Woche 4: Clawdia

CLAWDIA


Woche 4: Seien wir ehrlich. Die Anfangseuphorie verebbt langsam. Das gehört dazu. Auch die Momente, in denen man etwas zurückfällt oder die Landschaft gerade ein wenig langweilig findet. Keine Wanderung ohne kleine Durststrecken oder Ermüdungsmomente. Immerhin: 1/5 der Wegstrecke ist schon geschafft! 

In der Vertiefung begegnet uns diese Woche ein gewisser Wiener Arzt.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Seelenzergliederung
  3. Anregungen zum Austausch

1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorps erste Woche im Sanatorium ist fast voll. Der Sonntag bringt Musik und eine fast frivole Geselligkeit der wurmstichigen Jugend auf der Terrasse des Berghofs. Settembrini beweist eine „politische Abneigung gegen die Musik“, weil sie zu betäuben vermag wie ein Opiat. Der Literat hingegen ist ganz fürs Wache und Nüchterne, so kennen wir ihn inzwischen. Im großen Abschnitt „Fülle des Wohllauts“ gegen Ende des Romans wird Hans Castorp seine ganz eigene Erfahrung mit der Macht der Musik machen.

Vorläufig fühlt er sich aber gerüstet für eine kleine Wanderung auf eigene Faust. Er hat allerdings nicht mit den Ansprüchen der Höhenluft gerechnet und als er unterwegs erschöpft und nasenblutend auf einer Bank niedersinkt, wird ihm nun wahrlich ganz anders: In einer träumerischen Erinnerung verschmilzt der ehemalige Schulkamerad Pribislav Hippe samt seines Bleistifts mit der kirgisenäugigen Madame Chauchat zu einer schier ununterscheidbaren Gesamtfigur.

Benommen stolpert Hans Castorp bergab und findet sich leicht verspätet beim Kurvortrag des Seelenzergliederers Krokowski ein. Thema: Die Liebe! Ein anregendes und erregendes Ereignis, wie dieser moderne Beichtvater über die Untiefen des menschlichen Begehrens spricht. Hans Castorps Blicke verlieren sich unwillkürlich in den Details der Arme und Hände der vor ihm sitzenden Clawdia Chauchat…

Die zweite Woche eröffnet mit Einsichten in das Sanatorium. Hofrat Behrens gibt Hans Castorp Anlass für einige »Zweifel und Erwägungen«, wurde er doch selbst durch die Krankheit an den Ort gebracht und gebunden und wirkt nun halb als Heiler, halb als Leidensgenosse. Ob so einer von Herzen die Genesung wollen kann? Die Tatsache, dass im gut ausgeleuchteten Kellergeschoss der Anstalt ausgerechnet das Zimmer Dr. Krokowskis in einem dauerhaften Halbdunkel liegt, vermag uns indessen kaum noch zu verwundern.

Der Abschnitt schließt mit den leicht exaltierten Tischgesprächen zwischen dem Protagonisten und der Lehrerin Frau Engelhart, die sich ein Vergnügen daraus macht, den nun doch ganz offensichtlich verschossenen Hans Castorp immer weiter anzufeuern in seinem Interesse an Madame Chauchat, die sich nun als eine Clawdia herausstellt. Selbst die unfeine Angewohnheit der Brotkugelformung weiß sie zu verteidigen: »Clawdia steht es.«


2. Vertiefung: Seelenzergliederung

Sigmund Freuds Psychoanalyse hat Thomas Mann fasziniert. Begegnet ist er ihr zunächst als Leser: Für den Tod in Venedig hat er Freuds »Der Wahn und die Träume« gelesen und dort gelernt, wie verdrängtes erotisches Begehren sich in späteren Projektionen wiederholen kann. Für den Kurvortrag Dr. Krokowskis über »Die Liebe als krankheitsbildende Macht« hat er wahrscheinlich Freuds »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« (1905) gelesen.

Die eigentümliche Anziehung, die Madame Chauchat auf Hans Castorp ausübt, ist offenbar eine Variante der Freudschen Wiederkehr des Verdrängten. Als er sie das erste Mal nicht nur hört, sondern auch sieht (»Natürlich, ein Frauenzimmer!«), fällt sein Blick sofort auf ihre Hände: Nicht sonderlich damenhaft erscheinen sie ihm, sie haben ausdrücklich etwas »von der Hand eines Schulmädchens«. Gemeinsam mit der Phsysiognomie der Backenknochen und den leicht schräg gestellten, schmalen Augen, taucht schon hier eine »vage Erinnerung an irgendwas und irgendwen auf«.

Im Abschnitt »Hippe« findet diese Erinnerung ihr Ziel. Madame Chauchat ähnelt nicht nur der Jugendliebe Pribislav Hippe, sie ist geradezu eine Wiederkehr derselben Figur in veränderter Gestalt. Dieses Verhältnis von Urtyp und Individuation kennen wir bereits vom Großvater Hans Castorps und seinem barocken Halskrausen-Urahn. Hier lässt Thomas Mann zwei Einflüsse zusammenlaufen: Schopenhauers Konstellation von Gattung und Individuum, in dem das Individuum nur eine vorübergehende, konkrete Gestalt eines willenhaft Größeren und Tieferen ist, und Freuds Theorie von der Wiederkehr des Verdrängten.

Das für mich so Großartige an der Freud-Rezeption im Zauberberg: Thomas Mann nimmt die Theorie vom verdrängten Begehren ernst und gestaltet sie erzählerisch ungemein suggestiv und lebendig. Zugleich aber macht er sich in Gestalt des rasputinhaften Dr. Krokowski über den Gestus des Psychoanalytikers als säkularisierter Mönch und Priester ungehemmt lustig. So holt er mit Ironie und Humor auch die Seelenzergliederung aus ihrem halbdunklen Keller und stellt sie ins Licht eines befreiten Schmunzelns.


3. Anregungen zum Austausch

Wie erging es dir auf Etappe 4? Ich bin gespannt!

  1. So langsam dürften wir ein konkretes Bild vom Berghof vor Augen haben. Angenommen du bekämest ein Gratisticket für drei Wochen: Würdest du aus Neugier reisen (versprochen, es bleibt bei drei Wochen) oder dann doch lieber auf Abstand im Flachland bleiben?
  2. Die homoerotische Episode rund um Pribislav Hippe ist für mich ein Highlight des Romans. Erstaunlich wie sensibel und frei von zeitgenössischen moralischen Einordnungen Thomas Mann von dieser pubertären Jugendliebe erzählt. Hat jemand aus unserer Gruppe Tilmann Lahmes Biographie gelesen, die sich dem Thema besonders widmet?
  3. Klassikerlesen ist für manche Passion, für andere ein gelegentlicher Ausflug. Wie steht es bei dir?
  4. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?

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Popstar wider Willen: Goethes Werther

Goethes Werther: Bestseller, Skandalbuch, Schullektüre – und eine überraschend scharfsichtige psychologische Studie.

Maria und Alex sprechen über den viel geliebten und viel beseufzten Roman, mit dem Goethe der Durchbruch gelang, sie fragen sich, ob das Kunst oder Kitsch ist und ob man das Buch heute noch empfehlen kann.

Welche Erfahrungen hast du mit dem Buch gemacht? Lass es uns gerne in dem Kommentaren wissen!

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Woche 3: Wüste Süßigkeit

Wüste süßigkeit


Woche 3: Hans Castorp bekommt das Gefühl, schon eine kleine Ewigkeit auf dem Zauberberg zu sein. Ich kann mir vorstellen: Viele von uns haben sich auch schon etwas eingelebt in der Stimmung des Sanatoriums.

Diese Woche gibt es ein bisschen Philosophie für jene, die darauf neugierig sind. Und natürlich den Austausch darüber, wie eure letzte Etappe so war.

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Auflösung als Befreiung
  3. Anregungen zum Austausch

Stimme aus der Reisegruppe

  • “Es ist wie ein Fiebertraum. So surreal und doch irgendwie real. Einfach herrlich!
    Jasmin | @lylabelii_

1. Rückblick auf den Abschnitt

Nach einem weiteren Spaziergang ist an diesem ersten Tag Hans Castorps das Mittagessen angesagt. Ein Sechsgangmenü.

Endlich sieht er die Person, die so impertinent die Tür zum Esssaal zuwirft: Madame Chauchat vom »Guten Russentisch«. An irgendwen erinnert sie ihn…

Während der nachmittäglichen Liegekur hört Hans Castorp eine Unterhaltung des Herrn Albin mit einigen Damen an. Dessen Versuch die Zuhörerinnen mit einer Pistole und dem eigenen tragischen Ende zu beeindrucken ist zwar lächerlich, versetzt Hans Castorp aber auch ins Staunen über die damit verbundene grenzenlose Freiheit.

Es ist Zeit für den Tee. Dann Spaziergang, dann ist es Zeit fürs Abendessen. Das zweite Glas Bier lässt ihm den Kopf rauschen. Settembrinis »ehrrührigen Vorschlag« zur sofortigen Abreise weist er von sich (wenngleich ihm diese Idee auch schon gekommen war). Nachts träumt er unruhig von Madame Chauchat, einem geliehenen Bleistift und dem störenden Drehorgelmann Settembrini.

Der nächste Tag bringt einen Schneesturm (im August – was für eine Unordnung!) und Einkäufe im Ort: Eine standesgemäße Decke für die Liegekur. Während dieser stellt der Erzähler Betrachtungen über die Langeweile an und die Tatsache wie sich das Zeitgefühl beim Eingewöhnen dehnt. Hans Castorp hat schon nach wenigen Tagen den Eindruck »eine ganze Ewigkeit« hier oben zu sein.


2. Vertiefung: Auflösung als Befreiung

Hans Castorps Sympathie für Krankheit und Tod ist eines der großen Rätsel im Zauberberg. Dass er gerne gut isst, ausgiebig liegt und darum schon bald halb träumerisch an einen längeren Aufenthalt denkt, geht ja noch an. Wer träumt nicht davon, den Urlaubszustand auf unbestimmte Zeit zu verlängern?

Doch scheinbar fasziniert ihn der Berghof nicht einfach als gehobenes Hotel, sondern tatsächlich als Sanatorium. Der Zustand der Krankheit und sein Endstadium, der Tod, beschäftigen seine Fantasie auf eigentümliche Weise. »Krankheit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges« (149) gibt er zu bedenken. Schon als Kind eröffnet sich ihm am Sarg des Großvaters die »sinnige und traurig schöne« Eigenart des Todes (46). Tief beeindruckt lauscht er dem fatalen Husten des Herrenreiters. Sein Talent zum Patienten, d.h.: zum geradezu freiwillig Kranken, steht für Hofrat Behrens dementsprechend außer Frage.

Woher diese unheimliche Wirkung des Morbiden auf unseren Helden?

Arthur Schopenhauer 1855

Schopenhauers Denken (1788–1860) war inspiriert von Hinduismus und Buddhismus. Er teilte, grob gesagt, deren Auffassung von der in sich vielgestaltigen Wirklichkeit als einer nur vordergründigen Erscheinung. Hinter der Wirklichkeit steht ein großer, drängender und blinder Wille. Jedes Individuum ist eine vorläufige Instanz dieses Willens und will sein eigenes (Über-)Leben. Mit dem Festhalten an der eigenen Individualität geht allerdings untrennbar Leid einher. Leid durch Verlust geliebter Teile der Wirklichkeit – und Angst vor dem eigenen Tod.

Nun kommt der Clou, der Thomas Mann tief beeindruckte: Was, wenn der Tod nichts anderes ist als das Zurückfallen in den Schoß der großen Lebenskraft, des Willens? Was, wenn das, was wir als Schrecken unserer eigenen Auflösung fürchten, bei Lichte besehen eine Befreiung ist: Befreiung vom Leiden, Befreiung vom Begehren, Befreiung von der Individuation, Aufgehen im All?

An Tod oder Leben des Individuums ist gar nichts gelegen.

Arthur Schopenhauer

Herr Albin und sein Revolver sind eine Gestalt dieses Gedankens. Herr Albin ist todgeweiht. Seine Krankheit unheilbar. Statt sich mit Händen und Füßen dagegen zu wehren, wie Frau Hujus gegen ihr Sterbesakrament, heißt er sein Ende willkommen (oder gibt sich jedenfalls vor den Damen gerne diesen Anschein) und findet darin eine nie gekannte Freiheit. Hans Castorp traut seinen Ohren kaum und ist bis in seine Träume hinein fasziniert von dieser »Ungebundenheit«, die ihn sofort an den »angenehm verwahrlosten« Zustand des in der Schule Sitzengebliebenen erinnert. Endlich alles egal!

Mit Schopenhauer erscheint diese Tendenz zu Krankheit und Tod als eine gesteigerte Form des Lebens, als eine tiefere Einsicht in den Zusammenhang aller Dinge. Wer bereit ist, sich zu verlieren, sich geradezu materiell aufzulösen wie das Innenleben des Herrenreiters, der ist wahrhaft frei! Krankheit als höhere Erkenntnisstufe – auch deshalb muss sich Hans Castorp so ärgern über die plumpe Frau Stöhr, denn: Dummheit und Krankheit vertragen sich nicht!

Aber Achtung: Der Zauberberg ist nicht einfach die literarische Umsetzung einer einzelnen philosophischen Idee. Es wird deutlich vielschichtiger und spannender. Hans Castorps erste Sympathie für Leid, Krankheit und Tod wird noch ernsthaft auf die Probe gestellt werden!

Lesetipp: Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Band II, Kapitel 41 (Tod und Unzerstörbarkeit des Wesens). Darin findet sich diese lebendige Illustration seines Grundgedankens vom allumfassenden Willen jenseits aller Individuation:

[Wer ängstlich auf seinen Tod blickt, ist wie einer,] der dem Blatte am Baume gleicht, welches im Herbste welkend und im Begriff abzufallen, jammert über seinen Untergang und sich nicht trösten lassen will durch den Hinblick auf das frische Grün, welches im Frühling den Baum bekleiden wird, sondern klagend spricht: Das bin ja Ich nicht! Das sind ganz andere Blätter! – 

O thörichtes Blatt! Wohin willst du? Und woher sollen andere kommen? Wo ist das Nichts, dessen Schlund du fürchtest? – Erkenne doch dein eigenes Wesen, gerade Das, was vom Durst nach Daseyn so erfüllt ist, erkenne es wieder in der innern, geheimen, treibenden Kraft des Baumes, welche, stets eine und dieselbe in allen Generationen von Blättern, unberührt bleibt vom Entstehen und Vergehen.


3. Anregungen zum Austausch

Ich bin gespannt von euren Leseerfahrungen in den Kommentaren zu hören. Dazu einige Inspirationen als Aufhänger:

  1. Glückwunsch! 🎉 150 Seiten Zauberberg, das ist doch schon was! Wie ist gerade deine Laune? Optimistisch für die nächste Wegstrecke oder ein bisschen Muskelkater?
  2. Noch sind wir nicht so lange unterwegs, dass wir uns nicht an ein Leben ohne Zauberberg erinnern könnten: Welches Buch hast du als letztes vor dem Zauberberg gelesen?
  3. Zitat der Woche: Hat es dir ein Satz besonders angetan?
  4. Hast du bereits eine Lieblingsfigur, von der du hoffst, dass sie weiterhin eine größere Rolle spielt?

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Woche 2: Liegekur

LIEGEKUR


Woche 2. Wir leben uns langsam ein auf dem Berghof. Die langen Satzstrecken haben in der ersten Woche die Lesebeine manchmal ermüdet. Aber man gewöhnt sich! Und diese Woche hat uns der Weg mit einigen skurrilen Aussichten belohnt, wie ich finde. Ich bin gespannt auf deine Eindrücke!

Du findest hier:

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Vertiefung: Ein Held zwischen zwei Welten
  3. Anregungen zum Austausch

Im Mittelpunkt steht der Austausch. Fühle dich frei, die Vertiefung wahrzunehmen oder auch nicht.


1. Rückblick auf den Abschnitt

Hans Castorp erwacht das erste Mal in seinem Zimmer. Bei der Morgentoilette irritieren ihn Geräusche aus dem Nebenzimmer. Unerhörte Geräusche und zu nachhaltigem Erröten angetan!

Zufrieden stellt er fest, dass man das Frühstück als eine ernste Angelegenheit behandelt und lässt sich mit einigem Erstaunen von einer »Zwergin« bedienen. Fast märchenhaft… Ärgerlich nur das schlampige Türschlagen, das Hans Castorp kaum erträgt. Immerhin stellt der Chefarzt Behrens am Ausgang sein erfreuliches Talent zum Patienten fest.

Beim Spaziergang trifft man auf den »Verein Halbe Lunge« und lässt sich vom Pfeifen aus dem Pneumothorax necken. Joachim weiß Schauerliches vom Sterbefall der jungen Barbara Hujus und ihrem Sterbesakrament zu berichten. Schließlich begegnet man einem eigentümlichen Italiener, äußerlich eine Mischung aus »Schäbigkeit und Anmut«, geistig ein Spötter und Vernunftmensch.

Während Joachims Liegekur stellt Hans Castorp gedankenscharfe Betrachtungen über die Subjektivität der Zeit an. Beim zweiten Frühstück sieht er sich gezwungen, das gewohnte Glas Portwein gegen einen halben Liter Bier zu tauschen, letzteres tut aber wirksam seinen Dienst, das erneute Türschlagen wird nur noch träge registriert, nachvollziehbar die abschließende Frage: »Wann ist denn wieder Liegekur?«


2. Vertiefung: Ein Held zwischen zwei Welten

Wer liest, sucht Spannung. Für Langeweile schlägt niemand ein Buch auf. Da scheinen die Chancen für den Zauberberg erst einmal schlecht zu stehen. Es wird kein Mord aufgeklärt, keine große Love Story erzählt, kein Kampf gegen Drachen bestanden.

Allerdings: Spannung gibt es nicht nur horizontal, durch den erzählten Plot. Es gibt auch vertikale Spannung. Spannung, die sich durch innere Konflikte aufbaut. Spannung durch Ambivalenz.

Erstaunlich viele Klassiker leben von dieser inneren Spannung. So auch der Zauberberg. Unser Held, Hans Castorp, steht zwischen zwei Sphären, die ihn beide beanspruchen. Für beide spürt er Sympathien. Beide sind ihm innerlich verwandt.

Da ist die Welt des Flachlandes. Es ist die Welt der Bürgerlichkeit, des strengen Großvaters, der rechnenden Vernunft, der Nüchternheit, der klassischen Familie, der Ordnung und strammen Gesundheit.

Da ist die Welt des Sanatoriums. Es ist die Welt des Künstlertums, des empfindsamen Vaters, einer gewissen liederlichen Lässigkeit, der Erotik, des Rauschs, der spielerischen Freiheit und der leidenden Krankheit.

Für beide Welten hat Thomas Mann als Kaufmannssohn und Künstler zeitlebens Sympathien gehegt. Es ist letztlich auch sein innerer Konflikt, der in den Protagonisten der Buddenbrooks, des Zauberbergs, der Joseph-Romane zum Austrag kommt. Und ganz ehrlich: Wer kennt das nicht auch selbst? Den inneren Konflikt zwischen Disziplin und Laissez-faire, zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen messbarem Erfolg und innerer Erfüllung.

Im Zauberberg setzt Thomas Mann diese Ambivalenz zwischen den Sphären mit einer suggestiven Kraft um, die mich immer wieder fasziniert. Kaum eine Person, kaum ein Gegenstand oder Ereignis, das nicht irgendwie eine symbolische Funktion im Netz der Anspielungen hat.

Hans Castorp sieht von seinem Balkon aus die schwarze Gestalt »Tous-les-deux«, hört danach die eindeutigen Geräusche seiner Nachbarn und fängt sich dabei eine Gesichtserhitzung ein. Tod, Erotik, Krankheit in enger Folge. Auf der anderen Seite: Der satirische Aufklärer Settembrini lobt Hans Castorp als Vertreter der »Welt der Arbeit und des praktischen Genies«, macht sich über die Ärzte als Herren der Krankheit herzhaft lustig – und dass Hans Castorp seit seiner Ankunft keine einzige Seite in der Zeitschrift »Ocean Steamships« gelesen hat und stattdessen lieber liegend döst, dürfte ihm kaum gefallen.

Man kann den Zauberberg auch genießen, ohne sich auf Spurensuche in diesem ausgeklügelten Symbolkosmos zu machen! Mir bereitet es jedenfalls große Freude, das kompositorische Genie beim Auslegen seiner Fäden zu beobachten. Ich ahne: Wer so nachlässig die Türe schlägt, wie die bisher unbekannte Person im Speisesaal, wird später vermutlich der Sphäre von Erotik und Krankheit nahestehen. Wenn Ludovico Settembrini als Vernunftmensch und Aufklärer seinen pädagogischen Einfluss auf Hans Castorp geltend macht, wird möglicherweise noch ein Antipode auftauchen, der die Gegenseite einer dunklen Romantik vertreten wird…

Welche Sphäre kann Hans Castorp auf ihre Seite ziehen? Man darf gespannt sein!

P.S.: Wenn du dich (ganz zurecht!) fragst, welchen Sinn es haben kann, so etwas wie Sympathie mit Krankheit und Tod zu haben – da schauen wir kommende Woche mal drauf!

3. Anregungen zum Austausch

Vielen Dank für alle Kommentare in Woche 1 und eure Selbstvorstellungen. Sehr nett, einander etwas kennenzulernen! Für Woche 2 wieder vier Vorschläge zum Austausch im Kommentarbereich:

  1. Wie liest du den Zauberberg? Immer an einem festen Platz? Zu einer bestimmten Zeit? Oder immer unterwegs dabei und dann, wenn es gerade reinpasst?
  2. Hattest du eine Lieblingsszene im Abschnitt dieser Woche?
  3. Zitat der Woche: Welchen Satz hast du dir unterstrichen?
  4. Erste Rückmeldungen lauten: Ob man sich wirklich eine Sommerpause nimmt? Oder das Zauberberg-Projekt lieber am Stück „durchzieht“? Wenn du dazu eine Tendenz hast, freue ich mich über Meinungen.

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Jammern auf hohem Niveau: Frankenstein von Mary Shelley

Maria bringt Mary Shelleys legendären Klassiker Frankenstein mit. Wer hätte gedacht, dass einem am Ende das mordende Monster sympathischer ist als sein leidender Erschaffer?

Alex und Maria sprechen über die erstaunliche 18jährige, die einen modernen Mythos geschaffen hat; über die Erben Frankensteins im modernen Kino und darüber, wie man das Buch am besten liest, um seine Nerven zu schonen.

Welche Erfahrungen hast du mit dem Buch gemacht? Lass es uns gerne in dem Kommentaren wissen!

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[Das Folgencover zeigt die Manesse-Ausgabe mit der neuen Übersetzung von Alexander Pechmann.]

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Woche 1: Die Ankunft

Die Ankunft


Die ersten Meter liegen hinter uns. Schön, dass du dich mit auf dem Weg gemacht hast! Das Gipfelkreuz des Romanendes ist naturgemäß noch weit entfernt. Aber ein wenig Bergluft konnten wir schon schnuppern. Ich bin gespannt auf deine Eindrücke!

Ein Wort zur Ermutigung: Die Reise wird etwas länger. Nicht verzagen, wenn in einer Woche die Lesebeine mal müde werden! Das Format mit Beiträgen und Kommentaren erlaubt auch asynchrones Lesen und Austauschen. Heißt: Bist du mal etwas hinterher, kannst du immer auch später noch aufholen und kommentieren. Aber jetzt erstmal: Frisch ans Werk!

Du findest hier:

  1. Rückblick auf den Abschnitt
  2. Option zur Vertiefung: Der Zauberberg als Märchen
  3. Anregungen zum Austausch

Im Mittelpunkt steht der Austausch. Fühle dich frei, die Vertiefung wahrzunehmen oder auch nicht.


Stimme aus der Reisegruppe

  • “Mein neues Motto in Bezug auf Klassiker: Nicht warten, nicht eingeschüchtert sein, einfach anfangen zu lesen.
    Aber Der Zauberberg stand trotzdem nicht auf meiner Bingokarte für 2026, und ich bin froh, ihn gemeinsam im Klassikerclub zu lesen.
    Durchs erste Etappenziel bin ich in einer Lesesitzung durchgeflogen. Auf den ersten Seiten dachte ich noch: Huch, war das ein Fehler? Aber dann kam ich schnell in den Lesefluss, und ich bin gespannt, wie es weitergeht.”

1. Rückblick auf den Abschnitt

Ankunft stilecht mit krokodillederner Handtasche

Im ersten Kapitel lernen wir Hans Castorp kennen, einen 22jährigen Hamburger Kaufmanssohn, auf dem Wege nach Davos, um im Sanatorium Berghof seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen. Geplant ist ein Aufenthalt von drei Wochen.

Joachim führt seinen Besucher in die örtlichen Gegebenheiten und Gewohnheiten ein. „Wir hier oben“ leben offenbar etwas anders als die im Flachland. Hans ist überrascht vom lässigen Achselzucken des soldatischen Verwandten, verblüfft von den zeitlichen Dimensionen der Aufenthalte, erschüttert vom Husten eines schweren Patienten, bei alledem aber nicht abgestoßen von diesem ganz eigenen Kosmos, sondern auf eine Art: fasziniert.

Im zweiten Kapitel erfahren wir etwas über die Familiengeschichte von Hans. Die Mutter früh verstorben, der Vater gleich hinterher, lebt er als Kind für anderthalb Jahre beim Großvater, dem er sich innerlich verwandt fühlt. Der alte Castorp ist konservativ und strahlt die strenge Würde des Kaufmanns aus. Seine wahre Identität erscheint Hans eigentlich mehr noch in Gestalt des spätbarocken Bürgers mit Halskrause als in der des Alltagsgroßvaters. Angesichts des Leichnams prägt sich Hans die Doppelgesichtigkeit des Todes als geistige Erhöhung und leibliche Erniedrigung ein. Noch einmal wechselt Hans den Haushalt, verlebt die Jugend beim Großonkel Tienappel, schließt die Schule nicht glänzend aber ordentlich ab, ebenso das Studium der Ingeniuerswissenschaften mit dem Ziel Schiffsbau, ermattet vom Examen reist er nach Davos, an die frische Luft.

Geplant ist ein Aufenthalt von drei Wochen


2. Option zur Vertiefung: Der Zauberberg als Märchen

Der Zauberberg – ein Märchen? Da könnte etwas dran sein… Im Vorsatz vermutet der Erzähler, seine Geschichte könne »mit dem Märchen (…) ihrer inneren Natur nach, das eine und andre zu schaffen« haben.

Was Märchen ausmacht und warum sie literarisch so faszinierend bleiben, habe ich Sarah (@sarah__ricarda) gefragt. Sie kennt sich mit Märchen besonders gut aus, seit sie zu Grimms Märchen geforscht hat. Ihr Kanal auf Instagram und auf TikTok lohnt sich besonders für alle, die sich für aktuelle Literatur, feministische Perspektiven und Lyrik interessieren. Folgt ihr unbedingt!

Alex: Märchen sind Kindergeschichten. Könnte man denken. Was macht sie für die Literatur so spannend?

Sarah: Ich denke, dass Märchenmotive so beliebt sind, weil sie einerseits Magisches erzählen und andererseits unsere Welt symbolisch herunterbrechen und einfach erklärbar machen. In Volksmärchen gewinnt immer die Heldin / der Held. Das Gute siegt über das Böse. Die Geschichten sind formelhaft und damit sehr allgemeingültig. Gleichzeitig sind sie natürlich geheimnisvoll und voller Magie. Also faszinierend!

Alex: 7 Jahre währt die Handlung des Zauberbergs. Ein Zufall?

Sarah: Im Märchen ist die 7 eine typisch Zahl (7 Zwerge, 7 Raben, 7 Geißlein). Sie hat biblischen Hintergrund: In sieben Tagen hat Gott die Welt erschaffen. In der Zahlenmystik steht sie für Vollkommenheit. Sie setzt sich aus der irdischen Vier (vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, vier Elemente) und der himmlischen Drei (Dreieinigkeit) zusammen. Die drei ist in Märchen insgesamt die wichtigste Zahl: Drei Schwestern („Das Waldhaus“), drei Brüder („Das Wasser des Lebens“), drei Helferswesen („Die drei Männlein im Walde“), drei magische Gegenstände („Allerleihrau“), drei Aufgaben („Frau Holle“).
Die 7 Jahre kenne ich allerdings auch: Sowohl in „Der Bärenhäuter“ als auch in „Die 7 Raben“ verpflichtet sich der Protagonist bzw. die Protagonistin zu 7 Jahren mit großen Entbehrungen. Erst danach sind sie erlöst.

Im Gegensatz zu Volksmärchen sind in Kunstmärchen die Figuren vielschichtiger. Sie haben ein Innenleben, Gefühle, handeln nicht nur wie der Held oder Antiheld.


Alex: Thomas Mann hat die Märchen Hans Christian Andersens besonders geliebt. »Die Schneekönigin« zeigt besondere Nähe zum »Zauberberg«. Wie verhält sich Andersens Märchenwelt zu Grimms Märchen?

Sarah
: Grimms Märchen sind Volksmärchen. Das heißt, der wirkliche Ursprung ist nicht bekannt, die Grimms haben sie sich von meist gebildeten Frauen erzählen lassen und aufgeschrieben. Motive der Grimmschen Märchen finden sich auch in Volksmärchen anderer Länder, viele ähneln sich tatsächlich sehr. Andersen hat Kunstmärchen geschrieben. Das heißt, er hat sich zwar auch an volkstümlichen Motiven bedient, aber sich eigene Geschichten erdacht. Im Gegensatz zu Volksmärchen sind in Kunstmärchen die Figuren vielschichtiger. Sie haben ein Innenleben, Gefühle, handeln nicht nur wie der Held oder Antiheld. Und ich persönlich kenne kein Andersen-Märchen, das glücklich endet.

Alex: Vielen Dank, Sarah! Ob der Zauberberg glücklich endet? Wir werden sehen…

3. Anregungen zum Austausch

Ich bin gespannt, die digitale „Lesegruppe Zauberberg“ etwas kennenzulernen und zu hören, wie es dir mit dem Buch erging! Hier drei Fragen zum Einstieg, jede:r kann, keine:r muss – ist klar. Antworten kannst du unten im Kommentarbereich.

  1. Stell dich vor, wenn du magst und wie du magst. Ein Name wäre nett. Vielleicht, was du sonst gerne liest, ob du ganz frisch rangehst oder bereits Erfahrungen mit Thomas Mann gesammelt hast.
  2. Wie kamst du in das Buch hinein? Was waren deine ersten Eindrücke? Überraschte oder bestätigte Erwartungen?
  3. Zitat der Woche: Welchen Satz hast du dir unterstrichen?

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KommentierenWoche 1: Die Ankunft

Der Zauberberg: Leseplan

Direkt zum Update Leseplan zweite Hälfte.

Einer der größten Romane deutscher Sprache.
Ein Höhepunkt des klassischen Bildungsromans.
Ein Schreckgespenst von 1000 Seiten.

Ich freue mich, dass sich Mutige gefunden haben, die den Zauberberg als Reisegruppe erklimmen wollen! Ich verspreche: Es wird unterhaltsam, es wird humorvoll, es wird unvergessliche Figuren geben – und ja, auch einige Längen. Doch gemeinsam wandern wir da durch!

Am Ende wird es dir vorkommen, als gehörten Lodovico Settembrini und Clawdia Chauchat zu deinem persönlichen Bekanntenkreis…

1. Wanderung in Etappen

Tausend Seiten sind ein Wort. Wir alle haben ein Leben jenseits des Zauberbergs. Darum ist der Leseplan kräfteschonend angelegt.

  • Wöchentliche Portionen um die 50 Seiten
  • Zwei Etappen mit einer Pause
  • Sommer-Etappe: Mai bis Juli
  • Pause: August bis Mitte September
  • Herbst-Etappe: Mitte September bis Ende November

Wenn der erste Schnee fällt, haben wir den Gipfel erklommen!


2. Lesepläne

2.1 Erste Hälfte (Mai-Juli)

Bei einem längeren Projekt bietet es sich an, den Leseplan im Buch parat zu haben. Hier findest du PDFs zum Runterladen und Ausdrucken. Ich biete zwei Ausgaben an, je nach Vorliebe: Eine Kalenderansicht der Sommer-Etappe, geordnet nach Lese-Wochen. Eine Kapitelansicht mit Verweis auf die Leseportionen.
Die Planung der Herbst-Etappe folgt in den kommenden Wochen.

2.2 Zweite Hälfte (August-Oktober)

Wir nähern uns der Mitte des Buches. Hier war ursprünglich eine sechswöchige Pause geplant. Das Stimmungsbild hat ergeben: Die Bedürfnisse sind verschieden. Manche würden gerne ohne Unterbrechung durchlesen. Andere wünschen sich eine Pause bzw. Zeit zum Aufholen, manche kurz, manche länger.

Ich schlage folgenden Kompromiss vor: Eine kurze Rast mit Option auf eine Nebentour.

Nach dem Abschnitt Walpurgisnacht und vor Veränderungen legen wir auf der Wanderung eine 14tägige Pause ein. Konkret: Am 2. August und am 9. August kommt hier kein neuer Beitrag zum Zauberberg. Am 16. August geht es mit dem Beginn des Sechsten Kapitels weiter.
Den neuen Leseplan kannst du wieder als PDF herunterladen.

Nebentour: Tristan (1901)

Das Angebot für jene, die keine Pause brauchen und an der Welt des »Zauberberg« dranbleiben möchten: Wir lesen in der Zwischenzeit Thomas Manns frühe Erzählung »Tristan«, eine Art Mini-Zauberberg. Diese Sanatoriumsnovelle und Vorstudie von 1901 ist mit ca. 60 Seiten bequem in zwei Wochen zu bewältigen und bietet einen sehr reizvollen Vergleich zum Epochenroman.
Für den »Tristan« wird es Mitte August einen Beitrag im Rahmen unserer Zauberberg-Leserunde geben. (Eine Warnung vorab: »Tristan« ist nicht zu verwechseln mit Thomas Manns Kurzerzählung »Tristan und Isolde«. Wenn du dir den Text rechtzeitig besorgen möchtest, wirst du fündig bei Fischer und Reclam.)


3. Austausch

Ich freue mich auf den Austausch mit der „Reisegruppe“. Über Lese-Erlebnisse, Ärgernisse, Freuden und Fragen. Dazu wird es jede Woche am Wochenende einen Eintrag auf dieser Webseite geben. Im Kommentarbereich gibt es die Gelegenheit, mit anderen Lesemutigen zu diskutieren.
Am Ende der Sommer-Etappe biete ich einen Zoom-Austausch an. Infos folgen.
Wenn du auf dem Laufenden über alle Neuigkeiten bleiben möchtest, abonniere gerne den Klassikerclub Newsletter:


4. Ausgaben und Literatur

Den Zauberberg gibt es in unzähligen Ausgaben und Auflagen. Kaufen musst du ihn nicht unbedingt. Du wirst ihn in deiner Stadtbücherei finden (allerdings auch lange ausleihen müssen). Du kannst unter Freunden und Familie herumfragen und wirst unter Garantie jemanden finden, der das Buch im Regal stehen hat.

Wenn du das Buch kaufst, wirst du seit diesem Jahr eine große Vielfalt finden. Grund: Thomas Manns Texte sind seit dem 1.1.2026 „gemeinfrei“. Heißt: Jeder Verlag darf den Originaltext rechtefrei herausbringen. Auch online findest du ihn bei Projekt Gutenberg – gut zu wissen, denn dort ist der Text durchsuchbar.

Der Fischer Verlag war zu Lebzeiten Thomas Manns Verlag. Er hat seitdem viel investiert, das Werk zu pflegen. Ich persönlich empfehle deshalb aus Überzeugung, eine Fischer Ausgabe zu kaufen. Auch dort gibt es Hardcover und Taschenbücher mit unterschiedlichen Covern, je nach Geschmack.

Für Nerds: Die wissenschaftliche Thomas-Mann-Werkausgabe („Große Frankfurter Kommentierte Ausgabe“) ist immer zweibändig. Ein Band Text, ein Band Kommentar. Kostet im Fall des Zauberbergs zusammen 198 EUR. Fun Fact: Den Kommentarband stellt der Fischer Verlag kostenfrei als PDF zur Verfügung! Wenn du die mit der GFKA seitengleiche Taschenbuchausgabe erwirbst, hast du für 22 EUR denselben Gegenwert. Fantastico, wie ich finde. ISBN dieser Ausgabe für deinen Buchhändler: 978-3-596-90416-7.
[Achtung, ich habe es nachgeprüft: Nur genau diese Ausgabe ist wirklich seitengleich mit dem Kommentar. Die anderen Fischer-Taschenbuchausgaben sagen zwar „In der Textfassung der GFKA“, haben aber einen anderen Satzspiegel. Wie gesagt: für die Nerds…]

Ergänzende Literatur gibt es haufenweise. Man kann darin ertrinken, bevor man überhaupt im Roman selbst Land gesehen hat. Die Erstleser:innen hatten keine Einführung und keine Sekundärliteratur und das klappt heute immer noch hervorragend. Neben dem erwähnten philologischen Kommentar werde ich nebenbei hier und da Tipps einspielen.
Fürs erste lege ich dir den gut gelaunten Text von Hernán D. Caro ans Herz: Lesetipps für den Zauberberg. Tipp Nr. 4 ist schon erledigt:

Sie sind nicht allein – oder auf jeden Fall müssen Sie es nicht sein. Zwei Möglichkeiten: gründen Sie einen Zauberberg-Lese-, Diskutier- und letzten Endes Gruppentherapie-Kreis. Sie werden darüber staunen, wie viele Menschen Lust und vielleicht auch ein bisschen Angst haben, sich dem Buch anzunähern. Und Sie werden merken, inwiefern das kollektive Reden über Literatur zur Ausschüttung von Glückshormonen beiträgt.

Und jetzt: Auf geht’s, das Sanatorium »Berghof« wartet auf deine Anreise. Du wirst länger bleiben als gedacht…

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KommentierenDer Zauberberg: Leseplan

»Mario und der Zauberer« – Teil II

1. Rückblick

Der Eindruck verdichtet sich, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht.
Beim Kartentrick pocht ein Teilnehmer auf seinen Eigenwillen. Cipolla belehrt ihn und das Publikum darüber, dass Willensfreiheit nicht existiere. Was sich abspielt scheint dem Erzähler nicht nur unter ständigem Einfluss des Kognak zu stehen, sondern auch an den »zweideutig-unsauberen« Bereich des Okkulten zu rühren.

Nach der Pause dauert es nicht lange, bis auch das erotische Element Einzug hält. Am Exempel der Signora Angiolieri führt der Zauberer das verführerische Potential seines Magnetismus vor. Sie folgt dem Buckligen wie gebannt, der gehörnte Ehemann darf sich immerhin mit der Einsicht trösten, dass die Mächte der Hypnose wenigstens in diesem Fall mit der »Hochherzigkeit der Entsagung gepaart sind«.

Vor der Kulisse einer zunehmend enthemmten und dem Tanz anheimgefallenen Zuschauerschaft ist nun Mario an der Reihe. Der melancholische und träumerische Kellner wird nach vorne gelockt, seine heimliche Liebe zu Silvestra durch einen Burschen frech vor allen enthüllt.
Der Zauberer, dem Mario offenbar gefällt wie einst der Ganymed dem Zeus, verstrickt den Unschuldigen in ein erotisches Verwirrspiel. Er spiegelt dem armen Jungen die Anwesenheit seiner Silvestra vor und lässt sich stellvertretend auf die Wange küssen. Aufs Erwachen folgt das Erschrecken und die Empörung über den infamen Missbrauch.

Nun geht alles schnell: Ein Knall, der Hypnotiseur sinkt nieder, Mario wird mit Pistole in der Hand abgeführt, der Erzähler flieht mit seiner Familie aus dem Saal. Erschüttert, und doch: erleichtert.

2. Vorschläge zum Gespräch

Nach dem langen buildup kommt das Ende überraschend und doch irgendwie konsequent. Fandest du es überzeugend? Im Kommentarbereich einige Inspirationen fürs Gespräch. Ich bin gespannt auf deine Eindrücke!

  1. Dein wievielter Thomas Mann war das? Bist du Skeptiker:in, Fan oder Neuling? Und wie ging es dir mit dieser Erzählung?
  2. Der politische Unterton ist kaum überhörbar. Siehst du Parallelen zu unserer Zeit?
  3. Die Kinder: Sie sind ein Leitmotiv, das sich durchzieht. Was verbindest du mit ihnen?
  4. Das Ende: Warum wird ausgerechnet Mario zum Mörder? Überzeugend?
  5. Zitat der Woche: Welchen Satz nimmst du mit?
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Erst Kuss, dann Schluss: Mario und der Zauberer von Thomas Mann

Manche finden es klingt abgehoben und elitär, Maria könnte sich reinlegen und Alex nimmt es nicht ganz ernst: Thomas Mann und seine Sprache.

Alex und Maria sprechen über seine Erzählung »Mario und der Zauberer« von 1930 und finden: Das ist überraschend aktuell! Wann lesen, wenn nicht jetzt?

Mehr zum Klassikerclub, dem Podcast, den online Leserunden und Social Media findest du auf www.klassikerclub.de

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Runde 6: Es wird episch!

RUNDE 6:
ES WIRD EPISCH

Es gibt diese großen Romane, die man vor sich herschiebt. Meilensteine der Literatur, oft gerühmt, nicht ganz so oft gelesen.

»Müsste man mal…«, denken sich viele. Die Wahrheit ist: Man muss natürlich gar nichts. Aber vielleicht möchte man ja. Wenigstens mal versuchen. Einmal im Leben. (Oder zum zweiten Mal, weil es beim ersten Mal so schön war – und es noch viel zu entdecken gibt!)

Drei große Romane stehen für unsere nächste Runde zur Auswahl.
Drei erzählerische Pfade in die klassische Moderne.
Drei Mal episches Format.

Wenn du gerne auf dem Laufenden über die Ergebnisse und künftige Leserunden bleiben willst, abonniere gerne den Klassikerclub Newsletter:

Die Kandidaten

1. Thomas Mann: Der Zauberberg (1924)

Thomas Manns opus magnum, ein Jahrhundertroman. Philosophisch, politisch, epochal. Aber auch: Komisch. Satirisch. Unterhaltsam – lebendiger und wärmer als sein Ruf! Wahrscheinlich steht dieser Roman bei vielen auf der bucket list. Und warum die 1000 Seiten nicht mit anderen gemeinsam in Angriff nehmen?


2. Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz (1932)

Der Form nach der modernste Roman auf dieser Liste. Das Panoptikum der Großstadt wird hier genial in den Wahrnehmungssplittern der Hauptfigur Franz Bieberkopf eingefangen. Avanciert, kosmopolitisch, menschlich. Der deutsche Ulysses. Umfang: ca. 560 Seiten.


3. Joseph Roth Radetzkymarsch (1929)

Wahrscheinlich der underdog in dieser Abstimmung, weil weniger bekannt und als kulturelles Kapital („habe ich gelesen!“) weniger begehrt. Aber literarisch definitiv auf der Höhe der anderen beiden Kandidaten. Auch hier ersteht eine ganze Welt erzählerisch vor unseren Augen, atmosphärisch dicht und in europäischer Weite. Der Literaturkritiker Volker Weidermann: »Radetzkymarsch ist das schönste Buch der Welt. Das traurigste. Sentimentalste. Wundersamste. Es ist ein Wunder.« Umfang: ca. 450 Seiten.

Die Abstimmung

Es ist erlaubt für einen, zwei oder alle drei zu stimmen. Wie du lustig bist! Ich bin gespannt auf das Ergebnis. Abstimmungsende ist Freitag, 15. Mai.

Ich stimme für…

  • Der Zauberberg (40%, 65 Stimmen)
  • Berlin Alexanderplatz (33%, 54 Stimmen)
  • Radetzkymarsch (27%, 44 Stimmen)

Wähler insgesamt: 151

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Sobald der Abstimmungssieger feststeht, erstelle ich einen Leseplan und gebe Tipps zu Ausgaben des Buchs. Happy Voting!

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