, so doch immerhin beeindruckt.
Als die letzte Woche anbricht, geschieht das Erstaunliche: Hans Castorp erkältet sich. Das sieht man nicht gern im Sanatorium, wie Joachim weiß: »Krank soll man hier lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum.« Allerdings wird sich umgehend gekümmert: Von Fräulein Mylendonk erhält Hans Castorp sein eigenes Thermometer, worüber Joachim tief erschrickt. Es zeigt an: Temperatur!
Bei der folgenden Untersuchung bestätigt sich die frühe Ahnung des Hofrats: Hans Castorp hat entschieden Talent zum Patienten. Die Höhenluft hat seine latente Krankheit zum Vorschein gebracht. Einige Wochen Bettruhe sind das Mindeste. Dr. Krokowski gratuliert per Handschlag.
2. Vertiefung: Liegekur in Davos
Unser Erstaunen über die Kurpraxis auf dem Zauberberg hat hier und da schon ihren Niederschlag in den Kommentaren gefunden. Zigarren und üppige Mahlzeiten dürften heute nicht mehr zum Arsenal der Maßnahmen gegen Lungenkrankheiten gehören…
Ausgedacht oder verzerrt ist Thomas Manns Darstellung allerdings nicht. Mitleser Jürgen hat es in seinem Kommentar schon angemerkt: Tuberkulose (damals: Schwindsucht) ist ein bakterieller Infekt. Da ein wirksames Antibiotikum nicht bekannt war, verlegte man sich auf andere Mittel. Darunter die Luftkur.

Der deutsche Arzt Alexander Spengler kam 1853 auf Stellensuche ins abgelegene Bergdorf Davos. Erstaunt stellte er fest, dass hier niemand an der in Europa grassierenden Schwindsucht litt. Er trat mit Fachkollegen in Austausch. Man vermutete einen positiven Einfluss des Hochgebirgsklimas auf die Atemwege. Spengler verzeichnete mit seinen Liegekuren gute Erfolge. Rasch entstanden Fremdenpensionen, bald folgten Kurkliniken und Sanatorien.
Katia Mann, die Ehefrau von Thomas Mann, verbrachte mehrere Kuraufenthalte in Davos. Bei einem Besuch lernte Thomas Mann die dortigen Sanatorien (v.a. das Waldsanatorium Davos und das Waldhotel Arosa) aus eigener Anschauung kennen. Für drei Wochen war sein Besuch veranschlagt. Der behandelnde Arzt empfahl einen längeren Aufenthalt. Doch Thomas Mann reiste ab. Wer weiß, ob wir sonst je den »Zauberberg« zu lesen bekommen hätten…
Übrigens: Wer auf Katia und Thomas Manns Spuren wandeln möchte, kann sich noch heute im selben Hotel einbuchen. Das Waldhotel Davos wirbt mit Wellness „For Body & Soul“ – inklusive „Thomas Mann Suite.“
3. Anregungen zum Austausch
Etappe 5 ersteigen wir in beträchtlicher Flachland-Hitze. Ob das Einfluss auf die Lektüre nimmt? Ich habe mich jedenfalls dabei erwischt, zwischendurch etwas neidisch auf Davoser Abkühlung zu sein.
- Ist der Zauberberg eigentlich verfilmbar? Es gibt eine Verfilmung von 1982, die eher kritisch gesehen wurde. Wem würde man heute einen Zauberberg-Film zutrauen? Vielleicht ja Wes Anderson? Was denkst du?
- Welche Szene oder Gespräch hat es dir in dieser Woche besonders angetan? Oder lief es schleppend?
- Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
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Ist der Zauberberg eigentlich verfilmbar? Es gibt eine Verfilmung von 1982, die eher kritisch gesehen wurde. Wem würde man heute einen Zauberberg-Film zutrauen? Vielleicht ja Wes Anderson? Was denkst du?
Wenn Eric Rohmer noch lebte, würde ich mir eine Verfilmung von ihm wünschen. Er könnte die endlosen Dialoge sicher perfekt inszenieren. 😉
Sehe ich genauso.
Für mich gibt es nur eine richtige Verfilmung des Zauberbergs:
Tarantino. Inglorious Liegekuren.
Szene X.
Behrens betrachtet ein Thermometer.
„37,6.“
Dramatische Nahaufnahme.
„Verdammt.“
Morricone-Musik setzt ein… 😄
Das wäre doch etwas für den Meister der Dialoge Richard Linklater. Intensive Gespräche vor wechselnder Kulisse. Die Filmintensität entsteht einzig und allein durch die Dynamik der Beziehung der Schauspieler zueinander.
Ich stelle mir eine angemessene Verfilmung des Romans als schwierig, vielleicht sogar unmöglich vor. Mit angemessen meine ich, dass die zentralen Themen des Romans wie Zeit, Krankheit, Tod, Vernunft in eine Bildsprache, und Kino ist ja zuallererst ein visuelles Medium, umgesetzt werden, sodass im besten Falle diejenigen, die nur den Film gesehen haben ein ebenso tiefes Verständnis vom Zauberberg haben wie die Leser*innen des Romans. Bis jetzt kannte ich nur die Kinofassung der Romanverfilmung von Hans W. Geissendörfer, nun habe ich aber entdeckt, dass er gleichzeitig auch eine dreiteilige Fernsehfassung gedreht hat, die doppelt so lang wie der Kinofilm ist. Die werde ich mir in den nächsten Tagen einmal anschauen. Vielleicht kommt sie ja meinen Vorstellungen von einer idealen Zauberberg-Verfilmung nahe. Kinofilm und Fernseh-Dreiteiler findet man auf Youtube, wenn man „Der Zauberberg Film“ in die Suche eingibt.
Ich bin der Meinung, dass der Zauberberg zur heutigen Zeit wohl nicht mehr verfilmbar wäre. Es gibt keine langsamen, sich ausdehnende Geschichten mehr. Es ist alles schneller, bunter, brutaler oder lustiger geworden.
Einen Film in schwarz-weiß könnte ich mir gut vorstellen
Welche Szene oder Gespräch hat es dir in dieser Woche besonders angetan? Oder lief es schleppend?
Mir hat das Spielchen zwischen Castorp und Frau Chauchat sehr amüsiert, ihre Blicke, die Situation mit der fast herunter gefallenen Serviette und Castorp in 8 m Entfernung in Sprungstellung…Den ganzen Aufwand, den Castorp betreibt, um ihr im Gang zu begegnen und sie auf sich aufmerksam zu machen! 🙂
Mir haben mehrere Absätze gut gefallen! Seite 216/10ff über die Langeweile und die Abwechslung.
Dann die Erläuterung von Settembrini über „Worte“ Seite 243/12-24. Und die Beschreibung darüber was Hans bzgl Urteilsfähigkeit von Settembrini lernen kann, Seite 267/11.
Ich fand folgende Stelle am Ende des Kapitels „Aufsteigende Angst. Von den beiden Großvätern und der Kahnfahrt im Zwielicht“ bemerkenswert:
„Was oder wer aber befand sich auf dieser anderen, dem Patriotismus, der Menschenwürde und der schönen Literatur entgegengesetzten Seite, wohin Hans Castorp sein Sinnen und Betreiben nun wieder lenken zu dürfen glaubte? Dort befand sich… Clawdia Chauchat, – schlaff, wurmstichig und kirgisenäugig; und indem Hans Castorp ihrer gedachte (übrigens ist *gedenken“ ein allzu gezügelter Ausdruck für seine Art, sich ihr innerlich zuzuwenden), war es ihm wieder, als säße er im Kahn auf jenem holsteinischen See und blicke aus der glasigen Tageshelle des westlichen Ufers vexierten und geblendeten Auges hinüber in die nebeldurchsponnene Mondnacht der östlichen Himmel.“
Hier wird ja ziemlich drastisch das widersprüchliche Wesen von Clawdia Chauchat betont. Auf der einen Seite ihre äußere Schönheit und die sinnlich-erotische Ausstrahlung, die sie, wie das Spiel der Blicke im Speisesaal ja gezeigt hat, auf Hans Castorp ausübt und andererseits ihr innerer Verfall. Hier wird mal wieder ein zentrales Thema im Werk von Thomas Mann angesprochen, die Gleichzeitigkeit von äußerer Schönheit und innerem Verfall und Verwesung. Und all diese negativen Bilder werden im Osten verortet.. Ach ja, „die nebeldurchsponnene Mondnacht“, was für eine schöne, romantische Beschreibung.
Die Szene mit der Oberin, die gegenüber Hans Castorp äusserst dominant und resolut auftritt und keinerlei Widerspruch duldet und ihn wie einen Schuljungen behandelt.
Allein beim Kauf des Thermometers kann er etwas Selbstbewusstsein zurückerlangen.
Eine zentrale Stelle, in der Hans Castorp den Übergang vom blossen Besucher zum Patienten vollzieht.
Ich hatte das Gefühl, die Hitze draußen hat mich etwas dabei gestört, in den Zauberberg abtauchen zu können. Mir hat das Gespräch mit Settembrini gut gefallen. Die Technik, die Menschen zusammenbringen soll, die Vorurteile zerstören und endlich die allgemeine Vereinigung herbeiführe. S. 217
Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
Mir hat den Titelname sehr gut gefallen; “Launen des Merkur”. Thomas Mann könnte das Wort Quecksilber benutzen aber er bevorzugt die lateinische Bezeichnung, die humoristisch in diesem Zusammenhang klingt. Überdies es erinnert mich an einem früheren Zitat von Hofrat Behrens: “wie es ihr gehe, könne einzig und allein der Arzt beurteilen; sie könne nur angeben, wie sie sich fühle, – und daran sei wenig gelegen.“.
„Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen Tantalus endlich einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise einmal den berühmten Marmor wälzen! Das nenne ich wahre Herzensgüte. (…)“ Settembrini zu Frau Stöhr ( in Aufsteigende Angst, S.229-230)
„Krank soll man hier lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum. (…)“ Joachim zu Castrop (in Das Thermometer, S.253)
Seite 269/7: denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die Rede per Du, auch wenn der Mund noch nicht einmal „Sie“ gesagt hat.
Dieses Zitat hat mir sehr gut gefallen:
„Mit einem Worte: Hans Castorp sah in seinem stillen Ver-hältnis zu dem nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ein Ferienabenteuer, das vor dem Tribunal der Vernunft – seines eigenen vernünftigen Gewissens – keinerlei Anspruch auf Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb nicht, weil Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Castorps Vorsichts- und Abstandsgefühlen stark beteiligt war … Nein ihre wirkliche Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht in den Sinn, und was das andere betraf, so würde es ja in anderthalb Wochen, wenn er bei Tunder & Wilms in die Praxis trat, wohl oder übel folgenlos beendet sein.“
S. 218
Ich konnte mir die Oberin so gut anhand von Manns Beschreibung vorstellen und ihre Sprechweise deutlich hören😅. Das war so amüsant (S. 231/S.232) „Was ist denn das für eine Erkältung, he?“ „Alles andere ist Schnickschnack“.
Den Ausspruch Joachim’s, als er von Hans Temperatur erfährt:“Eine schöne Bescherung“ sagte er und stand an seines Vetters Lager, wie man eben vor einer ’schönen Bescherung‘ steht, die Arme in die Seiten gestemmt und mit gesenktem Kopfe. S 238.
Auf S 242 der Ausspruch von Dr. Behrens:“ Doll, so ein Menschenthorax, der keiner mehr ist“ und ein paar Zeilen weiter, zu Hans:“Öffentliches Weinen ist nicht erlaubt. Hausverbot. Da könnte jeder kommen“
Und auch hier sehe ich den Arzt, in schwarz-weiß gefilmt am Weg stehen und mit seiner Zigarre weiterziehen
Hallo miteinander, ich weiß nicht, ob es an der Hitze liegt oder an den derzeitigen Freiluft-Sommeraktivitäten, aber ich langweile mich zu Tode auf dem Berg. Diesmal haben wir den erste Etappe, die ich nicht ganz geschafft habe. Mir fehlen noch 2 Seiten. 2 Seiten, die ich partout einfach gestern nicht mehr lesen konnte. Ich fürchte, bei einer Verfilmung würde ich nebenbei noch ein Hörbuch hören ;-). Ich bleibe erstmal dran, keine Sorge. Das ist nicht mein erster Klassiker und ich weiß, dass es immer Täler und Furchen gibt, durch die man barfuß durch muss. Nicht alles ist oben in luftiger Höhe. Leider verfestigt sich aber derzeit auch meine Meinung über Thomas Mann. Irgendwie kriegt der keine greifbaren Figuren zustande. Also ich für meinen Teil muss immer wieder feststellen, dass Mann’s Figuren tot bzw. zweidimensional sind. So leblos zumindest, dass sich die Geschichte anfühlt wie ein Stummfilm. Für mich … für meinen Geschmack … wäre nicht die wunderbare Sprache und die sprachlichen Spitzfindigkeiten, hätte ich schon geschmissen. Und somit schließt sich am Ende doch noch der Filmkreis: Ich kann mir den Zauberberg als Stummfilm vorstellen, mit entsprechender harter dramatischer musikalischer Umrahmung.
Das Schöne und Interessante an solchen Leserunden ist ja, dass man bei der Lektüre nicht im eigenen Saft schmort, sondern erfährt, was andere von dem Buch, dem Kapitel, das man gemeinsam liest, halten. Insofern erst einmal herzlichen Dank für deinen Seufzer, liebe Katrin. Und ja, auch ich habe beim Lesen die eine oder andere Durststrecke, wo ich mich frage, warum tue ich mir das alles an und/oder hatte Thomas Mann beim S. Fischer Verlag eigentlich einen Lektor und falls ja, warum hat der nicht verbessernd-korrigierend eingegriffen?
Was nun die von dir bemängelte Nicht-Greifbarkeit der Romanfiguren betrifft, so geht es mir genau anders herum. Abgesehen von Clawdia Chauchat, von der man nicht viel erfährt, gibt es von allen anderen zentralen Personen meines Erachtens jede Menge an Detailinformationen, sodass ich mir ein gutes Bild von ihnen machen kann. Manches von dem, was sie sagen und tun, kann ich nur schwer nachvollziehen, aber gut, dass geht mir bei einigen Menschen, denen ich im realen Leben begegne genauso.
Hinzu kommt, dass ich parallel den Roman als Hörbuch in der Lesung von Gert Westphal höre und dass durch die Art seines Vortrags die Figuren für mich noch ein Stück weit lebendiger wirken als wenn ich den Roman nur lesen würde.
Rein interessehalber würde mich interessieren, was es denn deiner Meinung nach bedarf, damit Hans, Joachim, Herr Settembrini und all die anderen Berghof-Gäste nicht länger zwei- sondern dreidimensional auf dich wirken
herzliche Grüße
Jürgen
Liebe Katrin, du sprichst mir aus der Seele, wobei ich nicht ganz so lange barfuß unterwegs bin. Wenn mich ein auch noch so großer Klassiker nicht wirklich einfängt, gebe ich lieber anderen Werken die Möglichkeit.
Das Hörbuch, gesprochen von Gert Westphal, ist ein Genuss!
Mit seiner Stimme verleiht er den Charakteren Leben und ich konnte die mir dadurch sehr gut vorstellen.
Er trifft auch sehr gut die Ironie von Thomas Mann.