
Woche 10
WALPURGISNACHT
Woche 10: Ein lange (sehr lange!) gezogener Spannungsbogen findet sein Ende – und wir als Wandergruppe die Zwischenstation. Herzlichen Glückwunsch an alle tapferen Weggenossen, wir haben die Hälfte des Bergs erklommen! Wir machen nun 14 Tage Rast. Am 16. August geht es mit dem Zauberberg weiter (den Leseplan für die 2. Hälfte findest du hier). Am 9. August kommt für alle Lesehungrigen ein Beitrag für die Zwischenlektüre Tristan.
1. Rückblick auf den Abschnitt
Was strukturiert die Zeit, wenn jeder Tag gleich ist? Die besonderen Tage, die Feste und Feiertage. So landen wir nach Weihnachten direkt im Faschingstrubel des Berghofs. Die Direktion spendiert kleine Papierlampions für die Tische: es ist hohe Feststunde.

Die Überschrift des Abschnitts, Walpurgisnacht, ist mehr als eine Anspielung: Thomas Mann montiert zahlreiche Zitate der Walpurgisnacht-Szene aus Goethes Faust I in den Verlauf des Abends, am deutlichsten via Settembrini, der als Literat ironisch die »Dichtersprüche« einflicht. Nicht nur zitatweise, auch strukturell gibt es Entsprechungen. Faust steigt unter Führung seines »Pädagogen« auf den Brocken mit dem Ziel erotischer Eskapaden. Überinterpretieren wird man diese Analogie nicht, sie ist meiner Wahrnehmung nach vor allem ein gelehrtes Spielchen. Immerhin: Durch die Überblendung wird auch Hans Castorps Liebeswerben in das faustische Projekt einer umfassenden Sinn-Suche integriert. Die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, hätte sich der Ingenieuer im Flachland nie gestellt…
Das Gespräch zwischen Hans und Clawdia ist geistig vor allem durch die Mischung aus Champagner und Burgunder geprägt, der Hans Castorp fleißig zugesprochen hat. Das auffällige Französisch (zum Glück mit Übersetzung im Anhang) ist dabei selbst eine Art Faschingsmaske: In der weltläufigen und erotisch freieren Fremdsprache kann er Dinge sagen, die ihm als deutschem Bürger in seiner Muttersprache nicht so einfach über die Lippen gekommen wären.
Viele Motive kehren hier wieder und finden zusammen: Der geliehene Bleistift, das traumartige Erleben, die krankmachende Wirkung der Liebe, die Verbindung von Liebe und Tod (»le corps, l’amour, la mort«), Europa und Asien, Nietzsches dionysische Auflösung der Form (»pourquoi, au fond, de la forme?»), das Ineinander von historischem Individuum und überindividueller Typologie.
So endet die erste Hälfte unserer Bergwanderung in einem Reigen aus Leitmotiven – und in der Erfüllung der Bleistift-Wünsche unseres Protagonisten. Eigentlich könnte er als nächstes abreisen. Eigentlich…
2. Anregungen zum Austausch
- Das Bergfest erreicht! Freust du dich auf die zweite Hälfte?
- Hans und Clawdia: Was ist das eigentlich für ein Paar?
- Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
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Das Bergfest ist erreicht! Freust du dich auf die zweite Hälfte?
Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht. Finden sich Clawdia und Hans doch noch oder bekommt Joachim jetzt auch endlich mal jemanden? Ich bleibe gespannt.
Ich freue mich auch sehr auf die zweite Hälfte. Spannend finde ich, wie die Zeitsprünge ( da es ja 7 Jahre werden sollen) vonstatten gehen. Im Moment bin ich so sehr an das Tempo gewöhnt.
Ja, zu Beginn erscheint der Roman sehr, sehr lang. Nun fragt man sich, wie 400 Seiten für die verbleibenden Jahre reichen sollen. 😁
Ich bin auch sehr gespannt…nach dem kurzen Aufflammen von Hans, mit der relativ kalten Dusche am Schluss…. was kommt nun?
Ich freue mich sehr auf die 2. Hälfte, finde aber eine kurze Pause nicht unangebracht.
Ich bin schon sehr gespannt auf neue Charaktere, wenn ich richtig informiert bin, bekommt mein Lieblingscharakter, Settembrini, einen Widersacher.
In der Lesepause werde ich „die Verwandlung“ nachholen. Ich hatte bisher zuviele Bücher, die ich noch beenden wollte
Hans und Clawdia: Was ist das eigentlich für ein Paar?
Für mich machen sie so einen Eindruck auf mich von einem heutigen situationship. Also nicht Ernstes, aber auch eigentlich nichts loses. Es bleibt für mich auf jeden Fall spannend die Entwicklung zwischen den beiden.
Ich vermute und befürchte die Liebe ist und bleibt einseitig. Ich habe das Gefühl, dass Hans von Clawdia nicht ernst genommen wird.
Meiner Meinung nach kann man die beiden nicht als Paar bezeichnen, denn dazu ist ihre Beziehung bis zur Faschingsfeier zu oberflächlich und findet überwiegend in Form von Gesten und Blicken statt, welche in der Regel von Hans ausgehen. Dass es vor dem Gespräch während der Feier längere und intensive Gespräche zwischen Clawdia und Hans gegeben hat, wird im Roman an keiner Stelle erwähnt.
Letztendlich ist Clawdia für Hans ein Objekt der Begierde. Sie ist die „Femme fatale“, die mit ihrem lasziv-erotischem Auftreten das genaue Gegenteil zur bürgerlichen, rationalen und disziplinierten Welt des „Flachlandes“ symbolisiert. Darüber hinaus ruft sie in Hans eine verdrängte homoerotische Erinnerung an seinen ehemaligen Mitschüler Prbislaw Hippe wach. Mithin ist es nicht die reale Clawdia, sondern Clawdia als Symbol und Projektionsfläche in die sich Hans Castorp verliebt.
Darüber hinaus bleibt offen, ob und was Clawdia für Hans empfindet. Für mich begegnet sie ihm mit einer Mischung aus Überlegenheit und amüsierten Interesse. Hans Castorp ist für Clawdia nicht mehr als ein junger, etwas unbeholfener Mann mit dem man ein unverbindliches erotisches Abenteuer eingehen kann.
Angesichts dieser Konstellation kann man die Verbindung zwischen den beiden meiner Meinung nach nicht als Paarbeziehung bezeichnen,
herzliche Grüße
Jürgen
Das sehe ich genauso
Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
„N‘oubliez pas de me rendre mon crayon.“
Dieser letzte Satz von Clawdia hat mich zum Lachen gebracht und überrascht. Sie hat ihn einerseits abblitzen lassen, aber hofft wohl doch auf eine Fortsetzung der Bekanntschaft. Ich vermutete, er amüsiert sie, aber sie kann ihn zumindest an diesem Abend auch eindeutig nicht ernst nehmen.
„Man war zugegen, bei alledem; der Raum war vernichtet, die Zeit zurückgestellt, das Dort und Damals in ein huschendes, gaukelndes, von Musik umspielendes Hier und Jetzt verwandelt.“ Seite 479
Mir hat der Zwist zwischen Hans und Settembrini über das „DU“ gut gefallen. Seite 497/27: Das „Du“ unter Fremden, das heißt unter Personen, die einander von Rechtes wegen „Sie“ nennen, ist eine widerwärtige Wildheit, ein Spiel mit dem Urstande, ein liederliches Spiel, das ich (Settembrini) verabscheue, weil es sich im Grunde gegen Zivilisation und entwickelte Menschlichkeit richtet, – sich frech und schamlos dagegen richtet.
Kein Zitat aus dem Roman, sondern diese Sätze aus seinem Tagebucheintrag vom 12. März 1920, die mir bei der Lektüre des Walpurgisnacht-Kapitels wieder in den Sinn kamen:
„Nach dem Abendessen bei K., die mich mit der Hand ihren Körper, Rippen und Brust streicheln ließ, was meine Sinnlichkeit sehr erregte. Der Zbg. wird das Sinnlichste sein, was ich geschrieben haben werde, aber von kühlem Styl.“