
Woche 5
Temperatur
Woche 5: Etwas verändert sich. Hans Castorp schiebt sich unbemerkt ein ganz anderer als der ursprüngliche Grund für seinen Aufenthalt unter.
1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp wird wagemutig. Erst sind es Blicke, die er in Richtung des »Guten Russentischs« wirft. Dann inszeniert er Begegnungen mit Madame Chauchat, im Treppenhaus, auf dem Gang.
Zugleich aber steigt eine unbestimmte Angst auf. Hans Castorp beginnt, sich umzusehen: Nach „Hilfe, nach Rat und Stütze“, nach einem Mentor, nach Bildung.
Da ist Herr Settembrini natürlich nicht weit. Am Tisch nach dem Abendessen, bei gemeinsamen Spaziergängen nutzt er die sich ihm bietende Gelegenheit, die beiden jungen Cousins zu belehren. Nicht zuletzt über sich selbst und seine Ahnen: Liberale Patrioten, Umstürzler und Aufklärer, Kämpfer für den technischen und politischen Fortschritt. Hans Castorp ist, wenn nicht einverstanden, so doch immerhin beeindruckt.
Als die letzte Woche anbricht, geschieht das Erstaunliche: Hans Castorp erkältet sich. Das sieht man nicht gern im Sanatorium, wie Joachim weiß: »Krank soll man hier lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum.« Allerdings wird sich umgehend gekümmert: Von Fräulein Mylendonk erhält Hans Castorp sein eigenes Thermometer, worüber Joachim tief erschrickt. Es zeigt an: Temperatur!
Bei der folgenden Untersuchung bestätigt sich die frühe Ahnung des Hofrats: Hans Castorp hat entschieden Talent zum Patienten. Die Höhenluft hat seine latente Krankheit zum Vorschein gebracht. Einige Wochen Bettruhe sind das Mindeste. Dr. Krokowski gratuliert per Handschlag.
2. Vertiefung: Liegekur in Davos
Unser Erstaunen über die Kurpraxis auf dem Zauberberg hat hier und da schon ihren Niederschlag in den Kommentaren gefunden. Zigarren und üppige Mahlzeiten dürften heute nicht mehr zum Arsenal der Maßnahmen gegen Lungenkrankheiten gehören…
Ausgedacht oder verzerrt ist Thomas Manns Darstellung allerdings nicht. Mitleser Jürgen hat es in seinem Kommentar schon angemerkt: Tuberkulose (damals: Schwindsucht) ist ein bakterieller Infekt. Da ein wirksames Antibiotikum nicht bekannt war, verlegte man sich auf andere Mittel. Darunter die Luftkur.

Der deutsche Arzt Alexander Spengler kam 1853 auf Stellensuche ins abgelegene Bergdorf Davos. Erstaunt stellte er fest, dass hier niemand an der in Europa grassierenden Schwindsucht litt. Er trat mit Fachkollegen in Austausch. Man vermutete einen positiven Einfluss des Hochgebirgsklimas auf die Atemwege. Spengler verzeichnete mit seinen Liegekuren gute Erfolge. Rasch entstanden Fremdenpensionen, bald folgten Kurkliniken und Sanatorien.
Katia Mann, die Ehefrau von Thomas Mann, verbrachte mehrere Kuraufenthalte in Davos. Bei einem Besuch lernte Thomas Mann die dortigen Sanatorien (v.a. das Waldsanatorium Davos und das Waldhotel Arosa) aus eigener Anschauung kennen. Für drei Wochen war sein Besuch veranschlagt. Der behandelnde Arzt empfahl einen längeren Aufenthalt. Doch Thomas Mann reiste ab. Wer weiß, ob wir sonst je den »Zauberberg« zu lesen bekommen hätten…
Übrigens: Wer auf Katia und Thomas Manns Spuren wandeln möchte, kann sich noch heute im selben Hotel einbuchen. Das Waldhotel Davos wirbt mit Wellness „For Body & Soul“ – inklusive „Thomas Mann Suite.“
3. Anregungen zum Austausch
Etappe 5 ersteigen wir in beträchtlicher Flachland-Hitze. Ob das Einfluss auf die Lektüre nimmt? Ich habe mich jedenfalls dabei erwischt, zwischendurch etwas neidisch auf Davoser Abkühlung zu sein.
- Ist der Zauberberg eigentlich verfilmbar? Es gibt eine Verfilmung von 1982, die eher kritisch gesehen wurde. Wem würde man heute einen Zauberberg-Film zutrauen? Vielleicht ja Wes Anderson? Was denkst du?
- Welche Szene oder Gespräch hat es dir in dieser Woche besonders angetan? Oder lief es schleppend?
- Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
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Ist der Zauberberg eigentlich verfilmbar? Es gibt eine Verfilmung von 1982, die eher kritisch gesehen wurde. Wem würde man heute einen Zauberberg-Film zutrauen? Vielleicht ja Wes Anderson? Was denkst du?
Wenn Eric Rohmer noch lebte, würde ich mir eine Verfilmung von ihm wünschen. Er könnte die endlosen Dialoge sicher perfekt inszenieren. 😉
Sehe ich genauso.
Für mich gibt es nur eine richtige Verfilmung des Zauberbergs:
Tarantino. Inglorious Liegekuren.
Szene X.
Behrens betrachtet ein Thermometer.
„37,6.“
Dramatische Nahaufnahme.
„Verdammt.“
Morricone-Musik setzt ein… 😄
Das wäre doch etwas für den Meister der Dialoge Richard Linklater. Intensive Gespräche vor wechselnder Kulisse. Die Filmintensität entsteht einzig und allein durch die Dynamik der Beziehung der Schauspieler zueinander.
Ich stelle mir eine angemessene Verfilmung des Romans als schwierig, vielleicht sogar unmöglich vor. Mit angemessen meine ich, dass die zentralen Themen des Romans wie Zeit, Krankheit, Tod, Vernunft in eine Bildsprache, und Kino ist ja zuallererst ein visuelles Medium, umgesetzt werden, sodass im besten Falle diejenigen, die nur den Film gesehen haben ein ebenso tiefes Verständnis vom Zauberberg haben wie die Leser*innen des Romans. Bis jetzt kannte ich nur die Kinofassung der Romanverfilmung von Hans W. Geissendörfer, nun habe ich aber entdeckt, dass er gleichzeitig auch eine dreiteilige Fernsehfassung gedreht hat, die doppelt so lang wie der Kinofilm ist. Die werde ich mir in den nächsten Tagen einmal anschauen. Vielleicht kommt sie ja meinen Vorstellungen von einer idealen Zauberberg-Verfilmung nahe. Kinofilm und Fernseh-Dreiteiler findet man auf Youtube, wenn man „Der Zauberberg Film“ in die Suche eingibt.
Ich bin der Meinung, dass der Zauberberg zur heutigen Zeit wohl nicht mehr verfilmbar wäre. Es gibt keine langsamen, sich ausdehnende Geschichten mehr. Es ist alles schneller, bunter, brutaler oder lustiger geworden.
Einen Film in schwarz-weiß könnte ich mir gut vorstellen
Welche Szene oder Gespräch hat es dir in dieser Woche besonders angetan? Oder lief es schleppend?
Mir hat das Spielchen zwischen Castorp und Frau Chauchat sehr amüsiert, ihre Blicke, die Situation mit der fast herunter gefallenen Serviette und Castorp in 8 m Entfernung in Sprungstellung…Den ganzen Aufwand, den Castorp betreibt, um ihr im Gang zu begegnen und sie auf sich aufmerksam zu machen! 🙂
Mir haben mehrere Absätze gut gefallen! Seite 216/10ff über die Langeweile und die Abwechslung.
Dann die Erläuterung von Settembrini über „Worte“ Seite 243/12-24. Und die Beschreibung darüber was Hans bzgl Urteilsfähigkeit von Settembrini lernen kann, Seite 267/11.
Ich fand folgende Stelle am Ende des Kapitels „Aufsteigende Angst. Von den beiden Großvätern und der Kahnfahrt im Zwielicht“ bemerkenswert:
„Was oder wer aber befand sich auf dieser anderen, dem Patriotismus, der Menschenwürde und der schönen Literatur entgegengesetzten Seite, wohin Hans Castorp sein Sinnen und Betreiben nun wieder lenken zu dürfen glaubte? Dort befand sich… Clawdia Chauchat, – schlaff, wurmstichig und kirgisenäugig; und indem Hans Castorp ihrer gedachte (übrigens ist *gedenken“ ein allzu gezügelter Ausdruck für seine Art, sich ihr innerlich zuzuwenden), war es ihm wieder, als säße er im Kahn auf jenem holsteinischen See und blicke aus der glasigen Tageshelle des westlichen Ufers vexierten und geblendeten Auges hinüber in die nebeldurchsponnene Mondnacht der östlichen Himmel.“
Hier wird ja ziemlich drastisch das widersprüchliche Wesen von Clawdia Chauchat betont. Auf der einen Seite ihre äußere Schönheit und die sinnlich-erotische Ausstrahlung, die sie, wie das Spiel der Blicke im Speisesaal ja gezeigt hat, auf Hans Castorp ausübt und andererseits ihr innerer Verfall. Hier wird mal wieder ein zentrales Thema im Werk von Thomas Mann angesprochen, die Gleichzeitigkeit von äußerer Schönheit und innerem Verfall und Verwesung. Und all diese negativen Bilder werden im Osten verortet.. Ach ja, „die nebeldurchsponnene Mondnacht“, was für eine schöne, romantische Beschreibung.
Die Szene mit der Oberin, die gegenüber Hans Castorp äusserst dominant und resolut auftritt und keinerlei Widerspruch duldet und ihn wie einen Schuljungen behandelt.
Allein beim Kauf des Thermometers kann er etwas Selbstbewusstsein zurückerlangen.
Eine zentrale Stelle, in der Hans Castorp den Übergang vom blossen Besucher zum Patienten vollzieht.
Ich hatte das Gefühl, die Hitze draußen hat mich etwas dabei gestört, in den Zauberberg abtauchen zu können. Mir hat das Gespräch mit Settembrini gut gefallen. Die Technik, die Menschen zusammenbringen soll, die Vorurteile zerstören und endlich die allgemeine Vereinigung herbeiführe. S. 217
Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
Mir hat den Titelname sehr gut gefallen; “Launen des Merkur”. Thomas Mann könnte das Wort Quecksilber benutzen aber er bevorzugt die lateinische Bezeichnung, die humoristisch in diesem Zusammenhang klingt. Überdies es erinnert mich an einem früheren Zitat von Hofrat Behrens: “wie es ihr gehe, könne einzig und allein der Arzt beurteilen; sie könne nur angeben, wie sie sich fühle, – und daran sei wenig gelegen.“.
Hallo Dror,
wie so vieles bei Thomas Mann dürfte auch hier der Begriff Merkur oder Merkurius doppeldeutig gemeint sein. Zum einen ist es die von Dir erwähnte lateinische Bezeichnung für Quecksilber, zum anderen verweist er auf den römischen Gott Merkur, der seinerseits wiederum dem griechischen Gott Hermes entspricht und zu dessen Aufgabe gehörte unter anderem, die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt, den Hades, zu begleiten. Also auch hier wieder eine Anspielung auf die Todessymbolik, die uns ja schon des Öfteren begegnet ist,
herzliche Grüße
Jürgen
Hallo Jürgen,
Danke für deine explizite Erklärung über die Griechische und die Römische Mythologie, in Bezug auf Gott Merkur. Da habe ich mein Wissen wohl erweiterten lassen.
Nichtsdestotrotz, ich glaube das der Roman auf die Wissenschaft der Zeit beruht, vor allem, die neue Errungenschaften der Relativitätstheorie und auch auf die keimende neue Theorie der Quantenmechanik, die beiden sehr viel Furore in der 20 Jahren gemacht haben.
Thomas Mann geht auch extra vertiefend in den medizinischen Fachbegriffen ein und meidet jede Form von Okkultismus.
Hier, glaube ich zu meinen, der Gott Merkur ist nicht vertreten, da er etwas abseits der Sachlichkeit wäre.
Beste grüße,
Dror
„Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen Tantalus endlich einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise einmal den berühmten Marmor wälzen! Das nenne ich wahre Herzensgüte. (…)“ Settembrini zu Frau Stöhr ( in Aufsteigende Angst, S.229-230)
„Krank soll man hier lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum. (…)“ Joachim zu Castrop (in Das Thermometer, S.253)
Seite 269/7: denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die Rede per Du, auch wenn der Mund noch nicht einmal „Sie“ gesagt hat.
Dieses Zitat hat mir sehr gut gefallen:
„Mit einem Worte: Hans Castorp sah in seinem stillen Ver-hältnis zu dem nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ein Ferienabenteuer, das vor dem Tribunal der Vernunft – seines eigenen vernünftigen Gewissens – keinerlei Anspruch auf Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb nicht, weil Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Castorps Vorsichts- und Abstandsgefühlen stark beteiligt war … Nein ihre wirkliche Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht in den Sinn, und was das andere betraf, so würde es ja in anderthalb Wochen, wenn er bei Tunder & Wilms in die Praxis trat, wohl oder übel folgenlos beendet sein.“
S. 218
Ich konnte mir die Oberin so gut anhand von Manns Beschreibung vorstellen und ihre Sprechweise deutlich hören😅. Das war so amüsant (S. 231/S.232) „Was ist denn das für eine Erkältung, he?“ „Alles andere ist Schnickschnack“.
Den Ausspruch Joachim’s, als er von Hans Temperatur erfährt:“Eine schöne Bescherung“ sagte er und stand an seines Vetters Lager, wie man eben vor einer ’schönen Bescherung‘ steht, die Arme in die Seiten gestemmt und mit gesenktem Kopfe. S 238.
Auf S 242 der Ausspruch von Dr. Behrens:“ Doll, so ein Menschenthorax, der keiner mehr ist“ und ein paar Zeilen weiter, zu Hans:“Öffentliches Weinen ist nicht erlaubt. Hausverbot. Da könnte jeder kommen“
Und auch hier sehe ich den Arzt, in schwarz-weiß gefilmt am Weg stehen und mit seiner Zigarre weiterziehen
Hallo miteinander, ich weiß nicht, ob es an der Hitze liegt oder an den derzeitigen Freiluft-Sommeraktivitäten, aber ich langweile mich zu Tode auf dem Berg. Diesmal haben wir den erste Etappe, die ich nicht ganz geschafft habe. Mir fehlen noch 2 Seiten. 2 Seiten, die ich partout einfach gestern nicht mehr lesen konnte. Ich fürchte, bei einer Verfilmung würde ich nebenbei noch ein Hörbuch hören ;-). Ich bleibe erstmal dran, keine Sorge. Das ist nicht mein erster Klassiker und ich weiß, dass es immer Täler und Furchen gibt, durch die man barfuß durch muss. Nicht alles ist oben in luftiger Höhe. Leider verfestigt sich aber derzeit auch meine Meinung über Thomas Mann. Irgendwie kriegt der keine greifbaren Figuren zustande. Also ich für meinen Teil muss immer wieder feststellen, dass Mann’s Figuren tot bzw. zweidimensional sind. So leblos zumindest, dass sich die Geschichte anfühlt wie ein Stummfilm. Für mich … für meinen Geschmack … wäre nicht die wunderbare Sprache und die sprachlichen Spitzfindigkeiten, hätte ich schon geschmissen. Und somit schließt sich am Ende doch noch der Filmkreis: Ich kann mir den Zauberberg als Stummfilm vorstellen, mit entsprechender harter dramatischer musikalischer Umrahmung.
Das Schöne und Interessante an solchen Leserunden ist ja, dass man bei der Lektüre nicht im eigenen Saft schmort, sondern erfährt, was andere von dem Buch, dem Kapitel, das man gemeinsam liest, halten. Insofern erst einmal herzlichen Dank für deinen Seufzer, liebe Katrin. Und ja, auch ich habe beim Lesen die eine oder andere Durststrecke, wo ich mich frage, warum tue ich mir das alles an und/oder hatte Thomas Mann beim S. Fischer Verlag eigentlich einen Lektor und falls ja, warum hat der nicht verbessernd-korrigierend eingegriffen?
Was nun die von dir bemängelte Nicht-Greifbarkeit der Romanfiguren betrifft, so geht es mir genau anders herum. Abgesehen von Clawdia Chauchat, von der man nicht viel erfährt, gibt es von allen anderen zentralen Personen meines Erachtens jede Menge an Detailinformationen, sodass ich mir ein gutes Bild von ihnen machen kann. Manches von dem, was sie sagen und tun, kann ich nur schwer nachvollziehen, aber gut, dass geht mir bei einigen Menschen, denen ich im realen Leben begegne genauso.
Hinzu kommt, dass ich parallel den Roman als Hörbuch in der Lesung von Gert Westphal höre und dass durch die Art seines Vortrags die Figuren für mich noch ein Stück weit lebendiger wirken als wenn ich den Roman nur lesen würde.
Rein interessehalber würde mich interessieren, was es denn deiner Meinung nach bedarf, damit Hans, Joachim, Herr Settembrini und all die anderen Berghof-Gäste nicht länger zwei- sondern dreidimensional auf dich wirken
herzliche Grüße
Jürgen
Thomas Mann ist nicht gerade der Meister der Dialoge. Vielleicht liegt es daran, das kann ich nicht sagen. Und die sind wahrscheinlich ziemlich entscheidend. Also mir reicht eine Beschreibung der Person ohne Vertiefung und „Atmung“ nicht aus, um sie greifen zu können. Das bedeutet: Vorstellen kann ich sie mir schon und ich hab auch entsprechendes Kopfkino, aber sie bleiben halt Figuren auf einer Leinwand … sie sind sozusagen nicht meine Nachbarn.
Wahrscheinlich rede ich jetzt wieder verquer, aber es ist wirklich schwer zu beschreiben. Es liegt nicht an der geschraubten Rede, die hat Dickens auch. Trotzdem hast du quasi bei Dickens die Kinder auf dem Schoß. Wenn ich mal bei Klassikern bleibe, wäre da noch Mark Twain. Mit Tom Sawyer und Peggy bin ich direkt in der Höhle, ich laufe mit und es ist dunkel. Und das berühmte Buch beginnt mit wörtlicher Rede: „Tom“ „Tom“ … Man wird dadurch sofort ins Geschehen geschleudert.
Thomas Mann hingegen philosophiert mehr als das er seine Geschichte zum Fortgang zwingt. Dazu kommt natürlich noch die Tatsache, dass er halt ein deutscher Schriftsteller ist, denen sowieso historisch Erfahrungen in Sachen Spannung und natürlich auch, durch das zerklüftete Deutschland bedingt, die Bühne fehlt. Deshalb werden sie wahrscheinlich auch weltweit oft unterschätzt. Bei der moderneren zeitgenössischen Literatur haben sie langsam aufgeholt, aber die „frühen Jahre“ sind meiner Meinung ziemlich untersetzt mit gnadenloser Dekandenz und Arroganz. Ich nähere mich Thomas Mann nur sehr sehr langsam an und es fällt mir schwer. Ich mag die Sprache, die Ausdrücke, das Zusammenfinden bzw. die Spielerei mit Wörtern. Aber spannende Bücher um des Lesegenusses Willen lese ich zwischen Etappen ;-). Ich wusste, dass Thomas schwierig für mich wird; ich war immer schon mehr Team Heinrich Mann.
Irgendwo hatte ich mal gehört, dass die Längen in Klassikern wichtig sind und etwas zum Ausdruck bringen. Wahrscheinlich ist der Plan, dass wir uns beim Lesen genauso langweilen wie Kastorp bei der Liegekur und dadurch vielleicht mehr Gefühl für die Situation bekommen … nur Kastorp kann sich die Zeit mit Gedanken an Frau Chauchat vertreiben, während meine Gedanken dauernd zum alltäglichen Geschäft abschweifen.
Ich halte (bis jetzt) nur durch, Britta, weil ich mit im analytischen Lesen übe und weil das Buch gesamt gesehen so schlecht nicht ist. Also ich kann schon mal sagen, das wird kein 5-Sterne-Buch von mir, aber es ist auch nicht soooo grottenschlecht, dass es einen Abbruch verdient. Was letzteres betrifft, bin ich da ganz bei dir.
Was ich definitiv aufnehmen werde ist die Idee mit dem Hörbuch. Vielen Dank dafür, Jürgen. Es ist gut möglich, dass der gute alte Westphal es schafft, einem Sanatorium voller Schwindsüchtiger und halber Lungen Leben einzuhauchen. Darauf bin ich gespannt, diesen Rat werde ich definitiv umsetzen.
Jetzt hab bei meiner langen Rundreise durch die Literatur vergessen, lieber Jürgen, dass ich gestern Teil 1 des Dreiteilers vom Zauberberg, vermutlich aus den 50ern, gesehen habe. Witzigerweise werden da die Figuren alle so dargestellt, wie ich sie empfinde… leidenschaftslos, dumpf, pappig, aufgesetzt, zweidimensional …
Mir fehlt in der Verfilmung komplett der Witz und jedwede Sympathiefigur und Teil 2 und 3 werde ich mir klemmen. Dazu kommt noch, dass keine einzige Figur so dargestellt ist, optisch als auch vom Wesen her, wie ich sie mir vorgestellt habe.
Ich bin noch nicht sicher, was ich mit dem dargestellten Castorp mache … einerseits ist er so wie ich ihn empfinde, andererseits ist er die personifizierte Unsympathie. Lachen kann er nicht, stumpf dödelt er durch den Tag und seine Gedanken, die man im Buch ja lesen kann, bleiben im Film außen vor. Also der Film ist figurentechnisch ein schönes Beispiel, wie ich diese leblosen Leute empfinde. Und wo ich das so schreibe … leblos … vielleicht soll das ja auch so sein. Denn sind sie das nicht? Leblos?!
somit ziemlich grübelnde Grüße zurück
Katrin
PS: War nicht Thomas Mann sein eigener Lektor? Er war ja damals schon berühmt … vielleicht hat sich gar niemand getraut, seine Literatur-Heiligkeit zu lektorieren?
Mich interessiert ja immer das „Dahinter“ und ich möchte wirklich mal wissen, wer Thomas so dermaßen groß gemacht hat … also wer steckt hinter der Berühmtheit des Thomas Mann und somit auch hinter der Vergabe des Nobelpreises?
Hallo Katrin,
zuerst einmal vielen lieben Dank für Deine ausführliche Antwort.
Viele deiner Kritikpunkte kann ich nachvollziehen und ich habe, als ich den Roman zum ersten Mal gelesen habe, ähnlich empfunden wie du. Es war dann bei meiner zweiten oder dritten Lektüre, wo ich dann endlich meinen Zugang zu diesem Werk gefunden habe.
Ich denke, dass „Der Zauberberg“ kein Roman im herkömmlichen Sinne ist, in dem uns eine mehr oder weniger spannende und unterhaltsame Geschichte erzählt wird. Dies ist dieser Roman definitiv nicht. Er zeichnet sich im Gegenteil, wie wir nun bereits wissen, durch eine extreme Handlungsarmut aus. Ich betrachte und lese den Zauberberg vielmehr als einen Ideenroman, in dem die zentralen Figuren, wie Hans Castorp, Clawdia Chauchat, Herr Settembrini, – es werden später noch ein paar dazu kommen, aber ich will nicht vorgreifen – nicht als reale Figuren in Erscheinung treten, sondern als Vertreter bestimmter Ideen und Lebensauffassungen.
Herr Settembrini ist natürlich nicht nur ein italienischer Literat und Intellektueller, sondern steht für die Ideen der Aufklärung und des Humanismus. Sein Widerpart, Clawdia Chauchat, symbolisiert hingegen die erotische Verführung, die reine Körperlichkeit, das Sich-gehen-lassen. Von daher sind die Dialoge im Roman im wesentlichen auch keine richtigen Dialoge, sondern eigentlich immer nur Anlässe, zu denen die betreffenden Personen ihre philosophischen Ansichten zu diesem oder jenem Thema kundtun.Dies dürfte dann auch ihre oftmals holzschnittartige Beschreibung erklären.
In seinem 1939 an der Princeton University gehaltenen Vortrag „Einführung in den Zauberberg“, dessen Lektüre ich nur wärmstens empfehlen kann, hat Thomas Mann die Figuren seines Romans als „Exponenten, Repräsentanten und Sendboten geistiger Bezirke, Prinzipien und Welten“ beschrieben.
Hatte Thomas Mann beim S. Fischer Verlag einen Lektor? Ja, er hatte einen. Laut Google Gemini, dem ich diese Frage gestellt habe, war es zunächst der Schriftsteller Moritz Heimann, später dann Oskar Bie, Redakteur der verlagseigenen Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“ sowie Gottfried Bermann Fischer, der Schwiegersohn des Verlegers Samuel Fischer.
Die Lektoratsarbeit bestand damals im wesentlichen aus ermunternden Briefen an den Autor. Eingriffe in den Text, Kürzung von Passagen oder Vorschläge zur Streichung oder Umformulierung von einzelnen Sätzen waren bei einem Autor vom Range eines Thomas Manns undenkbar.
Was die Verleihung des Literaturnobelpreises an Thomas Mann betrifft, so wurde er das erste Mal 1924 von Gerhart Hauptmann, dem wir später im Roman noch begegnen werden, vorgeschlagen. Der entscheidende Vorschlag, der dann 1929 zur Verleihung des Preises an ihn führe, erfolgte durch Anders Österling, einem Mitglied der Schwedischen Akademie.
Neben dem Status als Nobelpreisträger dürfte aber vor allem der kommerzielle Erfolg der Buddenbrooks zu seiner Berühmtheit beigetragen haben. Wobei der Erfolg erst kam, als der Roman in einer einbändigen Ausgabe zum Preis von 5 Mark angeboten wurde.
Das war’s, was mir auf die Schnelle zu deinen Anmerkungen eingefallen ist,
herzliche Grüße
Jürgen
Guten Morgen, Jürgen, das sind interessante komplett andere Ansätze. Vielen Dank dafür. Wenn mein Hirn sich bei diesen Temperaturen überhaupt noch rütteln lässt, dann hast du das geschafft. Herzlichen Glückwunsch 😉
Mir ist durchaus bewusst, dass man den Zauberberg öfter lesen sollte. Wobei das eigentlich für jedes Buch gilt, was eine Botschaft verbreitet bzw. aus dem man etwas für sein Leben rausnehmen kann. Ich für meinen Teil sehe es als Job des Autors an, seine Leser zu erreichen. Wenn ein Buch mich langweilt oder nicht anspricht, dann hat es der Autor offenbar nicht für mich geschrieben. Ich hoffe, dass ist verständlich? Dann klappe ich jedenfalls das Buch zu und jemand anders soll damit glücklich werden. Jemand, der sich genau darin wiederfindet. Thomas Mann hat mich viele Jahre überhaupt nicht erreicht. Ich hab in meinen 20ern Felix Krull gelesen und war entsetzt. In der Folge hab ich kein Buch von ihm mehr angerührt. Da ich aber ein Hobbyleser bin und mich auch gerne mit Literatur beschäftige, hab ich mir über die Jahre die nötige Reife anerfahren, ihm noch eine Chance zu geben. Und die Story des Zauberbergs selbst (und als Roman hat er nun mal eine Story, egal wie wenig Handlung darin vorkommt) spricht mich wieder nicht wirklich an. Ich mag die Leute nicht, bisher gibts keinen für mich angenehmen Charakter, die Story lahmt bekanntermaßen und nicht jedes philosophische Füllstück haut mich vom Hocker; manches begreife ich nicht einmal. ABER dann ist da die Sprache, die ich heute mehr zu schätzen weiß als früher, die klugen Weisen und die verschmitzten Zwischenzeilen, die das Buch genüsslich lesbar machen … und deshalb nähere ich mich an.
Vielen Dank auch für deinen Link. Ich werde das demnächst mit lesen und schau natürlich auch hier und da nach Geistesblitzen anderer, die mir was geben könnten. Ja, ich beschäftige mich mit dem Roman. Das find ich für mich selber faszinierend. Vermutlich gibts hier für mich eine Lese-Wende.
Zu jedweden Preisen, Preisverleihungen etc. habe ich sehr eigene Ansichten. Ich habe in meinem Leben schon zu viel gesehen, erlebt und zusammengefügt um zu wissen, dass niemand nur ausschließlich aufgrund einer fantastischen und großartigen Leistung belobigt wird. Im Gegenteil: Viele bleiben in der Versenkung, weil sie von niemandem protegiert werden. Und genau deshalb ist so ein Preis u.a. auch oftmals eine Frage der politischen Strömung der Zeit. Vielleicht hat es auch deshalb zwar für die Buddenbrooks, aber eben nicht für den Zauberberg gereicht. Denn ich glaube, es herrscht Einigung darüber, dass der Zauberberg das wesentlich komplexere Werk ist.
So grüß ich zurück,
Katrin
Hallo Katrin,
Preisverleihungen, vor allem im Literaturbereich, wo die Kriterien nach denen die Auszeichnung vergeben wird, relativ vage sind, haben stets etwas Willkürliches an sich. Man kann sich natürlich fragen, warum 1929 beispielsweise nicht Stefan George, Thornton Wilder oder Benedetto Croce den Preis erhalten haben. Aber gut, die Jury hat sich damals für Thomas Mann entschieden und ich denke, sie hat eine gute Wahl getroffen. Warum sich die Jury für Thomas Mann und seinem Roman „Buddenbrooks“ entschieden hat, kann man in der Präsentationsrede anlässlich der Preisverleihung nachlesen. Dass die Wahl auf „Buddenbrooks“ und nicht auf den komplexeren und anspruchsvolleren „Zauberberg“ fiel, war vor allem das Verdienst des einflussreichen Jury-Mitglieds Fredrik Böök. Dieser hielt den Zauberberg für unübersetzbar und allzu breit und schwerfällig. In seiner Princeton-Rede geht Thomas Mann kurz auf die Ablehnung des Zauberbergs ein. Laut seinem Wikipedia-Eintrag, auf den ich mich hier beziehe, verschwand Böök nach 1945 in der Versenkung, da er allzu sehr mit den Nazis sympathisiert hatte. Die Entscheidung pro Buddenbrooks und contra Zauberberg war aber wohl eher das Ergebnis der literatur-konservativen Ansichten Bööks als tagespolitischer Erwägungen,
herzliche Grüße
Jürgen
Guten Morgen, Jürgen,
sieht so aus als unterhalten nur wir zwei uns hier ;-).
Ich möchte jetzt auch nicht zu weit vom Zauberberg abschweifen und die Nobelpreisgeschichte vertiefen. Ich habe natürlich gestern Thomas Manns Rede gelesen und somit auch den Passus zur Unübersetzbarkeit. Der hat mich auch schmunzeln lassen.
herzliche Grüße zurück
Katrin
Hallo Katrin,
die Nobelpreisgeschichte war natürlich ein Nebengleis, da gebe ich dir Recht. Konzentrieren wir uns fortan wieder auf das Wesentliche, dem Leben im Zauberberg,
herzliche Grüße
Jürgen
Kurzer Nachtrag: Wer wen für den Nobelpreis vorgeschlagen hat, wird vom Nobelpreis-Komitee 50 Jahre lang streng geheim gehalten. Erst nach Ablauf dieser Frist kann man die entsprechenden Daten in der Nominierungsdatenbank einsehen.
Liebe Katrin, du sprichst mir aus der Seele, wobei ich nicht ganz so lange barfuß unterwegs bin. Wenn mich ein auch noch so großer Klassiker nicht wirklich einfängt, gebe ich lieber anderen Werken die Möglichkeit.
Das Hörbuch, gesprochen von Gert Westphal, ist ein Genuss!
Mit seiner Stimme verleiht er den Charakteren Leben und ich konnte die mir dadurch sehr gut vorstellen.
Er trifft auch sehr gut die Ironie von Thomas Mann.