Zur Einführung: »Mario und der Zauberer«

1. Online gemeinsam lesen: So funktioniert es

Das Mitmachen ist einfach: Die Erzählung ist in zwei Teile von je +/- 30 Seiten eingeteilt. Den jeweiligen Abschnitt liest jede:r über die Woche im eigenen Tempo. An den beiden kommenden Sonntagen erscheint je ein Beitrag zum Leseabschnitt der vergangenen Woche. Einleitende Fragen eröffnen den Austausch in den Kommentaren. Jede:r trägt so viel bei, wie sie oder er möchte. Wenn du mit dem Lesen länger brauchst, kommentierst du einfach, sobald du soweit bist.

LESEPLAN
DatumThema
3. MaiTeil I bis »Er hatte sie im Voraus aufgezeichnet.«
10. MaiTeil II ab »Staunen und großer Beifall.«

Die beiden Hälften im Leseplan sind meine Einteilung. Im Text gibt es keine Nummerierung zweier Teile. Wer meine vorgeschlagene Sollbruchstelle sucht, findet sie: Im Band Späte Erzählungen 1919–1953 (Fischer) auf Seite 245; im Band Unordnung und frühes Leid: Erzählungen 1919-1930 (Fischer) auf Seite 209. Im Band Späte Erzählungen in den Gesammelten Werken in Einzelausgaben auf S. 218. Falls jemand noch eine andere Ausgabe hat: Gerne die Seitenzahl in die Kommentare!

2. »Mario« einsortieren

Wohin gehört die Erzählung in Thomas Manns Leben und Werk?

Auf den Höhepunkt!, wäre wohl keine falsche Antwort. Denn »Mario und der Zauberer« entsteht 1929, im Jahr des Literaturnobelpreises. Dass Thomas Mann von dieser Ehrung geschmeichelt war, wäre eine Untertreibung. Er war selig. Er wollte Großschriftsteller sein. Nun war er es unbestreitbar.


In Berlin (1929) vor der Weiterreise nach Stockholm zur Entgegennahme des Nobelpreises

Zugleich fällt die Niederschrift der Novelle in eine schwierige Zeit. Thomas Mann, von Natur aus eigentlich konservativ, hatte sich 1922 in seiner Rede »Von deutscher Republik« zur demokratischen Weimarer Republik bekannt. Der aufkommende Nationalsozialismus machte ihm Sorgen. Seine prekäre Stellung deutete sich bereits an. Unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 wird er mit seiner Familie Deutschland verlassen.

Der Hintergrund des »Mario« ist allerdings noch nicht der deutsche Faschismus, sondern der italienische. Benito Mussolini (il duce), übernimmt 1922 mit dem »Marsch auf Rom« die Macht. Propaganda, Führerkult, Massenaufmärsche – all das wird Vorbild der deutschen Faschisten.

Mussolini (Mitte), Marsch auf Rom 1922

Thomas Mann macht 1926 mit seiner Familie Urlaub im italienischen Badeort Forte dei Marmi und erlebt dort eine veränderte Atmosphäre. In einem Brief schreibt er dem Kollegen Hugo von Hofmannsthal kurz vor der Abreise:

»Die Kinder waren glückselig am Strande und im warmen Meer. An kleinen Widerwärtigkeiten hat es anfangs auch nicht gefehlt, die mit dem derzeitigen unerfreulichen überspannten und fremdenfeindlichen nationalen Gemütszustand zusammenhingen (…).« (GFKA 6.2, 93)

In Deutschland wird der »Mario« bei Veröffentlichung im April 1930 allseitig gelobt. Man hält ihn für seine beste Novelle seit »Tod in Venedig«. Die eben erfolgte Nobelpreisverleihung trägt zu dieser Begeisterung das Ihre bei.
Die politische Dimension der Erzählung wird zunächst kaum gesehen. Auch Thomas Mann hebt sie in Selbstzeugnissen nicht hervor. Wie der Forscher Hans Rudolf Vaget recherchiert hat, sind es vor allem zwei Gruppen, die Implikationen für die deutsche Politik erspüren: Völkisch-Nationale, die bemängeln, die Kunst solle nicht politisch sein. (Eine typische Forderung von rechtsaußen, sobald man Widerspruch erfährt, ob aus Kunst, Kirche oder Wissenschaft.) Und auf der anderen Seite Kritiker mit jüdischem Familienhintergrund: Sie erkennen schnell den »antifaschistischen Sinn« der Erzählung. (a.a.O., 110)

3. Zum Hineinkommen ins Buch

»Mario und der Zauberer« ist vermutlich einer der zugänglichsten Texte Thomas Manns. Nicht so ausufernd wie die Buddenbrooks, nicht so aufgeladen wie der Tod in Venedig. Ein klarer Spannungsbogen, eine übersichtliche Zeitspanne, ein unmittelbar vertraut wirkender Ort: Urlaub am Meer zwischen Gelato und Sonnenschirm.

Man braucht nicht viel, um hineinzukommen. Der historische Hintergrund (siehe 2.) hilft sicher zur Vertiefung. Aber die psychologische Dynamik funktioniert selbst ohne den politischen Kontext.

Auf folgende Aspekte könnte man einmal achten:

  • Macht: Wer hat Macht und wie kommt sie zustande?
  • Kinder: Welche Rolle spielen sie?
  • Ironie: Dafür ist Thomas Mann berühmt. Wo begegnet sie dir?
  • Mario und Cipolla: Was zeichnet beide Figuren jeweils aus?

4. Welche Ausgabe?

Wenn du vor der Situation stehst, dir die Erzählung neu anzuschaffen, hast du sehr viele Optionen. Ich würde mich wahrscheinlich zwischen diesen beiden entscheiden:

Die Erzählungen
Hier bekommst du sämtliche Erzählungen Thomas Manns, von der ersten bis zur letzten, in einem Band. Kostenpunkt: 29 EUR. Über die Farbe kann man sich vermutlich streiten.

Späte Erzählungen 1919–1953
Enthalten sind sieben Erzählungen. Das Pendant sind die »Frühen Erzählungen 1893-1912«. Mit beiden zusammen hätte man auch alle. Jeder der beiden kostet allerdings 20 EUR. Warum sollte man das tun? Stichwort: Kommentierte Ausgabe! Die beiden Bände »Frühe« und »Späte Erzählungen« entsprechen seitengleich der wissenschaftlichen Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe. Diese ist immer in einen Text- und einen Kommentarband aufgeteilt und kostet weit über 100 EUR pro Doppelband. Der Clou: Der Kommentar ist legal frei verfügbar im Internet! Heißt: Wer die seitengleiche Taschenbuchausgabe besitzt, kann den Kommentar vollständig nutzen – für einen Bruchteil des Preises. Das gilt übrigens für alle Werke Thomas Manns, die in der entsprechenden Serie bei Fischer herausgegeben sind.

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Richter in Unterhosen: Das Urteil von Franz Kafka

Maria behauptet, Kafka sei urkomisch. Alex traut seinen Ohren kaum.
In dieser Folge geht es um Franz Kafkas berühmte Erzählung »Das Urteil«.

Alex und Maria sprechen über Kafkas schwierige Beziehung zu seinem Vater, über einen Bachelor und fragwürdige Verlobte, und darüber, warum diese kurze Erzählung große Literatur ist.

Mehr zum Klassikerclub, dem Podcast, den online Leserunden und Social Media findest du auf www.klassikerclub.de

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Die Holländerinnen: Kapitel III

1. Rückblick

Die Truppe dringt ungeachtet des Gewitters weiter in den Urwald vor. Sie übernachten beim Haus eines Deutschen. Am Arm seiner Frau: Narben.
Der Theatermacher treibt die Gruppe trotz eines sintflutartigen Regens weiter an, erhält dabei immer mehr egomanische, diktatorische Züge. Zwei große Episoden sind auf den letzten Metern noch eingeschaltet: Die Zähmung der Wildpferde und der Brandfall im Apartmenthaus.
Die Schriftstellerin torkelt in einer letzten Nachtepisode alleine durch den Wald. Sie wird selbst »zur Holländerin« (140), vollzieht deren Ängste und Erlebnisse nach.
Das Conradsche »der Horror, der Horror« (ebd.) entpuppt sich als das »erratische, grundlose Wesen der Welt«, ein schwarzes Loch, die Bedeutungslosigkeit aller Zeichen.
Die Schriftstellerin rettet sich zur Lodge. Fluchtartig verlässt sie den Ort. Auch sie mit dem Gefühl, etwas sträflich versäumt zu haben.
Der Epilog schließt die Rahmenhandlung mit der Vision eines »flimmernden, instabilen Portals«.

2. Meine Leseeindruck

Ich bin so frei und teile meinen ganz subjektiven Lese-Eindruck mit. Widersprecht und ergänzt gerne in dem Kommentaren!

Für mich bleibt der Eindruck eines sehr starken literarischen Textes. Eine verdiente Buchpreis-Siegerin! Ich selbst habe ganz sicher bei der Rezeption davon profitiert, dass ich Conrads Herz der Finsternis direkt zuvor gelesen hatte. So hatte die Erzählung für mich den zusätzlichen Reiz des Vergleichs und der literarischen Überblendung.

Gelungen ist das geschickt ausgelegte Symbolnetz, die berückende und bedrückende Natur, die Gestaltung einer beklemmenden Atmosphäre, das treibende der Expedition. Selbst das Hin und Her zwischen Hörsaal und Handlung fand ich interessant und nicht störend.

Faszinierend: Die programmatische Blässe des eigentlichen Personals. Viel lebendiger, farbiger, eindrücklicher als irgendeine der Personen des Trupps sind ihre Geschichten: Die Ziegen, die Nacht in New York, der Grieche und die Schwestern…

Die Vielstimmigkeit drängt die Frage nach dem einheitlichen Thema bzw. verbindender Themen auf. Für mich (!) waren es vor allem: Die Grenzüberschreitung. Gewalt gegen Frauen. Ungehörte Hilferufe.

Weniger abgeholt haben mich die reichlich verteilten intertextuellen Bezüge: Herzog, Bachmann, Bernhard, Descola und was der intellektuellen Spurensuche mehr war. Ja, die etwas fiebrige Intellektualität des Textes ist seine große Stärke. Zugleich gerät die Überblendung persönlicher Schicksale (v.a. ja von Frauen) mit der Symbolik des Abgrunds in die Gefahr, Gewalterfahrungen zu einer Art Illustration metaphysischer Haltlosigkeit zu verformen. So wird menschliches Leid in meiner Wahrnehmung mitunter zum Material von Verweisspielen.

Elmigers Buch bleibt mir im Lesegedächtnis als kongeniale Relecture von Conrads Herz der Finsternis und als Fortschreibung des sozialen Kommentars über koloniale Gewalt in feministischer Perspektive.

3. Zur Diskussion

Ich bin gespannt, wie ihr dieses Buch abgeschlossen und für euch bewertet habt. Dazu vier mögliche Richtungen:

  1. Das Ende: Der große Paukenschlag bleibt aus. Keine Auflösung eines Kriminalfalles. Trotzdem ein überzeugender Schluss?
  2. Die Form: Das Buch ist ein Gewebe von Erinnerungen und Erzählungen. Wie sehr hat dich diese Form abgeholt?
  3. Das Thema: Welche Eindrücke und Inhalte klingen für dich am stärksten nach?
  4. Dein Fazit: Hat es sich gelohnt? Würdest du das Buch weiterempfehlen?

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Runde 5: Thomas Mann

Runde 5:
THOMAS MANN

Herzlich Willkommen allen Wiederholungstätern und Neueinsteigerinnen! Wir starten in Runde 5 des KlassikerClubs. Und Du kannst mitentscheiden, was wir lesen. Wenn du bereits weißt, dass du bei dabei sein willst, egal was bei der Abstimmung herauskommt, kannst du dich gleich anmelden:

Thomas Mann lesen

Ich bin überzeugt: Thomas Mann lesen geht einfacher, als manchmal behauptet wird. Ja, die Sätze sind lang. Ja, man braucht ein wenig Geduld. Aber: Thomas Mann ist vor allem ein großartiger Erzähler. Er kreiert Atmosphären und entwirft unvergessliche Charaktere. Andere moderne Autor:innen wollen anstrengend sein und sind es dann auch. Thomas Mann hat seine Bücher gerne Publikum vorgelesen. Und das merkt man.

Drei Kandidaten habe ich ausgewählt. Einmal früh, einmal mittel, einmal spät in seiner Karriere. Die Länge variiert auch: Eine kurze oder eine längere Erzählung – oder ein Roman.

Ich bin gespannt, wofür du dich entscheidest!

Die Kandidaten

Tristan (1903)

Ein früher Text, wenn man so will, ein Zauberberg im Kleinen. Die Geschichte spielt in einem Sanatorium, ein exzentrischer Schriftsteller, ein bodenständiger Kaufmann, dazwischen eine musikalische Dame, es geht um Kunst, Krankheit, Erotik und den Tod – also alles, was wir dann im Zauberberg auf epischer Bühne wiederfinden, aber hier auf 50 Seiten, ein echt typischer Thomas Mann. Oft eher übersehen.


Mario und der Zauberer (1930)

Ein italienischer Urlaubsort, es herrschen große Hitze und latente Aggression, ein Hypnotiseur schlägt die Menschen in seinen Bann. Es geht um Massenpsychologie, Manipulation und den aufkommenden Faschismus. Hier lesen wir den politischen Thomas Mann, dem die Nazis von Anfang an unheimlich waren. Eine seiner wichtigsten und bekanntesten Erzählungen, gut 70 Seiten lang.


Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1954)

Für manche der entspannteste, humorvollste und deshalb schönste Roman Thomas Manns. Ein junger Mann bewegt sich in der feinen Gesellschaft, lernt wie man Rollen richtig spielt und trickst sich zum Erfolg. Es ist der letzte Roman Thomas Manns, ein Alterswerk, und der Inbegriff seiner feinen Ironie. Umfang knapp 400 Seiten.


Die Abstimmung

Es ist erlaubt für einen, zwei oder alle drei zu stimmen. Wie du lustig bist! Ich bin gespannt auf das Ergebnis. Abstimmungsende ist Freitag, 24. April.

Ich stimme für...

  • Tristan (17%, 22 Stimmen)
  • Mario und der Zauberer (48%, 63 Stimmen)
  • Felix Krull (35%, 46 Stimmen)

Wähler insgesamt: 117

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Sobald der Abstimmungssieger feststeht, erstelle ich einen Leseplan und gebe Tipps zu Ausgaben des Buchs. Happy Voting!

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Homer: Ilias

Homer: Ilias

Wir lesen gemeinsam das größte Epos der Literaturgeschichte: Homers Ilias.

Kommentiere einmal unter “Ich bin dabei” – und abonniere dabei die Benachrichtigungen über neue Kommentare. Dann bleibst du stets auf dem Laufenden.

KommentierenHomer: Ilias

Die Holländerinnen: Kapitel II

1. Rückblick

Der Kontrollverlust schreitet voran: Nach einer Verletzung wird die Schrift der Erzählerin zunehmend unkontrolliert, Zeichen einer »Zerrüttung«, einer »Erosion«.

Bevor die Expedition aufbricht, werden verschiedene Episoden eingeschaltet: Die drei Erlebnisse der Schriftstellerin Marilyn Trapenard (69–80). Das Gemetzel des Pazifik-Entdeckers Núñez de Balboa (82–84). Die Suche nach dem verschollenen Zahnarzt im »Gebiet [der] Kindheit« der Erzählerin (86–88).

Als letztes stößt ein »ahnungsloser« Mädchenchor zur Truppe. Der Schweizerin entgleitet ein Glas und zerbirst: Ein Omen (85)? Die Theatertruppe bricht auf. Sie begegnet dem Bananenbauern, der die Holländerinnen zuletzt gesehen hat. Mit abgewandtem Gesicht erzählt er die Geschichte vom »Griechen« und den beiden Schwestern Priscila und Filomena (94–98).

Das Kapitel endet mit einer Analyse der »Nachtbilder«. Hinweise auf ein kryptisches Ritual? (104–106). Zuletzt finden wir die Truppe bei herannahendem Gewitter vor unklaren Weggabelungen.

2. Anregungen zum Gespräch

Wie immer einige Vorschläge zum Gespräch über das Gelesene. Zusätzliche Themen gerne in den Kommentaren eröffnen!

  1. Das Unbehagen wächst. Streckenweise erinnert mich die Erzählung nun an Horrorfilme wie Blair Witch Project. Wie ging es dir mit Kapitel II?
  2. Die Erlebnisse der Marilyn Trapenard: Welcher rote Faden verbindet sie – untereinander und mit der Gesamterzählung?
  3. Der Theatermacher: Er dirigiert und deutet, bestimmt und beobachtet. Ein Mastermind? Ein Scharlatan? Wie nimmst du diese Figur bis jetzt wahr?
  4. Im »Hinstarren aufs Unheil« spürt die Erzählerin ein »heimliches Einverständnis«. Ich nicke. Und lese weiter… Gilt das Urteil auch für uns?

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Tagebuch schreiben: Etty Hillesum und H.D. Thoreau

“Journaling” ist wieder en vogue. Manche Tagebücher überleben sogar Jahrzehnte und Jahrhunderte. Was macht sie so besonders?

Alex begrüßt Carl im Klassikerclub und spricht mit ihm über literarische Tagebücher.

Etty Hillesums Aufzeichnungen aus den besetzten Niederlanden der 1940er Jahre faszinieren durch eine atemberaubende innerliche Entwicklung. Am Ende steht sie als leuchtende Persönlichkeit, die anderen in der Dunkelheit der Konzentrationslager Kraft und Halt gibt.

Henry David Thoreau ist einer der großen Einzelgänger der amerikanischen Literatur. Seine frühen Tagebücher zeigen ihn als jungen Mann, der seinen Weg sucht, im wahrsten Sinne des Wortes. In langen Wanderungen durch die Wälder Massachusetts erlebt er die Natur als Spiegel des Menschlichen.

Wenn du mehr von Carl sehen möchtest, schau gerne auf TikTok bei @LesenMitCarl vorbei.

Mehr zum Klassikerclub, dem Podcast, den online Leserunden und Social Media findest du auf www.klassikerclub.de

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Die Holländerinnen: Kapitel I

Wenn du direkt losdiskutieren möchtest, springe gerne direkt zu den Kommentaren.

Wenn dich einige einführende Gedanken interessieren: Als Orientierung fürs Gespräch gebe ich einen Rückblick aufs Gelesene (1). Da der Text wenig an klassischem “Plot” bietet, versuche ich, die vielfältigen Fäden in Erinnerung rufen, die ausgelegt werden. Danach teile ich ein paar Beobachtungen zur Komposition (2) und schließlich Vorschläge zum Gespräch (3).

1. Rückblick

Die Rahmung führt uns in einen Hörsaal. Eine anonyme Schriftstellerin ist mit dem eigentlich zu haltenden Vortrag in eine Krise geraten. Stattdessen trägt sie aus ihrem letzten Projekt vor. Auch das wiederum nur Fragment, ein »Wust an Notizen«.

Sie erzählt von ihrem Engagement durch einen Theatermacher. Dieser verfolgt die Vision einer »tropischen Passion«, angelehnt an Werner Herzog und Coppolas Apcalypse Now. An Ort und Stelle im lateinamerikanischen Urwald soll das Verschwinden zweier Holländerinnen reinszeniert werden.

Auf dem Weg zum Treffpunkt der Theatergruppe lernt sie eine Schweizerin kennen, die eine der beiden Holländerinnen verkörpern soll. Die Schweizerin berichtet von einem geradezu alptraumhaften Arbeitsurlaub auf einem Ziegenhof.

In der Siedlung angekommen, stoßen die beiden zur Gruppe. Ein kurzer Bericht vom Verschwinden der Holländerinnen wird eingeschoben (38–41). Insbesondere nachts rückt der Erzählerin der »brodelnde Wald« zu Leibe, ein »keuchender, dampfender Organismus«.

Es werden Zug um Zug Erzählungen einzelner Figuren wiedergegeben: Die flämische Kostümbildnerin berichtet von der Beziehung zu einem Maler, dem mitunter urplötzlich das »das tatsächlich Böse« aus den Augen geblickt habe (43–46; 57f.). Die Produktionsassistentin eröffnet eine Abendrunde mit dem Rückblick auf eine Geburtstagsfeier in Berlin, bei der alle Gäste um einen Schinken standen (49–51). Der Tonmann erinnert sich, wie er für den Theatermacher in Peru den Hotelflur Klaus Kinskis vermessen musste. Ein Ort des Grauens (53–55).

Ein in der Nacht plötzlich auftauchender Kanadier vergleicht die im Urwald erfahrene »Überflutung der Sinne« und »Alarmierung des Körpers« mit einer Erinnerung an einen New-York-Aufenthalt. Nach einer Irrfahrt durch die Stadt war er dort dem Poolreiniger des 9/11-Mahnmals begegnet: »Ja, es stimme, man verliere sich im Laufe der Nacht in dieser lichtlosen Leere, in der sich alles auf ein nur noch dunkleres Zentrum zubewege…« (64f.).

2. Beobachtungen zur Gestalt des Textes

Worum es in dem Buch eigentlich geht, das werden wir vielleicht im Gespräch gemeinsam entschlüsseln. Meine Vermutung ist: Um vieles gleichzeitig.

Ein wesentlicher Strang ist das Thema Identität und Selbstauflösung.

»Seine Herangehensweise sei geprägt von der Überzeugung, dass es das Ich nicht gebe…«

(20f.)

Verunsicherung, Auflösung, Unbehagen: Die Gefühlswelt prägt auch die Form des Textes. Hier einige Beobachtungen zur Komposition:

  • Rahmung: Schon die Hörsaal-Rahmung ist gebrochen. Eigentlich ist ein Vortrag dran. Der ist zu fragmentarisch. Darum wird erzählt: Auf Basis von fragmentarischen Notizen.
  • Konjunktiv: Nicht jede Rahmenerzählung erzwingt den Konjunktiv. Genau besehen ist das eigentlich nie der Fall.1 Das Stilmittel führt zu einer eigentümlichen Brechung der narrativen
  • Erzählsammlung: Die Erzählerin protokolliert Erzählungen. Die Crew-Mitglieder sind wiederum Erzähler:innen.
  • Netzwerk: Der Theatermacher versteht den Einzelnen nicht als Subjekt, sondern als Knotenpunkt von Beziehungen. So entsteht auch der Roman aus der Verknüpfung von Texten und Kunstwerken: Adornos Dialektik der Aufklärung, Descolas Jenseits von Natur und Kultur, Werner Herzogs Filme, Ingeborg Bachmann und – als Tiefenstruktur im Hintergrund – Conrads Herz der Finsternis.

3. Angebote zum Gespräch

Zur Strukturierung der Diskussion biete ich einige Gesprächsfäden an. Ich liste sie hier kompakt auf und lege sie als je eigenen Kommentar am Endes des Beitrags an. Per “Antworten” kannst du deine Beobachtungen, Fragen, Überlegungen eintragen und auf andere reagieren. Zusätzliche Gesprächsfäden können natürlich auch eröffnet werden. Meine Vorschläge:

  1. Deine Lese-Eindrücke: Wie bist du in das Buch hineingekommen? Was sind deine spontanen Eindrücke?
  2. Erste Linien: Hast du so etwas wie einen thematischen Faden ausmachen können, der sich für dich durchzieht und die Textfragmente zusammenhält?
  3. Eindrückliche Episoden: Welche Erzähleinheit ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?
  4. Spezielle Sprache: Wie ging es dir mit der eigentümlichen Sprache? Eher irritierend oder faszinierend? Ein Hindernis oder ein Strudel, der dich hineingezogen hat?
  5. Zitat der Woche: Welchen Satz hast du dir angestrichen oder gemerkt?
  6. Conrad reloaded: Für die Conrad-Leser – woran hast du die Beziehungen zu Herz der Finsternis erkannt?

  1. Vgl. die Rahmungen in Boccacios Decamerone, Goethes Unterhaltungen, die Herausgeberfiktionen der Romantik (z.B. bei Hoffmann) oder in Joseph Conrads Herz der Finsternis, wo Marlow von der Reise in den Urwald erzählt. ↩︎
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Zur Einführung: Dorothee Elmiger

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Geht es dir wie mir und du hast dir bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2025 an Dorothee Elmigers Die Holländerinnen auch gedacht »könnte man eigentlich mal lesen«? Dann ist jetzt die Gelegenheit! Bevor der Buchpreis-Zug 2026 im Sommer wieder anrollt…

1. Online gemeinsam lesen: So funktioniert es

Das Mitmachen ist einfach: Das Buch ist in drei Kapitel von je +/- 50 Seiten eingeteilt. Den jeweiligen Abschnitt liest jede:r über die Woche im eigenen Tempo. Jeden Sonntag erscheint hier ein neuer Beitrag zum Leseabschnitt der vergangenen Woche. Einleitende Fragen eröffnen den Austausch in den Kommentaren. Jede:r trägt so viel bei, wie sie oder er möchte. Wenn du mit dem Lesen länger brauchst, kommentierst du einfach, sobald du soweit bist.

Die Seitenzahlen im Leseplan orientieren sich nach der Erstausgabe im Hanser Verlag. Sollte jemand die Ausgabe der Büchergilde haben, gerne per Kommentar kurz melden. Ich bin mir allerdings fast sicher, dass der Satzspiegel und die Seitenzählung identisch ist…

DatumThema
05. AprilGespräch über Kapitel I (bis S.66)
12. AprilGespräch über Kapitel II (bis S.109)
19. AprilGespräch über Kapitel III (bis S.158) und Abschluss

2. Die Holländerinnen: Was uns erwartet

Das Buch erzählt von einer Schriftstellerin, die in einem Hörsaal spricht. In diesem Hörsaal erzählt die Schriftstellerin von einer Reise in die Tropen. Die doppelte Vermittlung (Erzählerin → Schriftstellerin → Handlung) schlägt sich in einem durchgehenden Konjunktiv nieder, der dem Buch einen charakteristischen Ton verleiht: »Im Januar vor drei Jahren, sagt sie, habe sie der Anruf eines Theatermachers erreicht. (…) Im Taxi habe sie sich durchs menschenleere Zentrum  der Hauptstadt zum Hotel fahren lassen. (…) Lange seien sie dann einem Weg gefolgt…«

Aufgebaut ist das Buch wie ein Experiment. Ein Theatermacher möchte zwei Holländerinnen auf die Spur kommen, die vor langer Zeit im Urwald verschwunden sind. Dafür schickt er zwei Frauen auf die Reise, die in einer Art wiederholender Erfahrung am eigenen Leibe recherchieren sollen, was geschehen sein könnte. Die Schriftstellerin reist als Protokollantin der Geschehnisse mit.

Die Reise ist zugleich eine Reise in die Untiefen der Tropen und in die Untiefen der eigenen Seele. An Werner Herzog orientiert sich das Projekt, an Coppolas Apocalypse Now und also an deren literarischer Vorlage, Joseph Conrads Herz der Finsternis.

Was nicht zu erwarten ist: Ein Plot, der wie ein Detektivroman geraden Weges vom Start einer Ermittlung zu deren Ende und Auflösung fortschreitet.

Was zu erwarten ist: Eine traumwandlerische Ästhetik, in der Fiktion und Wirklichkeit ebenso verschwimmen wie Außenwelt und Innenwelt, wie Natursphäre und seelische Landschaften.

Ich freue mich drauf, diesen besonderen Text zu entdecken und dabei vielleicht auf manche Parallelen zu unserer letzten Leserunde zu stoßen.

3. Dorothee Elmiger: »Auf keinen Fall! So ein Scheiß.«

Die Holländerinnen ist der vierte Roman Elmigers. Beinahe wäre er nie erschienen.
Die Schweizerin startete mit 24 Jahren überraschend durch. Ihr Debüt Einladungen an die Waghalsigen gewann 2010 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sie arbeitete als Übersetzerin und veröffentlichte zwei weitere Romane.

Von Harald Krichel (CC BY-SA 4.0)

Mit ihrem vierten Buch war es zunächst ein Kampf. Über drei Jahre hat sie wieder und wieder angesetzt, überarbeitet und verworfen. Sie war kurz davor das Schreiben vollständig aufzugeben. Man riet ihr dazu, Hypnose-Tapes eines berühmten Therapeuten anzuhören. Der sollte suggestiv einen tollen Plot und starke Figuren in ihr Unterbewusstsein raunen. Elmiger war nur begrenzt überzeugt: »Auf keinen Fall! So ein Scheiß1

Geplatzt ist der Knoten dann doch noch. In einem heißen Sommer hat sie den Roman wie im Fieber niedergeschrieben. Über den Erfolg war vielleicht nicht nur sie selbst erstaunt, sondern auch ihr Verlag. Im Anschluss an die Verleihung des Deutschen Buchpreises waren Die Holländerinnen erst einmal einige Wochen vergriffen…

4. Ein paar Fragen zum Einstieg

Für unsere erste Diskussion am 05. April über Kapitel I schlage ich dir ein paar Leitfragen vor, die helfen könnten, ins Buch hineinzufinden:

  1. Die Erzählung im durchgehenden Konjunktiv ist die auffälligste Eigenart des Buches. Welchen Effekt hat diese literarische Entscheidung auf dein Lese-Erleben?
  2. Im Zentrum des ersten Abschnitts steht ein Bericht über eine eigenartige Erfahrung einer Figur auf einem Bauernhof. Es hat ein bisschen was von Kafka. Wozu diese Einschaltung?
  3. Wie wirken die Personen auf dich? Nah oder distanziert? Kannst du dich identifizieren? Fieberst du mit einer Person mit?

  1. Daniela Janser, Interview mit Dorothee Elmiger in der WOZ vom September 2025: https://www.woz.ch/2538/dorothee-elmiger/es-ist-nicht-so-dass-ich-eine-faszination-fuer-gewalt-habe/!DARKV1F43VD2 ↩︎

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Heilige Vögel: Ein schlichtes Herz von Gustave Flaubert

Der französische Roman im 19. Jh. kennt drei große Klassiker: Balzac, Stendhal – und Gustave Flaubert.

Am berühmtesten ist sein großes Werk »Madame Bovary«. Zum Einstieg in Flaubert bietet sich jedoch einer seiner spätesten Texte an. Eine kleine, unscheinbare und doch eigentümlich berührende Geschichte über eine einfache Dienstmagd und einen beinahe heiligen Papagei.

Alex und Maria sprechen über heilige Liebe, religiösen Krempel und die Wurzeln der Erzählung in Flauberts eigener Kindheit.

Mehr zum Klassikerclub, dem Podcast, den online Leserunden und Social Media findest du auf www.klassikerclub.de

KommentierenHeilige Vögel: Ein schlichtes Herz von Gustave Flaubert