1. Online gemeinsam lesen: So funktioniert es

Das Mitmachen ist einfach: Die Erzählung ist in zwei Teile von je +/- 30 Seiten eingeteilt. Den jeweiligen Abschnitt liest jede:r über die Woche im eigenen Tempo. An den beiden kommenden Sonntagen erscheint je ein Beitrag zum Leseabschnitt der vergangenen Woche. Einleitende Fragen eröffnen den Austausch in den Kommentaren. Jede:r trägt so viel bei, wie sie oder er möchte. Wenn du mit dem Lesen länger brauchst, kommentierst du einfach, sobald du soweit bist.
LESEPLAN
| Datum | Thema |
|---|---|
| 3. Mai | Teil I bis »Er hatte sie im Voraus aufgezeichnet.« |
| 10. Mai | Teil II ab »Staunen und großer Beifall.« |
Die beiden Hälften im Leseplan sind meine Einteilung. Im Text gibt es keine Nummerierung zweier Teile. Wer meine vorgeschlagene Sollbruchstelle sucht, findet sie: Im Band Späte Erzählungen 1919–1953 (Fischer) auf Seite 245; im Band Unordnung und frühes Leid: Erzählungen 1919-1930 (Fischer) auf Seite 209. Im Band Späte Erzählungen in den Gesammelten Werken in Einzelausgaben auf S. 218. Falls jemand noch eine andere Ausgabe hat: Gerne die Seitenzahl in die Kommentare!
2. »Mario« einsortieren
Wohin gehört die Erzählung in Thomas Manns Leben und Werk?
Auf den Höhepunkt!, wäre wohl keine falsche Antwort. Denn »Mario und der Zauberer« entsteht 1929, im Jahr des Literaturnobelpreises. Dass Thomas Mann von dieser Ehrung geschmeichelt war, wäre eine Untertreibung. Er war selig. Er wollte Großschriftsteller sein. Nun war er es unbestreitbar.

In Berlin (1929) vor der Weiterreise nach Stockholm zur Entgegennahme des Nobelpreises
Zugleich fällt die Niederschrift der Novelle in eine schwierige Zeit. Thomas Mann, von Natur aus eigentlich konservativ, hatte sich 1922 in seiner Rede »Von deutscher Republik« zur demokratischen Weimarer Republik bekannt. Der aufkommende Nationalsozialismus machte ihm Sorgen. Seine prekäre Stellung deutete sich bereits an. Unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 wird er mit seiner Familie Deutschland verlassen.
Der Hintergrund des »Mario« ist allerdings noch nicht der deutsche Faschismus, sondern der italienische. Benito Mussolini (il duce), übernimmt 1922 mit dem »Marsch auf Rom« die Macht. Propaganda, Führerkult, Massenaufmärsche – all das wird Vorbild der deutschen Faschisten.

Thomas Mann macht 1926 mit seiner Familie Urlaub im italienischen Badeort Forte dei Marmi und erlebt dort eine veränderte Atmosphäre. In einem Brief schreibt er dem Kollegen Hugo von Hofmannsthal kurz vor der Abreise:
»Die Kinder waren glückselig am Strande und im warmen Meer. An kleinen Widerwärtigkeiten hat es anfangs auch nicht gefehlt, die mit dem derzeitigen unerfreulichen überspannten und fremdenfeindlichen nationalen Gemütszustand zusammenhingen (…).« (GFKA 6.2, 93)

In Deutschland wird der »Mario« bei Veröffentlichung im April 1930 allseitig gelobt. Man hält ihn für seine beste Novelle seit »Tod in Venedig«. Die eben erfolgte Nobelpreisverleihung trägt zu dieser Begeisterung das Ihre bei.
Die politische Dimension der Erzählung wird zunächst kaum gesehen. Auch Thomas Mann hebt sie in Selbstzeugnissen nicht hervor. Wie der Forscher Hans Rudolf Vaget recherchiert hat, sind es vor allem zwei Gruppen, die Implikationen für die deutsche Politik erspüren: Völkisch-Nationale, die bemängeln, die Kunst solle nicht politisch sein. (Eine typische Forderung von rechtsaußen, sobald man Widerspruch erfährt, ob aus Kunst, Kirche oder Wissenschaft.) Und auf der anderen Seite Kritiker mit jüdischem Familienhintergrund: Sie erkennen schnell den »antifaschistischen Sinn« der Erzählung. (a.a.O., 110)
3. Zum Hineinkommen ins Buch
»Mario und der Zauberer« ist vermutlich einer der zugänglichsten Texte Thomas Manns. Nicht so ausufernd wie die Buddenbrooks, nicht so aufgeladen wie der Tod in Venedig. Ein klarer Spannungsbogen, eine übersichtliche Zeitspanne, ein unmittelbar vertraut wirkender Ort: Urlaub am Meer zwischen Gelato und Sonnenschirm.
Man braucht nicht viel, um hineinzukommen. Der historische Hintergrund (siehe 2.) hilft sicher zur Vertiefung. Aber die psychologische Dynamik funktioniert selbst ohne den politischen Kontext.
Auf folgende Aspekte könnte man einmal achten:
- Macht: Wer hat Macht und wie kommt sie zustande?
- Kinder: Welche Rolle spielen sie?
- Ironie: Dafür ist Thomas Mann berühmt. Wo begegnet sie dir?
- Mario und Cipolla: Was zeichnet beide Figuren jeweils aus?
4. Welche Ausgabe?
Wenn du vor der Situation stehst, dir die Erzählung neu anzuschaffen, hast du sehr viele Optionen. Ich würde mich wahrscheinlich zwischen diesen beiden entscheiden:


Die Erzählungen
Hier bekommst du sämtliche Erzählungen Thomas Manns, von der ersten bis zur letzten, in einem Band. Kostenpunkt: 29 EUR. Über die Farbe kann man sich vermutlich streiten.
Späte Erzählungen 1919–1953
Enthalten sind sieben Erzählungen. Das Pendant sind die »Frühen Erzählungen 1893-1912«. Mit beiden zusammen hätte man auch alle. Jeder der beiden kostet allerdings 20 EUR. Warum sollte man das tun? Stichwort: Kommentierte Ausgabe! Die beiden Bände »Frühe« und »Späte Erzählungen« entsprechen seitengleich der wissenschaftlichen Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe. Diese ist immer in einen Text- und einen Kommentarband aufgeteilt und kostet weit über 100 EUR pro Doppelband. Der Clou: Der Kommentar ist legal frei verfügbar im Internet! Heißt: Wer die seitengleiche Taschenbuchausgabe besitzt, kann den Kommentar vollständig nutzen – für einen Bruchteil des Preises. Das gilt übrigens für alle Werke Thomas Manns, die in der entsprechenden Serie bei Fischer herausgegeben sind.


















