1. Rückblick
»Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm.«
Der Erzähler verbringt den Sommerurlaub mit seiner Frau und den beiden Kindern an der italienischen Mittelmeerküste. Mehrere Episoden hinterlassen den Eindruck einer nationalistisch angespannten Haltung der Einheimischen gegen die ausländischen Gäste. Im Grand Hotel am Platz darf die Familie nicht auf der schönen Veranda speisen – vorbehalten für Italiener. Der nicht ganz abgeklungene Keuchhusten des Sohnes wird zwar vom Arzt für unbedenklich erklärt, die Familie von der Direktion dennoch zum Umzug ins Nebengebäude genötigt.
Man verzichtet und siedelt lieber in die kleine Pension des Ehepaars Angiolieri um. Dort herrschen sympathische Einfachheit und Kunstsinnigkeit vor. Doch schon bald droht neuer Ärger: Ein unbekleideter Strandmoment der kleinen Tochter führt zu einer geradezu absurden Szene unter Beteiligung der Ortspolizei: Molto grave!

Die Familie reist nicht ab, obwohl der Erzähler ihr Bleiben nicht recht erklären kann.
In der Schwüle der Nachsaison kündigt sich eine Attraktion an, den Kindern zuliebe ersteht man Tickets: Der Zauberkünstler Cipolla tritt auf, der Weg zum Saal führt aus dem Touristischen ins „Volkstümliche“.
Als Cipolla nach spannungshebender Verzögerung die Bühne betritt, bietet sich ein eigentümliches Bild: Ein in pseudoadeliger Schärpe gewandeter Herr mit Reitpeitsche, bucklig, mit schlechten Zähnen im zerrütteten Gesicht unterhält das Publikum mit einer rätselhaften Mischung aus arroganter Ernsthaftigkeit und rhetorischem Charme. Die Kindertauglichkeit der Vorführung steht schnell in Frage: Die Kunststücke beruhen auf einer schwer zu fassenden Einflussnahme auf den Willen der (Un-)Freiwilligen und münden regelmäßig in deren Entwürdigung. Cipolla führt mit Vorliebe junge Männer vor, die ihm körperlich überlegen sind.
Die beiden Mittel seiner Macht: Die Sprache (Parla benissimo) und die knallende Reitpeitsche.
2. Eine Spezialität Thomas Manns: Die Leitmotiv-Technik
Thomas Mann arbeitet gerne und oft mit wiederkehrenden Motiven — eine Technik, die man auch aus der Musik kennt, etwa von Richard Wagner oder aus Filmsoundtracks.

Bestimmte Elemente tauchen im Text immer wieder auf, zunächst beiläufig, dann mit wachsender Bedeutung: die Kinder, das „Volkstümliche“, Likör und Reitpeitsche, die Körperlichkeit Cipollas (Buckel, Gang, Augen, Zähne), usw.
Leitmotive verbinden Szenen miteinander und laden sich sukzessive auf. Sie stellen eine Art untergründiges Netzwerk her und vermitteln uns beim Lesen das Gefühl: Im scheinbar Unwichtigen steckt eine tiefere Bedeutung.
Es lohnt sich, beim Weiterlesen darauf zu achten, was wiederkehrt – und ein wenig zu spekulieren, welche Bedeutung damit verbunden sein könnte.
3. Anregungen zum Gespräch
Bist du überzeugter Thomas-Mann-Fan oder eher Quereinsteiger? Vermutlich wird es beide Fraktionen in unserer Diskussion geben. Ich bin gespannt, wie du in die Erzählung hineingefunden hast! Hier kommen einige mögliche Gesprächsfäden. Du findest sie in den Kommentaren unter dem Beitrag wieder. Ich freue mich auf alle Beiträge, egal wie ausführlich oder knapp.
- Die Handlung: Warst du gleich „drin“ in der Erzählung? Ergab sich ein Lesefluss oder war es eher zäh?
- Thomas Manns Ton: Wie erging es dir mit dem sprachlichen Stil? Eher begeistert oder eher befremdet?
- Die Figur Cipolla: Welche Reaktionen ruft er bei dir hervor? Faszination, Ekel, Unverständnis, heimliche Sympathie?
- Bleiben oder Gehen? Schon im ersten Teil, noch mehr dann im zweiten, reflektiert der Erzähler das Bleiben der Familie trotz „unangenehmer Atmosphäre“. Wie erklärst du dir das Zögern?
- Zitat der Woche: Welchen Satz hast du dir angestrichen?
























