
Woche 4
CLAWDIA
Woche 4: Seien wir ehrlich. Die Anfangseuphorie verebbt langsam. Das gehört dazu. Auch die Momente, in denen man etwas zurückfällt oder die Landschaft gerade ein wenig langweilig findet. Keine Wanderung ohne kleine Durststrecken oder Ermüdungsmomente. Immerhin: 1/5 der Wegstrecke ist schon geschafft!
In der Vertiefung begegnet uns diese Woche ein gewisser Wiener Arzt.
1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorps erste Woche im Sanatorium ist fast voll. Der Sonntag bringt Musik und eine fast frivole Geselligkeit der wurmstichigen Jugend auf der Terrasse des Berghofs. Settembrini beweist eine „politische Abneigung gegen die Musik“, weil sie zu betäuben vermag wie ein Opiat. Der Literat hingegen ist ganz fürs Wache und Nüchterne, so kennen wir ihn inzwischen. Im großen Abschnitt „Fülle des Wohllauts“ gegen Ende des Romans wird Hans Castorp seine ganz eigene Erfahrung mit der Macht der Musik machen.
Vorläufig fühlt er sich aber gerüstet für eine kleine Wanderung auf eigene Faust. Er hat allerdings nicht mit den Ansprüchen der Höhenluft gerechnet und als er unterwegs erschöpft und nasenblutend auf einer Bank niedersinkt, wird ihm nun wahrlich ganz anders: In einer träumerischen Erinnerung verschmilzt der ehemalige Schulkamerad Pribislav Hippe samt seines Bleistifts mit der kirgisenäugigen Madame Chauchat zu einer schier ununterscheidbaren Gesamtfigur.
Benommen stolpert Hans Castorp bergab und findet sich leicht verspätet beim Kurvortrag des Seelenzergliederers Krokowski ein. Thema: Die Liebe! Ein anregendes und erregendes Ereignis, wie dieser moderne Beichtvater über die Untiefen des menschlichen Begehrens spricht. Hans Castorps Blicke verlieren sich unwillkürlich in den Details der Arme und Hände der vor ihm sitzenden Clawdia Chauchat…
Die zweite Woche eröffnet mit Einsichten in das Sanatorium. Hofrat Behrens gibt Hans Castorp Anlass für einige »Zweifel und Erwägungen«, wurde er doch selbst durch die Krankheit an den Ort gebracht und gebunden und wirkt nun halb als Heiler, halb als Leidensgenosse. Ob so einer von Herzen die Genesung wollen kann? Die Tatsache, dass im gut ausgeleuchteten Kellergeschoss der Anstalt ausgerechnet das Zimmer Dr. Krokowskis in einem dauerhaften Halbdunkel liegt, vermag uns indessen kaum noch zu verwundern.
Der Abschnitt schließt mit den leicht exaltierten Tischgesprächen zwischen dem Protagonisten und der Lehrerin Frau Engelhart, die sich ein Vergnügen daraus macht, den nun doch ganz offensichtlich verschossenen Hans Castorp immer weiter anzufeuern in seinem Interesse an Madame Chauchat, die sich nun als eine Clawdia herausstellt. Selbst die unfeine Angewohnheit der Brotkugelformung weiß sie zu verteidigen: »Clawdia steht es.«
2. Vertiefung: Seelenzergliederung
Sigmund Freuds Psychoanalyse hat Thomas Mann fasziniert. Begegnet ist er ihr zunächst als Leser: Für den Tod in Venedig hat er Freuds »Der Wahn und die Träume« gelesen und dort gelernt, wie verdrängtes erotisches Begehren sich in späteren Projektionen wiederholen kann. Für den Kurvortrag Dr. Krokowskis über »Die Liebe als krankheitsbildende Macht« hat er wahrscheinlich Freuds »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« (1905) gelesen.

Die eigentümliche Anziehung, die Madame Chauchat auf Hans Castorp ausübt, ist offenbar eine Variante der Freudschen Wiederkehr des Verdrängten. Als er sie das erste Mal nicht nur hört, sondern auch sieht (»Natürlich, ein Frauenzimmer!«), fällt sein Blick sofort auf ihre Hände: Nicht sonderlich damenhaft erscheinen sie ihm, sie haben ausdrücklich etwas »von der Hand eines Schulmädchens«. Gemeinsam mit der Phsysiognomie der Backenknochen und den leicht schräg gestellten, schmalen Augen, taucht schon hier eine »vage Erinnerung an irgendwas und irgendwen auf«.
Im Abschnitt »Hippe« findet diese Erinnerung ihr Ziel. Madame Chauchat ähnelt nicht nur der Jugendliebe Pribislav Hippe, sie ist geradezu eine Wiederkehr derselben Figur in veränderter Gestalt. Dieses Verhältnis von Urtyp und Individuation kennen wir bereits vom Großvater Hans Castorps und seinem barocken Halskrausen-Urahn. Hier lässt Thomas Mann zwei Einflüsse zusammenlaufen: Schopenhauers Konstellation von Gattung und Individuum, in dem das Individuum nur eine vorübergehende, konkrete Gestalt eines willenhaft Größeren und Tieferen ist, und Freuds Theorie von der Wiederkehr des Verdrängten.
Das für mich so Großartige an der Freud-Rezeption im Zauberberg: Thomas Mann nimmt die Theorie vom verdrängten Begehren ernst und gestaltet sie erzählerisch ungemein suggestiv und lebendig. Zugleich aber macht er sich in Gestalt des rasputinhaften Dr. Krokowski über den Gestus des Psychoanalytikers als säkularisierter Mönch und Priester ungehemmt lustig. So holt er mit Ironie und Humor auch die Seelenzergliederung aus ihrem halbdunklen Keller und stellt sie ins Licht eines befreiten Schmunzelns.
3. Anregungen zum Austausch
Wie erging es dir auf Etappe 4? Ich bin gespannt!
- So langsam dürften wir ein konkretes Bild vom Berghof vor Augen haben. Angenommen du bekämest ein Gratisticket für drei Wochen: Würdest du aus Neugier reisen (versprochen, es bleibt bei drei Wochen) oder dann doch lieber auf Abstand im Flachland bleiben?
- Die homoerotische Episode rund um Pribislav Hippe ist für mich ein Highlight des Romans. Erstaunlich wie sensibel und frei von zeitgenössischen moralischen Einordnungen Thomas Mann von dieser pubertären Jugendliebe erzählt. Hat jemand aus unserer Gruppe Tilmann Lahmes Biographie gelesen, die sich dem Thema besonders widmet?
- Klassikerlesen ist für manche Passion, für andere ein gelegentlicher Ausflug. Wie steht es bei dir?
- Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
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