Woche 12: Komm bald nach!

Woche 12

Komm bald nach!


Woche 12: Es wird wortreich. Die Kombination Settembrini-Naphta hält, was sie versprochen hat, es wird leidenschaftlich viel geredet. Der schweigsame Joachim hingegen braucht nicht viele Worte, um Entscheidendes zu sagen.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Jesuit!
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Der scharfe Professor Naphta hat es Hans Castorp offenbar angetan. Im Interesse seines nachenklichen »Regierens« stattet er ihm auf eigene Faust einen Besuch ab. Joachim im Schlepptau. Erstaunt stellen die beiden fest, dass es sich beim Damenschneider Lukaček edler wohnen lässt als erwartet. Geradezu »märchenhaft« mutet die Residenz des kleinen Gelehrten an: Elegant, teuer und ganz und gar in purpurroter Seide. In hartem Kontrast dazu steht im Zentrum des Raumes eine mittelalterliche Holzskulptur, die den toten Christus in den Armen Marias zeigt.

Das Vorbild der Pietà im Zauberberg:
Die »Pietà Röttgen«

Als sich der im Dachgeschoss wohnende Settembrini dazugesellt, entspinnt sich anlässlich dieser Leidensdarstellung eine weitgreifende Diskussion rund um Gotik, Klassizismus, Natur und Askese. Naphta kritisiert die Verdrängung des Menschen aus dem Mittelpunkt des Denkens durch die moderne Naturwissenschaft. In einer überraschenden Volte proklamiert er die Umkehrung aller modernen Verirrungen durch das gewaltsame Eingreifen des kommunistischen Proletariats. Die Vettern lauschen und staunen.

Joachim hört sich das zwar alles geduldig an, doch seine Geduld mit dem Leben auf dem Berghof ist insgesamt ans Ende gekommen. Er hat die ewigen Vertröstungen auf baldige Genesung satt und entschließt sich zur Abreise ins Flachland. Hans Castorp ist besorgt, nicht zuletzt wegen der Rückschlüsse, die das für seinen eigenen Verbleib nahelegt. Zu Recht. Hofrat Behrens, in niedergeschlagener Stimmung nicht zu eingehenden Untersuchungen geneigt, gestattet dem soldatischen Joachim die Abreise – und Hans gleich dazu.

»Sie können reisen«, diagnostiziert der Hofrat. Kann er? Er kann nicht. Hans Castorp bleibt. Teils wegen seiner »Regierungspflichten« – also seiner auf dem Berg erweckten Faszination für eine umfassende Bildung, die ihm im Flachland seiner Erwartung nach verwehrt bliebe –, teils auch weil er nach wie vor auf die Rückkehr einer nach Daghestan Abgereisten hofft. Daran ändert auch der bewegte Händedruck Joachims und die »peinliche« Anrede mit dem Vornamen nichts: »Hans, komm bald nach!«


2. Vertiefung: Jesuit?!

»Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist Jesuit?!« Hans Castorp kann es kaum fassen, als Settembrini ihm das Geheimnis der großzügigen Ausstattung Naphtas lüftet. Es spricht fast etwas von Erschrecken und Ehrfurcht aus dieser Überraschung. Aber weshalb? Das Kirchliche scheint doch im Koordinatensystem Hans Castorps bisher kaum negativ besetzt; immerhin hätte er sich selbst vorstellen können, Geistlicher zu werden?

Der Jesuitenorden hat einen besonderen Ruf. Das ist seit seiner Gründung im 16. Jahrhundert rund um Ignatius von Loyola der Fall und hat mit Eigenheiten zu tun, die ihn von allen anderen bekannten Orden wie den Franziskanern, Dominikanern oder Benediktinern unterscheiden und gleichzeitig zum Anlass für Verschwörungstheorien dienten.

Ignatius von Loyola, Gründungsgestalt der Jesuiten

Anders als die Mitglieder anderer Ordensgemeinschaften sind Jesuiten nicht sofort äußerlich erkennbar, denn Jesuiten haben keine Ordenstracht und leben nicht zwingend in Kommunitäten. Sie bewegen sich im Alltag »in zivil«, man könnte auch sagen: undercover; so wie Naphta, dem man sein Jesuitentum folgerichtig auch nicht ansieht.

Die Parallele zum Geheimagenten-Dasein legt sich auch deshalb nahe, weil die Jesuiten in ihrer Geschichte eine besondere Aufgabe hatten. Ihr Ziel war es, die katholische Lehre gegen ideologische Gegner zu verteidigen. Zu Beginn ihrer Geschichte war der Hauptgegner der europäische Protestantismus, weshalb die Jesuiten eine Speerspitze der sog. Gegenreformation bildeten. Besonders erfolgreich waren sie in Polen, wo sie den schon fast siegreichen Protestantismus innerhalb weniger Jahrzehnte zurückdrängen konnten. Als der konfessionelle Grabenkampf im 19. Jahrhundert der zunehmenden Säkularisierung weicht, sind die Jesuiten an einer neuen Front gefragt: Kampf gegen Modernismus, Atheismus, Wissenschaftsglauben.

Den ideologischen Kampf führten die Jesuiten allerdings nicht nur hinter akademischen Mauern, in Hörsälen und zwischen Buchdeckeln. Ihr Erfolgsrezept war die Offensive. Sie bildeten Netzwerke der Bildungsarbeit in katholischer Absicht. Sie gründeten Schulen mit ausgezeichnetem Ruf, wurden Beichtväter und Mentoren des adeligen Nachwuchses und hatten auf diese Weise bei den Eliten einen Fuß in der Tür.

Der Erfolg der Jesuiten im Verbund mit ihrer Netzwerktätigkeit war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert Anlass für zunehmende Feindseligkeiten im deutschen Reich. Im preußischen Kulturkampf zwischen Nationalstaat und römisch-katholischer Kirche gerieten die Jesuiten besonders in den Fokus. Man beäugte sie argwöhnisch als verlängerten Arm Roms, was der Sache nach auch nicht falsch war – sich allerdings bis ins Verschwöhrungstheoretisch-Irrationale steigerte. Das »Jesuitengesetz« von 1872 verbot den Orden im Reichsgebiet. Das Verbot wurde erst 1917 vollständig aufgehoben. Wilhelm Buchs Jesuiten-Satire »Pater Filucius« ist ein literarisches Zeugnis des preußisch-deutschen Antikatholizismus der Zeit.

Zeichnung aus Wilhelm Buschs Pater Filuzius (1872): »Nämlich dieser Jesuiter
Merkt schon längst mit Geldbegier
Auf den Gottlieb, sein Vermögen,
Denkend: Ach wo krieg ich Dir?«

Bei der Komposition der Naphta-Figur nutzt Thomas Mann mehrere Züge des Jesuitenbilds seiner Zeit: Die Vorstellung des Untergründig-Agentenhaften, die Nähe des Anti-Jesuitentums zum Antisemitismus, das Vorurteil einer Geldgier und Machtbesessenheit der Jesuiten, deren umfassende intellektuelle Bildung, ihr pädagogisches Bestreben und die Gegnerschaft zum Nationalstaat, für den Settembrini eintritt.

Die Jesuiten existieren bis heute. Prominente Schüler jesuitischer Schulen waren: René Descartes, Voltaire, James Joyce, Fidel Castro, Papst Franziskus I.

Quellen für Neugierige: Wikipedia-Artikel »Jesuiten«; Fergus O’Donahue SJ, Rezension zu The Jesuit Specter in Imperial Germany; Wilhelm Busch, Pater Filuzius bei Projekt Gutenberg.

3. Anregungen zum Austausch

  1. Wie geht es dir mit den Gesprächen zwischen Settembrini und Naphta: Anregend oder eher öde?
  2. Für Erstleser:innen: So nah an der Abreise wie in dieser Woche war Hans Castorp vielleicht noch nie. Was vermutest du, kommt er überhaupt noch vom Zauberberg los?
  3. Zitat der Woche: Welcher Satz hat es dir besonders angetan?

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Woche 11: Noch jemand

noch jemand


Woche 11: Es geht weiter! Und wie… Mit Leo Naphta betritt eine der brillantesten Figuren Thomas Manns die Bühne. Eine Bitte an alle Mit-Wanderer: Ihr könnt mir mit einem kleinen Umfrageklick zum Aufbau dieser Beiträge dabei helfen, das Format nutzerfreundlich zu gestalten.

  1. Kleine Umfrage
  2. Rückblick auf den Abschnitt
  3. Vertiefung: Geburt einer Figur
  4. Anregungen zum Austausch

1. Kleine Umfrage

Die Wochenbeiträge zum Zauberberg haben für gewöhnlich drei Abschnitte: „Rückblick – Vertiefung – Austausch“. Meine Frage: Wie wichtig ist dir persönlich die Vertiefung? Bei der Beantwortung geht „ehrlich“ vor „höflich“, das hilft mir am meisten! 🙂

Wie wichtig ist dir die Vertiefung?

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Wenn du darüber hinaus Rückmeldungen zu den Wochenbeiträgen hast, schreib es mir gerne in die Kommentare!

2. Rückblick auf den Abschnitt

Nach der epochemachenden Walpurgisnacht wird der erzählerische Faden sechs Wochen später wieder aufgenommen. Madame Chauchat hat das Sanatorium wie angekündigt in Richtung Daghestan verlassen, Hans Castorp kämpft etwas mit der „bürgerlichen“ Neigung, ihr Liebesbriefe nachzusenden, ahnt aber, dass die durch Krankheit Befreite mit solchen Sentimentalitäten nicht viel anfangen kann. Hofrat Behrens bestätigt ihm sympathisch auflachend diese Vermutung.

Der mit dem Winter kämpfende Frühling bringt weitere Veränderungen. Einige Hoffnungslose suchen das Abenteuer der Abreise, Joachim kann sich ebenfalls kaum halten (Hans vermutet den Einfluss der abwesenden Marusja), Settembrini erhält „lebenslänglich“ und zieht zur Miete ins Dorf hinunter. Hans Castorp scheint sich für die Seelenzergliederung bei Dr. Krokowski zu erwärmen, wenngleich nur schlechten Gewissens und schleichenderweise.

Der bildungshungrige Protagonist wirft sich auf die Botanik und bewundert die Astronomie der Chaldäer, bis ihm in Gestalt des neuen Hausgenossen Settembrinis, dem Altphilologen Naphta, neue pädagogische Optionen erwachsen. Auf einem Spaziergang begegnen die Vettern den beiden Geistesmenschen, die in ihrem „Kolloquium“ ein wahres philosophisch-politisches Feuerwerk abbrennen. Etwas wirr und in sich nicht immer schlüssig sind die Wortgefechte rund um Monismus, Dualismus, Antike und Mittelalter, Mönchtum und Kapitalismus, Wien und Moskau. Eines wird jedoch klar: Nach der Abreise Clawdia Chauchats hat Settembrini in seinen pädagogischen Bemühungen um Hans Castorp einen neuen Gegenspieler erhalten.

Die Konkurrenz zwischen Settembrini und Chauchat war ungleicher Natur. Hier die aufklärerische Rede, dort die wortlose erotische Anziehungskraft. Zwischen den beiden Untermietern des Damenschneiders Lukaček hingegen, so viel zeichnet sich bereits ab, wird Waffengleichheit herrschen. Auf uns warten rhetorische Duelle, die kaum jemand so zu inszenieren weiß, wie der Autor des Zauberbergs! Dass man dabei unmöglich jeder Spur und Anspielung folgen kann, soll uns nicht weiter stören.


3. Vertiefung: Geburt einer Figur

Mit Settembrinis Gegenspieler Leo Naphta betritt eine neue Figur die Bühne des Zauberbergs. Schon nach wenigen Seiten ist klar: Hier haben wir es mit einer komplexen und durchkomponierten Figur zu tun, nicht mit einer humoristischen Nebenpersonalie im Stile von Frau Stöhr oder dem Paar vom ‚Schlechten Russentisch‘.

Wie entsteht eine solche literarische Persönlichkeit bei Thomas Mann? Am Beispiel Leo Napthas lässt sich schön zeigen: Die großen Figuren haben bei ihm häufig eine Laufbahn im Werk. In ihnen fließen mehrere reale Vorbilder und literarische Eindrücke zusammen, entwickeln sich über die Zeit, kristallisieren sich zur einer Person und hinterlassen später hier und da noch Spuren in Form von Nebenfiguren.

Georg Lukács, 1952

Für Leo Naphta hat die Quellenforschung u.a. folgende Einflüsse und Vorbilder ausfindig gemacht:

  1. Georg Lukács: Thomas Mann war dem seinerzeit berühmten ungarischen Literaturkritiker kurze Zeit vor der Arbeit am Abschnitt »Noch jemand« persönlich begegnet. Lukács, der eine der führenden literarischen Stimmen der Sowjetunion war, galt als scharfer Denker und unerbittlicher Kritiker. Gemeinsam mit gewissen äußerlichen Ähnlichkeiten wurde die Parallele zwischen Naphta und Lukács früh von der Literaturwissenschaft festgestellt. Auch Georg Lukács selbst hat diese Nähen wahrgenommen.
  2. Girolamo Savonarola: Ein italienischer Dominikanermönch und Bußprediger, der im 15. Jahrhundert mit großem Erfolg gegen die Verweltlichung der Kirche kämpfte. Als strenger Asket und flammender Redner suchte er eine Art Gottesstaat in Florenz aufzurichten und erregte damit Aufsehen und Anstoß. Er starb, wie im ausgehenden Mittelalter nicht ganz unüblich, auf dem Scheiterhaufen.
  3. Ludwig Derleth: Ein heute weitgehend vergessener Dichter um 1900. Thomas Mann war ihm in seiner Münchener Zeit persönlich begegnet. Die verworrene Mischung aus apokalyptischen Visionen, radikaler Gehorsamsforderung und Aufruf zur umstürzlerischen Gewalt mit der Absicht eines erneuerten katholischen Christentums befremdete und beeindruckte Thomas Mann. Derleth wurde bereits in den frühen Erzählungen Beim Propheten und Gladius Dei verarbeitet und fand wohl auch im Doktor Faustus wieder Niederschlag.
Girolamo Savonarola (1452-1498)

Sehr wahrscheinlich stand also nicht eine, sondern mindestens drei reale Personen für Naphta Pate. Dazu kamen Ideenkomplexe, die Thomas Mann aus seinen zahlreichen Lektüren übernahm: Die Verbindung von Nihilismus und Christentum so wie das Konglomerat von Kommunismus und Katholizismus.

Die großen Figuren Thomas Mann darf man sich weder als reine Erfindung noch als Kopie einer real existierenden Vorlage vorstellen. Er arbeitete über lange Zeit Skizzen aus, sammelte Grundanschauungen und Persönlichkeitsmerkmale. Am Ende stand dann manchmal noch eine zündende Begegnung, die ihn mit dem nötigen inneren Bild versorgte, um eine Figur zum Leben zu erwecken.

4. Anregungen zum Austausch

  1. Wie hast du die Zauberberg-Pause genutzt? Zum Aufholen? Etwas anderes gelesen?
  2. Naptha betritt die Bühne, offenbar zum Unbehagen Settembrinis. Wie sind deine Sympathien zwischen den beiden „Pädagogen“ verteilt?
  3. Wer HÖRT eigentlich alles den Zauberberg – zusätzlich zu oder statt der Buchlektüre?
  4. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
  5. Rückmeldungen: Für die Weiterentwicklung der Leserunden freue ich mich immer über Feedback. Was hilft dir bei der Begleitung deiner Lektüre, wovon mehr, wovon weniger, was fehlt?

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Woche 10: Walpurgisnacht

WALPURGISNACHT


Woche 10: Ein lange (sehr lange!) gezogener Spannungsbogen findet sein Ende – und wir als Wandergruppe die Zwischenstation. Herzlichen Glückwunsch an alle tapferen Weggenossen, wir haben die Hälfte des Bergs erklommen! Wir machen nun 14 Tage Rast. Am 16. August geht es mit dem Zauberberg weiter (den Leseplan für die 2. Hälfte findest du hier). Am 9. August kommt für alle Lesehungrigen ein Beitrag für die Zwischenlektüre Tristan.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Was strukturiert die Zeit, wenn jeder Tag gleich ist? Die besonderen Tage, die Feste und Feiertage. So landen wir nach Weihnachten direkt im Faschingstrubel des Berghofs. Die Direktion spendiert kleine Papierlampions für die Tische: es ist hohe Feststunde.

Die Überschrift des Abschnitts, Walpurgisnacht, ist mehr als eine Anspielung: Thomas Mann montiert zahlreiche Zitate der Walpurgisnacht-Szene aus Goethes Faust I in den Verlauf des Abends, am deutlichsten via Settembrini, der als Literat ironisch die »Dichtersprüche« einflicht. Nicht nur zitatweise, auch strukturell gibt es Entsprechungen. Faust steigt unter Führung seines »Pädagogen« auf den Brocken mit dem Ziel erotischer Eskapaden. Überinterpretieren wird man diese Analogie nicht, sie ist meiner Wahrnehmung nach vor allem ein gelehrtes Spielchen. Immerhin: Durch die Überblendung wird auch Hans Castorps Liebeswerben in das faustische Projekt einer umfassenden Sinn-Suche integriert. Die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, hätte sich der Ingenieuer im Flachland nie gestellt…

Das Gespräch zwischen Hans und Clawdia ist geistig vor allem durch die Mischung aus Champagner und Burgunder geprägt, der Hans Castorp fleißig zugesprochen hat. Das auffällige Französisch (zum Glück mit Übersetzung im Anhang) ist dabei selbst eine Art Faschingsmaske: In der weltläufigen und erotisch freieren Fremdsprache kann er Dinge sagen, die ihm als deutschem Bürger in seiner Muttersprache nicht so einfach über die Lippen gekommen wären.

Viele Motive kehren hier wieder und finden zusammen: Der geliehene Bleistift, das traumartige Erleben, die krankmachende Wirkung der Liebe, die Verbindung von Liebe und Tod (»le corps, l’amour, la mort«), Europa und Asien, Nietzsches dionysische Auflösung der Form (»pourquoi, au fond, de la forme?»), das Ineinander von historischem Individuum und überindividueller Typologie.

So endet die erste Hälfte unserer Bergwanderung in einem Reigen aus Leitmotiven – und in der Erfüllung der Bleistift-Wünsche unseres Protagonisten. Eigentlich könnte er als nächstes abreisen. Eigentlich…


2. Anregungen zum Austausch

  1. Das Bergfest erreicht! Freust du dich auf die zweite Hälfte?
  2. Hans und Clawdia: Was ist das eigentlich für ein Paar?
  3. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?

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Geisterstunde: The Turn of the Screw von Henry James

Stell dir vor, du hütest auf einem verlassenen englischen Landsitz zwei kleine Kinder und beginnst eines Tages seltsame Erscheinungen längt verstorbener Hausbewohner zu sehen. Unheimlich? Wie wäre es, wenn du plötzlich das Gefühl bekommst, die Kinder haben selbst etwas damit zu tun…

Maria und Alex sprechen über den berühmte Gruselklassiker von Henry James, der mehr von psychologischer Spannung als von Horror-Effekten lebt.

Kennst du das Buch? Lass es uns gerne in dem Kommentaren wissen!

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Woche 9: Totentanz

TOTENTANZ


Woche 9: Noch wenige Schritte und wir sind bei der Hälfte angelangt. Eine wohlverdiente Pause wartet auf die Wandergruppe, sobald die 10. Etappe gemeistert ist.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Media vita in morte sumus
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Es weihnachtet sehr! Wobei… eigentlich gar nicht so sehr. Hans Castorps erste Weihnachten auf dem Berghof sind gemessen an den Feierlichkeiten im Flachland eher eine Enttäuschung. Ein wenig Baumschmuck, ein paar Geschenke für den Hofrat, ansonsten wird die besonderste Zeit des Jahres von »denen hier oben« so zeithungrig verschlemmt wie alle anderen Zeiten des Jahres auch.

Gut, dass Hans Castorp einen Weg findet, seine Zeit sinnvoll zuzubringen. Ganz im Sinne seiner neu erworbenen medizinischen Interessen (und wohl auch im Geiste seiner alten Sympathien für den seelsorgerlichen Beruf) verlegt er sich auf Krankenbesuche bei den Schweren und Ernsten. Den Vetter wohl oder übel im Schlepptau, tut Hans Castorp »pädagogisch Verbotenes«, wobei die christliche Nächstenliebe nicht nur Vorwand ist. Er flirtet ein wenig (Leila Gerngroß, Frau von Mallinckrodt), lässt sich über die nördliche Exotik Russlands belehren (Ferge) und widmet sich besonders der ärmlichen Karen Karstedt.

Mit ihr nehmen sie an den Lustbarkeiten der Davoser Gesellschaft teil, beobachten die internationale Hautevolee beim Schlittschuhlaufen und erleben das Kino als Zeitmaschine. Schließlich besuchen sie mit der 19jährigen Karen Karstedt den Friedhof und bleiben nachdenklich vor einer leeren Grabstelle stehen, die wie reserviert und vorbereitet erscheint.


2. Vertiefung: Media vita in morte sumus

Der Titel unseres Abschnitts – »Totentanz« – hat seinen Ursprung in der bildenden Kunst. Totentanz (franz. dance macabre) nennt man allegorische Bilderreihen, in denen der als Skelett versinnbildlichte Tod verschiedene Personen zum Tanz auffordert.

Ausschnitt aus dem Lübecker Totentanz

Eines der hervorragenden Beispiele dieser Gattung war in der Lübecker Marienkapelle zu sehen, Thomas Manns Taufkirche. Die Bildreihe wurde leider im 2. Weltkrieg größtenteils zerstört. Auf alten Fotografien kann man ihre Symbolik jedoch gut erkennen: Der Tod tanzt mit einer Reihe von Menschen, angeordnet vom höchsten bis zum niedrigsten Mitglied der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Die Botschaft ist deutlich: Vor dem Tod sind alle gleich. Es ist wohl kein Zufall, dass sich diese Bildsymbolik gerade im 15. Jahrhundert über Westeuropa verbreitete und also im Gefolge der grassierenden Pest-Epidemien.

In seiner schauerlichen Bildsprache bringt der Totentanz eine alte religiöse Weisheit zum Ausdruck: Media vitae in morte sumus, mitten im Leben im Tode wir sind. Oder, mit Psalm 90 gesprochen: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.«

So mündet Hans Castorps medizinische (und, wir wissen es: erotische) Faszination für die Leiblichkeit in eine eigenständige Bildungserfahrung. Gegen die Fortschrittsliebe Settembrinis und die im Berghof übliche Verdrängung des Todes entscheidet er sich für eine bewusste Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit. Er weiß dabei ganz genau: »Settembrini fände keinen Gefallen daran, es ist nichts für Humanisten und Republikaner und solche Pädagogen, es ist von einer anderen Geistesrichtung, der anderen, die es gibt.« (445)

Diese andere Geistesrichtung wird Hans Castorp geballt in einer zweiten pädagogischen Figur entgegentreten, die sich in der Atmosphäre von »Sakrallatein, Mönchsdialekt, Mittelalter« sehr viel wohler fühlen wird als der italienische Enzyklopädiker und Menschheitstherapeut. Das wird ein Geistesduell, auf das man sich jetzt schon freuen kann!


3. Anregungen zum Austausch

  1. Thomas Mann Heimatstadt Lübeck hat in seinen Romanen (allen voran den Buddenbrooks) tiefe Spuren hinterlassen. Ich kenn bisher nur ihren Bahnhof… Wer aus unserer Leserunde hat mehr Lübeck-Erfahrungen?
  2. Hans Castorps Engagement für die Moribunden: Eine Überraschung? Nimmst du ihm die Nächstenliebe ab oder bist du eher skeptisch gegenüber seinen Motiven?
  3. Die Kino-Episode ist ein Beitrag Thomas Manns zur Mediendebatte seiner Zeit. Ich stelle fest, dass auch diese Neuerung schon durch die Skepsis begleitet wurde, ob sie nicht das natürliche Verhältnis des Menschen zum Analogen, zu Zeit und Raum beschädige. Nicht so viel anders als heute im Falle von Internet und Sozialen Medien, oder?
  4. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?

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Woche 8: Organisches

Organisches


Woche 8: Ob Thomas Mann angesichts seiner unbestrittenen sprachlichen Fähigkeiten manchmal das Gefühl hatte, auch ein Telefonbuch interessant erzählen zu können? Ich weiß es nicht – für den Fall medizinischer Fachbücher ist diese Einstellung jedenfalls dokumentiert. Wer anders als ich von dieser Wegstrecke literarisch besonders angetan war, möge das unbedingt in den Kommentaren kundtun!

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Leseplan Etappe 2 – Rast und Nebentour
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp bildet sich auf eigene Faust weiter. Den ersten Anlass dazu bietet ein Besuch in der Wohnung des Hofrats. Diesen wusste unser Protagonist durch Vorspiegelung innigen Interesses am künstlerischen Hobby des Mediziners einzufädeln. Dass es ihm letztlich nur um das Porträt von Madame Chauchat ging, erkennt schließlich auch der um seine Liegekur betrogene Joachim.

Mit sichtbarer Aufregung lauscht Hans Castorp den Ausführungen des Hofrats über die Beschaffenheit von Haut, Gewebe und Innereien der Russin – eine eigentümliche Weise, sich der Angebeteten via vertiefter Kenntnis der Humanwissenschaften anzunähern.

Hans Castorp wird geradezu süchtig nach dieser Art von Einsichten, bestellt sich kostspielige Fachliteratur und studiert die dicken Bände halb wach, halb träumend auf seinem inzwischen winterlich frostigen Balkon. Auf den Spuren biologischer Lebensforschung verliert er sich in abgrundtiefe Betrachtungen über Atome und Universen, so dass er schließlich selbst nicht mehr weiß, ob es ihn als liegenden und reflektierenden Patienten einmal, doppelt oder unendlich oft gibt.


2. Leseplan Etappe 2 – Rast und Nebentour

Wir nähern uns der Mitte des Buches. Hier war ursprünglich eine sechswöchige Pause geplant. Das Stimmungsbild hat ergeben: Die Bedürfnisse sind verschieden. Manche würden gerne ohne Unterbrechung durchlesen. Andere wünschen sich eine Pause bzw. Zeit zum Aufholen, manche kurz, manche länger.

Ich schlage folgenden Kompromiss vor: Eine kurze Rast mit Option auf eine Nebentour.

Nach dem Abschnitt Walpurgisnacht und vor Veränderungen legen wir auf der Wanderung eine 14tägige Pause ein. Konkret: Am 2. August und am 9. August kommt hier kein neuer Beitrag zum Zauberberg. Am 16. August geht es mit dem Beginn des Sechsten Kapitels weiter.
Den neuen Leseplan kannst du wieder als PDF herunterladen.

Nebentour: Tristan (1901)

Das Angebot für jene, die keine Pause brauchen und an der Welt des »Zauberberg« dranbleiben möchten: Wir lesen in der Zwischenzeit Thomas Manns frühe Erzählung »Tristan«, eine Art Mini-Zauberberg. Diese Sanatoriumsnovelle und Vorstudie von 1901 ist mit ca. 60 Seiten bequem in zwei Wochen zu bewältigen und bietet einen sehr reizvollen Vergleich zum Epochenroman.

Für den »Tristan« wird es Mitte August einen Beitrag im Rahmen unserer Zauberberg-Leserunde geben. (Eine Warnung vorab: »Tristan« ist nicht zu verwechseln mit Thomas Manns Kurzerzählung »Tristan und Isolde«. Wenn du dir den Text rechtzeitig besorgen möchtest, wirst du fündig bei Fischer und Reclam.)


3. Anregungen zum Austausch

  1. Thomas Mann nahm jeden seiner großen Romane zum Anlass umfangreicher Recherchen. In diesem Abschnitt werden wir zum Abnehmer (Opfer?) seiner medizinischen und biologischen Studien. Wie ging es dir beim Lesen?
  2. Der Hofrat ist eine meiner Lieblingsfiguren im Roman. Nicht weil er mir sympathisch ist, beileibe nicht. Ich freue mich aber über jeden Auftritt, weil ich seine zackige Sprache so wunderbar getroffen finde. Gibt es hier noch andere Hofrat-Fans? Oder bist du Fan einer anderen Figur?
  3. Ein Abstecher zum Mini-Zauberberg »Tristan«: Wer hat Lust darauf? Ich mag die Erzählung sehr!
  4. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?

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KommentierenWoche 8: Organisches

Nein sagen ohne Schuldgefühle: Bartleby von Herman Melville

»Ich würde lieber nicht.« Ein einfacher Satz bringt eine schier unglaubliche Geschichte ins Rollen.

Maria und Alex sprechen über diesen Klassiker der amerikanischen Literatur, der zwar deutlich kürzer ist als das epische Hauptwerk Melvilles, »Moby Dick«, dafür aber nicht weniger ikonisch.

Welche Erfahrungen hast du mit dem Buch gemacht? Lass es uns gerne in dem Kommentaren wissen!

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KommentierenNein sagen ohne Schuldgefühle: Bartleby von Herman Melville

Woche 7: Ost und West

Ost und West


Woche 7: Hans Castorp hat sich mit dem Diapositiv seiner geschädigten Lunge ein Bleiberecht im Berghof erworben. Wie ergeht es den Lungen der wandernden Zauberbergsteiger? Ich hoffe, ihr seid nicht ganz aus der Puste. It’s a marathon, not a sprint. Gemeinsam schaffen wir das! 🙂

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Ost und West
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp fühlt sich frei. Aber wovon und wozu? Offenbar vom Flachland und für den »Krankendienst«. Zufrieden schickt er jenen Brief in die Heimat, der ihm monatelang Ruhe von der Zumutung des tätigen Lebens verschaffen soll.

Sodann stürzt er sich im goldenen Oktober in die Abenteuer einer kaum noch verhohlenen Verliebtheit. Während Joachim unangenehm berührt die Augen niederschlägt, schließt Hans Castorp ritterlich die Vorhänge im Speisesaal, redet sich vor der Kleefeld um Kopf und Kragen und überholt »mit männlichen Tritten« die liebliche Kranke. Alles für ein erlösendes Lächeln der heimlich Verehrten.

Settembrini ist alles andere als einverstanden. Sein pädagogischer Schützling scheint sich inzwischen ganz der Sphäre der Krankheit ergeben zu haben und damit, wie der Italiener meint, bedrohlicherweise »Asien« statt »Europa« zuzuneigen. Ganz anders als Settembrini selbst, der sich zwar seines unbotmäßigen Körpers schämt, aber im Geiste des Protests und im Protest des Geistes an der enzyklopädischen Kur aller soziologisch bedingten Leiden mitarbeitet. Ein wahrhaft aufklärerisches Projekt, dem sich Hans Castorp probeweise und trotzig entgegenstellt, indem er sich erneut weigert abzureisen. Nun: Angesichts der 700 Seiten, die uns noch bevorstehen, sind wir davon nicht wirklich überrascht.


2. Vertiefung: Ost und West

Im Abschnitt »Aufsteigende Angst« (Woche 5) wandern Hans Castorps Gedanken zu einer nächtlichen Kahnfahrt. Auf einem See in Holstein war er damals rudernderweise in eine »träumerische Konstellation« geraten: Für eine kurze Weile war es im Westen heller Tag gewesen, während im Osten bereits eine »zauberhafte, von feuchten Nebeln durchsponnene Mondnacht« aufgezogen sei.

Nichts an dieser literarischen Szene ist Zufall. Sie ist zwar als biografisches Erlebnis Thomas Manns verbürgt, zugleich aber leitmotivisch sehr bedacht gestaltet: Taghelle und Westen auf der einen Seite. Mondnacht und Osten auf der anderen. Hans Castorp zwischen beiden.

Im »Enzyklopädie«-Abschnitt dieser Woche spitzt Settembrini den Gegensatz in seinem Sinne zu. Für ihn ist Russland als Sphäre Asiens und des Ostens der Gegensatz zum griechisch-lateinischen Westen. Hans Castorps Verliebtheit in die »kirgisenäugige« Chauchat spiegelt demnach dessen Tendenz zur träumerisch-romantischen Seite des Ostens, in der nicht technischer Fortschritt und geistige Aufklärung herrschen, sondern fatalistische Leidensbereitschaft, Krankheit und rückständige Unordnung.

Diese eigentümliche, fast rassistisch anmutende Grunddifferenz lag im 19. Jahrhundert in der Luft. Sie wurde nicht nur von europäischer sondern auch von russischer aus Seite bedient. Dostojewski etwa spann sich mit zunehmenden Alter in einen Nationalismus hinein, in dem das traditionell Russische einer degenerierten, fortschrittsgläubigen Zivilisation des Westens gegenübergestellt wurde. Kein Wunder, dass Dostojewski heute im Kreml in dieser Hinsicht sehr beliebt ist. (Zur Vertiefung eignet sich dieser neu erschienene Band mit Texten Dostojewskis zu Russland und Europa).

Thomas Mann hatte seine eigene Geschichte mit der Opposition von Ost und West, von Restauration und Fortschritt, von Romantik und Aufklärung. Sein Bruder Heinrich Mann war politisch ganz der europäischen Aufklärung verbunden, liebte Voltaire und Émile Zola, stand der Sozialdemokratie nahe. Thomas Mann gerierte sich dagegen gerne als konservativer Patriot, orientierte sich an Schopenhauer, Nietzsche und Richard Wagner und fühlte sich der romantisch-deutschen Kultur verbunden.

Als der Zauberberg 1924 erschien, hatte er diese einfache Einteilung überwunden. Ursprünglich skeptisch, ja ablehnend gegenüber der Demokratie der Weimarer Republik, öffnete er sich angesichts des aufkommenden Faschismus zunehmend für die einst kritisch beäugte Linie der demokratischen Aufklärung.

Wie sich Hans Castorp, staunend zwischen Tag und Nacht hin und her blickend, wohl entscheiden wird?


3. Anregungen zum Austausch

  1. Hans Castorp ist mit dem Absenden seines Briefes nun endgültig angekommen und fühlt sich rechtmäßig als »einer von Uns«. Wie ist den Lesegefühl im Moment: Angekommen und heimatlich – schleppenden Schrittes – gelangweilt – guter Laune?
  2. In den Kommentaren fiel eine spannende Bemerkung: Die Charaktere Thomas Manns sind letztlich nicht greifbar, keine echten Menschen. Da sein Ziel vielleicht tatsächlich mehr Typen und Typologien sind als psychologische Tiefenschärfen, kann ich das ganz gut nachvollziehen. Wie geht es dir? Werden die Figuren für dich lebendig?
  3. Osten und Westen: Wie ging es dir mit dieser schematischen Gegenüberstellung?
  4. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?

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KommentierenWoche 7: Ost und West

Woche 6: Ewigkeitssuppe

EWIGKEITSSUPPE


Woche 6: Gruß zuvor, ihr wackeren Wandersleut! Zwei Wochen bei über 30 Grad im Anstieg auf den Zauberberg: Das ist nicht ohne und geht auf den Kreislauf. Ich hoffe, die Schwindelgefühle halten sich in Grenzen. Ob nach der Hälfte des Weges eine Pause angezeigt wäre? Ich bin gespannt auf eure Präferenzen im Stimmungsbild.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Stimmungsbild: Pause gefällig?
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp tritt die verordnete Bettruhe an. Selbst der Erzähler ist überrascht, wie schnell nun die Zeit vergeht. In einem Kapitel verfliegen die nächsten 3 Wochen. Die Zeit rinnt in der Wiederholung des immer gleichen Tagesablaufs zu einem stehenden Jetzt zusammen.

Abwechslung bietet immerhin das lichte Erscheinen unseres Literaten und Pädagogen Settembrini. Wenn er auch mit gesenktem Haupt seine eigene Krankheit eingestehen muss, mahnt er doch mit erhobenem Zeigefinger vor der verderblichen Faszination für die »höchst liederliche Macht« des Todes und seine lasterhafte Anziehungskraft.

Am Ende der drei Wochen Bettruhe kommandiert der Hofrat, dem dieser Zeitraum auch wie im Nu verflog (»Was Kuckuck, sind Sie schon fertig?«), die Rückkehr in die Berghof-Gesellschaft sowie einen Termin für die Röntgenaufnahme.

Hans Castorp nimmt seinen Platz im Speisesaal wieder ein, niemand scheint von seiner gerade einmal 21tägigen Absenz überhaupt Notiz genommen zu haben. Nur ein leises Lächeln am »Guten Russentisch« will er wahrgenommen haben.

Im Wartezimmer für die innere Durchleuchtung hat er sodann seine liebe Not mit der unvorhergesehenen räumlichen Nähe zu Madame Chauchat. Dank der souveränen Gesprächsführung seines unbefangenen Vetters rettet er sich in die Untersuchung, die ihm als eine Art okkulte Beschwörung erscheint: Er blickt »in sein eigenes Grab«.


2. Stimmungsbild: Pause gefällig?

Wir haben die Hälfte der ersten Etappe bereits überschritten. In 4 Wochen sind wir am Ende des vorläufigen Leseplans und stehen dann vor der Frage: Wie weiter?

Ursprünglich geplant war eine Pause von 6 Wochen und ein Wiedereinstieg Mitte September. Zeit zum Erholen, Nachholen oder einer Zwischenwanderung mit einem anderen Buch. In den Kommentaren gab es den Wunsch, lieber ohne Unterbrechung durchzulesen. Andere konnten sich eine verkürzte Pause von 2 Wochen vorstellen, um wieder auf der Höhe des Leseplans anzukommen.

Für die Planung hole ich gerne ein aktuelles Stimmungsbild aus der Wandergruppe ein. Wo siehst du dich gerade?

Ich bin für...

  • Durchlesen (39%, 19 Stimmen)
  • Kurze Pause (2 Wochen) (39%, 19 Stimmen)
  • Geplante Pause (6 Wochen) (22%, 11 Stimmen)

Wähler insgesamt: 49

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3. Anregungen zum Austausch

  1. Was macht die Hitze mit deinem Lesen? Ideal, um sich in ein Buch zu flüchten? Zu lähmend, um geistig voranzukommen?
  2. Ich bin ehrlich: Die aktuelle Lesestrecke empfinde ich als Länge. Das ereignisreiche Ankommen in der Welt des Berghofs liegt hinter uns, nun dümpelt es etwas vor sich hin. Wie empfindest du es?
  3. In welchen Ausgaben lesen wir eigentlich? Schreib doch mal rein, welches Buch du benutzt. (Fotos einstellen geht technisch auch.)
  4. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?

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KommentierenWoche 6: Ewigkeitssuppe

Woche 5: Temperatur

Temperatur


Woche 5: Etwas verändert sich. Hans Castorp schiebt sich unbemerkt ein ganz anderer als der ursprüngliche Grund für seinen Aufenthalt unter.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Liegekur in Davos
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp wird wagemutig. Erst sind es Blicke, die er in Richtung des »Guten Russentischs« wirft. Dann inszeniert er Begegnungen mit Madame Chauchat, im Treppenhaus, auf dem Gang.

Zugleich aber steigt eine unbestimmte Angst auf. Hans Castorp beginnt, sich umzusehen: Nach „Hilfe, nach Rat und Stütze“, nach einem Mentor, nach Bildung.

Da ist Herr Settembrini natürlich nicht weit. Am Tisch nach dem Abendessen, bei gemeinsamen Spaziergängen nutzt er die sich ihm bietende Gelegenheit, die beiden jungen Cousins zu belehren. Nicht zuletzt über sich selbst und seine Ahnen: Liberale Patrioten, Umstürzler und Aufklärer, Kämpfer für den technischen und politischen Fortschritt. Hans Castorp ist, wenn nicht einverstanden, so doch immerhin beeindruckt.

Als die letzte Woche anbricht, geschieht das Erstaunliche: Hans Castorp erkältet sich. Das sieht man nicht gern im Sanatorium, wie Joachim weiß: »Krank soll man hier lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum.« Allerdings wird sich umgehend gekümmert: Von Fräulein Mylendonk erhält Hans Castorp sein eigenes Thermometer, worüber Joachim tief erschrickt. Es zeigt an: Temperatur!

Bei der folgenden Untersuchung bestätigt sich die frühe Ahnung des Hofrats: Hans Castorp hat entschieden Talent zum Patienten. Die Höhenluft hat seine latente Krankheit zum Vorschein gebracht. Einige Wochen Bettruhe sind das Mindeste. Dr. Krokowski gratuliert per Handschlag.


2. Vertiefung: Liegekur in Davos

Unser Erstaunen über die Kurpraxis auf dem Zauberberg hat hier und da schon ihren Niederschlag in den Kommentaren gefunden. Zigarren und üppige Mahlzeiten dürften heute nicht mehr zum Arsenal der Maßnahmen gegen Lungenkrankheiten gehören…

Ausgedacht oder verzerrt ist Thomas Manns Darstellung allerdings nicht. Mitleser Jürgen hat es in seinem Kommentar schon angemerkt: Tuberkulose (damals: Schwindsucht) ist ein bakterieller Infekt. Da ein wirksames Antibiotikum nicht bekannt war, verlegte man sich auf andere Mittel. Darunter die Luftkur.

Werbeplakat um 1901

Der deutsche Arzt Alexander Spengler kam 1853 auf Stellensuche ins abgelegene Bergdorf Davos. Erstaunt stellte er fest, dass hier niemand an der in Europa grassierenden Schwindsucht litt. Er trat mit Fachkollegen in Austausch. Man vermutete einen positiven Einfluss des Hochgebirgsklimas auf die Atemwege. Spengler verzeichnete mit seinen Liegekuren gute Erfolge. Rasch entstanden Fremdenpensionen, bald folgten Kurkliniken und Sanatorien.

Katia Mann, die Ehefrau von Thomas Mann, verbrachte mehrere Kuraufenthalte in Davos. Bei einem Besuch lernte Thomas Mann die dortigen Sanatorien (v.a. das Waldsanatorium Davos und das Waldhotel Arosa) aus eigener Anschauung kennen. Für drei Wochen war sein Besuch veranschlagt. Der behandelnde Arzt empfahl einen längeren Aufenthalt. Doch Thomas Mann reiste ab. Wer weiß, ob wir sonst je den »Zauberberg« zu lesen bekommen hätten…

Übrigens: Wer auf Katia und Thomas Manns Spuren wandeln möchte, kann sich noch heute im selben Hotel einbuchen. Das Waldhotel Davos wirbt mit Wellness „For Body & Soul“ – inklusive „Thomas Mann Suite.“


3. Anregungen zum Austausch

Etappe 5 ersteigen wir in beträchtlicher Flachland-Hitze. Ob das Einfluss auf die Lektüre nimmt? Ich habe mich jedenfalls dabei erwischt, zwischendurch etwas neidisch auf Davoser Abkühlung zu sein.

  1. Ist der Zauberberg eigentlich verfilmbar? Es gibt eine Verfilmung von 1982, die eher kritisch gesehen wurde. Wem würde man heute einen Zauberberg-Film zutrauen? Vielleicht ja Wes Anderson? Was denkst du?
  2. Welche Szene oder Gespräch hat es dir in dieser Woche besonders angetan? Oder lief es schleppend?
  3. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?

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