NEU: Der Klassikerclub Podcast

Den Klassikerclub gibt es jetzt auch als Podcast. Alle zwei Wochen sprechen meine Co-Host Maria und ich über Bücher, die uns begeistern und beeindrucken.
Ob Kafka oder Jane Austen, ob Tolstoi oder Jenny Erpenbeck: Jedes Mal bringt einer von uns beiden ein Buch mit und stellt es vor. Am Ende steht die Frage: Hat das Buch den anderen überzeugt?

Wenn du Lust hast, neue Klassiker zu entdecken – oder alte endlich mal zu lesen oder wiederzulesen – dann könnte dieses Format was für dich sein! Hör doch mal rein.

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Ein Jahrhundertroman: Heimsuchung von Jenny Erpenbeck

Maria und Alex sprechen über Jenny Erpenbecks Roman »Heimsuchung« (2007). Ein Haus am See steht im Mittelpunkt. Menschen kommen, leben, verschwinden. Das Haus wechselt die Besitzer. Das Land wechselt seine Herrscher. Die Landschaft bleibt.

Der bescheiden daherkommende Roman erzählt in kurzen Episoden von Krieg, Enteignung, Flucht, Heimat und Erinnerung. Wie gelingt es Erpenbeck auf gerade einmal 200 Seiten ein ganzes Jahrhundert zu beschreiben? Wir blicken auf ihre Sprache und literarische Kunst, die auf so engem Raum ein faszinierendes Panorama entwirft.

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Rausch und Poesie: Der Goldene Topf von E.T.A. Hoffmann

Alex und Maria sprechen über E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“ (1814).
Im Mittelpunkt des modernen Märchens steht der Student Anselmus. Er gerät zwischen die bürgerliche Welt und eine poetisch-phantastische Gegenwelt.
Wir folgen den Figuren Anselmus, Veronika, Konrektor Paulmann sowie dem Archivarius Lindhorst und Serpentina. Es geht um Karriere, Bürgertum, Phantasie und Poesie.
Wir staunen, wie sprachlich kunstvoll Hoffmann Wirklichkeit und Wunderbares ineinander übergehen lässt.
Motive wie Rausch, Enge, Freiheit und Künstlertum bestimmen die Erzählung. Und am Ende fragen wir uns, was eigentlich der „Goldene Topf“ sein soll?

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Etappe 2: Kap. III-IV

1. Rückblick

»Dat janze Volk sitzt als im Konzentrationslager, nur die Regierung läuft frei erum.« (99)

Sanna blickt zurück auf ihre Kölner Zeit, drei Jahre vor den Ereignissen rund um den Opernplatz. Sie lebt als Untermieterin bei ihrer Tante Adelheid und arbeitet im Geschäft mit. Ihr schweigsamer Cousin Franz mit den »geduldigen Schultern« trägt die Last seiner Kindheit: Im Alter von drei Jahren legt er ein Feuer, in dem sein jüngerer Bruder Sebastian umkommt. Die Mutter Adelheid lässt den Sohn dafür noch immer büßen.
Franz und Sanna werden ein Paar. Nach unvorsichtigen Äußerungen über Hitler und Göring wird Sanna von der eifersüchtigen Adelheid denunziert. Auf dem Polizeirevier wird sie Zeugin einer wahrhaften Denunziationsmaschinerie. Jeder zeigt hier jeden an. Um Ideologie geht es dabei nur oberflächlich. Als Sanna dem Revier entrinnt, flüchtet sie aus Köln in Richtung Frankfurt. Von Franz, der sie gegenüber seiner Mutter nicht ausreichend verteidigt, trennt sie sich im Streit. Sein Brief, mit dem der Roman beginnt, ist das erste Lebenszeichen seit Jahren.

2. Fragen zum Gespräch

Die beiden Kapitel 3 und 4 konzentrieren sich auf Sannas unmittelbare Umgebung und den familiären Innenraum. Die Politik eskaliert persönliche Konflikte und verleiht den dazu Entschlossenen ungeahnte Macht. Erneut zeigt sich: Der Faschismus kommt nicht nur „von oben“.

Folgende Gesprächsideen findest du wieder unten im Kommentarbereich:

  1. Schauplatz Familie: In den ersten beiden Kapiteln hat Keun ein Stadt-Panorama mit einer Vielzahl an Figuren entfaltet. Nun dreht sich alles um Adelheid–Franz–Sanna. Wie hat dieser Wechsel auf dich gewirkt?
  2. Männer und Frauen: Keuns Spezialthema ist das Verhältnis der Geschlechter und seine ironisch-entwaffnende Darstellung. Welche Beobachtungen hast du dazu gemacht?
  3. Das NS-System: Welche Motive der NS-Kritik werden wiederholt, ergänzt, vertieft?
  4. Der rote Schal: Ein spannendes Leitmotiv in Kapitel III. Mit welcher Bedeutung für dich?
  5. Zitat der Woche: Dein Satz fürs Notizbuch.
Zentrale der Kölner Gestapo 1935–1945.
3. Hintergrund: Die Gestapo

Gestapo und Denunziation: Die Geheime Staatspolizei entsteht direkt nach der Machtergreifung 1933 aus der preußischen politischen Polizei. Göring baut sie auf, der SS-Mann Heinrich Himmler übernimmt 1934 die Führung. Die Gestapo wird zu einer eigenständigen und unmittelbar der politischen Macht unterstellten Behörde mit dem Ziel der ideologischen Überwachung. Sie untersteht keinerlei rechtsstaatlicher Kontrolle. Ihre drastischen Methoden, einschließlich Folter, sind in der Bevölkerung weithin gefürchtet.
Lange Zeit wenig bekannt war die Tatsache, dass die Möglichkeiten zur politischen Überwachung von der Gestapo selbst bewusst übertrieben wurden, um in der Bevölkerung ein Gefühl ständiger Beobachtung zu generieren. Faktisch besaß die Gestapo zu wenig Beamte, um effektiv zu observieren. Ermöglicht wurde ihre Machtstellung vor allem durch Denunziation aus der Bevölkerung. Historiker sprechen deshalb auch von der »selbstüberwachenden Gesellschaft1

Gestapo in Köln: Keun erzählt in Kapitel IV von Festnahme und Verhör durch die Gestapo. Zum Erzählzeitpunkt (drei Jahre vor dem 1936er Hitlerbesuch in Frankfurt, also ca. 1933) ist die Gestapo noch in einem Zimmer des Polizeipräsidiums in der Krebsgasse untergebracht. In der Folge bezieht sie das gesamte sogenannte »EL-DE-Haus« am Appellhofplatz.2 Die Kellergefängnisse der Gestapo sind als Gedenkstätte erhalten. Das Gebäude ist heute das Dokumentationszentrum der NS-Zeit in Köln und kann besichtigt werden.

  1. Ausführlich siehe: Wikipedia Art. „Geheime Staatspolizei“. ↩︎
  2. Informationen bei der BPB. ↩︎

KommentierenEtappe 2: Kap. III-IV

Etappe 1: Kap. I-II

1. Rückblick

Am 16. März 1936 besucht Hitler mit großem Pomp Frankfurt am Main. Rund um diesen Besuch spielt die Handlung:
Die Protagonistin Susanne (Sanna) sitzt an einem Montagabend in der übervollen Kneipe „Henninger Bräu“. Während um sie herum die Volksattraktion des Hitlerbesuchs begossen wird, wandern die Gedanken zu ihrer Herkunft an der Mosel und wichtigen Personen ihres Umfelds (Tant Adelheid, Vater, Stiefbruder Algin). Alle Lebensläufe sind durch die politischen Veränderungen geprägt.
Rückblende: Am Nachmittag des selben Tages war Sanna mit ihrer Freundin Gerti zum Einkaufen in der Innenstadt, sie besuchen dort auch „jüdische“ Cafés. Am frühen Abend geraten sie in den Volksauflauf am Opernplatz und werden Zeuge des Nazi-Aufmarsches.
Kapitel II knüpft wieder am Kneipenabend an. SS- und SA-Menschen dominieren die Szene, es gilt nicht mit abweichenden Ansichten auffällig zu werden. Die stolzen Eltern eines Kleinkindes lassen es vor Publikum ein Gedicht zu Ehren des Führers rezitieren. Das Schauspiel endet tragisch.

Irmgard Keun webt in die wenigen Fäden der sparsamen Handlung zahlreiche Episoden ein. Sie verdeutlichen ihre Wahrnehmung der Gesellschaft. Schriftsteller, Pfarrer, Autoren, Gastwirte, Fahrradfahrer, Rentner. Momenthaft scheint auf, was Alltag im Faschismus bedeutet.

Frankfurter Opernplatz
2. Fragen zum Gespräch

Ich bin gespannt, wie es dir mit den ersten beiden Abschnitten ging. Ich war sofort (wieder) begeistert!

Zur Strukturierung der Diskussion biete ich einige Gesprächsfäden an. Ich liste sie hier kompakt auf und lege sie als je eigenen Kommentar am Endes des Beitrags an. Per “Antworten” kannst du deine Beobachtungen, Fragen, Überlegungen eintragen und auf andere reagieren. Zusätzliche Gesprächsfäden können natürlich auch eröffnet werden. Meine Vorschläge:

  1. Lese-Erlebnis: Wie kamst du in das Buch hinein? Ging es eher zäh oder locker? Wie ging es dir mit der Sprache?
  2. Hauptfigur Sanna: Welchen Eindruck macht die Figur auf dich?
  3. Nebenfiguren: Welche sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?
  4. Satire und Kritik: Keun schreibt keine weltanschauliche Kritik an der NS-Ideologie. Woran wird dennoch klar, was sie von all dem hält?
  5. Zitat der Woche: Welcher Satz ist bei dir hängengeblieben?

Motto: Wer gelesen hat, hat auch etwas zu sagen. Keine falsche Zurückhaltung! Ich bin gespannt, was du beobachtet und beim Lesen gedacht hast!

KommentierenEtappe 1: Kap. I-II

Zur Einführung: Irmgard Keun

Wie immer im Klassikerclub gilt die Voraussetzung: Du musst nichts über Autor:in und Werk wissen. Das Buch steht im Mittelpunkt. Du kannst einfach mit Lesen anfangen. Für Neugierige im Folgenden einige Infos zur Orientierung.

1. Irmgard Wer? Eine fast Vergessene.

Irmgard Keun ist noch immer weitgehend unbekannt. Und das, obwohl sie nicht nur eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Zeit war, sondern auch die Wertschätzung großer Kollegen wie Kurt Tucholsky und Joseph Roth genoß. Immerhin: Im Ullstein Verlag gibt es viele ihrer Bücher in aktuellen Ausgaben. Das zeigt: Es gibt ein neues Interesse, und das zurecht. Denn Irmgard Keun ist die vielleicht „witzigste Autorin der Weimarer Republik“ (Eva Pfister). Ihr großes Talent ist die Kombination aus genauer Beobachtung und satirischer Zuspitzung.

Als Irmgard Keun 1931 mit »Gilgi« einen Überraschungserfolg landet, ist sie 26 Jahre alt und hat gerade ihre Schauspielkarriere erfolglos beendet. Auf dem Schirm hatte sie also niemand im Literaturbetrieb, vielleicht nicht einmal sie selbst. Ihr Ton und ihr Thema treffen einen Nerv: Sie schreibt über eine einfache Angestellte, »eine von uns« wie der Untertitel sagt, und das in einem so frechen, selbstbewussten, schnoddrigen Stil, dass sie bei der Leserschaft großen Anklang findet.

Auf »Gilgi« folgt »Das Kunstseidene Mädchen«, ein noch größerer Erfolg. Irmgard Keun gelingt es, das Lebensgefühl der 1920er in ihren Frauenfiguren zu kristallisieren. Hier sind junge Damen nicht auf dem Sprung in die Ehe und an den Herd. Sie erproben dieselben Freiheiten, wie junge Männer sie schon lange haben. Dass das nicht einfach glücklich und harmonisch endet, gibt ihren Geschichten Tiefe.

Mit dem Nationalsozialismus enden die liberalen Weimarer Jahre. Frivole Großstadtromane gelten nun als „Asphaltliteratur“, weil ihnen die Verwurzelung im herbeigeraunten „deutschen Wesen“ fehle. Keuns Bücher werden verboten, das Schreiben und Publizieren zunehmend schwer gemacht. 1936 geht sie ins Exil.

Nach dem Krieg kehrt Irmgard Keun nach Deutschland zurück. Doch der Faden zum Erfolg ist abgerissen. Die Welt der 1920er kehrt mit dem Ende der Diktatur nicht zurück. Im Biedermeier der Wirtschaftswunderjahre wird Keun vergessen. Ihren letzten Roman schreibt sie 1950.

Literaturwissenschaftlerinnen, die es sich zur Aufgabe machen, weiblichen Stimmen in der Literatur Gehör zu verschaffen, entdecken sie in den 1970ern wieder. Irmgard Keun darf die späte Anerkennung noch miterleben, bevor sie 1982 im Alter von 77 Jahren stirbt. Ihr »Kunstseidenes Mädchen« ist heute Schullektüre.

2. Der Antinazi-Roman

Als es mit der Machtübernahme der Nazis eng wird für Irmgard Keun, ist klar: Der nächste Roman kann kein kesses Mädchenschicksal mehr erzählen. Die Zeiten haben sich zu sehr verändert.

Im Mittelpunkt steht zwar wieder eine junge Frau. Doch der Schwerpunkt verschiebt sich auf das, was sie wahrnimmt: Den Faschismus im Alltag und den alltäglichen Faschismus.

Keun bleibt bei ihrem Thema, dem Milieu der Angestellten, der Arbeiter und ‚kleinen Leute‘. Sie beschreibt die Haltungen, aus denen sich die Diktatur speist. Sie zeigt, wer profitiert, wer sich endlich breit machen kann und wer an den Rand gedrängt wird. Das Schreiben ist ihre persönliche Art des Widerstands:

Es mag dir pathetisch klingen, aber ich betrachte es als heilige Aufgabe mitzuhelfen in meiner Art im Kampf gegen das Nazitum.

Brief an Arnold Strauss, 5./6.5.1936

Als der Roman 1937 in Amsterdam erscheint, wird er im Ausland mit riesigem Interesse aufgenommen. Übersetzungen ins Englische, Dänische, Niederländische folgen. Keun bietet einen propagandafreien Einblick in das Leben des Nazi-Staats, der sonst nur schwer zu bekommen ist. Dafür wird sie auch von den Künstlerkolleg:innen im Exil mit Spannung gelesen.

Irmgard Keun war von Anfang an überzeugt von diesem Buch. In der Konzeptionsphase schreibt sie an ihren Geliebten, den jüdischen Arzt Arnold Strauss: »Na, und dann eben der Roman. Du wirst begeistert sein – und wenn du’s nicht bist, dann bist du furchtbar dumm und unrettbar sentimental.«

3. Leitfragen zur Lektüre

Zum Start in die ersten beiden Kapitel des Buches gebe ich gerne wieder einige Leitfragen mit auf den Weg. Sie helfen vielleicht, etwas in das Buch hineinzukommen und sich vorzuwärmen für die Diskussion.

  • Hauptfigur: Welchen Eindruck macht die Protagonistin Sanna? Was bedeutet es für uns, die Welt durch ihren Blickwinkel wahrzunehmen?
  • Nebenfiguren: Der Roman ist kurz, die Figuren müssen mit Bedacht gewählt werden. Welche Aufgaben erfüllen die Nebenfiguren? Was zeigen sie?
  • Erzählwelt: Wo spielt die Erzählung? Welche Welt baut sich vor unseren Augen auf?
  • Stil: Welche Sprache spricht das Buch?
  • Satire: Woran wird die Haltung der Autorin gegenüber den Herrschaftsverhältnissen deutlich?

4. Keuns Humor: Eine Kostprobe

Berühmt wurde Keun mit ihren unverblümten Frauenfiguren und ihrem humorvollem Blick auf das Verhältnis der Geschlechter. Dafür ist naturgemäß in »Nach Mitternacht« nicht ganz so viel Raum, weil die Atmosphäre vom Ernst der Zeit mitbestimmt wird.

Wer eine konzentrierte Kostprobe ihrer launigen Seite wünscht, dem empfehle ich ihr »System des Männerfangs«, in dem sie eine Anleitung zum gezielten Umgang mit dem anderen Geschlecht gibt:

»Allgemeine Regeln: der Eitelkeit des Mannes Futter geben. Sein Selbstgefühl stärken, ihn stolz sein lassen auf sich. Ihn verstehen, wenn er verstanden werden will, und im richtigen Moment stoppen – mit dem Verstehen. Ein Mann wünscht nicht bis in die letzten abgründigen Tiefen seines einmaligen Innenlebens begriffen zu werden von einer Frau – er könnte sonst merken, daß es nicht so unerhört einmalig ist, und das würde er sehr übel nehmen. (…) Unbedingt und immer über dasselbe mit ihm lachen – sonst ists Essig mit der erstrebten Gemeinsamkeit. Sich politisch aufklären lasen. Sehr dumm sein, aber sehr intelligent fragen.«

Aber Obacht: »Dieses Rezept ist unvollkommen und versagt vollständig, wenn die letzte individuelle Behandlung fehlt. Es gibt nur eine Regel, die unter allen Umständen zu befolgen ist: selbst nicht verliebt sein, denn dann macht man alles falsch.« (Keun, Das Werk, Bd. 1, 227.231)

KommentierenZur Einführung: Irmgard Keun

Leseplan: Irmgard Keun, »Nach Mitternacht«

Wir starten in die 2. Leserunde im KlassikerClub mit Irmgard Keuns Roman »Nach Mitternacht«. Herzlich Willkommen allen, die Lust haben mitzulesen und mitzudiskutieren. Ein nachträglicher Einstieg ist immer möglich!

Das Mitmachen ist einfach: Das Buch ist in vier Abschnitte eingeteilt. Den jeweiligen Abschnitt liest jede:r über die Woche im eigenen Tempo. Jeden Sonntag erscheint hier ein neuer Beitrag zum Leseabschnitt der vergangenen Woche. Einleitende Fragen eröffnen den Austausch in den Kommentaren. Jede:r trägt so viel bei, wie sie oder er möchte. Wenn du mit dem Lesen länger brauchst, kommentierst du einfach, sobald du soweit bist.

1. Der Leseplan

DatumThema
25. JanuarGespräch über Kapitel I-II
01. FebruarGespräch über Kapitel III-IV
08. FebruarGespräch über Kapitel V-VI
15. FebruarGespräch über Kapitel VII und Abschluss

Tipp: Ein guter Lesekreis lebt vom gemeinsamen Tempo. Am meisten Freude macht es erfahrungsgemäß, wenn man ungefähr im Rhythmus des Plans liest. Diskussionen sind am lebendigsten, wenn die Kapitel der vergangenen Woche noch frisch im Gedächtnis sind.

Wichtig: Wenn du einmal mit dem Lesen nicht nachkommst und aus dem Plan herausfällst – kein Problem! Steige einfach wieder ein, sobald es für dich passt. Die Beiträge bleiben online und können weiter kommentiert werden.

2. Ausgaben

Aktuell verfügbar sind zwei Ausgaben: Hardcover (Claassen 2022, 22EUR) und Taschenbuch (Ullstein 2023, 12,99EUR). Beide enthalten denselben Text, die Hardcover-Ausgabe hat noch ein Nachwort von Heinrich Detering, der die Keun-Werkausgabe mitherausgegeben hat.

Vorteil beim Taschenbuch: Ullstein bietet in einheitlicher Optik auch die beiden anderen wichtigen Romane Keuns an (»Gilgi« und »Das kunstseidene Mädchen«). Wer Geschmack findet und gerne alle drei Keuns lesen möchte, hat hier was Schönes fürs Bücherregal.

Alternative Wege: Ich empfehle wie immer unsere großartigen Stadtbüchereien zum Ausleihen! Antiquarisch findest du auch unterschiedliche Ausgaben. Achtung, Verwechslungsgefahr: Es gibt antiquarisch auch eine Keun-Biografie mit dem Titel »Nach Mitternacht. Ein Leben« von Katja Kulin (Herder Verlag). Das Buch ist sicher lohnenswert, aber eben nicht der Roman.

KommentierenLeseplan: Irmgard Keun, »Nach Mitternacht«

Runde 2: Neue Sachlichkeit

Herzlich Willkommen allen Wiederholungstätern und Neueinsteigern! Wir starten in Runde 2 des KlassikerClubs. Und Du kannst mitentscheiden, was wir lesen.

1. Die Kandidaten

Diesmal gibt es 4 Kandidaten. Alle stammen aus den frühen 1930er Jahren, alle haben einen gut lesbaren Stil, alle erzählen von einer äußerst spannenden Zeit in Deutschland. Ergo: Wie man’s macht, macht man es richtig! 😉

Erich Kästner: Fabian, die Geschichte eines Moralisten (1931) ca. 250 Seiten

Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm (1932) ca. 380 Seiten

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? (1932) ca. 500 Seiten

Irmgard Keun: Nach Mitternacht (1936) ca. 180 Seiten

Auf Instagram (@klassikerclub) und Tiktok findest du ein Video, in dem ich ein paar Sätze zu den Büchern loswerde. Vielleicht hilft es dir, dich zu entscheiden. Über jeden der Romane findest du auf Wikipedia kurze Artikel – dort aber Achtung, Spoiler möglich!

2. Die Abstimmung

Die Regeln sind einfach: Jede:r hat eine Stimme. Das Buch mit den meisten Stimmen gewinnt. Umfrageende ist Sonntag, 18.01.2026 um 10 Uhr. Dann entwerfe ich den Leseplan mit einer Einteilung des Buches je nach Umfang. Los geht’s…

Meine Stimme für…

  • Erich Kästner: Fabian (31%, 64 Stimmen)
  • Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm (14%, 29 Stimmen)
  • Hans Fallada: Kleiner Mann – Was nun? (13%, 27 Stimmen)
  • Irmgard Keun: Nach Mitternacht (41%, 84 Stimmen)

Wähler insgesamt: 204

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3. Neue Sachlichkeit – Ein bisschen Hintergrund

Alle 4 Kandidaten werden der Stilrichtung »Neue Sachlichkeit« zugeordnet. Nie gehört? Sehr gut, dann lernen wir es gemeinsam kennen! Hier das Wichtigste in Kürze:

In den 1920er Jahren entsteht in Deutschland eine neue literarische Bewegung. Man fasst sie mit ähnlichen Bestrebungen in Kunst und Architektur unter dem Namen »Neue Sachlichkeit« zusammen. Ihr Kennzeichen: Eine nüchterne, einfach zugängliche Sprache; ein Interesse am Leben in der Großstadt, an den Milieus der Arbeiter:innen und Angestellten, am faktischen Alltag der sog. „kleinen Leute“.

Berlin Alexanderplatz, 1930 (Sludge G, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Die Neue Sachlichkeit ist eine Reaktion auf den Expressionismus und seinen Hang zu einer extrem verdichteten, bedeutungsschwangeren Sprache. Sie greift stattdessen zurück auf den Naturalismus, der die Welt ungeformt so zeigen will, wie sie ist – im Kleinen wie im Großen, im Schönen wie im Hässlichen.

Kurz: Neue Sachlichkeit ist dokumentarisch, journalistisch, präzise. Sie ist eher leicht zu lesen, aber reich an Erfahrung und Zeitgeschichte. Ideal auch für jene, die eher selten zu Klassikern greifen!

Politisch gehört die Neue Sachlichkeit in die Zeit der Weimarer Republik (1918-1933) und ist eng mit ihr verwoben. Die Literatur der Neuen Sachlichkeit ist demokratieoffen, mit sozialdemokratischer Prägung, weltanschaulich tolerant. Ihr logisches Ende findet sie deshalb mit dem Aufstieg des Faschismus.

Irmgard Keun beschreibt in Nach Mitternacht diesen Übergang. Erich Kästners Fabian wird von den Nazis verbrannt, Gabriele Tergit als ‚jüdische Autorin‘ verboten.

Die Gegenwartsbezüge liegen auf der Hand: Unsere Kandidaten zeigen alle eine demokratische Gesellschaft im Krisenmodus. Die Wirtschaft steht unter Druck. Das Bürgertum fürchtet Wohlstandsverluste. Extreme Parteien bekommen Zulauf. Die Vielfalt von Lebensentwürfen ist umstritten. Schuldige und Sündenböcke werden gesucht und gefunden.

Die Neue Sachlichkeit begegnet dieser Situation ohne Pathos und schnelle Urteile. Sie dokumentiert, beschreibt und versucht das Große im Kleinen zu verstehen. Sie bietet Beobachtung statt Ideologie.

KommentierenRunde 2: Neue Sachlichkeit

Episode 5: Kapitel XV-XVII + Abschluss

»Eigentlich geht es darum, dass eine einzige Drehung des Rades alles verändern kann…« (Kap. XVII, Fischer 205)

1. Rückblick auf den Abschnitt

Alexej kehrt mit seinem Riesengewinn zurück zu Polina. Die beiden verbringen eine Nacht in seinem Zimmer, doch Polina bleibt ein Rätsel, das Geld verachtet sie. Ihr Verhalten ist erratisch. Am Morgen flüchtet sie zu Mr Astley. Alexej geht mit Mlle Blanche nach Paris. Gelangweilt vom dekadenten Leben, taub gegenüber dem eigenen Reichtum, sieht er Blanche beim Verprassen seines Vermögens zu. Blanche heiratet den inzwischen zu einem Erbteil gekommenen, geistig zerrütteten General.
Gut 1,5 Jahre später begegnen wir Alexej in Baden Baden. Er ist dem Spiel verfallen, hat eine Gefängnisstrafe wegen Überschuldung und eine Stellung als Lakai hinter sich. In einer letzten Begegnung mit Mr Astley wird er der Liebe Polinas versichert und erhält ein kleines Kapital, um sofort aus dem Spielort abzureisen. Alexej ist überzeugt: Noch dieses eine Mal…

2. Angebote zum Gespräch

Wir sind durch! Einige schon länger, einige ganz frisch (so wie ich ;)). Zum Abschluss einige Fragen, die auch auf das Buch als Ganzes zurückblicken.

  • Das Spiel: Alexej kann nicht anders. Er muss immer wieder alles auf eine Karte setzen. Inwiefern ist dieser Hang Ausdruck seiner Persönlichkeit?
  • Die Religion: Dostojewski wurde in den letzten Lebensjahren zunehmend tief religiös. Das hinterließ deutliche Spuren in seinem Werk. Gegen Ende scheint diese Dimension mit den Begriffen „Tod – Auferstehung – neues Leben“ auch im Spieler durch. Hat das Spiel eine religiöse Funktion? Ist Religion eigentlich auch ein Spiel?
  • Das Geld: Heiß begehrt. Ständig prekär. Im Überfluss plötzlich reizlos. Das Geld hat eine Schlüsselstelle im Roman, scheint aber stets nur stellvertretend für anderes zu stehen, das eigentlich begehrt wird. Wofür steht das Geld?
  • Die Liebe: Im Zentrum steht die amour fou zwischen Alexej und Polina. In der scheinbaren Erfüllung der gemeinsamen Nacht entpuppt sie sich als: eine Unmöglichkeit? ein Missverständnis? ein Versprechen, das erst später eingelöst werden kann? Wovon lebt, woran scheitert diese Liebe?
  • Das Russische: Ein letztes Mal hören wir Alexej mit seiner Theorie von Franzosentum vs. Russentum (Kap. XVII). Wie blickt ihr auf die Opposition zurück, die bis heute politisch brisant ist?
  • Der Roman: Der Spieler ist ein Roman über den Rausch und Dostojewski hat ihn wie im Rausch geschrieben. In nur 26 Tagen war das Buch fertig. Wie ging es dir mit dem Erzählton, dem Rhythmus, der Sprache, dem Stil?
  • Das Zitat: Wenn du ein Zitat aus dem Buch mitnimmst, welches wäre es?
3. So geht es weiter: Zoom-Plausch und Runde 2

Der Klassikerclub hat seine erste Runde hinter sich – mir hat es große Freude gemacht! Es gab den Wunsch, sich doch zum Abschluss des Spielers einmal per Video zusammenzuschalten. Gerne! Wer mag: Wir treffen uns für einen Plausch über unser Dostojewski-Erlebnis am Sonntag, 11. Januar um 19:30 Uhr auf Zoom. Dauer: 40 Minuten (mit Option auf Verlängerung). Mit einem Klick auf diesen Einladungslink bist du dabei.

Es wird im Anschluss eine Runde 2 des Klassikerclubs geben. Dafür mache ich wieder Vorschläge für mögliche Titel und wir bestimmen den Sieger in einer Abstimmung auf dieser Seite. Eine Einladung zum Abstimmen gibt es dann auch auf Instagram (@klassikerclub)und auf TikTok.

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Episode 4: Kapitel XII-XIV

»Und koste es mein Leben, ich will wieder gewinnen. Setz!« (Kap. XII, Fischer 134)

1. Rückblick auf den Abschnitt

Nach ihrem ersten Gewinn beim Roulette ist die Babuschka wie entfesselt. Von einer fieberhaften Spielwut gepackt, verliert sie alle greifbaren Vermögenswerte. Der General gerät in Panik. Umsonst: Die Großmutter reist erst ab, als sie auch die letzte Münze verspielt hat. Ihr Stolz ist gebrochen. Das Erbe ist dahin. Mlle Blanche verlässt den General. Der Franzose des Grieux fährt nach Petersburg, um die verpfändeten Güter des Generals flüssig zu machen. Polina wendet sich in ihrer Verzweiflung an Alexej. Auch sie ist bankrott, die geplante Liaison mit dem Franzosen gescheitert. Alexej stürzt in die Spielhalle, um Polina finanziell zu retten. Eine sagenhafte Glückssträhne beschert ihm mit einem Schlag: Aufmerksamkeit, Beifall, Reichtum, Macht – und Polinas Liebe?

2. Angebote zum Gespräch

Hier und im Kommentarbereich einige Fragen als Inspiration für unsere Diskussion. Weitere Themen gerne in den Kommentaren initiieren!

  • Schilderung des Spiels: Dostojewski kannte die Erfahrung des entgrenzten Glücksspiels aus eigener Erfahrung. Wie stellt er das Erleben (bei der Babuschka, bei Alexej) dar?
  • Implosion der Gruppe: Der Ruin der Großmutter wird zum Moment der Wahrheit für alle Beteiligten. Wie hast du diese Wendung wahrgenommen?
  • Erzählerfiktion: Kapitel 13 beginnt mit Reflexionen Alexejs bei der Durchsicht seiner Aufzeichnungen. Welchen Eindruck hat diese Passage von knapp 2 Seiten auf dich gemacht? Was bedeutet sie für uns als Leser:innen?
  • Noch einmal, Russland und der Westen: »O je, o je, dieses Ausland!« So bilanziert Babuschkas Diener Potapytsch die großen Verluste seiner Herrin. Wie verstehst du diese Klage?
  • Zitat der Woche: Dein Satz der Woche…
  • Offene Fragen: Alles, was du dich beim Lesen gefragt hast.
3. Ein Tipp

Eine wirklich gute Verfilmung des Spielers gibt es bisher nicht. Dafür aber eine Oper des Komponisten Sergei Prokofjew. Eine vollständige Aufführung in HD gibt es auf Youtube.

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